Druckschrift 
Die Empfehlung glaubiger Seelen gegen Gott : Wurde Bey der solennen Leichen-Begängniß der Weyland Frey-Reichs-Hochwohlgebohrnen Frauen, Frauen Anna Sibylla von Garben, Des Heil. Röm. Reichs-Freyin, auch Edler Frauen von Gibelli, gebohrner Seyfridin, hochseeligen und gesegneten Angedenckens, alls dieselbe im Jahr Christi 1740, Dienstags den 12. Jenner in dem 61ten Jahr ... entrissen ... Einer Hoch-Adelichen, Hoch- und Wohl-Ehrwürdigen und Hochansehnlichen Trauer-Versammlung von dem Altar gehaltenen Trauer-Sermon vorgestellet / von Samuel Widemann, Pfarrer zu St. Ulrich Augsp. Conf.
Entstehung
Seite
22
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22 Stand⸗Rede.

Sie leben in dieſer Welt, als wenn ſie alle Tage dieſelbe verlaſſen müſten: Sie wiſſen, daß ſie hier keine bleibende Staͤtte haben; derowegen machen ſie ſich auch taͤglich zum Aufvruch fertig, und laſſen ſich niemals unbereitet an⸗ treffen, weil ſie nicht wiſſen koͤnnen, wenn es dem HERRN uͤber Todt und Leben gefaͤllig, ſie durch den Todt ins Leben einzufuͤhren.

In ſolcher ſeeligen Verfaſſung hat der HERR auch ſeine Freundin an⸗ getroffen, deren Sarg allbereit ſo viele Thraͤnen benetzet, deren Todt ſo viele bedauret, und um Deren langes Leben erſt vor wenig Tagen ſo viele Hohe

und Niedere den HERRN angeflehet, ich meyne die Weyl. Reichs⸗

4.

Frey⸗Hochwohlgebohrne Frau/ Frau Auna Hibylla/ Freyin

von Garben/ Edle Frau von Gilbelli, gebohrne Geyfridin/

nunmehro Hochſeeligen Angedenckens/ daEr Ihr vor kurtzem durch einen ſeeligen Todt ſchnell, und uns allen unvermuthet, zum Leben geruffen.

Sie muſte alſo, nach dem Willen des HERNRN, ſchnell von hinnen ſcheiden; doch geſchahe Ihr Abſchied aus dieſer Welt nicht unverſehens: Denn Ihr gantzes Leben war eine ſtete Vorbereitung zu einem ſeeligen Ab⸗ ſchiede. War Ihr gleich Ihr Lebens⸗Ende verborgen, ſo dachte Sie doch immer an daſſelbe, ehe es ſich noch wuͤrcklich eingeſtellet. Sie war unbekuͤm⸗ 3mert, wenn und wo Sie einmahlſterben ſollte; deſtomehr aber trug Sie Sor⸗ ge, daß Sie 94 ſterben moͤchte, damit es Sie nicht dermahleinſt gereue, in der Welt gelebt zu haben. 85 Sie ſtellte ſich nicht jedes Jahr oder Woche, ſondern jeden Tag und 1Stunde, als die letzte Ihres Lebens vor; dannenhero war Sie auch alle 1Augenblicke bereit, auf den Befehl des HERRN uͤber Tod und Leben, durch den Todt ins Leben einzugehen. b

Sie verſparte Ihr Gebet, um ein ſeeliges Ende, nicht bis auf Ihr Sterbe⸗Bette, ſondern ſolches iſt ſchon lange von Ihr vorgenommen, und taͤglich mit groſſer Andacht des Hertzens fortgeſetzet worden. Sie wachete über ihre Seele beſtaͤndig, und alſo mochte Ihr Braͤutigam kommen, wenn erwolte, am Morgen, Mittag, Abend, oder um Mitternacht, ſo ſollte er Sie nicht ſchlaffend antreffen. Die Lampe Ihres Glaubens konte nie verloͤ⸗ ſchen, weil es Ihr nie an Andachts⸗Oele gemangelt. Sie wuſte, daß, ſo gewiß Ihr der Todt ſeye, ſo ungewiß ſeye doch die Stunde und Art des To⸗ des; derowegen ergriff Sie das gewiſſe fuͤr das ungewiſſe, und richtete Ihr Leben ſo ein, daß Ihr weder ein ſchnelles, noch ein langſames Lebens⸗Ende ſchaden konte.

Ihr Seelen⸗Braͤutigam hat Sie am Abend abgehohlet, da Sie Sich 1 ihme noch am Morgen mit Leib und Seele zu ſeiner Liebe und Treue hertzlich

empfoh⸗