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Nr. 98

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Samstag, den 19. Dezember 1931.

,, Gießener Zeitung"

Tagesfragen aus

Die Entthronung des Goldes als Rettung

Von Adolf- Victor v. Koerber, Berlin.

Als vor einigen Wochen die sensationelle Nachricht die Welt überraschte, daß England seine Währung von der Goldbasis gelöst hätte, erblickte die Allgemeinheit darin den Beginn der letzten Phase des Niederganges Groß- Britanniens.

Im Gegensatz zu dieser pessimistischen Aufnahme er Loslösung der englischen Währung vom Golde hen einzelne hervorragende Englandkenner darin im Gegenteil den Beginn des Wiederaufstiegs des Insel­reiches aus den Bezirken politischer und wirtschaft­licher Niederung. So bezeichnet beispielsweise der noch vom Fürsten Bismard in die deutsche Diplomatie be= rufene ehemalige Botschaftsrat und langjährige Ge­schäftsträger in London, Freiherr von Eckardtsein, den Schritt der englischen Regierung als einen ebenso tüh­nen wie glücklichen Entschluß, der englischen Defla­tionskrise energisch entgegenzutreten. Die Belebung, die der englischen Wirtschaft inzwischen zuteil geworden ist, hat die Richtigkeit dieser Auffassung vollauf be stätigt. Inzwischen sind die nordischen Staaten dem englischen Beispiel gefolgt.

Es war schon einige Wochen vor dem sensationellen Londoner Entschluß, als der weithin bekannte deutsche Industrielle Arnold Rechberg in der Presse die Be­hauptung aufstellte: Deutschland ist infolge der De­flation nur fünstlich arm. In Wirklichkeit ist es immer noch dank seines hochentwickelten Wirtschafts­apparates ein reiches und lediglich an Gold armes Land. Es fehlt nur an der Fähigkeit der Reichsbank, Mittel und Wege zu finden, diesen hochentwickelten und außerordentlich wertvollen deutschen Wirtschaftsapparat in Gang zu halten". Arnold Rechberg forderte infolge= dessen schon damals eine einmalige Herabsetzung der deutschen Golddeckung auf etwa 20 Prozent bzw. die entsprende Heraussetzung des Notenumlaufs, um da­durch der umlaufskapitalarmen deutschen Wirtschaft new Lebensaft einzuflößen wie frisches Blut einem blutarmen Körper.

Arnold Rechberg beantwortete unlängst öffentlich die Frage eines Sparers aus dem Mittelstande, welches die Folgen für ihn sein werden, wenn sich die Reichsregierung weiterhin an die Deflation flammere statt dem Beispiel Englands zu folgen. Seine Ant­wort lautete dahin, daß gerade die kleinen Sparer durch nichts so sicher ihres legten Notgroschens beraubt werden als durch die Deflation. Die Sparkassen heben bekanntlich die ihnen anvertrauten Spargelder nicht im Panzer­gewölbe auf, sondern sie legen sie in Wirtschaftsunter­nehmungen an. Schwinden nun aber die Gegenwerte der von ihnen gewährten Darlehen infolge des De­flatione ruds dahin, dann müssen die von den Spar­tassen ausgeliehenen Spargelder zwangsläufig mit ver­loren gehen. Ebenso wie die Sparer sind auch die Großbanken dem sicheren Ruin verfallen, wenn alle Geg erte er von ihnen verausgabten Kredite in dem allgemeinen Wirtschaftssterben der Deflations­epoche verrinnen. Es ist tatsächlich die letzte Stunde, die Reichsleitung sich aufrafft, mit der Chimäre iner in Wirklichkeit nicht mehr vorhandenen Gold­väg ein Ende zu machen. Wenn heute von den Parteien wie allzu oft bei der Entscheidung über - wiederum für das Volksganze lebenswichtige Fragen der Versuch gemacht wird, auch diese Kardinalfrage zur ifrage herabzuwürdigen, so sollte sich die Def= fentlichkeit einmütig dagegen auflehnen. Es ist gerade­zu verbrecherisch, den Vorschlag einer Angleichung des Geldumlaufs an die tatsächlich vorhandenen deutschen Sachwerte und an die deutsche Produktionskapazität als Inflations" verdächtigen und damit sabotieren zu

wollen!

Die nachstehend als Abschluß dieser Ueberlegungen wiedergegebenen Aeußerungen des englischen Petro­-aus der Times" treffen tatsächlich den

aufstieg der Begabten

Sieht nicht jeder Können Eltern objektiv urteilen? Vater, jede Mutter im Sohn alle Klugheit und Geschicklich­feit, in der Tochter alle Schönheit und Liebenswürdigkeit vereint, die ihnen, wenn sie erwachsen sein werden, das Leben zu einer glatten, mühelosen Straße ebnen sollen? Fehler und Untugenden bemerkt man nur an den Spröß­lingen der anderen. Viel zu eng ist man dem eigenen Fleisch und Blut verbunden, um zur rechten Seit abzu­schätzen, wo der Gefahrenpunkt im Charakter des Kindes liegt oder der Mangel in seiner geistigen Anlage. Dieses optimistische Vertrauen, das junge Menschenkind werde sich durchsetzen, ist sympathisch und in Krisenzeiten zweifellos erfrischend. Doch woher, wenn jeder Vater berechtigt ist, an die himmelblaue Zukunft seiner Kinder zu glauben, so viel Mittelmäßigkeit, so viele Entgleiste und Enttäuschte? Und es sind doch die Vorurteile überwunden, die einstmals der Entwicklung aufstrebender junger Leute entgegenstanden, bor allem die Standesurteile! Aufstieg der Begabten", ein Schlagwort gleich vielen Schlagworten, die heute um­geben. Gewiß, grundsäßlich ist jeder, der sich als befähigt, Reichs­tüchtig und sittlich einwandfrei erweist, berufen bräsident zu werden. Doch in der Praris ist das etwas schwieriger als in der Theorie. Um sich selbst ein Biel setzen zu können, um ein Bild von der Welt zu gewinnen, in der man seine Kräfte erproben will, muß man Wissen er­werben. Es braucht kein Schulwissen zu sein; aber irgend eine Vorbildung oder Fachbildung ist unerläßlich, auch wo der Aufstieg nicht von Eramina und abgestempelten Papieren abhängt. Jede Ausbildung kostet Geld.

Und wenn, wie so häufig, der Glaube an die besondere geistige Begabung ein holder Wahn war, dann ist es doppelt nötig, daß ein praktischer Beruf gründlich erlernt wird, oder daß ein Fond da ist, um dem Sohn, der Tochter, welche die Eltern gern in etwas gebobener Stellung seben möchten, ein kleines Geschäft, eine kleine Landwirtschaft, eine fleine Werkstatt einzurichten. Wer will erkennen, wenn das Kind rund und rosig in seinem Bettchen liegt, ob es und nachhelfen müssen? Soll man alles der Vorsehung von selber seinen Weg machen oder ob die Eltern schüßen

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Stadt und Land

Nagel auf den Kopf. Sir Henri Deterding, ter der in Deutschland wie in der ganzen Welt wohl bekannten ,, Shell- Compagnie", kommt zu folge: Ge­samtbeurteilung der Goldwährungsfrage: Die Stabili­tät einer Währung", schreibt er, hängt keineswegs ab und sollte es auch nicht von Goldvorräten. Ich bin überzeugt, daß jeder Geschäftsmann, der die Frage ernstlich prüft, zu derselben Schlußfolgerung tommt und feststellen wird, daß es etwas besseres gibt als Gold, nämlich den Handel. Aufrechterhaltung und Entwid­lung des Wirtschaftsverkehrs kommen der Schaffung eines zusäßlichen Reichtums für die Gesamtheit der Bevölkerung gleich, während die Aufbewahrung eines Goldvorrates nur die Umwandlung von Werten und Dieneistungen in Metallreserven bedeutet und zwar zum Schaden des Handels. Meiner Ansicht nach ist die Frage, die sich heute für zahlreiche Länder aufdrängt, diese: Was von beiden ist zu wählen, Gold ohne Han­del oder Handel ohne Gold?"

Für Deutschland lautet die Frage heute: Gold­währung und Deflation oder Entthronung des Goldes und Wiederaufstieg der gesamten Volkswirtschaftskraft! An langen Abenden

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Wirtscha tsfragen

Arbeitsbeschaffung durch Hausreparaturen. Der Reichsverband des deutschen Handwerks hatte sich kürzlich mit einer besonderen Eingabe an den Reichsfommissar für das Handwerk und das Alein­gewerbe gewandt, in der die Notwendigkeit betont wurde, Haus inssteuermittel für größere Hausrepa raturen zur Verfügung zu stellen. Auf diese Eingabe hat nunmehr der Reichskommissar mitgeteilt, daß der Reichswirtschaftsminister bereits vor einigen Tagen in der gleichen Frage an den Reichsarbeitsminister heran­getreten sei. Nähere Mitteilung wird vorbehalten.

Herabsehung der Lohnpfändungsgrenze.

Der Reichsverbend des deutschen Handwerks hat sich mit einer gemeinsamen Eingabe mit den übrigen Spizenverbänden der Wirtschaft an den Reichskanzler gewandt, um eine Herabsetzung der Lohnpfändungs­grenze auf mindestens 150,- RM. monatlich durch Notverordnung zu fordern. Neben sachlichen Gründen spricht auch der Umstand für eine Neuregelung, daß die seit Februar 1928 geltende gesetzliche Regelung am 31. Dezember 1931 abläuft. Wenn demnach die unter den heutigen Wirtschafts- und Lohnverhältnissen völlig un­

Geweihte Stätten

Schillers Geburtshaus in Marbach

haltbare, weil überhöhte Lohnpfändungsgrenze nicht noch weiter in Kraft bleiben soll, wäre eine schleunige gesetzliche Bestimmung notwendig, um rechtzeitig den Schuldnern Gelegenheit zu geben, sich während einer angemessenen Frist bis zum Inkrafttreten der neuen Regelung( am 1. Januar 1932) auf die veränderten Bestimmungen einzustellen. Die gegenwärtige Lohn­pfändungsgrenze beträgt bekanntlich 195,- RM. mo natlich. Sie kann infolge der gesteigerten Kaufkraft des Goldes in der letzten Zeit nur als überholt an­gesprochen werden.

Gesundheitswesen

Jod in der Westentasche.

Von Dr. P. Friedeberger, Berlin.

Bei seinen Forschungen über die Bedeutung der Homö­opathie kam bor einigen Jahren der große Chirurg Pro­fessor Vier zu der Erkenntnis, daß minimale Mengen Jod ein vorzügliches Mittel sind, einen im Werden be griffenen Schnupfen in vielen Fällen glatt zu furieren", d. h. den Ausbruch der eigentlichen fatarrhalischen Erschei­nungen zu verhindern. Lassen wir es dabingestellt, ob die Theorie stimmt; jedenfalls war die Anregung Biers vom Standpunkt der ärztlichen Humanität eine Tat ersten Ran­ges. Aber sein Vorschlag bat aus rein äußerlichen Grün­den doch nicht die allgemeine Resonanz gefunden, die er verdiente. Sein Tropfen Jodtinktur" war nicht suggestiv genug. Der Tropfen Jodtinktur im Wasser schmedt ab­scheulich. Außerdem ist es eine große Frage, ob jeweilig die von Bier gemeinte Menge von Laienband abgezirkelt werden konnte.

Es bedurfte einer äußerlichen Anpassung an die Be­quemlichkeit des Konsumenten, um die Idee durchzuführen, und so wird das Jodtröpfchen" Geheimrat Biers jetzt in handlicher Form, mit dem Namen Guttajod" bezeichnet ( gutta Tropfen- Jod), dem Publikum dargeboten. Wie Dr. Alfred Horwit aus der Bier'schen Klinik in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift" berichtet, enthalten diese kleinen bersilberten Guttajod- Dragees je ein halbes millioramm freies Tod. Sie steden in einem Metallbüchschen für die Westentasche und sind sehr bequem zu nehmen. Ein bis drei Kügelchen Guttajod" genügen meit, um den Ausbruch des Schnupfens zu verhüter er also die berühmten" An­zeichen verspürt: bas leimi fröftelnde Gefühl in allen Gliedern, das Brideln in Nase und Augen, das Kraßen im Hals, den dringenden Wunsch nach einem steifen Grog, der greife zum Guttajod". Und wer den ersten Termin ver­paßt hat, wer bereits mit einem halben Dugend Taschen­tüchern seinen Weg ins Büro angetreten hat, der versuche immerhin noch, durch verstärkte Dosen Guttajod", dreimal täglich drei Dragees, den Feind zu befämpfen. Wer über­haupt zu Katarrhen neigt, tut am besten, bei Grippewetter"," am Abend vor dem Ausgehen, vor Antritt einer Reise, besonders im Schlafwagen; gleich Guttajod" zu nehmen.

Alle Symptome des Hämorrhoidalleidens lassen sich ohne Operation oder sonstige unangenehme Ein­griffe weitgehend beseitigen und dadurch viele Komplika­tionen verhüten. Die Wissenschaft hat neuerdings in einer Komposition von Ephedrin, Chloreton und Aphlogol ein Mittel gefunden, das eine hervorragende Heilwirkung bei Hämorrhoiden besitzt und in den Kreisen der Aerzte ebenso anerkannt wird wie von den Leidenden selbst. Dieses Mittel hat die Bezeichnung Apblogol- Bäpfchen- Silbe erhalten, da es in Zäpfchenform zur Verwendung gelangt und zu den be­kannten und bewährten Silbe"-Präparaten gehört. Die Aphlogol- 3äpfchen vereinigen in sich alles, um den Hämor­rhoidalleidenden Linderung und Heilung zu gewähren Sie wirken nicht nur schmerzlindernd und blutstillend, sondern regeln auch den Stuhlgang und verhindern und bekämpfen Infektion der wund gewordenen Knoten. Vor allem sowin det sofort der heftige Juckreiz, der häufig Veranlassung zum Kragen und damit zu neuen Infektionsmöglichkeiten gibt. Der Hämorrhoidalleidende wird dieses wirkungsvrile Mittel um so lieber benußen, wenn er erfährt, daß die Aphlogol- 8äpfchen völlig unschädlich sind. Ueber die in ihnen enthaltenen Bestandteile sind in bedeutenden medi­zinischen Blättern von ersten Autoritäten Artikel erichienen, die deren vorzügliche Heilwirkung vollkommen würdiger So dringt immer mehr der gute Ruf dieses wirklich zuver­lässigen Präparates in die Masse und sein Wert findet auch dadurc eine Bestätigung, daß der Hauptverband Deut­scher Krankenkassen die Aphlogol- Räbfchen Silbe" zur Ver­ordnung zugelassen hat.

oder dem Zufall überlassen? Es könnte geschehen, daß man dadurch plötzlich vor unerwartet große Ausgaben gestellt wird, wie sie heute sich nur wenige leisten können.

Sicherer handelt, wer für alle Fälle vorsorgt und dies mit möglichst geringem Aufwand von Geld tut. Nicht alle Erzieher wissen, daß ein Kind von seinem ersten Lebenstage an in eine Berufs oder Aussteuerversicherung eingekauft werden kann. Die Opfer sind tragbar: monatliche Prämien, wie sie ein junger Vater im Vollerwerb von seinem Einkommen abzweigen kann, so häuft sich langsam ein Kapital. Es wird dem Kinde bei seinem 18. oder 21. Lebensjahr ausgezahlt, je nachdem der Vertragsschluß es be= stimmte, also zu einer Beit, in der die Herangewachsenen sich selbständig für einen Beruf entscheiden. Akademisches Studium, Handels- oder Technische Hochschule, Aufenthalt im Auslande zur Erlernung von Sprachen, Eintritt in eine Firma, wozu eine Geschäftseinlage erforderlich ist, Erwerb eines Stückchen Gartenlands oder einer Aussteuer: der Möglichkeiten sind so viele, für welche aufteimende Neigung sich entscheiden kann. Auf jeden Fall ist ein Sprungbrett da. Auch das Heiratsgut für die Tochter ist nicht zu unter­schäßen. Liebesbeiraten ohne gefestigte Basis fommen nur noch in Romanen vor. Und es gibt immer noch Mädchen, welche die Aufgaben der Gattin und Mutter den meist un­bersönlicheren Pflichten eines Berufs borziehen, selbst dem funstgewerblichen Atelier, dem Modesalon, dem Doktorhut. Auch für die häuslichen und mütterlichen Aufgaben Hinden wir Mittelmäßig- und Hochbegabte. Wie würde der Lebens­nerv dieser Hochbegabten verfümmern, wenn ihre seelischen Anlagen nicht zur Entfaltung gelangen könnten, weil ohne Aussteuer das ersehnte Heim sich nicht begründen läßt.

Manch junge Elternpaare denken zwar solche Gedanken durch; doch sie scheuen sich, eine Versicherung für ihre Kinder abzuschließen, in der Furcht, daß sie mit ihren Bra­mienzahlungen nicht durchhalten können. 8u dieser Energie müssen sie sich allerdings verpflichten. Dafür wird ihnen auch die Beruhigung, daß, falls der Tod Ihre Absichten durchkreuzt, die Versicherungsanstalt dennoch zur verabrede ten Frist das vereinbarte Kapital dem Kinde bereit hält. So blüht noch aus dem Tode Leben und Aufstieg.