630 verleilet, und er geſteht mir unter Thränen, daß daheim in ſeinem elterlichen Dorfe Jemand krank ſei, und er nur auf wenige Stunden ſich fortgeſtohlen babe. Er ſei eben im Begriff geweſen, freiwillig zurükzukehren, als man ihn ge⸗ fangen genommen.„Sprichſt du die Wahrheit?“ fragte ich ihn.— Er ſah mich an, wie erſtaunt, daß ich daran zweifeln könne. Es waren die treuen Augen, die Miene ohne Falſch meines Andreas.—„Wer iſt krank daheim?“ fragte ich weiter.— Er ſtokte, wurde roth und ſenkte ſeinen Blik„Wenn ich jezt ſter— ben ſoll,“ rief er,„ſo jung ſterben ſoll, wer wird meinen Vater in ſeinem Al— ter unterſtüßen? Die Mutter iſt todt; ſeine ganze Hoffnung beruht auf mir, und ach! noch Jemandens Hoffnung beruht auf mir!“—„Was kann ich thun?“ entgegnete ich.„Du kennſt die Strenge der Geſeze.“—„Ach, ich kenne ſie. Man wird wenig Umſtände mit mir machen. Man wird mir die Augen verbin⸗ den, mich auf einem Hügel niederknieen laſſen; den nächſten Morgen erlebe ich nicht.“— Er zitterte, indem er dieſe Worte ſprach, und ſeine Thränen floßen reichlich. Der Unglükliche ſtand noch einige Minuten vor meinem Fenſter; man mußte ihn mit Kolbenſtößen forttreiben. Er ſah ſich im Fortgehen bis zur Stra— ßeneke bittend nach mir um.— Dieſes Bild wich nicht aus meiner Seele. Ich ſuchte den Schlaf, aber ich fand ihn nicht. Vergebens hielt ich mir die Unmöglich— keit vor, den Jüngling zu retten. Schon hatte ich einige Mal die Feder in der Hand, um an den General zu ſchreiben; aber ehe mein Brief abgegeben wurde, hatte wahrſcheinlich, bei der Eile, mit der die Exekutionen in Kriegszeiten vor ſich gehen, der Unglük liche zu athmen aufgehört. Und dann, einen Brief wirft man bei Seite, ein geſchriebenes Wort wird wenig beachtet. Nur ein Mittel verſprach Hilfe: wenn ich ſelbſt in's Hauptquartier ritt. Ich ſchikte nach mei—
nem Arzt; er trat herein.—„Glauben Sie,“ fragte ich ihn,„daß meine Wunde einen Ritt von ein Paar Stunden verträgt?“—„Welche Tollkühn—
beit!“ erwiderte der alte Mann erſchroken.„Sie wollen reiten, in die Nacht hinein, bei dieſem kalten, feuchten Wetter?“—„Ich frage Sie, ob meine Wunde es ertragen wird?“—„Sie wird es nicht. Sie verlieren ihren Arm.“ —„Es muß gehen!“ rief ich mit einem plözlichen Entſchluß, indem ich meine Uhr hervorzog.„Es gilt ein Menſchenleben zu retten. Machen Sie ihren Ver— band, mein Herr, und für das Weitere laſſen Sie mich ſorgen.“— Der wür— dige Greis, der mich ſo entſchloſſen ſah und dem der Ausruf:„es gilt ein Men— ſchenleben!““ an's Herz gegriffen hatte, ſchüttelte das Haupt, ohne ein Wort zu ſprechen, und indem er ſich mit ſeinen Binden beſchäftigte, ertheilte ich den Befehl, mein Pferd zu ſatteln. Eine Viertelſtunde darauf ſaß ich im Sattel und flog auf dem Weg zum Hauptquartier dahin.— Wozu ſoll ich weitläufig erzählen, was ich that und ſagte? Genug, es gelang mir, den Sohn meines Andreas zu retten. Während ich leidenſchaftlich thätig war, fühlte ich nichts von Schmerz; als aber auf dem Rükwege meine Seele ruhiger empfand, erin— nerte mich mein armer Körper, daß ich grauſam mit ihm umgegangen war. Ich empfand die wildeſten Schmerzen im Arm. Das Wort des Alten tönte mir in den Ohren:„Sie werden den Arm verlieren“ Gut, dann ſind wir quitt, mein Andreas!— Es ging glük licher, als ich gefürchtet. Die ſeltene Geſchiklichkeit meines guten Arztes brachte mich durch und erhielt mir den Arm, der nur von der Zeit an etwas ſteif blieb. Ein langes Krankenlager war das Einzige, wo⸗ mit mich der Himmel züchtigte. Eine heilſame Züchtigung. Als ich vom Schmer—


