Jahrgang 
Band 2 (1837)
Seite
790
 
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790 5 So beſtraft ſich der Geiz.

Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts lebte zu Boulogne ein Mann, Namens Vandille. Er war dort die erſte Magiſtratsperſon und hatte, durch ſeine außerordentliche Sparſamkeit ſich ein großes Vermögen geſammelt. Seine Rahrung beſtand nur in Brod und Milch; er erkundigte ſich immer ge⸗ nau nach dem Preiſe der Leztern und ſorgte eifrig dafür, daß ſie unverfälſcht fell geboten wurde. Er ging ſelbſt öfters auf die Märkte zu den Milchverkäu⸗ fern, und äußerte:es ſei unverantwortlich, wenn man die, Einwohner in einem ſolchen unentbehrlichen Artikel übertheure oder betröge, und er werde Anſtalten treffen, daß alle in der Stadt zum Verkauf gebrachte Milch erſt auf das Sorgfältigſte unterſucht würde. Jeden Morgen und jeden Nachmittag ging er zu den ſtädtiſchen Milchverkäufern und Milchverkäuferinen, und ließ ſich aus ren ihrer Gefäße Milch zu koſten geben, um zu erforſchen, ob ſein Lieblingsgetränk auch ohne Zuſaz ſei, doch zahlte er für dieſes Koſten nie einen Sous.

Sein Bermögen, das ſich ſehr ſchnell häufte, brachte er bei den öffent lichen Fonds unter; dadurch erwarb er ſich die Gunſt der oberſten Behörden. Man bot ihm eine Stelle bei der Munizipalität von Paris an. Er ſchwankte lange, was er thun ſollte; er fürchtete, daß es ihm in Paris an unverfälſch⸗ ter Milch fehlen, und die Veränderung ſeines Wohnſizes mit unerſchwingli chen Ausgaben verknüpft ſein würde. Endlich nahm er den Vorſchlag an, er⸗ wägend, daß ihm Paris ein ſehr weites Feld darböte, wo er, bei ſeinem Spe- kulationsgeiſt, für die ſchweren Opfer, die er brächte, bald ſich reichlich würde entſchädigen können. Er machte nun in Boulogne Alles, was er beſaß, zu baarem Gelde, ſandte den Erlös und was er noch ſonſt an Vermögen beſaß, nach Paris, um ſich nicht auf der Reiſe dahin zu unnöthigen Ausgaben ver leiten zu laſſen. Er berechnete, wie viele Tage er unterweges ſein werde, und behielt für jeden Tag ein Frankenſtük zurük. Mit ſo wenigem Gelde zu rei ſen, hatte ſeine Schwierigkeiten; Vandille beſchloß den Weg zu Fuße zu ma⸗ chen, und um dies ohne Anſtoß thun zu können, reiſete er inkognito als ein Bettelmönch verkleidet. Unter dieſer Verkleidung erhielt er unterweges man ches Almoſen von frommen Seelen, und ſo verzehrte er von ſeinen mitgenomme⸗ nen Franks nur wenige. 5

In Paris angekommen, war ſein einziges Sinnen und Trachten, rei⸗ cher zu werden; die Mittel und Wege, die er dazu einſchlug, anzuführen, würde nicht allein ſehr weitläuftig ſein, ſondern auch das moraliſche Gefühl der Leſer empören. Es ſei daher genug zu erwähnen, daß er im Jahr 1735, wo er 87 Jahre alt war, 2,400,000 Franks zuſammengeſcharrt hatte. Er war noch ein rüſtiger Mann und hatte die Ausſicht, noch biele Jahre zu leben, aber die Begierde, einige Sous zu ſparen, brachte ihm den Tod. Eine Blut entzündung verſpürend, ſchikte er ſogleich zu einem Wundarzt, um ſich elne Ader ſchlagen zu laſſen. Dieſer forderte einen halben Franken dafür; das war ihm zu theuer. Er ſchikte nun zu einem Apotheker, ſeinem Nachbar, und ließ ihn um ein Arzneimkttel bitten; dieſer lehnte es, weil es pflichtwidsig ſei, ab. Jezt ließ er den erſten beſten Barbiergeſellen von der Straße aufgreifen, der ihm für drei Sous eine Ader ſchlug.Mit einem Mal wird es wohl nicht abgemacht ſein, meinte der ökonomiſche Vandille:wie oft werd ich's *. 5

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