Samstag, den 14. März 1931.
Mehr Optimismus!
Irgendein Weifer hat einmal gesagt, jedes Ereignis habe eine ganze Rette von Ursachen. Nun, der Ausspruch gibt zu denten, wenn man sich die heutigen schlechten Zeiten vor Augen hält. Freilich, Weltwirtschaftskrisis, Weltmarktlage, Abjakstodung, Export, das sind Dinge, mit denen sich Berufenere be fassen mögen. So weit muß man aber vielleicht gar nicht gehen, um auf unglückselige Verkettungen zu stoßen, weil sie heute leider alltäglich geworden sind. Ein Beispiel nur für viele:
"...
"-
Herr Mayer, der Baumeister, trifft seinen Geschäftsfreund, den Schlossermeister Wittig, auf der Straße. Begrüßung. Ein paar Redensarten.- ,, Wie geht'?".. und schon geht das Jammern los. Der Baumeister, ein bißchen verlegen darüber, daß er Wittig diesmal, tros seines Versprechens, die Arbeiten an dem geplanten Neubau nicht übertragen konnte( Gott, man hat eben manchmal auch noch andere Rücksichten zu nehmen) stöhnt aus ,, Diplomatie" Stein und Bein zusammen:..... furcht bar leid,... wissen ja selbst... schlechte Zeiten... faule Kunden... schlechte Aussichten... Projekt wahrscheinlich ins Was= jer gefallen...!" Die Folge: Wittig, der Schlossermeister, ist niedergedrückt. Gerade mit diesem Auftrag hatte er gerechnet. Er beginnt zu falkulieren, zu rechnen..hm, tja... hm... Das hilft nun nichts, da muß ich doch gleich mal... Eine halbe Stunde später betritt er die Werkstatt des Tischlermeisters Franksen.„ Tag!"- ,, Tag!". Hören Sie mal, mein lieber Frandsen! Ich muß ihnen leider eine unangenehme mittei lung machen, muß Sie nämlich, so peinlich mir das ist, bitten, den Auftrag auf die neuen Möbel vorläufig zu annulieren... größeren Auftrag, mit dem ich bestimmt gerechnet hatte, nicht erhalten... wissen ja selbst... schlechte Zeiten!" Nun, Franksen, der Tischler, seufzt. Was soll er machen? Verklagen?. Wittig ist ein guter Runde, da darf man das nicht.„ Verfl... Sache wieder eine Hoffnung zerschlagen... schlechte Zeiten... miserable Zustände, so was!" Frankien geht zu Müller& Co.. Müller& Co., Maschinenlager, Werkzeuge en gros, en detail. Geht hin, stöhnt, jammert, schimpft und bestellt die
,, Gießener Zeitung
Holzbearbeitungsmaschine wieder ab, die..., 3 Aufträge abgefagt... unmöglich jetzt... schlechte Zeiten... Risiko... Belastung..."
Was tut Müller& Co.? Müller& Co. senior hängt sich prompt ans Telephon: bitte 27 396."- ,, Halloh?"„ Salloh?"- ,, Ah, lann ich bitte, Herrn Baumeister Mayer sprechen?"
Jawohl, Moment, bitte..."-„ Sier Baumeister Mayer. Ah! Guten Tag, Herr Müller, sehr angenehm... wohl noch Wünsche wegen Garagenbaues?...?...?...? Wie??..." Des Baumeisters Geficht wird lang und länger. Durchs Telephon tönt's ihm nämlich entgegen:.furchtbar leid!... Projeft zurückstellen... eben wieder große Lieferung annulliert worden... schlechte Zeiten... wissen ja selbst... leider vom Garagenbau Abstand nehmen..." Rrrrrr Schluh!
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So ist es heute! Wozu in die Ferne schwelfen, fieh, das Schlechte liegt so mah!, möchte man in Anpassung an die Zeitverhältnisse ausrufen. Mehr Optimismus, mehr Mut, mehr positive Lebenseinstellung! Das ist's, was wir brauchen. Was nügt das Jammern?- Nichts, rein gar nichts nützt es. Aber es wird zur Rette, die uns zu ersticken droht. Zerreißen wir diese Kette endlich, machen wir endlich einmal wieder einen Anfang, helfen wir, Arbeit zu schaffen, Aufträge zu erteilen, neues Blut dem darnieberliegenden Wirtschaftskörper zuzuführen!
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Die kommende Reichs- Handwerks- Woche als erste machtvolle Rundgebung des gesamten deutschen Handwerks, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in diesem Sinne pofitive Aufbauarbeit zu leisten.
Der Sammler
und das lebende Handwerk.
Es bleibt eine immer wieder überraschende Tatsache, bis. zu welchem Grade, ja, man könnte fast sagen, wie ausschließlich der Durchschnitts- Sammler rüdwärtsgewandt arbeitet. Findet doch in der Regel nur das seine Beachtung, was durch Verkauf und Wiederverkauf bereits von Hand zu Hand gewandert ist
Die beste Publikationsstelle für Hessen
ist der
Zeitungsverlag Albin Klein in Gießen.
In unserem Verlag erscheinen:
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Gießener Zeitung erscheint wöchentlich 2 X
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Zeitungsverlag Albin Klein, Gießen
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vorm. Wilh. Keller, gegr. 1783• Südanlage 21
Nr. 21
und dadurch zwar als Sonderwert abgestempelt scheint; aber die Preise sind natürlich inzwischen auch auf eine so schwindelnde Höhe hinaufgeklettert, daß der nicht übermäßig Kapitalfräftige in der Regel gar nicht daran denken kann, auf Erstklassiges zu, bieten. Man denke nur an Summen, die heute für ganz schlichte, alte handwerkliche chinesische Keramik, etwa schmudlose türkisfarbene Schalen mit Geladonglasur aus dem 12. oder 13. Jahrhundert bezahlt werden, oder an Kändler- Porzellan Meißener Herkunft, von denen z. B. die Dame in der Krinoline aus der weltbekannten Sammlung Darmstädter im März 1925 in Berlin für 35 000 Mark in andere Hände überging; ferner an Roentgen- Möbel, wie den Schreibschrank, der auf der berühmten Auktion von Kunstschätzen aus dem Staatsbesitz von Sowjetrußland bei Lepke in Berlin im Jahre 1930 nicht weniger als 83 000 Mart erzielte.
Man kann deshalb dem Kunstfreunde, der neben allen selbstverständlich voranstehenden Rücksichten auf Schönheit und Güte jedes einzelnen Stüdes auch eine gesunde Wirtschaftspolitif im Auge hat, gar nicht ernstlich genug raten, sein Augenmerk den besten heute entstehenden kunsthandwerklichen Erzeugnissen weit mehr als bisher zuzuwenden. Mit Hilfe der einschlägigen Literatur und verständnisvoller Sachberater wird es ihm nicht schwer fallen, für bescheidene Summen einmalige Schöpfungen des Kunsthandwerks zu erstehen, die sich bereits in wenigen Jahrzehnten als Museumsstück von Seltenheitswert erweisen können.
Nehmen wir zunächst ein Beispiel durchaus bescheidener Art: Eine der bekanntesten und besten keramischen Werkstätten Deutschlands, deren Inhaber einen Scherben von unvergleich: licher Feinheit dreht, brannte noch vor wenigen Jahren Stücke mit Türkis- Glasur und Metall- Lüster in der offenen Flamme; jo famen bei Schalen und Vasen die jedem Kenner bekannten Erzeugnisse von Sammelwert zustande, an deren Rauch und Flamme ihr immer wieder anderes, fantastisch reizvolles Spiel entfaltet hatten. Heute, wo jener Meister nur noch in der Muffet brennt, sind die genannten Stüde bereits nicht mehr aus erster Hand zu erwerben. Vergleichsweise sei ferner nur noch auf die Arbeiten einer hervorragenden Fachschule für Glasherstellung hingewiesen, deren Leitung in den Händen eines bekannten Künstlers ruht, ferner auf Werke unserer besten Feintischler, Intarsia- Spezialisten, Goldschmiede, Buchbinder und vieler anderer mehr. Die bevorstehende Reichs- HandwerksWoche dürfte dem aufmerksamen Beobachter Gelegenheit bieten, einen Ueberblick über jene mit Kopf und Hand vorbildlich Schaffenden zu gewinnen, deren Arbeiten alle Aussicht haben, später womöglich Fantasiepreise, ebenso wie heute die besten Stüde verflossener Jahrhunderte, zu erzielen.
Bor hundert Jahren.
Gewerbesorgen und-klagen.
Dem Organ des Gewerbeverbandes der Stadt Lu zern ,,, Das Gewerbe", entnehmen wir folgendes:
Jun Jahre 1830 schrieb der Luzerner Advokat Lorenz Baumann eine Schrift über die Gewerbefreiheit, in bo er zeigen wollte, daß nicht im Zunftzwang und dem städtischen Protektionismus, sondern im freien Konkurrenzkampf das Heil des Gewerbestandes liege, weil er dann ununterbrochen an seiner Hebung und beruflichen Fortbildung arbeiten müsse. Die da maligen Verhältnisse auf dem Gebiete von Handwerk und Ge werbe schilderte Baumann in der Einleitung zu seiner Schrift folgendermaßen:
,, Wir vernehmen so oft die Klage des Gewerbs- und Handwerksmannes, ,, es ist nichts zu verdienen, die Gewerbe stocken, es ist alles übersetzt, es ist alles überlaufen," und wenn man fragt, woher mag wohl diese Not kommen?, so hört man verschiedene Antworten.
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,, Jeder Pfuscher will Meister sein," sagt der eine. ,, Ehedem war eine Handwerksordnung; es mußte der Handwerker seine Tüchtigkeit erproben. Er mußte sein Handwerk ordentlich erlernt, seine Wanderjahre gemacht, sein Meisterstück verfertigt haben. Aber jetzt ist weder Drönung noch Aufsicht. Jeder pfuscht in das Handwerk und nimmt dem Geschickten und Erfahrenen den Bissen vor dem Munde weg." Gin anderer glaubt, daß die freie Niederlassung davon die Schuld sei. Die Fremden sind es, die aus allen Weltgegenden hergelaufen zu uns kommen, welche den Landeskindern Erwerb Ein und Verdienst rauben und das Leben verkümmern." Dritter will dieses nur teilweise zugeben, hält aber dafür, daß die Fabrikwaren, die in Haufen in das Land gebracht werden, dem Handwerk alle Arbeit und Gewinn entziehen. ,, Wie kann der Schmied, der Schlosser, seine Arbeit verfertigen und darauf etwas gewinnen, wenn man seine Arbeiten, als da sind: Schaufeln, Aerte, Beiler, Schlösser usw., um die Hälfte wohlfeiler, aber freilich viel schlechter im Eisenladen kaufen kann?" Nur auf den Preis und nicht auf die gute Eigenschaft der Ware werde von dem Käufer Rücksicht genommen. Der Krämer, der Kaufmann jammert auch und gibt nicht diesen Uebelständen die Schuld des stockenden Gewerbes, sondern dem landesverderblichen Hansieren. Fremde Musterreisende verkaufen ihre Waren in den Gasthöfen, den kleinen Dorfkrämern in kleinen Portionen, beim Pfunde, bei der Elle. Andere laufen mit Körben in alle Häuser, auf alle Berge, in die entferntesten Täler, und verkaufen ihre Ladengäumer, verdorbene, schofle, oder aus der Mode gekommene Waren. Der Handelsmann in Städten und größeren Ortschaften, der noch Steuern und Gebräuche auszuhalten habe, der müsse diesem Unfug zusehen, und von Polizei wegen werde dem Uebel nicht nur nicht abge holfen, sondern dieses werde durch das Patenten- System noch vielmehr begünstigt. Endlich kommen alle diese Handwerks und Gewerbsleute darin überein, daß eine weise, landesväter liche Regierung diesen Lebeln abhelfen könnte und sollte."
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Der Leser wird sich sicher gedacht haben, daß die verflos senen hundert Jahre an den Verhältnissen nicht allzu viel ge ändert haben. Die vorstehenden Klagen kann man noch jeden Tag hören, und der Ruf nach obrigkeitlichem Schutz ist heute stärker als je.
Fördert das deutsche Handwerk!


