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Nr. 9

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Giessen.

Südanlage Nr 21

Gießener Zeitung

( Gießener Tageblatt)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­endung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

44 Jahrg.

Politische Rundschau.

Der Reichskanzler will die neue Notverordnung noch diese Woche fertigstellen. Von Einzelheiten der Notverordnung ist bisher bekanntgeworden, daß sie voraussichtlich in mehr als ein Dugend Teile zerfallen wird. Der fiskalische Teil enthält 1. die Erhöhung der Umsatzsteuer auf 2 Prozent, 2. die Ein­führung einer Kapitalertragssteuer oder Zinsausgleichssteuer ( was praktisch das gleiche ist) und 3. Gehaltssenkungen. Der vollswirtschaftliche Teil beschäftigt sich dann mit der Preis­senkungs- und Lohnsenkungsfrage. Ferner wird in die Not­verordnung auch ein Gesez gegen die Staatsverleumder" auf­genommen werden. Es handelt sich dabei um die Verschärfung der nicht mehr ausreichenden Bestimmungen zur Bekämpfung des Landesverrates.

Die von der Brüning- Regierung angekündigte Umsatzsteuer: erhöhung stößt überall auf stärksten Widerstand. Aus allen politischen Kreisen Tommt jetzt mehr wie je der sehr zu beach­tende Ruf nach Staats- und Verwaltungsreform und Preis: senkung der öffentlichen Betriebe. Auch der internationalen Wirtschaftsverpflichtung muß Raum gegeben werden.

Im Reichsinnenministerium werden zur Zeit Bestimmungen ausgearbeitet, die den Zweck haben, für die Zeit vom 20. De: zember bis zum 3. Januar einen innerpolitischen Burgfrieden zu sichern. In dieser Zeit sollen alle politischen Versammlungen verboten werden. Ferner wird es nicht gestattet, Flugblätter zu verbreiten und Plakate politischen Inhalts anzuschlagen. Der Haushaltsausschuß des Reichtages beriet das Pen­fionsgesetz. Anrechnungseinkommen sollen nur bis zu 4000 R.- Mark jährlich fürzungsfrei bleiben.

Im Haushaltsausschuß des Reichstages nahm Abg. Schlad ( 3entr.) scharf Stellung gegen die enorm hohen Preise der öffentlichen Hand. Die Steuern, die öffentlichen Gebühren, die Preise für Gas, Wasser, elektrische Kraft usw.( hätten einen Inderstand zwischen 180 bis 250.

Die Finanzminister der deutschen Länder haben am 3. De­zember gemeinsame Beratungen gehabt. Die öffentlichen Haushalte sollen um jeden Preis in Ordnung gebracht werden. Eine neue Senkung der Beamtengehälter und Löhne, Einfüh­rung neuer Steuern, Preissenkung wichtiger Grundstoffe ( Eisen, Kohle, elektrische Kraft), ist vorgesehen.

Die beste Lösung einer Reichsreform so erklärte der Reichs­minister a. D. Geßler während seiner Rede in der Polit, Gesell­schaft der Universität Freiburg, sei der Umbau des Reiches auf historischem Boden.

Der Parteivorstand der Deutschnationalen Partei hielt eine Sigung ab, in der beschlossen wurde, die Vollmachten des Füh­rers der Partei, Dr. Hugenberg, zu erweitern.

Die Führer des Stahlhelms, Düsterberg und Seldte, sowie der Schriftleiter des Stahlhelm", Kleinau, find in zweiter In­stanz von der Anklage der Beleidigung( Angriff gegen die Republik und die jetzige Staatsform) freigesprochen worden.

Der Deutsche Industrie- und Handelstag wählte Dr. Grund­Breslau als Nachfolger des zurückgetretenen Vorsitzenden Franz von Mendelssohn. Die gleiche Versammlung forderte Ausgleich der öffentlichen Haushalte und Zinssenkung, die dann von sich aus die Preisloderung bringen.

Der Nationalverband der protestantischen Kirchen Ameri­fas nahm eine Entschließung an, in der eine allgemeine Ver­minderung oder Streichung der internationalen Kriegsschulden gefordert wird.

Das Pariser Journal" und der Excelsior" berichten über­einstimmend, daß die englische Regierung auf der kommenden Konferenz die völlige Streichung der Reparationen und der interalliierten Schulden verlangen werde.

England ist für eine Verschiebung der Abrüstungskonferenz, wenn vor deren Zusammentritt eine gewisse Einigung zwischen Deutschland und Frankreich möglich ist.

In Spanien wenden sich viele Anhänger der noch jungen Republik von ihr ab. Man verlangt Milderung der Kirchen­und Ordensverfolgung.

Im finnländischen Parlament gab der Innenminister die auffehenerregende Erklärung ab, daß die Gerüchte über einen bevorstehenden Staatsstreich in Finnland nicht unbegründet feien.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.

Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedtonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 5. Dezember 1931

Der neue Hessische Landtag einberufen.

Das Landtagsamt hat die Einladungen zu der ersten kon­stituierenden Sigung des Hessischen Landtages auf Dienstag, den 8. Dezember, 12 Uhr, hinausgehen lassen. Die Tagesord­nung enthält nur die Wahl des Landtagspräsidenten, seiner beiden Stellvertreter, der Schriftführer, der Feststellung der Ge­schäftsordnung, der Feststellung der Ausschuß- und Aeltesten­ratsmitglieder sowie die Wahlen der Kommissionen. Eine Vor­besprechung über die Tagesordnungspunkte innerhalb der Frat­tionen findet am Dienstag statt.

Rücktritt der Linksregierung in Mecklenburg- Strelitz. Die Freitagnachmittagsizung des Mecklenburg- Strelizer Landtages hatte einen außerordentlich entscheidenden Verlauf. Zu Beginn der Tagesordnung wurde über den eingebrachten Mißtrauensantrag der Deutschnationalen abgestimmt. Die Ab­stimmung führte zur Annahme des Mißtrauensvotums gegen­über dem Staatsminister Dr. Freiherrn von Reibnitz. Für den Antrag stimmten 22 Abgeordnete, dagegen die 13 Sozial­demokraten. Staatsminister v. Reibnitz trat sofort zurück und erklärte die Berufung der Abgeordneten Fröhmce, Schreckhas und Gundlach zu Staatsräten für ungültig.

Hierauf ernannte der Landtagspräsident Bartosch auf Grund eines vorliegenden Antrages den deutschnationalen Abgeordneten Dr. von Michael zum Staatsminister.

Allgemeine Sentung der Fleischpreise steht bevor.

Im Reichsernährungsministerium finden zur Zeit Ver­handlungen mit den beteiligten Fachkreisen statt, die auf eine Senkung der Fleischpreise abzielen. Vor allem ist die verbil­ligte Abgabe von Fleisch an Erwerbslose und Unterstützungs­empfänger in Aussicht genommen. Für diesen Zwed ist von Reichs wegen eine Summe von 15 Millionen R.-Mt. bereit­gestellt. Bei der Aktion sollen jedoch auch gewisse Opfer von dem Fleischgroß- und-tleinhandel getragen werden.

Ueber diese Sonderaktion hinaus wird eine allgemeine

Senkung der Fleischpreise erstrebt durch Abbau aller Unkosten und Lasten, die für die Preisspanne zwischen Stall und La­den verantwortlich sind. Die Besprechungen sind bereits soweit gediehen, daß mit der Inkraftsetzung der niedrigeren Preise am 15. Dezember gerechnet werden kann.

Besserung im Befinden Dr. Schachts.

Ueber das Befinden des verunglückten Reichsbankpräsiden­ten a. D. Dr. Schacht wird vom Warener Krankenhaus mit­geteilt, daß es Dr. Schacht besser geht. Die Temperatur iſt normal. Komplikationen sind nicht eingetreten. Die Aerzte rechnen mit einer 14tägigen Bettruhe. Auch die inneren Ver­lekungen sind im Verheilen.

Englische Vernunft, französische Unvernunft.

Die englische Morningpost" warnt vor Beibehaltung der Höhe der Tribute, die Deutschland zahlen soll. Man müsse sich bemühen das Unglück, den Zusammenbruch Deutschlands, zu verhüten. Demgegenüber fordert der französische Abgeordnete Franklin- Bouillon von Deutschland eine Amortisierungskasse, mit der Deutschland seine 210 Milliarden Kriegsschulden in 10 bis 15 Jahren abzahlen soll.

Französische Repressalien?

Das französische Amtsblatt veröffentlicht ein Dekret, das für die deutsche Ausfuhr nach Frankreich von schwerwiegender Be­deutung werden kann. Artikel 1 dieses Defretes lautet: ,, Um die Interessen der französischen Exporteure nach denjenigen Ländern zu wahren, welche ein Devisen- Kontrollregime er richtet haben, werden die von diesen Ländern stammenden oder kommenden Einfuhrwaren, in denen die Devisenkontrolle unter Bedingungen errichtet ist, welche die Regelung der französischen Guthaben hemmen, kann, ganz oder teilweise einer Lieferungs­bewilligung unterworfen."

Staatsmänner Europas und ihr Bekenntnis. Durch die holländische Tagespresse ging kürzlich die Notiz, Am 30. Januar 1932 wird die Sowjet- kommunistische Par- daß, wer den deutschen Reichspräsidenten einmal sehen wolle, ihn am sichersten des Sonntags in der Kirche findet. Das ist ein tei über einen zweiten Fünfjahresplan beraten. Ehrenzeugnis für Hindenburg, der aus innerster Ueber­zeugung sich mitten unter ganz anders gesinnten führenden Staatsmännern offen zu seinem Glauben bekennt. Es ist wenig bekannt, daß auch der jetzige Präsident der französischen Repu= blit, Doumer, ebenso wie sein Vorgänger Doumergue, über­zeugt evangelisch ist, während Frankreich in seiner Mehrheit dem katholischen Glauben angehört. Ebenso verwunderlich ist es eigentlich, daß der Reichsverweser von Ungarn, Horthy,

Die Reichstagseinberufung abgelehnt.

Der Weltestenrat des Reichtages tagte, um zu dem neuen tommunistischen Antrag auf Reichstagseinberufung Stellung zu nehmen. Die Reichstagseinberufung wurde vom Aeltesten­rat abgelehnt. Für die Reichstagseinberufung stimmten die Nationalsozialisten, die Deutschnationalen, die Kommunisten und die Deutsche Volkspartei. Die Vertreter der Wirtschafts­partei und des Landvolks vertreten den Standpunkt, daß die Tage einer Reichstagseinberufung praktisch erst akut werden, wenn die Notverordnung bekannt ist.

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 96

Die Lehre vom gerechten Lohn.

= In dem Klassenkampf des Sozialismus hat unter dem Einfluß der Gedankenwelt von Karl Marx seit Jahrzehnten die Lehre vom ,, Mehrwert der Arbeit" eine bedeutsame Rolle gespielt. Der Mehrwert der Arbeit, das ist der Teil vom Wert des Arbeitserzeugnisses, der dem Arbeiter durch das Ka­pital vorenthalten wird, das ist der Teil des Lohnes, der dem Arbeiter am ,, gerechten Lohn" fehlt. Auf dem Boden dieser Lehre ist der Haß der sozialistischen Arbeiterschaft gegen die Unternehmer als ihre ,, aisbeuter" geivachsen, der zu einer weit­gehenden Zerstörung der Gemeinschaftsarbeit am Werk geführt hat. Es ist aus dieser Lehre aber auch die Ueberschätzung der manuellen Arbeit an der Maschine entstanden. ,, Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" Aus der Erkennt­nis ihrer Fähigkeit, durch gemeinsames Handeln die Güter­produktion stillegen zu können, wurde in der sozialistischen Ar­beiterschaft ein Machtbewußtsein geboren, das zur Blindheit gegenüber den sonst noch an der Produktion beteiligten Kräften und ihrer Bedeutung führte. Die sozialistische Arbeiterschaft sah nur noch in sich selbst das ,, werktätige Volk", ohne sich bewußt zu bleiben, daß es auch noch andere starke Arme gibt, die die Produktion stillegen können, so

die Macht des Kapitals,

der Wille des Unternehmers und die geistigen Kräfte,

die dem Arbeiter die maschinellen Produktionsmittel erst er­denken, zur Verfügung stellen und die sicherlich auch werktätiges Volk sind.

In der Stahlhelmzeitschrift ,, Der alte Dessauer" hat K. L. Halbig- Halle( Saale), um dieser übertriebenen Ein­schätzung der manuellen Arbeit zu begegnen, die lange Kette der geistigen und körperlichen Arbeitsvorgänge geschildert, die notwendig sind, um dem Arbeiter die Arbeit an einer modernen Maschine überhaupt erst zu ermöglichen: Von der genialen Idee des Erfinders über konstruktive Formgebung durch Ingenieure zu der Einzelarbeit der Zeichner sowie Modelltischler und bis zum ersten Versuchsbau durch Meister und Vorarbeiter mit Nach Prüfung aller zahllosen einzelnen Arbeitsvorgängen. Funktionen der Versuchsmaschine durch erfahrene Spezialisten und mancherlei Aenderungen scheint die neue Maschine als ein Ergebnis technischen Fortschritts verkaufsgeeignet zu sein.

Nun beginnt erst der zweite Teil der Arbeit: Die Ma­schine muß zum kaufmännischen Erfolg gebracht werden. Der Werbeleiter und die den Wettbewerb kennenden Kaufleute müs­sen den Verkauf organisieren. Reklamezeichner treten in Tätig­feit, Lithographen und Drucker schaffen die Reklamesprospekte, die die Post zu versenden hat. Reisende werden ausgesandt, die der Kundschaft die Vorzüge der neuen Maschine zu erklären haben und einen Verkaufserfolg aufweisen müssen, wenn sie ihre Stellung behalten wollen. Dann ist die sogenannte ,, Bo­nität" etwaiger Käufer zu prüfen, um Verluste zu vermeiden. Eine sorgfältige, kaufmännische und Betriebsbuchführung ist da­bei Vorbedingung für Ordnung im Werk.

Dazu hat die Werksleitung die Aufgabe, sich ständig über die Maßnahmen des Staates unterrichtet zu halten und sich rechnerisch mit ihnen auseinanderzusetzen, muß die steuer­lich und sozialen Lasten kalkulieren, die auf der Einzelmaschine ruhen, die Handelsverträge prüfen und über die Berufsorgani­sation zu beeinflussen suchen, die ihr Staat mit anderen Staaten geschlossen hat oder schließen will.

Zu den zahllosen Personen und Faktoren, die an der Er­zeugung und dem Verkauf der Maschine beteiligt sind, tritt nun aber noch die Tätigkeit des Unternehmers, der, im Mittel­punkt aller Erzeugungsvorgänge stehend, der Drganisator des Ganzen sein muß. Ihn bedroht die Gefahr, daß die neue Ma­schine, in die er große, eigene Mittel steckte, den erwarteten wirtschaftlichen Erfolg nicht bringt, entweder dadurch, daß ein anderer Erfinder gleichzeitig eine bessere Lösung gefunden hatte, oder daß die technische Entwicklung sein Erzeugnis vor­zeitig entwertet, vielleicht gar überflüssig macht. Ein Vor­gang, der im Zeitalter sich überstürzender, epochaler Erfindun­gen oft genug ganze Industriezweige auf das schwerste bedroht und der deshalb in die Risikokalkulationen des Unternehmers mit hineingespielt.

Wer hat im Falle eines solchen Mißerfolges den Scha­den, wer den Nutzen der ganzen Arbeit? Den Schaden allein der Unternehmer, den Nugen alle die anderen, die ihre Arbeit bezahlt bekamen. Wäre die Lehre vom ,, gerechten Lohn" rich­tig, so müßte, da das Erzeugnis so vieler Menschen sich als Fehlschlag erwiesen hat, der Schaden auf alle diese Menschen

verteilt werden.

Nehmen wir aber den Fall des Erfolges der neuen Ma­schine an, so wird die Frage nach dem gerechten Lohn für die zahlreichen an der Erzeugnung beteiligten Personen zu einem unlösbaren Problem. Der Erfinder, der Meister, der Inge­nieur, der Vorarbeiter, die Arbeiter, die Kaufleute, der Pro­

und der frühere Ministerpräsident Graf Bethlen der reformier- pagandist, die Reisenden, sie alle werden ihren Anteil am Erfolg ten Kirche angehören und daß in der meist katholischen Tschechei der vor 30 Jahren zur evangelischen Kirche übergetretene Pro­fessor Masaryk an der Spitze steht, während es selbstver: ständlich erscheint, daß die Oberhäupter von Estland und Finn­land lutherisch sind.

der Maschine einzuschäßen wissen. Wer will bei der unend­lichen Vielgestaltigkeit der Beteiligung an der produktiven Schöpfung den Maßstab aufstellen, in dem der Einzelne an dem gealückten Gesamtwerk teil hatte?

Mit Recht sagt Halbig, daß die Höhe der zu veraus­