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Samstag, den 7. Februar 1931.

durch ein falsches System der Auslese, dem deutschen Volk viel wertvolle Kräfte entzogen würden. Die Studentenschaft der Universität Gießen fordert dagegen, angesichts der Ueberfüllung der akademischen Berufe und der Zurückdrängung des deutschen Volkstums zugunsten des Judentums an sämtlichen deutschen Hochschulen, die Einführung des ,, numerus clausus" für Studie­rende der jüdischen Rasse."

Der Beschluß der Gießener Asta wurde verworfen.

Der Kultusminister stellt mit Genugtuung die Mißbilligung und Ablehnung der Gießener Vorgänge durch den Ausschuß fest. Auch die Regierung müsse erklären, daß die zutage getretenen Bestrebungen nicht geduldet werden können. Die Regierung habe das ernste Bestreben, die Selbstverwaltung zu pflegen und zu erhalten. Es müsse untersucht werden, ob die Selbstverwal­tung noch aufrecht erhalten werden könne. Der zulässige Rah­men sei überschritten. Der Ausschuß faßte einstimmig folgenden Beschluß: Auf Grund eingehender Verhandlungen im Finanz­ausschuß hat sich die Regierung bereit erklärt, die Vorgänge im Gießener Asta weiter zu untersuchen und,' im Falle sich eine Ueberschreitung seiner Befugnisse ergibt, die gebotenen Maßnah­men zu ergreifen. Die Regierung wird nach Abschluß der Unter­suchung dem Landtag berichten. Der Ausschuß erklärt damit den Antrag Reiber, der die Auflösung der Gießener Studentenschaft gefordert hat, für erledigt.

Landtagsabgeordneter Haury.

Darmstadt. Die Deutsche Volkspartei in Hessen hat einen schweren Verlust erlitten: In der Nacht auf Donnerstag starb plötzlich an einem Herzschlag der Landtagsabgeordnete Zimmer­meister Konrad Haury in Darmstadt. Mit ihm verliert die Partei wieder einen Kämpfer, der 18 Jahre lang in der Darm­städter Stadtverordneten- Versammlung und 7 Jahre im Hessi­schen Landtag war. Haury war auch Landesvorsitzender des Hes­sischen Hausbesitzerverbandes, Mitglied der Handwerkskammer, Obermeister der Zimmererinnung und stellte in vielen anderen Ehrenämtern seine Kraft zur Verfügung.

,, Gießener Zeitung"

Attentat auf Mussolini vereitelt.

Rom, 6. Februar. Der verhaftete Anarchist Schirro, bet dem man fertige Höllenmaschinen gefunden hat, hat nach Mit­teilungen der römischen Polizei in der Nacht zum Freitag ein­gestanden, daß er ein Attentat auf den Diktator Mussolini plane. Der Täter kam aus Paris nach Rom. Hier ließ man Schirro zunächst einige Tage beobachten, um dadurch etwaige Helfers= helfer ausfindig zu machen. Inzwischen wurden verschiedene Verhaftungen vorgenommen, darunter diejenige eines Mannes, der vor einigen Tagen aus Mailand eintraf. Man entdeckte bei ihm antifaszistische Flugblätter.

Der Ruhrtohlen- Absatz weiter rückgängig. Der Absatz des Rheinisch- Westfälischen Kohlensyndikats hat sich im Januar weiter verschlechtert. Er stellte sich nach den vor­läufigen Ergebnissen auf arbeitstäglich 224 000 Tonnen, gegen­über 237 000 Tonnen im Vormonat und 260 000 Tonnen im Ja nuar 1930.

Kommunistenüberfall auf ein Versammlungslokal der NSDAP.

Am Mittwoch abend wurde von einem etwa 40 bis 50 Mann starken tommunistischen Trupp in Köln- Sülz das Wirtshaus ,, Euskirchener Hof" überfallen, in dem gerade eine nationalsozia= listische Versammlung stattfand. Die Kommunisten warfen Eisenstücke in die Fensterscheiben und gaben von der Straße aus scharfe Schüsse in das Lokal ab. Das sofort alarmierte Ueberfallkommando verhaftete drei Personen, von denen eine noch die Pistole in der Hand hielt.

Zuchthaus für Lebensmittelschieber in Rußland. Massenverurteilungen wegen Lebensmittelspekulationen im Rätestaat.

Frankreichs Goldjchak.

Unter dem Titel Die Rohstoffkrise in der Welt" veröffentlicht Dr. J. W. Reichert im Februarheft der Deutschen Rundschau" einen be= deutsamen Aufsay, in dessen Schlußteil er den Zu= sammenhang zwischen Rohstoff- und Geldkrise einer­seits und den Tributzahlungen Deutschlands an dererseits darstellt:

Viel zu wenig ist bisher in der Welt beachtet worden, daß die Tribute, welche die Stärkung Frankreichs herbeiführen, nicht bloß ein Schwächung Deutschlands, sondern auch eine Schwächung anderer Länder zur Folge haben. Am deutlichsten tritt dies vielleicht bei England in Erscheinung. Die hohen Tribute erlauben Frankreich, riesige Goldbestände an sich zu bringen. In den Jahren 1929 und 1930 sind die Goldvorräte Frankreichs um nahezu 3,4 Milliarden Mark gestiegen. Dieser Betrag entspricht etwa der Welterzeugung an Gold im gleichen Zeitraum. Ja, Frankreich ist bereits vor langer Zeit soweit gekommen, daß es die Goldpolitik der Bank von England stört und durch fortwährende Wegnahme hoher Goldbeträge der eng­lischen Wirtschaft großen Schaden zufügt.

Moskau, 6. Februar. Das Gericht in Tagejewka in Süd­rußland verurteilte vier Beamte zu 6 Jahren Zuchthaus, drei zu Jahren Zuchthaus und die übrigen drei Beamten zu zwei Jahren Zuchthaus wegen der Spekulation mit Lebensmitteln. Das Gericht hat nur deshalb nicht auf Todesstrafe erkannt, weil die Verurteilten aus bäuerlichen und Arbeiterfamilien stammen und Mitglieder der Kommunistischen Partei waren.

Wieder Erdstöße auf Neuseeland.

In einer Zeit also, in der England und Deutschland sich um die Erhaltung ihres Goldbestandes große Mühe geben müs­sen, ist es Frankreich spielend leicht geworden, seinen Goldschatz auf eine Höhe zu bringen, die selbst den amerikanischen Gold­bestand, auf den Kopf der Einwohner berechnet, überragt, von Frankreichs großen Schätzen an Devisen ganz zu schweigen.

Audland( Neuseeland), 6. Februar. Weitere Erdstöße, die sich im Laufe des heutigen Vormittags ereigneten, haben den Meeresboden weiter gehoben. Der kleine Kreuzer ,, Veronica" liegt nunmehr troden. Die Räumung Napiers dauert fort.

Sind wir ein sterbend Volk.

Von J. Haußner, Worms.

Lokales.

Sonntagsgedanken.

Nr. 11

3um heutigen Sonntag will ich eine sinnige Legende er­zählen. Sie paẞt so recht in unsere Zeit, wo fast jeder ein Kreuz, schwerer oder leichter, zu tragen hat.

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Vor uns steht ein großer, hagerer Mann, dessen furchige Gesichtszüge die Sprache von der Arbeit und von Sorge reden. Sein Auge ist trüb und matt. Sein ganzes Aussehen zeigt von verborgenen Leiden, von Tagen der Trübsal und von Zeiten der Not. Schon manchen erbitterten Kampf mag dieser Mann stumm und ohne Lärm geführt und bestanden haben. Da plötz­lich bäumt sich sein Trotz auf gegen das Schicksal, das er hart und ungerecht nennt. Seine Hand ballt sich zur Faust und er droht damit dem anscheinend ungerechten Verteiler von Glüc und Unglück. Hinter den Kulissen dieses Schauplates lauert der böse Geist, während der gute den fluchenden Mann in eine große Halle führt, wo unzählige Kreuze stehen, groß und klein, leicht und schwer. Und er führt ihn durch die mächtigen Gäulenhallen an Hunderten und Tausenden von Kreuzen vorbei und immer wieder spricht er zu ihm: Wähle! Endlich hat er es gefunden das Kleinste. ,, Du hast gut gewählt," sprach sein Führer, denn es war dein Kreuz, das du schon immer ge= tragen hast." Und der hagere Mann nahm es wieder auf sich und ging beschämt, aber zufrieden von dannen. Der Sonntagsschreiber.

Der Goldzufluß, der einseitig Amerika und Frankreich be= günstigt, ist die Folge der Nachkriegspolitik, insbesondere der Kriegsschuldenregelung und Tributbelastung. Auf der einen Seite werden Deutschland Jahr für Jahr ungefähr zwei Mil­liarden Goldmark abgezapft und ohne jede Gegenleistung den früheren Kriegsgegnern, in erster Linie den beiden genannten Ländern, zugeführt. Auf der andern Seite ergibt sich eine un­geheure Hortung von Goldbeträgen, für die von Frankreich feine wirtschaftliche Verwendung gesucht wird. Die riesigen Kapitalien bleiben dort unfruchtbar, während in einem Lande wie Deutschland viele fruchtbringende Wirtschaftsmöglichkeiten damit geweckt und genährt werden könnten.

Motto: Das Wichtigste bedenkt man nie genug." Goethe.

Nie ist einem Kranten gedient, wenn der Arzt nicht die zutreffende Diagnose stellt. Ein Volk ist sein eigener Arzt, fein anderer fann ihm helfen; es muß sich selbst helfen. Kennt es seine Krankheiten nicht, dann lann es sie auch nicht bekämpfen und muß verderben. Es ist daher sinnlos, an bestehenden Schä­den vorbei zu gehen, sie zu verheimlichen aus Furcht vor der bedrückenden Wirkung.

Einige wesentliche Symptome mögen hier genannt sein Die Sportrelordsucht

Nach Lage der Dinge muß unter den großen Kapital- und Goldfehlleitungen der internationale Warenaustausch wie der Rohstoffverbrauch aufs empfindlichste leiden. Genug, die von der Tributpolitik diktierten Kapitalbewegungen und die damit verbundenen Goldverlagerungen vergrößern die weltwirtschaft­lichen Spannungen, anstatt sie zu beseitigen.

ist schon vielfach von Kennern der Völkergeschichte als ein un­trügliches Zeichen des Niedergangs bezeichnet worden. Die Geschichte liefert hierzu allerdings Beweise.

Oberflächlichen Betrachtern schien es eine Zeitlang möglich zu sein, durch eine Gegeneinfuhr von Auslandskapital die Wun­den Deutschlands zu heilen, die diesem Lande von den Tributen Die von zahlreichen Ländern, namentlich geschlagen werden.

*

Diesmal nicht!

Die offiziellen Karnevalfeiern werden in diesem Jahr man­chen Einschränkungen unterliegen, einzelne werden ganz ausfal len, so bekanntlich der Rosenmontag in Köln. Es ist gesagt worden, daß der Vergnügungsbetrieb, der in Deutschland in den letzten Jahren etwas in Mode gekommen ist, uns außen­politisch schädigt. Sollen die Beobachter der fremden Mächte am Aschermittwoch ihren Auftraggebern melden können, daß ,, man" in Deutschland wieder einmal in tausend Formen Mum= menschanz getrieben, gut gelebt habe und darum auch weiterhin zahlen könne? Sollten wieder die Arbeitslosen und Lebens­müden zusehen müssen, wie ein verschwindend kleiner Teil unse­res Volkes keine andere Sorgen fennt als die Beschaffung eines aparten Fastnachtslostüms? Vielleicht sich selbst vorredend, es müsse Karneval sein wie immer, damit das Geld für die Hun gernden und Frierenden im Kasten flingt? Unwiederbring­liche innere Werte, Vertrauen, Zusammengehörigkeitsgefühl, Heimatliebe drohen in einer wilden Lohe von Neid, Haß und Verneinung unterzugehen. Nichts, kein Wort soll gesagt werden gegen Recht und Notwendigkeit der Freude, auch des Schönen, des Festlichen, vieler Freude, wenn es sein kann, für unser vielgeprüftes Volt. Aber aufdringlicher Luxus und wilde Ausgelassenheit sind am Karneval 1931 man mag sagen, was man will in unserem Vaterlande nirgends am Plazze!

von Amerika, geborgte Kauffraft Deutschands ist hier aber ebenso zusammengebrochen, wie die in Amerika durch Ausbau des Abzahlungssystems für Automobile und andere Bedarfs= gegenstände im größten Stile gepflegte Konsumfinanzierung. Deutschland kann nicht, wie in der Zeitspanne von 1924 bis 1930, immer wieder in gleichem Maße Kapitalbeträge in Höhe von zwei Dutzend Milliarden Goldmart hereinnehmen und hiermit seine Außenverpflichtungen abdecken und seine Kapital­not mildern. Kurz, die Tributlasten Deutschlands stellen einen dauernd wirkenden Krisenfaktor von unberechenbarer Größe dar.

Leibesübungen sind zweckmäßig, wenn sie nicht um ihrer selbst willen betrieben werden. Die Rekordsucht aber ist nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzwed. Oft wird nicht einmal der immer wieder hervorgehobene Zweck, die Ertüchtigung des Leibes, erreicht, dagegen häufig eine Schädigung der Gesundheit durch Ueberanstrengung herbeigeführt. Weit schlimmer jedoch ist der Verlust an geistigen und seelischen Werten und die nicht selten wahrzunehmende Verrohung bei völliger, dämonischer Hingabe an den Sport. Die Sportrekordsucht wirkt also vernach= lässigend, ja zerstörend auf die besten und für ein Volt wert­vollsten Eigenschaften des Menschen. Sie ist somit eine Krank­heit, die zwar zu heilen ist, wenn die Führer sich von der Ueber­zeugung durchdringen lassen, daß Sport niemals Selbstzwed, sondern nur Mittel zum 3wed jein darf. Ob wir dazu kommen? Die Bevölkerungsbewegung.

Geburtenrückgang zu verzeichnen hat und dies ist beim deut­schen Volk seit einigen Jahren in einem Ausmaß der Fall, wie - muß schließlich zahlenmäßig bei keinem zweiten Volk der Erde zurückgehen und es sich gefallen lassen, daß es von einem anderen was bei dem erwähnten Mangel Volk unterdrückt wird, Kraft und Willen, sich zu behaupten, nicht schwer fällt.

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Im Geburtenrüdgang haben wir es mit einer Volkstrant­heit zu tun, die nur teilweise und insoweit geheilt werden kann, als ihre Ursache wirtschaftlicher Art oder die Folge von Ueber­völkerung ist. Der weit schlimmere, auf Erschlaffung zurückzu­führende Teil aber ist kaum heilbar. Wir haben also in dem sich steigernden Geburtenrüdgang eine höchst bedenkliche Krank­heitserscheinung zu erblicken, die allein schon zum Sterben eines Volkes führen kann.

Die Geburtenziffer ist ein Maßstab für den sittlichen Stand eines Volkes und seine innere Kraft. Wohl wirken sich wirt­schaftliche Verhältnisse in der Zahl der Geburten aus; man übersehe dabei aber nicht, daß die Ablehnung der Zeugung gerade in der Oberschicht auch in Zeiten wirtschaftlichen Hoch­standes schon häufig anzutreffen war und sich nur mehr und mehr verallgemeinert hat, und daß von der Unterschicht heute noch mehr Kinder gezeugt werden. Es handelt sich hier also weniger um eine wirtschaftliche, als um eine zivilisatorische Frage. Es ist entweder innere Kraftlosigkeit, welche die Mög lichkeit der Ernährung von Kindern verneint, oder die Furcht vor der Preisgabe liebgewordener Lebensannehmlichkeiten und -Freuden. Ein Volk aber, das einen ständig sich mehrenden

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Schnee!

Jetzt gab es Schnee so einen hatten wir in diesem Jahre noch nicht. Der tam still und leis herab, die ganze Nacht ging dieses Schneien, und als der Morgen graute, lag so viel, daß es genug sein fonnie. Ein paar steuerlose Wirtshausgänger blieben gar bald stecken; etliche Schulknäblein fehrten weise um, bevor sie die verhaßte Penne zu Gesicht bekommen hatten- sie erzählten in der Heimat Räubermärchen von Schneegebirgen, unüberwindlichen Lawinenbahnen und von anderen gräßlichen Noturerscheinungen. Inzwischen aber fuhren Lastkraftwagen durch die Stadt, man machte einige Plätze und Straßenteile schneefrei. Dem Schnee aber war solches gleich: es schneite heiter weiter.

Es ist daher falsch, dem Raummangel durch Verminderung der Geburten begegnen zu wollen. Ein Volk, dem der Raum fehlt, muß sich ihn schaffen und darf, wenn nicht anders möglich, jelbst vor gewaltsamer Expansion nicht zurückschreden, sonst stirbt es.

Die Urbanisierung und die Agglomeration.

Die Wahlen zur Asta.

Die Wahlen zum Allgemeinen Studentenausschuß( Asta) hatten folgendes Ergebnis: Von 1357 abgegebenen Stimmen entfielen 745( i. V. 403), das sind 14 Sitze( i. V. 9), auf die

Wir hätten hiernach allen Anlaß, den Zug vom Lande zur Stadt zu behindern, geben uns aber alle erdenkliche Mühe, um ihn zu fördern.

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Die Agglomeration, dieses Zusammenballen von Menschen­mit der damit verbundenen massen auf beschränktem Raum Loslösung von Scholle und Natur, ist eine Folge der Urbanisie­rung. Das bißchen Unterricht in Naturgeschichte und Naturlehre reicht bei weitem nicht aus, die ausgleichend und harmonisierend wirkende Kenntnis der Natur und die Verbundenheit mit ihr für das ganze Leben zu schaffen. Das Wissen der Stadtmen­schen ist ein unvollkommenes und einseitiges und daher häufig zu verderblichen Extremen neigendes. Was weiß oft der Stadt­mensch von der Schönheit, den Wundern der Schöpfung, was weiß er von dem Schweiß, der geflossen ist und von dem Hoffen und Bangen, das Menschenbrust erfüllte, bis das der Erde an vertraute Samenforn zum Brot geworden, das er täglich ohne jegliche Ueberlegung und ohne jedes Gefühl der Dankbarkeit ge­nießt. Nie ist er eingedrungen in das wunderbare große Gesetz vom Walten der Naturkräfte, nie hat er das in der Schule über die Natur Erlernte mit Vorteil praktisch angewendet. Er maßt sich aber mit seinem beschränkten Wissen, Können und Füh­len, mit seinem mangelhaften Verständnis das Privileg an, zum Erziehen, Lehren, ja zum Regieren Solche Erzieher wer den nicht die Waffen schmieden, die geeignet sind, den Kampi dieses Lebens erfolgreich zu bestehen; solche Lehrer werden nicht Menschen mit umfassendem Verständnis für alle Dinge dieser Erde und mit dem Willen zur guten Tat und zur Duldung schaffen, und solche Regierende werden Völker nicht so leiten, wie es das Gesamtwohl des Volkes erfordert.

Vor wenigen Tagen brachte eine hiesige Zeitung die sehr pessimistischen Aeußerungen des Geheimrats Prof. Dr. Falke, Reitor der Universität Leipzig, über Die Landslucht, ihre Ur= sachen und Wirkung". Geheimrat Falte bezeichnet als die eigentliche Ursache der Landflucht die mangelhafte Rentabilität des Ackerbaues. Ich kann mir diesen Standpunkt nicht ganz zu eigen machen, denn es steht unbedingt fest, daß Landflucht in Deutschland schon seit 50 Jahren besteht, wenn auch nicht in dem Maße wie heute. Sie bestand also schon zur Zeit der Ren­tabilität der Landwirtschaft und es muß daher die ursprüngliche Ursache dieser Urbanisierung, dieses Zuges vom Lande zur Stadt, und zwar vom Osten nach dem Westen, wohl eine andere gewesen sein. Es ist die lodende Stadt", die Stadt mit ihren Palästen, jauberen Straßen, ihrer Kunst und ihrem Wissen, ihren geputzten Menschen und ihren reichen Gelegenheiten zur Befriedigung von Bedürfnissen mannigfachster Art, threm schein­bar viel bequemeren Leben, mit ihren Annehmlichkeiten und Genüssen. Städte sind aber nicht nur Stätten der Kunst, des Wissens und der Fortbildung, sondern auch der Sitz des Verbre= chens, des Lasters, der Verderbnis und der Degeneration. Flösse den Städten nicht immer wieder gesundes Blut vom Lande zu, sie wären längst verkommen. Die Verderbnis in den Städten bleibt leider nicht lokalisiert, sie strahlt aus infolge der heute lebhaften Verbindungen zwischen Stadt und Land, sie frißt weiter wie ein Krebsgeschwulst, treibt ihr Zerstörungswerk auch auf dem Lande und erfaßt schließlich ein ganzes Volk Beispiel: Geschlechtstrankheiten, Vergnügungssucht, Geburten­rüdgang auch auf dem Lande usw.

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Wir kennen die Wohnungs- und Sittennot in den Städten, wir kennen die Verdrehtheit der Weltanschauung und die soziale Einstellung vieler Stadtbewohner und wir begreifen in Betrach tung dieser Erscheinungen wohl das, was Prof. Dr. Rudolf Eberstadt einmal sagte, daß alle Kulturstaaten der Vergangen heit an ihren großen Städten zugrunde gegangen seien. Ist der Klasenhaz mit all seinen oft unerklärlich grotesken Aeußerun gen nicht gleich den Phantastereien eines Fieberkranken? Landflucht und Ver­Urbanisierung und Agglomeration städterung sind eine bösartige Krankheit, die nach Proj Eberstadt immer tödlichen Ausgang hatte. Kann sie geheilt werden? Wieviele Stadtbewohner streben nach dem Lande zurüd? Hat man keinen Erwerb, nun, dann gibt es ja eine Unterstützung, und ist sie auch nicht groß, so kann man doch mit allerlei möglichen Ausbesserungen schimpfend und frakcelend zur Not damit durchkommen, ohne arbeiten zu müssen.

Und damit komme ich zu den Auswirkungen der sozialen Fürsorge.

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