noch heute herrſchenden Brauche entſprechend nicht einmal mit einem Buchſtaben unterzeichnet. Wir werden aber ſicher nicht fehlgehen, wenn wir„den Verfaſſer“, wie er ſtets genannt wird, in akademiſchen, oder wenigſtens der Univer⸗ ſität nicht fernſtehenden Kreiſen ſuchen. Er beſitzt klaſſiſche Bildung, eine für ſeine Zeit nicht verwunderliche ausge⸗ breitete Kenntnis der griechiſchen und römiſchen Schrift⸗ ſteller, iſt in der franzöſiſchen und engliſchen Litteratur bewandert und hat ſchließlich ſeinem philoſophiſchen Zeit⸗ alter entſprechend auch philoſophiſche Neigungen. Alles in allem iſt der Schriftleiter wohl der Typus eines Gebildeten ſeiner Zeit geweſen. Von den Aufſätzen des erſten Jahr⸗ ganges, die ſeiner Feder entfloſſen ſind, hat die Mehrzahl philoſophiſch⸗moraliſchen Inhalt. Hierher gehören bei⸗ ſpielsweiſe die Artikel„von der Freiheit“,„vom Glücke“, „vom Selbſtbetrug“,„vom Gewiſſen“,„von der Tapfer⸗ keit“. Mit hübſchem Humor ſchreibt er„vom Kuß“ und mit beißender Satire eifert er in dem Aufſatz„vom Putze“ gegen den tiefen Ausſchnitt der Damenkleider, gegen Schminke, Schönheitspfläſterchen, Reifröcke und Schnür⸗ bruſt. Seine ſämtlichen Beiträge zeigen Neigung zum Spott und zu einer„geiſtreichelnden“ Schreibweiſe, ſind aber flüſſig und nett mit einer gewiſſen Grazie geſchrieben und gar nicht ſo ungenießbar, wie man behauptet hat. Auch den Aufſätzen anderer Verfaſſer dürfen wir unſere Anerkennung nicht verſagen. Hier muß zunächſt betont werden, daß eine ganze Anzahl von ihnen weit über das hinausragt, was heutzutage in den meiſten Zeitungen, be⸗ ſonders aber in Orten von der geringen Bedeutung eines Gießen des 18. Jahrhunderts, dem Leſer geboten zu werden pflegt. Es lag dies daran, daß die Univerſität an dem neuen Unternehmen großes Intereſſe nahm. Sehen wir uns einmal die Titel einiger Abhandlungen an. Da haben wir z. B. auf S. 65 einen theologiſchen Aufſatz„ob der Religion daran gelegen, daß man Geſpenſter glaube“, und auf S. 361 finden wir„Gedanken über die Größe der Sünden“. In das Gebiet der Rechtswiſſenſchaft gehören mehr oder minder populär gehalten, Arbeiten wie:„über die in den Reichsgrundgeſetzen ſogenannte gemeine und landfriedensbrüchige Entſetzungen u. ſ. w.“,„über die Ein⸗ kindſchaft“,„von dem Teſtament, das von zweyen Perſonen
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Der Gießener Anzeiger : die älteste Zeitung Gießens ; ein Beitrag zur heimischen Kulturgeschichte / von Karl Ebel
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