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Szegeden. Die ſchönen Tage in Aranjuez ſind vorüber u. ſchweben nur noch wie Traumgebilde an mir vorüber, wo ich Ihnen, wertheſter Herr Redak— teur! aus der Reſidenz meine buntfarbi⸗ gen Feuilletons über Theater, Konzer— te, Feſtivitäten de. dc. zugeſendet. Ein ernſter Beruf hatte mich von dem Tour— nierplaze der Kritik und von der brei— ten journaliſtiſchen Hauptſtraße abge— lenkt, und mich hieher geführt, wo Schwerdt und Feder verroſteten. Eine wandernde deutſche Schauſpielertruppe kam zwar in unſere Stadt— meine alte Neigung erwachte— aber ich blieb ſtark und unterließ es, dieſe pauvres dia- bles, die in einer Arena ihr Glük auf Sand gebaut, mit der Geißel der Kri— tik durchzulaſſen und habe dies lieber ihren Gläubigern über laſſen, welche bei dem plözlichen„Durchgehen“ dieſer Kunſtjünger Thaliens, ſie wohl wider Willen durchlaſſen mußten. — Jezt, wo wir allhier durch die edel— ſinnigen Bemühungen unſeres Kaſino— vereins, nebſt einem geſchmakvoll neude— korirten Theater, eine exquiſite ungari— ſche Schauſpieler- u. Sängergeſellſchaft, unter der umſichtigen Direktion des Hrn. Komloſſy, beſizen, kann ich nicht umhin, wieder zu Schwerdt und Lanze zu greifen und— zu kritiſiren— denn „die Kaze läßt das Mauſen nicht.“— Wohlan, ſo hören Sie: Ich wohnte geſtern, den 9. Nov., der dritten Re⸗ priſe der Oper„Norma“, nachdem ich die zwei erſten Vorſtellungen als Gene— ralproben paſſiren ließ, bei, und in der That, ich war recht angenehm über— raſcht. Ich fand unſer Orcheſter ſchon in der Ouverture recht kräftig zuſam⸗ menwirkend, und im Verlaufe der Oper ſelbſt mirabile dictu gegen Sänger und Sängerinen recht nachgibig. Dem. Pau⸗ line Komloſſy, mit einer etwas ſchwachen, aber angenehmen Stimme, fand als Norma vielen Applaus und Iljen's,
was ſie aber keineswegs belrren ſoll, noch ein anhaltendes, gründliches Studium des Geſanges, der Mimik, der thea— traliſchen Haltung und Bewegung de. durchzumachen, um mit der Zeit eine tüchtige Sängerin zu werden. Desglei⸗ chen Delle. Julie Guſztinyi(Adalgiſa), von der Natur mit einem ſonoren, ſtar⸗ ken und einnehmenden Mezzoſopran u. ſchönen Exterieure ausgeſtattet, viel Wärme und Gefühl im Vortrage dar— thuend, kann bei ſorgfältiger Ausbil—⸗ dung, einer ehrenvollen Zukunft ent— gegenſehen, und wird gewiß die Zierde einer jeden Bühne werden. Auch ſie er— hielt lebhafte Beifallsbezeugungen. Hr. Havi(Sever) iſt ein ſchwacher Tenoriſt, deſſen Stimme wenig Metall hat, der ſich jedoch alle Mühe nimmt, ſeine Par— thien mit Beifall durchzuführen, was ihm auch öfters gelingt. Den Oroviſt ſang Hr. Szép mit ſeiner wohltönen— den Vaßſtimme, mit recht viel Kraft u— Ausdruk und empfing rauſchenden Ap— plaus. Noch muß ich des Chores er— wähnen, der ſich ſtets auszeichnet. Näch—⸗ ſtens über unſer Schau- und Trauer— ſpiel), von Ihrem ergebenſten Danzig. Man lieſt im„Dampf— boot“:„Frl. Schebeſt hat ſich entſchloſ— ſen, noch ein Mal hier aufzutreten und zwar morgen, den 4., als— Roſine im „Barbier v. Sevilla.“ Wie bei der Ung— her wird man zweifeln, daß eine Sän— gerin, die das Höchſte in tragiſchen Rol- len leiſtet, auch in dieſem heitern, ne— kiſchen Genre vortrefflich ſein kann, und wie bei Caroline Ungher wird man ſich erſt dann von der Möglichkeit einer ſolchen Vielſeitigkeit überzeugen, wenn man Frl. Agnes Schebeſt als Roſine geſehen und bewundert haben wird.
) Nur kurz gefaßt, wenn wir bitten dürften, und auch noch über etwas Erheblicheres als raffen


