Nr. 16
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Gießener Zeitung
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44. Hahrg.
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Politische Rundschau.
Der Reichspräsident hat den bisherigen Gesandten in Brüssel, Dr. Horstmann, zum- Gesandten erster Klasse in Lissabon ernannt. Der vortragende Legationsrat im Auswärtigen Amt, Freiherr von Ow- Wachendorf, wurde Gesandter in Luxemburg.
Der
Konjul in Beirut, Dr. H. Schwörbel, ist zum Gesandten in Kabul ernannt worden und Legationsrat Dr. Ziemke zum Konsul in Beirut.
Der Reichstag hat sich nach Abschluß der Aussprache zum Landwirtschaftshaushalt auf Montag nachmittag vertagt.
Der Auswärtige Ausschuß genehmigte den Handelsvertrag mit Irland, den deutsch- luxemburgischen Schiedsgerichts- und Vergleichsvertrag, die Aenderung des Luftverkehrsablommens mit Großbritannien, das Abkommen über die deutsch- belgische Grenze und den Vertrag mit Oesterreich über Sozialversicherung.
Der Ständige Ausschuß des Deutschen Landwirtschaftsrates hat das Agrarprogramm des Reichsernährungsministers als geeignete Grundlage für eine zielbewußte Agrarpolitik bezeichnet und seiner Erwartung Ausdrud gegeben, daß Reichsrat und Reichstag die Vorlage schleunigst verabschieden.
Die nationalsozialistische Klage beim Staatsgerichtshof auf Erklärung der Ungültigkeit des jetzt bestehenden Bayerischen Landtages ist zurückgewiesen worden.
Die offiziellen Verhandlungen zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland über das Kohlenaustauschablommen, welches am 31. März abläuft, sind nunmehr für den 5. März in Berlin an= gesetzt worden.
Der neuernannte deutsche Gesandte für Warschau, Herr von Moltke, ist am Freitag, von seiner Gattin begleitet, dort eingetroffen. Am Bahnhof hatten sich zum Empfang als Vertreter des polnischen Außenministeriums der Referent für Deutschland, Ministerialrat Fiedler- Alberti, die Beamten der deutschen Gesandtschaft und Vertreter der Presse eingefunden.
Der Untersuchungsausschuß des Reichstages zur Prüfung der Roggenstügungsaktion der Reichsregierung setzte seine Beweis: aufnahme mit der Vernehmung des Direktors Scheuer fort.
Jm Haushaltsausschuß des Reichstags wurde am Freitag der Haushalt des Auswärtigen Amtes weiter beraten. Der kommunistische Abgeordnete Stöder bezeichnete die Pressemeldungen, daß die Kommunisten in Verbindung mit den Separatisten stän= den, als Schwindelnachrichten.
Die gesamte deutsche Flotte wird im April zu mehrtägigem Aufenthalt in Swinemünde einlaufen.
Am Donnerstag hat die deutsche Industriellenabordnung ihre Reise nach Moskau angetreten. Bei der Abfahrt waren ver: treter der russischen Botschaft auf dem Bahnhof anwesend.
Der Hauptausschuß des Münchener Stadtrates genehmigte die Ausstellung eines Bismard- Denkmals vor dem Bibliothekbau des Deutschen Museums.
Der Auswärtige Ausschuß des polnischen Sejms hat den deutsch- polnischen Handelsvertrag endgültig angenommen.
Der Auswärtige Ausschuß der belgischen Sozialisten- Partei stellt fest, daß man das Verlangen nach Revision der Verträge nicht als unmöglich ablehnen könne.
Im Ausschuß des englischen Unterhaus ist die Regierung Macdonald bei einer Abstimmung in der Debatte des Gewerkschaftsgesetzes in der Minderheit geblieben.
Ein neuer Bürgerkrieg in Peru steht unmittelbar bevor, da die Regierung beschlossen hat, mit den Aufständischen im Süden des Landes keine Friedensverhandlungen aufzunehmen, sondern erneut gegen sie zu Felde ziehen will.
Der Kampf um den Wehrhaushalt.
Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion wird am Monbag zu einer Sigung zusammentreten, der man in politischen Kreisen große Aufmerksamkeit schenkt. Es ist bekannt, daß innerhalb der Sozialdemokraten die Auffassungen über den Wehrhaushalt noch nicht völlig geklärt sind und daß eine einheitliche Stellungnahme besonders zu den Fragen des Baues der Panzerschiffe noch nicht erzielt ist. Der besondere Widerstand eines Teiles der Fraktion richtet sich gegen die erste Rate für das Panzerschiff B, die mit 10,83 Mill. Mark im Wehrhaushalt veranschlagt ist. Dagegen ist die für das Panzerschiff A eingesetzte Summe von 18,8 Mill. RM. ohnehin zwangsläufig, da es sich um die für die Fertigstellung des bewilligten Schiffes notwendige Baurate handelt. Für das Panzerschiff A wird darüber hinaus nur noch ein kleiner Reſt benötigt werden. Die Frage der Schiffsbauten berührt aber zugleich die gegenwärtig besonders aktuelle Frage der Arbeitsbeschaffung, da 80 v. H. der angeforderten Summen für Löhne und Gehälter verwandt werden, die den Küstenstädten wie auch den inländischen Liefe= ranten zugute kommen. Der Wehrhaushalt wird voraussichtlich Dienstag oder Mittwoch dem Haushaltsausschuß des Reichstags zur Beratung vorliegen, selbst wenn bis dahin noch keine völlige Klärung über die endgültige Haltung der Sozialdemotraten erzielt sein sollte.
( Gießener Tageblatt)
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Samstag, den 28. Februar 1931
Gefrierfleisch zollfrei!
Berlin. Im Handelspolitischen Ausschuß des Reichstages wurde der sozialdemokratische Gesetzentwurf über die Einfuhr von Gefrierfleisch mit 11 Stimmen der Sozialdemokraten und Kommunisten gegen 8 Stimmen bei zwei Enthaltungen zweier Zentrumsabgeordneter angenommen. Die Regierung hatte sich gegen die Annahme dieses Gesetzentwurfes erklärt. Nach dem Gesetzentwurf soll zur Versorgung der minderbemittelten Bevölkerung mit billigem Fleisch vom 1. März ab jährlich ein Kontingent von 50 000 Tonnen Gefrierfleisch zollfrei zur Einführung zugelassen werden.
Wenn dieser Beschluß Gesetz werden sollte, so würde das ein schwerer Schlag gegen die Agrarpolitik der Regierung sein.
Senfung der Hauszinssteuer in Preußen.
Berlin. Im Interfraktionellen Ausschuß der Regierungsparteien im Preußischen Landtag ist heute eine Einigung über die weitere Senkung der Hauszinssteuer außerhalb der Notverordnung des Reichspräsidenten zugunsten der Hausbesitzer erzielt worden, die mit den höheren Aufwertungsverpflichtungen des Hausbesites begründet wird. Die Sentung soll für alle Staffelbeträge der Hauszinssteuer erfolgen in einer Höhe zwi= schen 3 und 5 Prozent unter besonderer Berücksichtigung der hochbelasteten Hauseigentümer.
Preußen ignoriert deu Volfstrauertag.
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Der Preußische Landtag beriet zu Beginn seiner FreitagSigung den Antrag der Deutschen Volkspartei, der die Halbmaſtbeflaggung sämtlicher öffentlicher Gebäude in Preußen Volkstrauertag, dem 1. März, fordert. Dieser Antrag war am Donnerstag abend vom Verfassungsausschuß des Landtages mit den Stimmen der Sozialdemokraten, des Zentrums(!!) und der Kommunisten abgelehnt worden, nachdem ein Regierungsvertreter erklärt hatte, daß man einer Reichsregelung dieser Angelegenheit nicht vorgreifen wolle. Bei der namentlichen Abstimmung wurden nur 123 Stimmen abgegeben, so daß das Haus beschlußunfähig war. Die Angelegenheit mußte daher zurückgestellt werden.
Die holländische Landwirtschaft
gegen Schieles Agrarpolitik.
Amsterdam. In der holländischen Landwirtschaft hat das im deutschen Reichstag eingebrachte Agrarprogramm starke Erregung ausgelöst, da man für den Fall seiner Annahme neue 30us erhöhungen des Deutschen Reiches für landwirtschaftliche Erzeugnisse befürchtet. Die Besorgnisse fanden Ausdruck in einer Entschließung der Tagung des Abwehrkomitees der holländischen landwirtschaftlichen Organisation, in der betont wird, daß man es unter dem Gesichtspunkt des Selbsterhaltungstriebs für notwendig halte, schon jetzt bestimmte Maßnahmen ins Auge zu fassen, falls das Programm des Ministers Schiele unverändert durch den Reichstag angenommen werden sollte, und daß man auch unverzüglich mit den landwirtschaftlichen Organisationen anderer Länder, nämlich Dänemark, Lettland und Belgien, Fühlung nehmen müsse.
Bereitet Frick den Rückmarsch ins Parlament vor? Braunschweig. In zwei Massenversammlungen sprach der nationalsozialistische Minister Dr. Frid. Er erklärte, die Nationalsozialisten hätten sich vorbehalten, in den Reichstag zurüdzukehren, wenn ein tüdischer Anschlag gegen die nationale Opposition erfolgen würde. Sie würden in dem Augenblick zurückkehren, in dem es dem Gegner am unangenehmsten sei. Die Nationalsozialisten forderten die Auflösung des Reichstages und des Preußischen Landtages.
Die thüringischen Ministergehälter vom Ausschuß gekürzt.
Weimar. Im Haushaltsausschuß des Landtages wurde ein Antrag der Nationalsozialisten, die Gehälter der Minister von 16 000 auf 12 000 RM. herabzusetzen, mit den Stimmen der Nationalsozialisten bei Enthaltung aller übrigen Parteien ange= nommen. Der Antrag, die Aufwandsentschädigung der Minister, die im Jahre 2000 RM. beträgt, zu streichen, wurde mit den Stimmen sämtlicher Regierungsparteien abgelehnt.
Schwierige Senatsbildung in Bremen.
In der Verhandlung über die Umbildung des Bremischen Senats, an der die Nationalsozialisten, die Deutschnationale Volkspartei, die Deutsche Volkspartei, die Gruppe der Hausbesitzer und die Wirtschaftspartei teilnahmen, ist der Versuch, eine bürgerliche Senatskoalition zu bilden, gescheitert. Die Deutsche Volkspartei erklärte, daß eine bürgerliche Mehrheitsbildung in der Bürgerschaft, die über nur eine Stimme Mehrheit verfüge, für die erstrebte Regierung nicht tragbar sei. Die Vertreter der Nationalsozialisten, Deutschnationalen, der Wirtschaftspartei und der Hausbesitzer kündigten darauf dem gegenwärtigen Senat schärfste Opposition an.
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Nummer 17
Verordnung zur Genfung.
der staatlichen und gemeindlichen Realsteuern. Darmstadt. Das hessische Gesamtministerium hat auf Grund der Verordnung des Reichspräsidenten vom 1. Dezember 1930 die Zustimmung des Reichsfinanzministers unter dem 17. Februar zu folgender Verordnung beantragt:
,, Die Senkungssätze der staatlichen und kommunalen Realsteuer betragen für das Steuerjahr 1931 bei der Grundsteuer je 6 Prozent und bei der Gewerbesteuer je 12 Prozent in der Ausführung der Verordnung durch den Finanzminister und den Innenminister."
Die gewerbliche Verschuldung in Hessen. Darmstadt. In den letzten Jahren hat man sich mit Recht ausgiebig mit der Verschuldung der Landwirtschaft befaßt. Vielfach scheint es aber, als ob man daneben nicht immer daran gedacht hätte, daß auch das Gewerbe teilweise hoch verschuldet ist. So stellt sich die Verschuldung von Handel, Industrie und Handwerk im Freistaat Hessen nach der Einheitswertstatistik auf nahezu 450 Millionen RM. gegenüber einem Rohvermögen von 1213 Millionen RM. Die Schulden machen somit rund 37 Prozent des gesamten gewerblichen Rohvermögens aus; im Reichsdurchschnitt betragen sie 44,5 Prozent.
Die Aussichten der Versorgungsanwärter.
Die Frage der Zivilversorgung hat sich seit 1920 in steigendem Maße zu einem brennenden Problem entwickelt, das ohne drakonische Maßnahmen zu einer Vernichtung dieser sehr wichtigen Einrichtung führen muß. Man kann die Zahl der Inhaber von Versorgungsscheinen( 3ivilversorgungsschein, Beamtenschein, Zivildienstschein, Polizeiversorgungsschein), die zum Teil seit Jahren vergeblich auf ihre Einberufung warten, heute auf fast 40 000 schätzen.
Das ist ein ganz unmöglicher Zustand. Die Angelegenheir hat aber nicht nur eine moralische, sondern auch eine finanzielle Seite. Das friegsstarke Armeekorps der noch nicht untergebrachten Versorgungsanwärter fostet viel Geld. Allein für Uebergangsgebührnisse an zur Entlassung gelangende Angehörige der Reichswehr mit Zivildienstschein, die nicht in Beamtenstellen untergebracht werden konnten, sind für das Rechnungsjahr 1930 25 Millionen Reichsmark veranschlagt worden. Die entsprechenden Ausgaben für die zur Entlassung gelangenden Angehörigen der Schutzpolizei der Länder dürften einen entsprechenden Betrag erreichen. Den ehemaligen Kapitulanten der alten Wehrmacht mit dem Zivilversorgungsschein muß vielfach die im Falle der Behördenanstellung Ruhensvorschriften unterliegende Dienstzeitrente gezahlt werden, und es gibt Beamtenscheininhaber, welche wegen Bedürftigkeit die Zusatzrente des Reichsversorgungsgesetzes erhalten müssen. Wie ersichtlich, lassen sich also durch wirksame Verbesserungen der Anstellungsmöglichkeiten der Versorgungsanwärter ganz erhebliche Summen, die sonst unproduktiv vertan werden, einsparen.
Die Reichsregierung ist bemüht, durch entsprechende Maßnahmen diese Einsparungen zu verwirklichen und sie kann bei diesen Bestrebungen des Dantes aller Einsichtigen gewiß sein. Die Maßnahmen der Reichsregierung bezweden eine Vermehrung der mit Versorgungsanwärtern zu besetzenden Stellen. Nach den Anstellungsgrundsätzen(§ 8) betrug bisher der Stellen vorbehalt für Versorgungsanwärter bei den Stellen des unteren und einfachen mittleren Dienstes die Hälfte dieser Stellen. Durch die Notverordnung pom 1. 12. 1930 ist dieser Stellen vorbehalt auf 75 v. H. der genannten Stellen erhöht worden, eine Bestimmung, die wegen der im Reichsdienst seit langem bereits geübten Praxis eines höheren Stellen vorbehalts hauptsächlich für die Länder und Gemeinden von Bedeutung ist. Denn im Reich sind, abgesehen von den nur mit Versorgungsanwärtern zu besetzenden Stellen(§§ 6, 7 der Anstellungsgrundsäge), auch die Stellen des einfachen mittleren Dienstes fast ausschließlich mit Versorgungsanwärtern besetzt worden.
Während der vorstehende Inhalt der Notverordnung für die gesamte Verwaltung in Reich, Ländern und Gemeinden, und zwar zunächst befristet bis 31. 3. 1935, gilt, ist für die Reichsverwaltung und die Reichspost im Entwurf des Haushaltsgesetzes für 1931 noch folgendes vorgesehen(§ 15 des Gesetzes): Jm unteren und einfachen mittleren Dienst wird eine völlige Sperre ( bei der Reichspost eine Sperre zu 80 v. 5.) und im gehobenen mittleren Dienst eine 50prozentige Sperre für freiwerdende Planstellen eingeführt, die nur zugunsten von Wartegeldempfängern und Versorgungsanwärtern durchbrochen werden darf. Das heißt, daß die freiwerdenden Planstellen in dem angegebenen Umfange unbesetzt bleiben müssen, es sei denn, daß Wartegeldempfänger oder Versorgungsanwärter eingestellt
werden.
In der Notverordnung vom 1. 12. 30 ist weiter die Ausdehnung des Stellen vorbehalts auf die Krankenkassen, Berufsgenossenschaften und die Behörden der Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung vorgesehen.
Es bleibt abzuwarten, wieweit diese Maßnahmen ausreichen, um eine Verbesserung der Lage der Versorgungsanwärter zu bewirken. Die Größe der zu bewältigenden Aufgabe geht aus den am Schluß dieses Artikels genannten Zahlen deutlich hervor.


