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Nr. 8.

Mittwoch, den 28. Januar 1931.

Aus Nah und Fern.

Stumpertenrod. Bei Holzfällungsarbeiten ereignete sich ein Unglüdsfall. Ein Arbeiter wurde von einem plötzlich stür­zenden Baum zu Boden gerissen, geriet unter den Stamm und crliit mehrere Rippenbrüche.

Eichelsdorf. Die ungewöhnliche Milde der Witterung in der abgelaufenen Woche lockte die Bienen aus ihren Stöden, daß sie an verschiedenen Tagen während der Mittagszeit flogen. Die Schneeglöckchen haben den Boden durchbrochen und bereits fingerlang getrieben. Tritt kein plötzlicher Witterungsumschlag ein, so werden bald blühende Schneeglöckchen in sonnigen Gär­ten zu sehen sein.

Bad Nauheim. Auf dem am Samstag und Sonntag in Bad Nauheim stattgefundenen Parteitag der Deutschen Volks­partei in Hessen wurde an Stelle des Reichstagsabgeordneten Dingelden der Landtagsabgeordnete Bürgermeister Dr. Nie= poth Schlitz in geheimer Sigung des Landesausschusses ein­stimmig zum Landesvorsitzenden gewählt.

Friedberg. Bei einer Stichwahl, die am Sonntag in Ober­Erlenbach stattfand, wurde der Kandidat der Sozialdemokrati­schen Partei, Klopfer, mit 407 Stimmen zum Beigeordneten gewählt. Der Gegenkandidat, Fell, parteilos, blieb mit 397 Stimmen in der Minderheit. Die Wahlbeteiligung betrug 91 Prozent.

Ortenberg. Gegen den Postmeister Göllner von hier, der sich vor einigen Tagen nach einer Revision durch die vor= gesetzte Postbehörde durch einen Revolverschuß durch den Kopf schwer verletzte, ist jetzt Haftbefehl ergangen. Göllner liegt zurzeit noch in ernstem Zustande im Büdinger Krankenhaus darnieder. Wenn er mit dem Leben davonkommt, dürfte er mindestens teilweise blind werden.

Offenbach. Für den aus dem Landtag in den Reichstag abgewanderten sozialdemokratischen Abgeordneten Weber- Of­senbach ist der Bürgermeister von Erzhausen, August Lore 113 in den Landtag eingetreten.

Groß- Gerau. Wegen Ausbruch der Maul- und Klauen= seuche in Geinsheim ist der Ferkelmarkt in Groß- Gerau bis auf weiters verboten.

Mainz. Die Vorarbeiten für die Errichtung des Stresemann­Ehrenmals sind soweit fortgeschritten, daß mit dem Bau in den ersten Februartagen begonnen wird und die Einweihung am 10. Mai zu Stresemanns Geburtstag stattfindet.

Diez. Infolge starten Steigens der Lahn mußte die Lahn­schiffahrt eingestellt werden. Teilweise stehen die Lahnuser und Lahnwiesen unter Wasser.

Eschwege. Bei einem heftigen Gewitter schlug ein Blitz in die Scheune des Landwirts Ralf in Grandenborn und zündete. Die Scheune und die übrigen Wirtschaftsgebäude brannten voll­ständig nieder. Mitverbrannt sind auch vier Stück Großvish und 15 Schafe. Der Schaden ist groß.

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serer Zeit, auf die Steigerung des Verkehrs, auf die zermür­bende Berufsarbeit, die immer mechanischer und monotoner wird. Da die Nervosität in sehr vielen Fällen durch das Fehlen för­perlicher Krankheitserscheinungen gekennzeichnet ist, bildete sich allmählich die Meinung heraus, die Betreffenden seien nur ein­gebildet frank. Nur guter Wille und Selbstbeherrschung, dann wäre alles gut. So einfach ist gegen die Nervosität aber nicht anzukommen.

Frankfurt a. M. Das Sparprogramm der Stadt Frank­furt schließt am 1. April die Entlassung von 200 Junglehrern in sich. Weiter sollen die Klassenzahlen verringert, d. h. die Klassenfrequenz auf 50 Schüler erhöht und die Stundenzahl der einzelnen Lehrer herausgesetzt werden.

In den Laienkreisen wird in den meisten Fällen Ursache und äußerer Anstoß der Nervosität verwechselt. Es muß hierfür eine gewisse Disposition vorhanden sein. Die Ursache der Ner­vosität ist deshalb nicht die Hezjagd, sondern der nervöse Cha­rafter. Die Hezjagd ist nur der äußere Anlaß, daß die Ner­vosität zum Durchbruch tommt. Die Dinge liegen so, daß die äußeren Anlässe in heutiger Zeit mehr gegeben sind als in früheren Jahren.

Weinheim a. d. B. Wegen der Erhöhung der Bierst cr waren die Weinheimer Gastwirte und Flaschenbierhändler in einen Streif getreten und hatten mehrere Wochen hindurch den Verkauf von Bier eingestellt. Der Streit, der zum Ziele hatte, die Aufhebung der Biersteuer durchzusetzen, ist ergebnislos ab­gebrochen worden.

Die Nervosität wird wohl immer auf die schwachen Nerven geschoben, jene geheimnisvollen Stränge, die den Körper durch­ziehen.

Die seelische Beunruhigung wird aber nicht erkannt. Das Nervensystem leitet die seelische Unrast seines Trägers in den Körper hinein, wo sie dann in nervösen Störungen zutage tritt, d. h. die Nerven spielen in den meisten Fällen der sog. Nervosität nur die Rolle, daß sie die Erkrankung der Seele wei­ter nach außen fortleiten. Was die Vererbung der Nervosität betrifft, ein Schlagwort, das in Laienkreisen soviel Unheil an= gerichtet hat, denn viele Nervöje sehen sich dazu verurteilt, im nervösen Zustand zeitlebens zu leben, bloß weil vielleicht ein Vorfahre einmal an nervösen Störungen litt, so ist nur die Anlage, d. h. die Fähigkeit nervös zu werden, vererblich. Des= halb braucht der Betreffende noch lange nicht dem nervösen Zustand zum Opfer zu fallen, ja er tann sogar, wenn die gün­stigen Bedingungen erfüllt sind, es zu außerordentlichen Lei= stungen im Leben bringen, ohne jemals an Nervosität zu leiden.

Bad Kreuznach. Der Landwirt Maldry aus Lauschied ( Hunsrück) wurde wegen Brandstiftung verhaftet. Es wird ihm zur Last gelegt, in der vergangenen Woche das Großfeuer in Lauschied verursacht zu haben, dem eine Reihe bäuerlicher An­wesen zum Opfer fiel. M. soll das Feuer zur Erlangung der Versicherungssumme angelegt haben.

Der Sinn der Nervosität.

Von Dr. W. Flemmig.

Die Nervosität ist heute ein Volksübel, das viele Menschen ergriffen hat. Man schiebt diese Krankheit auf die Unrast un­

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gen, daß er seine Idee von den schwachen Nerven aufgibt. Alles nimmt er ernst und rennt sich dadurch immer weiter ins Unglück. Jst er einmal auf dem Wege der Besserung, dann fürchtet er immer wieder einen Rüdfall.

Vielfach wird dem Nervösen vorgeworfen, daß es ihm an dem nötigen Willen fehle. Er brauche ja nur zu wollen und die Energie aufzubringen, dann könne er auch gesund werden. Wenn die Nervosität der Deckmantel für ein Ziel ist, das sich der Nervöse gesteckt hat und das er auf geradem Wege nicht er= reichen kann, so kann er nicht gleichzeitig gesund sein wollen. Man darf den Nervösen nicht als willensschwaches Wesen be­zeichnen, denn im Mittelpunkt der Nervosität steht die seelische Zerrissenheit, dem äußerlichen Ja steht ein viel stärkeres inne­res Nein entgegen. Der Wille kann erst dann wieder Erfolg haben, wenn im Leben des Nervösen ein neues Ziel geschaffen ist, auf das er seine Kraft konzentrieren kann. Es gilt also, ihn von dem ganzen Gebiet seiner seelischen Zerrissenheit ab­zulenken, was aber große Geduld erfordert.

Leistungen der deutschen Rindviehzucht.

Von Tierzuchtinspektor Dr. P. Lieb.

Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft( DLG.) bringt in ihren Mitteilungen, Nr. 43 v. J., eine Notiz über ,, Eine Reford­leistung der Kuh ,, Therese": 16 461 Kilo Milch mit 561,83 Kilo Fett.

Nicht nur der Laie, sondern auch der Fachmann schüttelt den Kopf über diese märchenhaften Leistungen dieser Rekordkuh. Wenn wir in den Vorkriegsjahren von Jahresleistungen der Milchfühe in Höhe von 8000 Kilo etwas hörten, horchte selbst der Fachmann auf. Heute sind derartige Rekordleistungen um 100 Prozent übertrumpft.

In den Nachkriegsjahren las man dann und wann in der Tagespresse etwas von den Höchstleistungen amerikanischer Kühe. Es wurden Zahlen von 14 000 Kilo und 15 000 Kilo Jahres­leistungen genannt. Selbst eingeweihte Kreise lachten anfangs über derartig scheinbar übertriebene Höchstleistungen. Erst als später das exafte Ergebnis einwandfreier wissenschaftlicher Ver­suche uns bekannt wurde, schauten wir dieser Tatsache mit offenen Augen entgegen. Die deutsche Rindviehzucht hat bekanntlich durch die Kriegs- und vor allen Dingen Nachkriegsjahre( Ab­gaben von Viehzucht an den Feindbund) einen sehr starken Schlag erhalten und die diesbezüglichen Folgen erschienen für den Züchter im Augenblid als unüberbrüdbar. Namhafte Män­ner auf dem Gebiete der deutschen Rindviehzucht, wie Geheimrat Prof. Dr. Hansen, Berlin, und Tierzuchtdirektor Deicke, Peest ( Pommern), waren es, die vereint mit der Deutschen Landwirt­schafts- Gesellschaft die Gefahr des Niedergangs der deutschen Rindviehzucht zeitig erkannten. Es wurden Leistungsprüfungen auf dem Versuchsgut der Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin­Dikopshof im Jahre 1924 25 mit ostpreußischen und 1925/26 mit ostfriesischen Kühen durchgeführt. Dabei wurde eine Höchst= leistung von 10 886 Kilo Mild mit 408,8 Kilo Fett erzielt. Auf Grund seiner gelegentlich einer Studienreise nach den Ver­einigten Staaten von Nordamerika im Jahre 1925 gesammelten Erfahrungen berichtete Herr Deide- Peest über Reforderträge von 15 038 bis 16 956 Kilo Milch mit 515,4 bis 612,1 Kilo Fett. Von diesen Berichten ausgehend wurde das ,, Deutsche Rinderleistungs­bud" gegründet, das am 1. 10. 1926 seine Tätigkeit begann. Und seither geht es vorwärts, unaufhaltsam vorwärts. Wir stehen heute vor Rekordleistungen, die sich bereits mit den amerikani­schen Spitzenleistungen messen können. Selbstverständlich muß neben einer enisprechenden Zuchtwahl, Haltung und Pflege, die Fütterung eine äußerst sachgemäße sein. Es werden täglich zirka 30 Pfd. Kraftfutter und 80-100 Pid. Futterrüben verfüttert. Die Basis der Fütterung bildet natürlich das Rauhfutter, welches durch systematische Stidstoffdüngung sehr eiweißreich wird, und nur eiweißreiches Futter erzeugt bekanntlich Milch und Fleisch.

Die Anlage zur Nervosität wird gekennzeichnet durch ein start entwickeltes Gefühlsleben, das übermäßigen Schwankun­gen unterworfen ist und einem anormalen Phantasieleben. Aus diesen beiden Komponenten erklärt es sich auch, daß die ner= vösen Störungen so vielerlei Gestalt annehmen und in manchen Fällen sogar zu sichtlichen Körpererkrankungen führen müssen. Die geistigen Kräfte des Menschen entwickeln sich im Ober- und Unterbewußtsein. Bei Tage arbeitet das Oberbewußtsein, ob­wohl auch hier es sehr oft vorkommt, daß die Störungen des Unterbewußtseins ans Tageslicht gelangen, wenn das Ober­oder Wachbewußtsein zu ermüden beginnt. Das Unterbewußt­sein ist sozusagen die Registratur, hier ist alles geordnet, hier ist jedes Erlebnis festgehalten. Das Unterbewußtsein tritt in seiner Arbeit deutlich in die Erscheinung, wenn in der Nacht das Oberbewußtsein völlig schläft. Dann kann es sich völlig aus­wirken( allerdings arbeitet es auch bei Tage, nur tritt das Wir­ken nicht in die Erscheinung), um die Urinstinite des Menschen an die Oberfläche treten zu lassen. Diese sind durch unsere Kultur gehemmt. Aber diese Hemmungen können auch beim normalen Menschen im Traum wegfallen, denn jetzt arbeitet, ohne daran gehindert zu werden, das Unterbewußtsein. Wäh­rend nun der Gesunde absurde Gedanken ohne weiteres ab­streift, leidet aber der Nervöse unter der Disharmonie zwischen bewußtem und unterbewußtem Streben. Die am Tage mühsam versteckten Gedanken und Wünsche finden des Nachts im Traum ihre Erfüllung. Es sind vielfach Regungen, die mit dem über­moralischen Empfinden des Betreffenden nicht vereinbar sind und diese Zerrissenheit muß natürlich sich auf die Seele aus­wirken. Der Nervöse hat also viel mit seinem Innern zu tun, er verbraucht innerlich viel Kräfte, denn er wird mit den Din­gen nicht so leicht fertig, wie der Gesunde und dabei soll er nach außen hin noch dasselbe leisten wie der gewöhnliche Skerb­liche. Er soll also das Doppelte leisten, was eine fortgesetzte Ueberbürdung ist, die sich eines Tages auswirken muß. Man tann sagen, der Nervöse verbraucht seine Kräfte am unrichtigen Ort, denn er ist gar nicht so schwach, wie vielfach die Meinung besteht. Die Nervosität ist in den allermeisten Fällen seelisch bedingt und deshalb kann auch die Störung nur auf dem Wege der seelischen Beeinflussung wieder behoben werden. Was soll ,, wirtschaftseigenes" Saft- und Rauhfutter, welches die Basis man von den ,, schwachen" Nerven halten, die heute kräftig sind, jeglicher Fütterung bilden soll, erreicht wird.

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