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Nr. 73

Samstag, den 12. September 1931.

Zins- und Pachtsenkung, Abbau des aufgeblähten Verwaltungs­apparates gefordert wurde. Die Entschließung wird begründet mit der katastrophal angewachsenen Notlage der Landwirtschaft im Kreise Wetzlar. Die Bauernschaft beschloß weiter, einen Selbst= schuh für die Sicherung der Herbsternte zu gründen. Man will auch eine Sammlung für die am meisten Notleidenden ins Leben rufen; das Ergebnis der Sammlung soll jedoch ausschließlich nach Maßgabe der Bauernschaft zur Verteilung gelangen.

9 Monate Gefängnis für Autorajerei. Marburg. Am 11. Juni d. J. waren der Sohn eines hiesigen Garagenbesitzers und ein Schlosser in einer Gemeinschaft mit Reisenden aus Hannover in der Deutschhausstraße damit be= schäftigt, eine Panne an dem Kleinauto des letzteren zu beheben. Plötzlich kam ein Adlerwagen dahergerast, der das an der rechten Straßenseite haltende Kleinauto streifte und die daran beschäf= tigten Personen buchstäblich wegrasierte. Sie blieben etwa 20 Meter entfernt schwerverletzt am Bürgersteig liegen. Der Rei­sende erlitt schwere Beinbrüche, Gehirnerschütterung und innere Verlegungen, an deren Folgen er am nächsten Tage in der Klinik verstarb. Als Führer des Adlerwagens wurde ein hiesiger Dachdeckermeister erkannt, der jetzt zu neun Monaten Gefängnis unter Ablehnung einer Bewährungsfrist verurteilt wurde. Hinzu kommen in der nachfolgenden Privatklage die Schadenersatzan­sprüche der Hinterbliebenen und Verletzten.

Marburg. Die hiesige Ortstrankenkasse ist in ihr neues Geschäftsgebäude übergesiedelt, welches mit einem Kostenauf­wand von rund 120 000 Mark an der Wörthstraße erbaut wurde. Mit 90 Jahren noch Stammgast!

Neuenhain i. Ts. Der frühere Landwirt Michael Weinig begeht am 12. d. M. in seltener Rüstigkeit seinen 90. Geburts­tag. Mit großem Interesse liest er noch ohne Brille die Zeitung und nimmt regen Anteil an den heutigen Vorgängen in der Politik. Allabendlich kann man den Recken( er mißt 1,99 Meter!) im Bazenhaus beim Abendschoppen Hohenastheimer treffen, wo er gemütlich sein Pfeifchen schmaucht und fiebitzt. Guter ,, Aeppel­wei" erhält jung!

90 000 Mart veruntreut.

Dillenburg. Amtlich wird mitgeteilt, daß die Unterschlagun­gen des Oberrentmeisters 3wanzig sich auf 90 000 Mark be= laufen. Der Oberrentmeister hat mit zwei Angestellten, die er zu Falschbuchungen anhielt, gemeinsame Sache gemacht. Nach Lage der Dinge scheint festzustehen, daß die bisherige Handhabung der Revisionen Lücken aufweist, andernfalls hätte es nicht möglich sein können, daß Unregelmäßigkeiten in diesem Umfange an­nähernd fünf Jahre unentdeckt blieben. Die Vermutung iiegt nahe, daß zwanzig seinem Sohne Heinz, der im Kreis Fron­hausen ein Sägewerk betreibt, Geld gegeben hat. Der junge Unternehmer hat jetzt eine Schuldenlast von über 25 000 Mark. Fast ausschließlich kleinere Bauhandwerker im Dillbezirk sind die Leidtragenden. Inzwischen wurde auch der junge Zwanzig in Haft genommen.

Unterschlagungen.

Sagen. Bei einer unvermuteten Revision der Werdohler Allgemeinen Ortstrankenkasse wurde festgestellt, daß sich der Ge­schäftsführer erhebliche Unterschlagungen hat zuschulden kommen lassen. Die veruntreute Summe beträgt rund 20 000 RM. Er wurde in Haft genommen.

,, Gießener Zeitung"

E. Ad. H. Schneeweiß, Swinemünde, Heysestraße 24.

Die Zentralstelle zur Bekämpfung der Schwindelfirmen, Hamburg 11, Börse, warnt wiederholt dringend vor jeglicher Verbindung mit dem als völlig unzuverlässig bekannten Dar­lehnsvermittler Schneeweiß, Swinemünde. Obwohl die Un­zuverlässigkeit dieses Darlehnsvermittlers auch den Behörden hinreichend bekannt ist, bestehen doch leider feine Handhaben, ihn an der Ausübung seines gemeingefährlichen Treibens durch Bestrafungen zu hindern, da ihm leider die strafrechtliche Ver­antwortlichkeit abgesprochen werden muß. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als fortgesetzt dringend und auf jede mögliche Weise vor diesem Darlehnsvermittler zu warnen.

Siegburg. Die Stadt Siegburg will ihrem großen Sohn Engelbert Humperdind ein Denkmal setzen. Es soll 1934 an seinem 80. Geburtstag enthüllt werden. Die nötigen Geldmittel sollen hauptsächlich durch Konzertveranstaltungen des Männer­gesangvereins Eintracht aufgebracht werden.

Kein Geld für die Beleuchtung der Schule. Lauscha( Thür.). Aus Mangel an Mitteln ist vom Ge meinderat angeordnet worden, daß aus den Schulen alle Be­leuchtungskörper und die Fernsprechapparate entfernt werden. Der Unterricht muß fünftig bis zum Einbruch der Dunkelheit

beendet sein.

Typhusepidemic.

,, The Bank of London Ltd.", London.

Diese Bank bietet zurzeit deutschen Kleinkapitalisten an, gegen Reichsmark oder deutsche Effekten ausländische Werte zu liefern. Da es sich um ein in London gänzlich unbekann­tes Unternehmen handelt, dessen Angebote im übrigen auch gegen Vorschriften der Noiverordnung verstoßen, wird gegen­über dieser Bank Zurüdhaltung anempfohlen.

Haus für 650 Familien!

In der sozialdemokratischen Presse. u. a. in der ,, Dresdner Volkszeitung", lesen wir:

Sangershausen. Hier ist eine Typhusepidemie ausgebrochen. Nach amtlichen Mitteilungen sind bisher 17 Personen erkrankt. Es handelt sich in der Mehrzahl um Schüler des Sangershäuser Gymnasiums.

Brand in einer Tonnenfabrik.

Kopenhagen. In der Nacht zum Freitag ist die größte Ton­nenfabrit Standinaviens, die Destensjö Tönde- Fabrik in Hauge­fund( Norwegen) abgebrannt. Insgesamt sind das Fabrik­gebäude, die Bureaugebäude und 13 Lagerschuppen mit über 10,000 fertigen Tonnen und Material den Flammen zum Opfer gefallen.

,, Die sozialdemokratische Magistratsfraktion in Amster­dam befürwortet das Projekt der Erbauung eines genossen schaftlichen Großhauses für 650 Familien. Es soll einen Baublock von 200X168 Meter umfassen und zwei verschie dene Wohnungstypen enthalten von einem bzw. zwei Wohn­zimmern, aber mit je drei Schlafzimmern, einer Küche und einem Baderaum. Alle Wohnungen sollen Zentralheizung und Warmwasserversorgung erhalten. Ferner sind eine Tele­phonzentrale, eine Rundfunkverteilungszentrale, eine elektrische Staubsaugerzentrale und eine allgemeine Müllschluckeinrich­tung geplant. Die Läden in dem Block, der siebenstöckig aus­geführt werden soll, werden lediglich Genossenschaftsläden sein. Alle Bestellungen aus den einzelnen Wohnungen sollen halbstündlich durch eine Laufbahnanlage in die Wohnungen Erledigung finden Durch den genossenschaftlichen Einkauf wird ein Teil des Mietpreises, der durchschnittlich 10,35 Gulden die Woche betragen soll, wieder eingespart. Der ganze Block kostet vier Millionen Gulden. Als Bauzeit sind zwei Jahre berechnet."

Was wird nur Adolf Damaschke dazu sagen? Wird er entsetzt sein, daß seine besten Freunde, die Cozialdemokraten, die Erbauung einer Mietskaserne größten Ausmaßes befürworten? 11. 2. w. g.

Günstlingswirtschaft!

Im Preußischen Landtag ist von seiten der Deutschnatio­nalen Volkspartei die nachstehende Anfrage Nr. 2669 einge bracht worden, die treffend zeigt, wie sogenannte ,, Gemeinnützige" durch einflußreiche Links- Politiker begünstigt werden:

10,

deren

,, leber die gemeinnüßige Wohnungsbau- Genossenschaft Groß- Berlin, Berlin W 10, Von- der- Heydt- Str. Vorsitzender Herr Landtagsabgeordneter Ministerialdirektor Meyer( Solingen) im Preußischen Wohlfahrtsministerium sein soll, wird glaubwürdig behauptet:

Durch den Einfluß des Herrn Ministerialdirektors Meyer ( Solingen) sei für ein in Haselhorst neu aufgezogenes Bauvor haben u. a. erreicht:

1. 500 000 R. aus Reichs- und Staatsmitteln seien ,, un­verzinslich"(!) gegeben.

2. Die Straßenaufschließungskosten würden aus einem ,, be­sonderen" Fonds gezahlt.

Darüber hinaus drücke Herr Ministerialdirektor Meyer ( Solingen) auf die Berliner Wohnungsfürsorgegesellschaft; er würde ihr keine Mittel bewilligen, wenn die Wohnungsfürsorge­gesellschaft seine" Genossenschaft nicht bevorzuge!

Diese schweren Vorwürfe gegen einen der einflußreichsten Beamten des Wohlfahrtsministeriums veranlassen mich zu fragen:

1. Ist es richtig,

gesellschaft keine Mittel bewilligen, wenn sie ,, seine"

Gesellschaft nicht bevorzuge?

2. Billigt das Staatsministerium, daß Herr Ministerial­direktor Meyer( Solingen), der in Fragen der Verteilung öffentlicher Mittel entscheidend mitzuwirken hat und daher der Privatwirtschaft und den Gemeinnützigen" objektio gegenüberstehen muß,

a) den Vorsitz einer ,, gemeinnützigen" Gesellschaft führt, b) als Vorsitzender das natürliche Bestreben haben muß, für seine" Gesellschaft zu arbeiten, d. H. in diesem Zusammenhange möglichst viele Vergünstigungen zu

erwirken und

c) seinen Einfluß als Ministerialdirektor, wie behauptet wird, dahin ausnußt, die Bewilligung öffentlicher

Erscheint Bezugspreis 2,40. fattionsschluß früh 8 rung nicht verlangte

Mittel davon abhängig zu machen, ſeiner Gesell-. Jahrg.

schaft Vorteile zuzuwenden?"

Herr Ministerialdirektor Meyer ist, was zum vollen Ver­ständnis klargestellt werden muß, der sozialdemokratische Land­tagsabgeordnete, der vom Geschäftsführer einer Baugenossen­schaft in Solingen zum Ministerialdirektor befördert und den zahlreichen langgedienten Fachbeamten des Wohlfahrtsministe riums übergeordnet wurde.

a) daß Herr Ministerialdirektor Meyer( Solingen) Vorsitzender der ,, gemeinnüßigen" Wohnungsbau- Ge­nossenschaft Groß- Berlin ist?

Wein als Feuerlöschmittel.

Ho.

Politich

Der Reichspräsident, brtsverbände haben ein Das Reichsfinanzmin mefticjrift auf jeden& ingert wird. Das gilt arung 1931, jowie benitiftungen und Be Reichspräsident von azoichen Botschafter berufungsschreibens. Die im Auguft des Beihwerde beim Böller Septembertagung des G allen wichtigen Ang edung gekommen, Die zuständigen Sto ben beschlossen, auf e indenden gemeinjamen Abwehrmaßnahmen gege haverfehr zu beraten. Die Verhandlungen es werden am Donn Die kommunistische& Antrag auf jofort anung eingebracht. Der Vorstand des Freußens hat gegen di

Gerade bei uns in Westdeutschland, im Gebiet der wein­gesegneten Pfalz und in den übrigen angrenzenden großen deut­schen Weinbaugebieten, ist die durstlöschende Kraft des edlen Traubensaftes bekannt, und auch anderswo weiß man den Wein seiner vielgestaltigen Kräfte und guten Eigenschaften wegen wohl zu würdigen und zu schätzen. Noch nie aber dürfte es vorgekom men sein, daß diesem adligen Trunk die Bestimmung wurde, anderen Brand als den in Zechers Kehle zu löschen. Und auch der selige Ben Akiba dürfte hier vermutlich mit seinem berühm­ten Tag, daß ,, alles schon dagewesen" sei, in erhebliche Schwie rigkeiten geraten. Denn Wein, und zwar Wein in bedauerns­wert großen Mengen, ist vor einigen Tagen in einem kleinen Weinbauern- Dorf Italiens zum Löschen verwandt worden, zum Löschen wirklichen Feuers, das die Häuser des Drtes zu vernichten drohte.

b) daß die Gesellschaft aus Reichs- und Staatsmitteln 500 000 RM. ,, unverzinslich" bekommen hat? Wenn ja, aus welchem Fonds?

c) daß die auf die Gesellschaft entfallenden Straßenauf­schließungskosten aus einem ,, besonderen" Fonds be zahlt werden? Wenn ja, aus welchem Fonds? d) daß Herr Ministerialdirektor Meyer( Solingen) in Verhandlungen oder Unterredungen zum Ausdruck ge­bracht hat, er würde der Berliner Wohnungsfürsorge­

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Wie so etwas möglich sein kann? Ganz einfach! In dem fraglichen Dorf, dessen Namen wir verschweigen, um seine Be­wohner vor der entfesselten Wut in ihrem innersten Empfinden beleidigter Weinfreunde zu schrißen, brach ein Brand aus. Das soll auch anderswo vorkommen, ohne daß darüber viel Aufhebens gemacht würde. Aber dieser Brand drohte, durch heimtückischen Wind begünstigt, das ganze Dorf in Asche zu legen. Vergebens mühten sich die Bewohner, des tobenden Elementes Herr zu werden. Die wenigen Brunnen versiegten bald und der kleine Bach, der an sich schon selten viel Wasser führt, war infolge langanhaltenden heißen Wetters gänzlich ausgetrocknet. In die­ser höchsten Bedrängnis entschlossen sich die Bewohner des ge­fährdeten Dorfes zu einem verzweifelten Schritt. Sie schlossen die Wasserspritzen an die riesigen Weinfässer an, die in den Kellern lagerten, und begannen so den Kampf gegen das Riesen feuer. Und tatsächlich, der Wein zeigte sich auch hier dem Brand gewachsen. Den Bauern gelang es, des Feuers Herr zu werden und ihr Dorf vor dem völligen Untergang zu bewahren.

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