Samstag, den 10. Januar 1931.
sein Schwager Lückhoff nur als Mittäter in Frage. Sobald die Untersuchung abgeschlossen ist, werden sich die Räuber vor dem Schwurgericht zu verantworten haben. Beide geben an, aus Not gehandelt zu haben.
Unregelmäßigkeiten bei der Ortstrantentasse Erfurt. Erfurt. Großes Aussehen erregen hier die öffentlichen Erörterungen über Unregelmäßigkeiten bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Es handelt sich um die von der Ortskranken
,, Gießener Zeitang"
kasse zugleich mit den Krankenkassenbeiträgen eingezogenen Beiträge zur Arbeitslosenversicherung, die zunächst als Einnahmen zu verbuchen und dann an die Reichsstelle abzuführen sind. Bei den Buchungen wurde die Trennung der beiden Beitragsarten in vielen Fällen nicht durchgeführt, so daß also ein Teil der Erwerbslosenbeiträge in der Krankenkasse ,, aufgegangen" sind. Nun sollen Nachzahlungen in Höhe von rund 100 000 RM. geleistet werden.
Die Wohnungsfrage eine Schicksalsfrage Deutschlands. Eine bodenreformerische Propagandarede. Verwechslung von Wohnungsnot und Wohnungselend. In der Technischen Hochschule zu Hannover hielt auf Veranlassung dessen Außeninstituts der Staatssekretär Scheidt vom Preuß. Wohlfahrtsministerium in Berlin einen Vortrag, in dem er etwa folgendes ausführte:
Aus den drei menschlichen Bedürfnissen: Nahrung, Kleidung und Wohnung ließen sich gewisse Rückschlüsse auf den Kulturstand eins Volkes ziehen, die sichersten Rückschlüsse jedoch aus dem Wohnungsbedürfnis.„ Sage mir, wie du wohnst, und ich will dir sagen, wie du bist." Wohnungsverhältnisse geben ein ge= treues Abbild der menschlichen Kultur. Der großstädtische Kleinwohnungs- Mensch, der von der Natur abgeschnitten sei und in luft- und lichtlosen Hofwohnungen hause, werde immer ein fümmerliches Dasein führen. Einen Ersatz für die mangelhafte Wohnung könne auch der Sport nicht bieten. In luft- und lichtlosen Wohnungen leide die Gesundheit, insonderheit sei es die Tuberkulose, die die Menschen in diesen Wohnungen befalle und die man als eine Wohnkrankheit bezeichne. Die Bettennot und das Schlafgängerwesen übten auf Moral und Sitte der Menschen einen unheilvollen Einfluß aus.( Woh nungs el end ist etwas anderes als Wohnungs not. Die Red.) Menschen, die so wohnten, hätten kein Heimatgefühl, sie seien der Scholle entwurzelt und fühlten sich als die Enterbten. Diese Leute beschwören Gefahren herauf für das politische Leben.
Die Privatwirtschaft habe in der Vorkriegszeit rein mengenmäßig das Bedürfnis nach Wohnraum erfüllt, allerdings mit erheblichen wohnlichen Mängeln. Die private Bautätigkeit habe sich nie nach dem Bedürfnis gerichtet, sie habe Bauobjekte bevorzugt, die eine sichere Rentabilität in Aussicht stellten. Die private Bauwirtschaft habe sich nach der Geldflüssigkeit gerichtet, wurde das Geld knapp, so wurde wenig gebaut. So sei die Versorgung des Volkes mit Wohnraum in der Vorfriegszeit unregelmäßig und stoßweise erfolgt. Je nach dem Stand der Industrie richtete sich das Baugewerbe; ging es der Industrie gut, so wurde viel gebaut, bei schlechtem Geschäftsgange wurde wenig gebaut. Allerdings habe die private Bautätigkeit in der Vorkriegszeit einen Wohnungsüberschuß ge schaffen, jedoch nur an großen und mittelgroßen Wohnungen; der Bau von Kleinwohnungen sei vor dem Kriege unzurei chend gewesen, da das private Baugewerbe ein unrentables Geschäft darin erblickt habe. Gegenüber diesen eigennützigen Bestrebungen der privaten Bautätigkeit hätten sich schon in der Borkriegszeit die gemeinnützigen Baugenossenschaften, allerdings damals noch im geringen Umfange, betätigt im Bau von Kleinwohnungen auf gemeinnütziger Grundlage. Hauptmangel in der Produktion des privaten Baugewerbes seien die Etagenhäuser; es wäre möglich gewesen, bei verständiger Bodenreform und Bodenvorratswirtschaft statt großer Etagenhäuser kleine Häuser zu bauen. Deutschland sei das klassische Land der Mietskasernen geworden. Für die verfehlte Bauweise von Berlin, wo stellenweise drei Höfe hinter: einander lägen, sei die damalige Bürokratie verantwortlich, die es nicht verstanden habe, Vorbedingungen für eine gesunde Bauweise zu schaffen. Wenn also auch die Mietstasernenwirtschaft zu beklagen sei, so habe man daran in der Vorkriegszeit nichts Schicksalhaftes an sich gefunden, die Zuspigung zum Schicksalhaften wäre eine Folge des Krieges. Heute müsse man im Wohnungswesen soziale Gesichtspunkte in den Vordergrund
Ein
stellen. Nach dem Kriege setzte eine staatliche Wohnungspolitik und fürsorge ein
1. durch die Zwangswirtschaft und
2. durch die Förderung der Neubautätigkeit durch Hauszinssteuerhypotheten.
Die amtliche Förderung der Neubautätigkeit sei der richtige Weg gewesen.
Im Jahre 1926 seien 130 000 Wohnungen gebaut
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1927 1928 1929
178 000
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Von 1926 bis 1929 hätten sich die Haushaltungen in Deutschland durchweg um 165 000 vermehrt, so daß für die ver mehrten Haushaltungen Wohnungen reichlich beschafft werden fonnten. Immerhin fehlten aber noch für 300 000 Wohnungslose die Wohnungen.( Nach den berühmten Listen der Wohnungsämter! Die Schriftleitung.)
In den letzten Jahren seien gebaut worden 13 Prozent aller Wohnungen aus Privatmitteln( ohne behördliche Zuschüsse) und 87 Prozent mit Zuschüssen aus öffentlichen Mitteln, da= von entfielen 73 Prozent auf die Hauszinssteuer.
Der Vortragende ging nun über zu den Aussichten für 1931. Die private Bauwirtschaft werde keine Rolle mehr spielen infolge der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage. Wie viele Wohnungen würden nun 1931 mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren sein? Die Quelle der öffentlichen Baugelder sei die Hauszinssteuer. Der Ertrag werde zurückgehen einma! durch die zunehmende Zahl der Hauszinssteuerstundungen und Niederschlagungen für einkommenslose Mietparteien und an= dererseits durch die Gesetzgebung.
1931 würden voraussichtlich einkommen an Hauszinssteuermitteln in Preußen 900 Millionen Mark, davon würden nach dem bisherigen System 450 Millionen Mark für den Wohnungsbau Verwendung gefunden haben. Nach der Notverordnung ständen jedoch dem preußischen Staate für den Wohnungsbau nicht mehr 450 Millionen Mark, sondern nur 300 Millionen Mark als öffentliche Bauzuschüsse zur Verfügung. Hiervon müsse man 75 Millionen Mark wieder in Abzug bringen, da schon Vorschüsse in dieser Höhe geleistet seien. Es blieben also 225 Millionen Mark zur Unterstützung der Neubautätigfeit in Preußen im Jahre 1931 übrig. Da auf eine Wohnung durchschnittlich 3500 Mark Zuschuß gegeben würde, so könne man ausrechnen, daß 65 000 Wohnungen im Jahre 1931 mit Zuschüs= sen aus öffentlichen Mitteln zu errichten seien. Das Reich habe eine neue Hilfe vorgesehen, nämlich die Bürgschaft für die zweiten Hypotheken. Diese Hilfe werde sich nur in beschränkter Weise auswirken wegen der schlechten Lage des Kapitalmarktes. Höchstens werde man auf diese Weise weitere 35 000 Wohnungen finanzieren können, so daß die gesamte Bautätigkeit in Preußen mit öffentlichen Mitteln 100 000 Wohnungen produ zieren werde. Man habe gesagt, das Bauen sei zu teuer, es müsse billiger gebaut werden. Diese Hoffnung sei zu Grabe getragen worden. Die Reichsforschungsgesellschaft habe kein praktisches Ergebnis gehabt.
Neben der behördlichen Finanzierung des Wohnungsbaues habe man die Zwangswirtschaft einführen müssen. In den Hausbesizer- Zeitungen würde dauernd geschrieben:„ Hebt die
Nr. 3.
Zwangswirtschaft auf und ihr seid aus allen Schwierigkeiten heraus." Die Lehre von der Aufhebung der Zwangswirtschaft könne jedoch keiner Kritik standhalten. Irgendwelche überzeugende Worte zur Verteidigung der Zwangsbewirtschaftung der Altwohnungen fand Staatssekretär Scheidt jedoch nicht.
Er ging noch ein auf die volkswirtschaftlichen und bevölke= rungspolitischen Schädigungen, die die Wohnungsnot zur Folge haben. Der Geburtenrüdgang werde andauern, wenn nicht im Wohnungswesen bald bessere Zustände geschaffen würden. Der Rüdgang in der Zahl der öffentlich finanzierten Wohnungen werde auch eine Zunahme der Arbeitslosigkeit zur Folge haben. Drei Arbeitskräfte seien notwendig im Jahre zum Bau einer Wohnung, für die etwa 7800 Mart Kapital im Durchschnitt aufzuwenden seien. Ein Arbeiter verdiene durchschnittlich 2200 Mark jährlich. 100 000 Wohnungen weniger bedeute 300 000 Bauarbeiter mehr arbeitslos und eine Mehrausgabe von 300 Millionen Mark für Arbeitslosigkeit. So sei die Wohnungsfrage eine Schicksalsfrage für Deutschland.
Neue Bücher.
In dem Januar- Heft der Deutschen Rundschau" beginnt eine recht interessante Aufsatzreihe: Die deutsche Wirtschaft unter dem Youngplan". Die Notwendigkeit einer Revision des Youngplanes ist zwar allgemein anerkannt, aber die große Oeffentlichkeit hat noch gar kein umfassendes Bild von den grundlegenden Tatsachen der deutschen Wirtschaft, die eine solche Revision erfordern. Dieses umfassende Bild wird die Aufsatzreihe in objektiver Darstellung geben und so dazu beitragen, durch Bildung einer einheitlichen öffentlichen Meinung den künftigen Verhandlungen einen starken Rückhalt im Volke zu geben.
Sonderbar sind die Friedhöfe der Wüstenstädte in der Sahara. Über die Totenstadt Sahara bringt die neue Nummer der ,, Münchener Illustrierten"( Nr. 2) einen interessanten Bil= deraufsatz mit Aufnahmen von solchen merkwürdigen Gräbern.
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