Jedermann wird mir zugeben, daß nur durch den kleinsten Theil des Jahres der Sperling auf den Feldern reife Saaten, in den Garten reife Kirschen und Weintrauben finde.
Da der Landwirth seine Scheunen und Schüttböden gegen die Sperlinge sehr leicht ver⸗ wahren kann und wirklich verwahrt, da er bei der Saat gewiß keine nützlichen Saamenkörner diesen Vögeln auf den Feldern auftischt, so frage ich: warum lebt denn der durch das ganze Jahr bei uns aushaltende Sperling außer den weni— gen Wochen, in welchen reife Saaten unsere Felder, reife Kirschen und Trauben unsere Gär⸗ ten bedecken? Wovon lebt er insbesondere wäh⸗ rend den unwirthbaren Wintermonaten, wo hohe Schneemassen unsere Fluren bedecken?
Ich besaß einen 16 n. ö. Metzen großen, mit Obstbäumen und Weinstöcken ausgesetzten Garten unmittelbar unter den Prager Schanz⸗ Mauern. Die Sperlinge waren meine ununter⸗ brochenen Gäste, selbst durch den ganzen Winter, obschon ich weder Getreide anbaute, noch in mei⸗ nen und in meiner Nachbarn Gebäuden welches aufbewahrt wurde. An reifen Frühkirschen und Trauben haben sie sich wohl versündigt, aber immer nur so mäßig, daß ich mich zu der Be— hauptung berechtigt glaube, daß sie diese Früch— te nicht eigentlich zu ihrer Ernährung, sondern nur als einen Leckerbissen wählen. Nicht lange währte mein ungewisses Nachdenken, wovon denn die zahlreichen Sperlinge in meinem Garten sich durch das ganze Jahr, und selbst im strengsten Winter ernähren; denn eben in den Wintermo⸗ naten, wo die entblätterten Bäume das Beobach⸗ ten erleichterten, sah ich unzähliche Mal, wie die Sperlinge die Eier der Schmetterlinge an meinen Obstbäumen verzehrten. Selbst im Früh—⸗ ling und Sommer begegnete mir mancher Sper—⸗ ling, der eine Naupe im Schnabel trug, oder im Flug einen Schmetterling erhaschte, welchen er nach abgerupften Flügeln verschlang.
Dagegen war ich waͤhrend meinem achtjäh⸗ rigen Gartenbesitz vom Raupenfraß nie geplagt, und nur klein war die Mühe des Abraupens, äußerst selten fand man große Raupennester. Diese günstigen Verhältnisse schrieb ich den zahl⸗ reichen Sperlingen zu, welche meinen Garten nie ganz verließen, und ich gönnte ihnen als einen wohlverdienten Lohn die Maikirschen eini⸗ ger Bäume, wußte aber meine Trauben durch Schreckbilder gegen sie zu vertheidigen.
An diese meine Erfahrung moge sich die Mittheilung der Beobachtungen eines der ältesten populären Schriftstellers über Garten- und Feld⸗ bau anschließen:
Bradley, ein Engländer, erzählt nämlich in seiner in London im Jahr 1730 erschienenen Anweisung zum Garten- und Feldbau, er habe beobachtet, daß ein Paar Sperlinge in einer Stunde vierzig Raupen ihren Jungen in das Nest zugetragen haben.
Hieraus zieht er den Schluß: daß ein Paar Sperlinge ihren Jungen durch zwölf Stunden des Tages 480, durch die vierzehntägige Brut⸗ zeit 6720 Raupen zutragen.
Da die Sperlinge dreimal im Jahre, und zwar vor der Neife des Getreides bruͤten, so trägt ein Elternpaar seinen Jungen jährlich 20,160 Naupen zu. Rechnet man dazu jene Naupen und Naupeneier, welche die Eltern zu ihrer eigenen Ernährung fast durch das ganze Jahr brauchen, so wird man erstaunen, welch eine große Menge Obstbaumfeinde jährlich durch die Sperlinge vertilgt wird, und zugleich einse— hen, wie schädlich das Vertilgen der Nester der Sperlinge sey, weil mit dem erlittenen Verlust der Jungen die Alten aufhören, für sie Naupen, oder entflügelte Schmetterlinge zuzutragen.
(Schluß folgt.)
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