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Nr. 10

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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

44. Jahrg.

Politische Rundschau.

Der Reichspräsident empfing am Freitagvormittag die Führer der drei Bergarbeiterverbände. Die Bergarbeiterführer erstatteten dem Reichspräsidenten einen Bericht über die gegen­wärtige Notlage der Bergarbeiter.

Die nationalsozialistische Reichstagsfraktion hat folgenden Antrag eingebracht: Die Regierung Dr. Brüning besitzt nicht das Vertrauen des Reichstages".

Jm Reichstag ist in interfraktionellen Besprechungen der hinter der Regierung stehenden Parteien beschlossen worden, alle Anträge auf Einstellung von Strafverfahren gegen Abge­ordnete an einem der nächsten Tage im Plenum zu verhandeln.

Der Haushaltsausschuß des Reichstages genehmigte nach längerer Aussprache den Haushalt des Rechnungshofes und des Reichspartommissars.

Der von der Reichsregierung eingesetzte Ausschuß zur Prü­sung der Arbeitslosenfrage ist unter Vorsitz des Reichsministers a. D. Dr. Brauns zusammengetreten.

Für den verstorbenen volksparteilichen Abgeordneten Haury tommt als Nachfolger der Regierungsrat a. D. Richard Henne in den hessischen Landtag.

Der Reichslandbund teilte mit, daß er das vom Stahlhelm eingeleitete Boltsbegehren zur Auflösung des Preußischen Land­tages unterstützen werde.

Der Preußische Landtag vertagte sich am Freitag bis zum 23. Februar.

Am Donnerstag wurden in Kaiserslautern und Schiffer: stadt durch die Polizeibehörden unter dem dringenden Verdacht der Vorbereitung des politischen Hochverrats mehrere Separa: listen festgenommen.

Die Berliner Stadtverordnetenversammlung ist am Don nerstagabend unter einer allgemeinen Prügelei aufgeflogen. Während eines Handgemenges zwischen Kommunisten und Natio= nalsozialisten mußte der Vorsteher Haß die Sigung als beendet erklären.

In der Nacht zum Freitag sind in Viersen bei Zusammen­stößen mit Kommunisten drei Nationalsozialisten durch Schüsse erheblich verlegt worden.

Anwärter auf den Posten des Oberbürgermeisters von Wuppertal dies ist der neue Name der vereinigten Städte Elberfeld und Barmen ist der frühere Reichsjustizminister Prof. Dr. Bredt.

Der Franzose, Graf Wladimir d'Ormesson veröffentlicht in der Europa Nouvelle" einen Artikel, in dem er einen Nachlaß der deutschen Reparationsschulden um 50 Prozent verlangt.

Der bei Wollstein auf polnischem Boden notgelandete Schneidemühler Flieger Gruse ist wieder freigelassen worden. Jm polnischen Sejm gab im Rahmen der Haushaltsberatung der deutsche Abgeordnete Franz im Namen der Deutschen Frat­tion eine Erklärung ab, in der er die Terror- Methoden der pol= nischen Regierung scharf geißelte.

Die argentinische Regierung hat durch eine neue Verord­nung die Bestimmungen über den Belagerungszustand verschärft; auf Attentate gegen die Regierung, die öffentliche Ordnung, die Behörden und die Transportmittel steht die Todesstrafe. Außerdem wird in der Verordnung eine hohe Strafe für Teil­nahme an Streit, Boylott und Ueberfall festgesetzt.

Zahlreiche brasilianische Ehren- und Vizekonsulate werden aufgehoben, darunter in Deutschland, Desterreich, Frankreich, England, Holland, den skandinavischen Ländern und in der Schweiz.

Großes Aussehen erregte in Warschau die Nachricht, daß am Donnerstag drei Mitglieder des Regierungsblodes, die Univer sitätsprofessoren Krzyzanowski, Lichnici und Nowad, ihre Ab­geordnetenmandate niedergelegt haben.

Nach den von dem französischen Delegierten beim Inter­nationalen Arbeitsamt ermittelten Ziffern, die vom Intran­figeant" wiedergegeben werden, belief sich die Zahl der Arbeits­lesen in Frankreich am 31. Januar auf 350 000. Dazu kommen rund eine Million Kurzarbeiter.

Sämtliche spanischen Universitäten sind laut föniglichem Dekret für die Dauer von 30 Tagen geschlossen worden. An der griechisch- bulgarischen Grenze tam es zu einem mehrstündigen Feuergefecht zwischen den Grenzposten, bei dem ein griechischer Grenzer getötet wurde.

12 von den 13 lubanischen Gewerkschaften haben beschlossen, den Generalstreit zum Protest gegen die Diktatur des Präsiden­ten Machado auszurufen.

Die Bombayer Polizei hat den Präsidenten und drei Mit­glieder des Bombayer Nationalisten- Kongresses sowie vier Gandhi freiwillige wegen Boykotts des englischen Salzmonopols verhaftet.

Die neuseeländische Regierung hat den nächsten Sonntag zum Nationaltrauertag für die Opfer des Erdbebens erklärt.

Der Polizeipräsident Grzesinski hat, dem Berl. Lok.- Anz." zufolge, jede Propaganda für die bevorstehenden Wahlen zur Allgemeinen Studentenschaft verboten.

Die Regierung Südafrikas hat beschlossen, im Hinblick auf

( Gießener Tageblatt)

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 7. Februar 1931

den Preissturz landwirtschaftlicher Erzeugnisse den Landwirten größere Kredite einzuräumen.

Ganz Indien ist durch den Tod Pandit Motilat Nehrus, des früheren Kongreßpräsidenten, in tiefe Trauer versetzt. Die Schulen, Geschäfte und Bureaus wurden zum Zeichen der Trauer in den meisten Städten geschlossen.

In einem Gebäude der Reichsbahndirektion in Berlin wurde am Freitagmittag von einem Mann namens Freese ein Anschlag verübt. Er drang in das Zimmer des Reichsbahndirektors Zan­der ein und gab mehrere Schüsse ab, die den Beamten schwer veriegten. Der Täter tötete sich dann selbst durch einen Kopf­schuß.

In Paris fand die Wahl der Schönheitstönigin von Europa unter den Schönheitsköniginnen der verschiedenen europäischen Länder statt. Die Wahl fiel auf ,, Miß France".

Ein schweres Erdbeben suchte gestern die Insel Zakynthos ( Zante) heim. Das Erdbeben hat großen Sachschaden angerich­tet, jedoch keine Todesopfer gefordert.

Abstimmung

über die Mißtrauensanträge.

erst Sonnabend.

Der Aeltestenrat des Reichstages hat, wie aus Berlin ge­meldet wird, beschlossen, die Abstimmungen über die zum Haus­halt des Reichskanzlers vorliegenden Anträge, den national­sozialistischen Antrag auf Auflösung des Reichstages und die von den radikalen Flügelparteien eingebrachten Mißtrauensanträge, erst zu Beginn der Sonnabend- Sizung vorzunehmen, die bereits um 12 Uhr beginnen soll. Ferner ist für die Sonnabend- Sitzung die Beratung der Anträge zur Reform der Geschäftsordnung vor­gesehen. Die außenpolitische Aussprache im Reichstag wird da= her möglicherweise schon in der Montagssitzung beginnen. Die Nationalsozialisten haben inzwischen den bereits im Auswärti= gen Ausschuß eingebrachten Antrag auf Vorbereitung des Aus­tritts aus dem Völkerbund jetzt auch im Reichstag eingebracht. Ferner ersucht die Landvolkfraktion in einem Antrag die Regie­rung, beim Völkerbundsrat die sofortige Revision des Deutsch land auferlegten Abrüstungsplans mit der Begründung zu for­dern, daß Artikel 8 der Völkerbundsjagung ausdrücklich bestimmt, daß Pläne für die Abrüstung mindestens alle zehn Jahre neu zu prüfen und, soweit erforderlich, zu ändern sind. Seit dem im Versailler Vertrag für Deutschland festgelegten Rüstungsplan seien jedoch bereits mehr als zehn Jahre verflossen.

Die Einbürgerungen vor dem Reichsrat. Der Reichsrat beschäftigte sich am Donnerstag mit einer weiteren Liste von Einbürgerungsanträgen. Der Ausschuß­berichterstatter teilte mit, daß nur die thüringische Regierung gegen eine Reihe solcher Anträge Einwendungen erhoben habe mit der Begründung, daß durch die Einbürgerung dieser Fremd­rassigen das Wohl des Reiches gefährdet werde. 362 dieser An­träge betreffen Preußen, 21 Fälle Mecklenburg- Strelitz, ferner Hessen, Anhalt und Bremen. Die Mehrheit der Ausschüsse sprach sich gegen eine summarische Behandlung aus. sicht auf die große Gefahr für das Deutschtum schien der Mehr­heit ein strengerer Standpunkt als bisher geboten, zumal bei der bisher erforderlichen Mindestaufenthaltsdauer von nur zehn Jahren die Frist für diejenigen abläuft, die über die damals noch ungeschützten Grenzen nach Deutschland unkontrolliert her­eingeflüchtet sind.

Mit Rüd­

Die Mehrheit beschloß daher, eine Mindestaufenthaltsdauer von 25 Jahren festzusehen. Die grundsätzliche Frage der Ein­bürgerungspolitik überhaupt bleibt offen. Sie wurde einer Vereinbarung der Länder vorbehalten.

Die Verhaftungen in der Pfalz. München. Zu den Aussehen erregenden Verhaftungen von Separatisten in der Pfalz erfahren wir, daß die polizeilichen Er mittelungen ergaben, daß die Verhafteten in Verbindung mit amtlichen französischen Stellen das alte Ziel Frankreichs, einer Loslösung des Rheinlandes und der Pfalz vom Reich, weiter betrieben haben.

Zur Frage der Staatskommissare.

Bei Beratung des Gesetzes zur Sicherung der Haushalts­führung der Gemeinden hat die Deutsche Volkspartei in Hessen im Landtag gefordert, daß die zu ernennenden Staatskommissare verpflichtet wären, vor jeder Einnahme- Erhöhung alle nicht un­bedingt notwendigen Ausgaben der Gemeinden zu streichen. Wenn auch die von der Deutschen Volkspartei vorgeschlagene Formulierung abgelehnt wurde, so ist die Regierung der Auf­fassung der D.V.P. grundsätzlich beigetreten. Die Tätigkeit ein­zelner inzwischen ernannter Staatskommissare, die Einnahmen defretierten, ohne Ausgaben zu streichen, ja ohne überhaupt Zeit zur Prüfung des Haushalts der Gemeinde gehabt zu haben, ent= spricht weder den gesetzlichen Bestimmungen noch den früheren Zusagen der Regierung.

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 11

Lebensmitteleinfuhr:

3 Milliarden Reichsmart.

Das deutsche Volk hat im Jahre 1930 schon weniger für den Einkauf ausländischer Lebens- und Genußmittel ausgegeben, als 1929: 3 Milliarden RM. gegenüber 38 Milliarden RM. Zieht man davon ab, was Deutschland seinerseits an Waren dieser Art ans Ausland geliefert hat, so ergeben sich reine Ein­fuhrüberschüsse in Höhe von 2,5 bezw. 3,1 Milliarden RM. Diese großen Beträge, umgelegt auf die gesamte Einwohnerzahl Deutschlands, bedeuten: jeder Deutsche kaufte 1930 für 39 RM., 1929 hingegen für 49 RM., ausländische Lebens- und Genußmit­tel. Nun bietet allerdings der Vergleich dieser beiden Ziffern noch fein eindeutiges Bild. Der Rückgang der Einfuhrwerte ist nämlich zu einem wesentlichen Teil eine Folge der Preissenkung auf den internationalen Märkten. Schaltet man, rein rech= nerisch diese Verbilligungen aus, dann ergibt sich nur ein Rück­gang des Lebensmittelimports gegenüber dem Jahre 1929 in Höhe von 8,6 Prozent. In dieser Abnahme wirkt sich neben agrarpolitischen Maßnahmen auch die gesunkene Massenkaufkraft im Inlande aus.

*

Milliarden RM. Einfuhrüberschuß

im Außenhandel mit Lebensmitteln,

das ist für das verarmte, reparationsbelastete Deutschland eine gewaltige Summe. Zwar sind Zufuhren an Nahrungsmitteln heute noch im Interesse der ausreichenden Versorgung des Volkes unvermeidlich. Umfang und Zusammensetzung dieses Einfuhr­überschusses geben jedoch, in Anbetracht der schwierigen Lage unserer, von der Krise hart betroffenen Volkswirtschaft, zu denken. Besonders ins Gewicht fallen in diesem Milliarden­posten die Erzeugnisse des Gartenbaus und der Viehwirtschaft, von Produktionszweigen also, die bei uns oft sehr große Mühe haben, ihre Produkte unterzubringen. Eine Uebersicht über einige wichtige Einfuhrposten mag das veranschaulichen: Einfuhrüberschüsse

( Einfuhr abzüglich Ausfuhr)

in Millionen RM.

1929

1930

Gemüse und Obst

342

305

Südfrüchte

243

254

Fleisch, Speck, Würste Milch, Butter, Käse Eier

150

111

570

465

280

228

Diese Warengruppen umfassen 1929 sowohl wie 1930 die Hälfte der Gesamteinfuhr an Lebens- und Genußmitteln. Ab­gesehen von den Südfrüchen- Genußfrüchten handelt es

sich hier im wesentlichen um Produkte, die zum gleichen Preise und in gleicher Güte auch im Inland in ausreichender Menge erzeugt werden könnten. Hinter diesen nüchternen Einfuhrzif­fern verbirgt sich also ein Problem von größter Tragweite. Es gilt, die Arbeiten landwirtschaftlicher ,, Standardisierung" in be­schleunigtem Tempo weiterzuführen. Es gilt, durch Hebung der Qualität und durch Erzeugung von Markenartikeln( Marken­butter, Markenkäse, deutsches Frischei usw.) den Inlandsmarkt für die Produkte heimischer Landwirtschaft wiederzuerobern. Zum Gelingen dieses Werkes wird auch die deutsche Verbrau cherschaft beizutragen haben. Ihre Aufgabe wird es sein,

den heimischen Markenprodukten mehr Bedeutung zu schenken als bisher und sich bei der Wahl zwischen fremden und deutschen Erzeugnissen für das heimische Produkt zu scheiden.

Gießener Studentenschaft und Finanzausschuß.

ent­

Darmstadt, 6. Febr. Der Finanzausschuß des Hessischen Land­tages setzte heute seine Beratungen bei Kapitel 62 a( gewerb= liche und kaufmännische Unterrichtsanstalten) fort. In der Ab­stimmung wird der Antrag des Landbundes auf Entstaatlichung des gewerblichen Schulwesens mit 9: 3 Stimmen bei einer Ent­haltung abgelehnt. Ein Antrag der Sozialdemokraten, für Bü­dingen auch künftig Zuschüsse zu gewähren und die bisherige Ausbildung an der Gewerbeschule zu ermöglichen, wird ange­nommen. Ein weiterer sozialdemokratischer Antrag, in dem die Regierung ersucht wird, bis zum Jahe 1932 zu prüfen und Vor­lage zu machen, wie das Gewerbeschulwesen vereinfacht und mit dem gewerblichen Berufsschulwesen organisch verbunden werden könne, wird angenommen. Das Kapitel selbst wird gegen zwei Stimmen angenommen. Vor Eintritt in die Beratung des Ka­pitels 67 und 68( Landesuniversität und Technische Hochschule) wird auf Antrag der Sozialdemokraten beschlossen, den demokra­tischen Antrag zu behandeln, in dem die Regierung ersucht wird, den Studentenausschuß an der Universität Gießen aufzulösen.. Im Anschluß an einen Erlaß des Kultusministeriums wegen

Die DV.P. fragt daher an: Ist der Herr Minister des In- Einführung eines ,, numerus clausus" für Philosophie hatte die nern bereit, die Staatskommissare anzuweisen,

1. die dem Gesetz widersprechenden bereits erlassenen Anord­nungen zurückzunehmen,

2. ihre Tätigkeit in Zukunft streng im Rahmen des Gesetzes auszuüben?

Universität Gießen mit 20: 2 Stimmen einen nationalsozialisti­schen Antrag der nationalsozialistischen Gruppe Asta angenom­men: Die Studentenschaft der Universität Gießen lehnt den ,, numerus clausus"-Erlaß für Philosophie des hessischen Kultus­ministeriums ab, da, abgesehen von sozialen Ungerechtigkeiten