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blickte, welche sich, freilich noch nicht ganz den Charak-
ter ihrer Zeit verleugnend, mit demselben Rechte und aus demselben Grunde wie die Reformatoren wieder mehr in das Unmittelbare und Wesentliche des Christentums ver- tieften.
Dankbar erwähnt nun die unpartheiischere Nachwelt vorzugsweise Calixt und Spener als Vertreter dieser den Ansprüchen auf eine allein seligmachende Orthodoxie ent- gegenarbeitenden Richtung; denn obwol beide ihrer per- sönlichen Ueberzeugung, ihrer Dogmatik nach orthodox waren und bleiben wollten, so erkannten sie doch in den Dogmen noch nicht ihr Einziges und Alles, sondern über denselben noch etwas Höheres im Christentum, für dessen Verwirklichung sie, freilich ein jeder in seiner Art— Ca- lixt mehr als gelehrter Theolog, Spener miehr als prakti scher Geistliche— arbeiteten. Die einzigen Vertreter und Vorkämpfer der späteren lebensvolleren Entwickelung des Protestantismus aber sind sie nicht. Es lebte im 17. Jahr- hundert zwischen Calixt und Spener noch ein anderer Mann, der, wenn es nichts verschlägt, dass auch er noch hinsicht- lich seiner Dogmatik ein ächter Lutheraner war, wol mit Recht hierher gerechnet werden darf, weil auch er nach seiner Art der Entpuppung des frischen Lebens der Refor- mationsepoche aus den dogmatischen Gespinnsten der letz- ten Hälfte des 16. Inhrhunderts keinen unwesentlichen Vorschub leistete. Noch ernstlicher zwischen Wissen und. Glauben als Calixt unterscheidend war er auch schon in- differenter gegen den historisch üerlieferten Lehrbegriff ge- worden, daher er sich im Kampfe gegen die Exclusivität der Orthodoxie nicht mehr wie Calixt auf den Boden die- ses Lehrbegriffs stellt, sondern schon mehr wie Spener das Bedürfnis und das Recht der Subjectivität und die heilige Schrift zum Ausgangspunkte seiner Operationen machte


