Nr. 32
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Gießener Zeitung
Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Jedaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdnbung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
4. Jahrg.
Politische Rundschau.
Der Reichspräsident empfing den Reichskanzler zu einer kesprechung über das Arbeitsprogramm der Reichsregierung.
Der Reichspräsident empfing am Donnerstag den neugezählten Oberbürgermeister der Stadt Berlin, Dr. Sahm, zum Entrittsbesuch.
Das Reichskabinett trat unter dem Vorsitz des Reichskanzlers nd in Anwesenheit des Reichsbankdirektors zu einer Sigung pammen, die der Festlegung des Arbeitsprogramms galt. So dann erstatteten die Ressortminister Bericht über die FinanzLage, die Arbeitslosigkeit und die Lage der Reichsbahn.
Reichsaußenminister Dr. Curtius ist am Mittwoch früh vom klaub zurückgekehrt und hat die Dienstgeschäfte wieder über
mmen.
Der Deutsche Städtetag hat in einer dringlichen Eingabe das Reichsernährungsministerium gebeten, in sofortigen Verhandlun un eine Wiederherabsetzung der Berliner Brotpreise durchzuhen. Der Deutsche Städtetag verweist namentlich auf die großen bjahren, die das Berliner Beispiel nicht nur für die Entwicklung den übrigen Städten, sondern auch für die gesamte Preis-, Shn- und Wirtschaftspolitik haben muß.
Die Ratifizierungsurkunden für das Zusagabkommen vom Februar 1931 zum deutsch- französischen Handelsabkommen, durch das im besonderen die Zollbehandlung der deutschen Erumpfeinfuhr nach Frankreich eine Neuregelung erfährt, sind 21. April in Paris ausgetauscht worden. Das Zusagabkommen tritt am 1. Mai in Kraft.
Der neue deutsche Gesandte in Brüssel, Graf Lerchenfeld, wurde vom König zur Ueberreichung seines Beglaubigungsheibens empfangen.
Auf Grund der Mitteilungen, die die Berliner spanische Botschaft dem Auswärtigen Amt über die Bildung der neuen wrläufigen Regierung in Spanien gemacht hat, ist ihr am Kittwoch die Antwort erteilt worden, daß die deutsche Regieang ihren Botschafter in Madrid angewiesen hat, unter Anerlanung der vorläufigen Regierung die amtlichen Beziehungen ihr aufzunehmen.
Bom Bierten Straffenat des Reichsgerichts ist am Donners: Rag der fommunistische Reichstagsabgeordnete für Hamburg, abdalena, wegen Vorbereitung des Hochverrats in Tateinheit it Vergehen gegen§ 4 Ziffer 1 des Republitschutzgesetzes zu ei Jahren Festung verurteilt worden.
Bundespräsident Mitlas von Oesterreich hat an den Hecres: minister Baugoin anläßlich des zehnten Jahrestages seiner Bemung zum Heeresminister ein anerkennendes Handschreiben ge= tet und ihm gleichzeitig das große goldene Ehrenzeichen am Kunde für Verdienste um die Republif verliehen.
Minister des Aeußeren in der Tschechoslowakei, Dr. Benesch, in den Außenausschüssen beider Kammern ein ausführliches pose, das der Frage der österreichisch- deutschen Zollunion gemet war. Er ging auf die Argumente des Reichsaußenmhifters Dr. Curtius ein und bezeichnete den Standpunkt, daß On Zollunionplan als wirtschaftliche, unpolitische Aktion in Buf ausschließlich nach der juristischen Seite überprüft werde, unhaltbar.
Die neuen französischen Vorschläge zum Flottenbauprogramm i am Mittwoch dem englischen Auswärtigen Amt übergeben erden. Sie sollen Kompromißcharakter haben und erkennen aen, daß Frankreich im Falle des Nichtzustandekommens eines Bertrages Vertagung vorschlagen werde.
Innenminister Clynes teilte auf eine Anfrage in der gestriSigung des englischen Unterhauses mit, daß Erkönig Als bisher nicht um eine Aufenthaltserlaubnis in England gesucht hat.
Außenminister Leroux wird Spanien auf der im Mai stattbenden Völkerbundstagung in Genf vertreten.
Der spanische Ministerrat hat nach einer Meldung aus Madrid in seiner letzten Sigung beschlossen, daß die Wahlen für We Cortes im Monat Juni stattfinden.
Nunmehr hat auch Amerika die Republik Spanien anerkannt. Die nationalautonomistische Bewegung im spanischen BasMigebiet nimmt immer größeren Umfang an. Es wird bereits der Bildung einer dritten vorläufigen Regierung gerechnet.
1 Milliarden Steuerausfall.
Berlin. Im Rechnungsjahr 1930 sind, wie das Reichsinzministerium mitteilt, im ganzen 9024,9 Millionen an Eikern und Zöllen aufgekommen. Da die Einnahme nach dem hshaushaltsplan 10 265,6 Millionen betragen sollte, ergibt fine Mindereinnahme von 1240,7 Millionen Mark. Am stärkn blieb die Einkommensteuer hinter dem Voranschlag zurück zwar um 365,4 Millionen.
Gegen Gehaltsabbau.
Berlin. Der Deutsche Beamtenbund hat der Reichsregierung händen des Reichskanzlers Dr. Brüning seine Besorgnisse wegem der Gefahr einer neuerlichen Verkürzung der Beamtengeher schriftlich zum Ausdruck gebracht. Es verstärkt sich in der antenschaft die Auffassung, daß bei finanziellem Unvermögen Des Reiches in erster Linie die politischen Zahlungen an das and entsprechend herabgesetzt werden müßten.
( Gießener Tageblatt)
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 25. April 1931
Arbeitgeber gegen Brauns- Gutachten.
Der Hauptausschuß der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände beschäftigte sich in seiner Sizung am 24. April zunächst mit den Vorschlägen des Brauns- Ausschusses zur Arbeitslosenfrage. Nach Ansicht des Hauptausschusses läßt das Gutachten ,, jede tiefgehende Untersuchung der eigentlichen Gründe der Arbeitslosigkeit und demzufolge auch die Verantwortung der entscheidenden Frage, inwieweit bei ihrer Durchführung eine Verschlimmerung dieser Gründe und damit eine Vergrößerung der Arbeitslosigkeit eintreten müsse, vermissen". Diese Behandlung lebenswichtiger innerdeutscher Probleme habe in allen Kreisen des Unternehmertums enttäuscht und Besorgnisse ausgelöst. Die Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände habe in einer Eingabe an die Reichsregierung nachgewiesen, daß die vorgeschlagenen gesetzlichen Zwangseingriffe in die Gestaltung der Arbeitszeit zur Verteuerung der Produktionskosten, Verlängerung der Lieferungsfristen, Erschwerung des Exports, Gefährdung des Rationalisierungserfolges führen müssen. Der ungewöhn= liche Ernst der Lage mache ferner einschneidende Reformmaßnahmen der Sozialversicherung und der Arbeitslosenversicherung unentbehrlich, wenn nicht binnen kurzem der völlige Zuſammenbruch einzelner Versicherungsträger unvermeidlich werden solle. Die Finanzlage zwinge dazu, daß endlich auch hier die Ausgaben den Einnahmen durch entsprechend beschleunigte Reformen angepaẞt würden. Zusammenfassend forderte der Hauptausschuß erneut als allein zur Belebung der Wirtschaft und Behebung der Arbeitslosigkeit geeignete Mittel: Befreiung der Wirtschaft von wirtschaftswidrigen Zwangseingriffen, entschie= dene weitere Senfung aller Selbstkosten, insbesondere auch der öffentlichen und sozialen Abgaben und Belebung der Kreditlage durch eine Politik, die wieder im In- und Auslande das Vertrauen zu Wirtschaft und Staat und damit die Aussicht auf Rentabilität herstelle.
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 33
Das hejjijche Handwerk zu den
neuen Steuergeseßen.
Der Vorstand der Hess. Handwerkskammer nahm in seiner letzten Sigung in Anwesenheit von Vertretern der hessischen Finanzbehörden eingehend Stellung zu den durch die Notverordnung geregelten bezw. in Aussicht gestellten Steuergesetzen und den letzten steuerlichen Maßnahmen im Lande Hessen. Ausgehend von dem Grundsatz einer gerechten Lastenverteilung kam er zu folgenden Ergebnissen:
1. Grundsteuerrahmengesetz. Durch die vorgesehene Heranziehung des Einheitswerts als Besteuerungsgrundlage ist eine ungerechte Verschiebung des seitherigen Belastungsverhältnisses unter den verschiedenen Gruppen von Grundeigentümern in den Bereich der Möglichkeit gerückt. Um dies zu vermeiden, muß die Neubewertung des Grundvermögens derart erfolgen, daß wesentliche Verschiebungen auch der Grundsteuerlasten nicht ein
treten.
2. Gewerbesteuerrahmengesetz. Die Heranziehung des Gewerbeertrags als einzige oder vorwiegende Besteuerungsgrundlage führt wie an praktischen Beispielen überzeugend nachgewiesen wurde zu einer unerhörten Höherbelastung der Kleinund Mittelbetriebe. Nach Ansicht des Kammervorstands soll bei der Gewerbesteuer vorwiegende Besteuerungsgrundlage das Gewerbekapital sein, da die Gewerbesteuer, wenn überhaupt, so nur den einen Sinn haben kann, daß sie eine Ersatzleistung für die den Gemeinden und Ländern durch die Betriebe erwachsenden Kosten darstellt. Regierung und Abgeordnete sind deshalb zu bitten, sich für die möglichst obligatorisch zu gestaltende Heranziehung des jeweiligen Betriebsvermögens und der Lohnsumme als Besteuerungsgrundlagen neben dem Gewerbeertrag einzusetzen, wie es auch in dem Entwurf eines Steuervereinheit lichungsgesetzes aus dem Jahre 1928 vorgesehen war.
Sechs Millionen gegen Preußen Regierung. Tarifs, auf die Abzugsfähigkeit des persönlichen Arbeitsver
Berlin. Nach den Berechnungen des Stahlhelms sind ungefähr sechs Millionen Eintragungen für das Volksbegehren erfolgt. Die Eintragungen gehen in einzelnen Städten und Bezirken bis über 50 Prozent.
Frankfurt a. M. In der Provinz Hessen- Nassau sind bisher 195 620 Eintragungen für das Volksbegehren gezählt worden. Es stehen noch einige Kreise aus der Westerwaldgegend aus, so daß nach vorsichtiger Schäzung etwa 210 000 Eintragungen in der Provinz Hessen- Nassau erfolgt sein dürften.
Reichsparteitag der Wirtschaftspartei.
Die Reichspartei des Deutschen Mittelstandes( Wirtschaftspartei) trat in Hannover zu ihrem Reichsparteitag zusammen, der am Freitag eine Vorstandssitung brachte, am Sonnabend Tagungen der Landesverbände und des Reichsausschusses sowie eine Zusammenkunft der Vertreter der Parteipresse und am Sonntag eine öffentliche Kundgebung mit einer Reihe von Berichterstattungen führender Mitglieder der Partei bringen wird. Etwa 600 Teilnehmer aus dem ganzen Reich werden zu den Verhandlungen erwartet. Der Vorstandssitzung am Freitag liegen der bekannte Antrag auf Amtsniederlegung des ersten Vorsitzen= den Drewitz für die Dauer des im Falle Drewik Colosser noch schwebenden Verfahrens sowie die neuerlich eingegangenen sächsischen Anträge auf sofortigen Rüdtritt Drewit vom Amt des ersten Vorsitzenden zur Beratung vor. Am Sonnabend wird sich der Reichsausschuß mit den gleichen Anträgen beschäftigen.
Die Partei der Greise.
Die Sozialdemokratie veröffentlicht soeben ihr neues Jahr buch, in dem sie mit gewaltigen Zahlen aufmarschiert und stolz darauf hinweist, daß sie im letzten Jahr über 100 000 Mitglieder gewonnen hat. An eingeschriebenen Mitgliedern zählt die Partei jetzt etwas über eine Million, bei 8% Millionen Wählern doch an sich gerade keine sehr erschütternde Angelegenheit. Unvorsichtig aber ist es, daß die Sozialdemokraten dabei zum ersten Male auch eine Uebersicht über die Altersgliederung ihrer Armee geben, um damit den Vorwurf der ,, Ueberalterung" ihrer Mitgliederschaft abzutun. Tatsächlich aber beweist sie damit genau das Gegenteil. Es ergibt sich nämlich die verblüffende Tatsache, daß 425 000, also die knappe Hälfte, über 45 Jahre ist, während ganze 12 000 unter 20 Jahren der Partei angehören und vom 20. bis 25. Lebensjahre noch nicht einmal 70 000. Stärker läßt sich das Mißverhältnis der Generationen eigentlich kaum zum Ausdruck bringen. Man fann tatsächlich von einer Vergreisung sprechen und muß gerade angesichts der erschreckend niedrigen Zahl der jungen Mitglieder doch die Schlußfolgerung ziehen, daß die Sozialdemokratie den Anschluß an die Jugend verloren hat, die ihr nach rechts und links ins radikale Fahrwasser abflutet.
Französische Einschüchterung gegen Wien.
Paris. Wir haben bereits auf das neue französische System aufmerksam gemacht, das darin besteht, Desterreich vom Plane der deutsch- österreichischen Zollunion wegzuloden. Einen Schritt auf diesem Wege bedeutet zweifellos ein offiziöser Artikel des ,, Petit Parisien", in dem ausführlich alle wirtschaftlichen Nachteile auseinandergesetzt werden, die das Zollabkommen nach französischer Auffassung und Berechnungen für Oesterreich hätte.
Ferner ist hinzuwirken auf eine stärkere Degression des dienstes vom steuerpflichtigen Ertrag und auf die Einführung eines Anhörungsrechts der Berufsvertretungen, wie sie in PreuBen seit langem besteht.
3. Realsteuersenkung. Sie ist in ihrer Höhe, Sicherung, Finanzierung und Dauer unbefriedigend im Gesetz gelöst. Eine dauerhafte Senkung ist nur möglich mittels Aufgabenentlastung und richtigen Finanz- und Lastenausgleichs zwischen Gemeinden, Ländern und Reich. Die Finanzierung der Senkung vermittels der Sondersteuereingänge lähmt die Bauwirtschaft weiterhin und bringt die Gefahr einer Verewigung der ruinösen Sondergebäudesteuer mit sich. Eine Entlastung des Grundbesitzes und der Gewerbetreibenden wird in Hessen effektiv durch die Senkung deshalb nicht eintreten, weil die Grundsteuer zuvor um ein Mehrfaches erhöht, die Sondergebäudesteuer in vielen Fällen hinaufgeschraubt und die Gewerbesteuer nach Einführung des Rahmengesetzes insbesondere für die sehr große Zahl der Kleinund Mittelbetriebe sich ebenfalls über den Betrag der Senkung hinaus erhöhen wird. Vielmehr wird für die Handwerksbetriebe durch die vorgesehene Art der Steuervereinheitlichung eine effektive Erhöhung der Realsteuern zum mindesten vom Jahre 1932 ab per Caldo zu verzeichnen sein, der mit allen Mitteln entgegenzutreten ist.
4. Steuervereinfachung. Unter den Vereinfachungsmaßnahmen befinden sich solche, die eine echte Vereinfachung für die Steuerpflichtigen nicht nach sich führen werden. Zu begrüßen sind die Erhöhung der Vermögenssteuerfreigrenze und die Einführung einer Umsatzsteuerfreigrenze als echte Vereinfachungsmaßnahmen. Die Offenlegung der Einheitswerte an Stelle der Zustellung von Bescheiden belastet unverhältnismäßig die zur Einsichtnahme gezwungenen Pflichtigen.
Vollkommen abzulehnen ist die in Aussicht gestellte gewerbliche Einheitssteuer und die Gemeindezuschläge hierzu, durch welche die Einkommensteuerkraft des gewerblichen Mittelstandes übermäßig angespannt wird im Gegensatz zu den Leistungen der großwirtschaftlichen Kreise. Regierung und Abgeordnete sind zu bitten, sich der Einführung der gewerblichen Einheitssteuer in der vorhergesehenen Form zu widersetzen und dafür Sorge zu tragen, daß ihr die Zustimmung im Reichsrat versagt bleibt.
5. Sondergebäudesteuer. Die Erhöhung der hessischen Sondergebäudesteuer für Objekte, bei denen die Friedensmiete höher als 5 v. H. ist, hat sich weit stärker als erwartet ausge wirkt. Betroffen ist insbesondere der Geschäftshausbesitz in guter Lage. Ungewöhnliche Härten entstehen durch die Einziehung insofern, als die ungenügenden Geschäftserträgnisse in der heutigen wirtschaftlichen Krisenzeit die Deckung erhöhter Condersteuern nicht zulassen und eine Abwälzung auf die Mieten meistenteils unmöglich ist. Die Geschäftsmieten müssen im Gegenteil heut zutage fast überall gesenkt werden. Zu verlangen ist eine sofortige Feststellung der Gesamtsumme der Mehrveranlagungen in Hessen, Streichung des über den voranschlagsmäßigen Betrag in Höhe von 500 000 RM. hinausgehenden Teils und Unterverteilung des Restbetrags auf die tatsächlich tragfähigen Objekte.
Der in der letzten Zeit häufig propagierte Vorschlag auf Freilassung desjenigen Teils von der Condergebändesteuer, für den Reparaturen im Hause ausgeführt worden sind, verdient größtes Interesse im Hinblick auf die Ankurbelung des Wirtschaftslebens. Es ist zu versuchen, die finanzpolitischen Hindernisse zu überwinden.
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