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Nr. 61

Camstag, den 1.

Samstag, den 1. August 1931

Das erleichtert den Räubern, Dieben und Einbrechern ihr übles Handwerk, unterbindet den bargeldlosen Verkehr, erfordert einen sehr viel größeren Notenumlauf. Das Gegenteil von dem, was man will, wird erreicht.

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Zugegeben: Der Devisen und Goldabzug hatte einen Um­fang erreicht, daß zu einschneidenden Maßnahmen gegriffen wer­den mußte. Nicht dagegen, daß solche ergriffen wurden, richtet sich der Umwille der Verständigen, sondern gegen die Uebertrei­bungen, die mehr schaden wie nußen. Hätte man den Besitzern von Bankguthaben die Verfügung darüber, soweit sie aus regel­bei den mäßigen laufenden Einnahmen herrühren, belassen großen sie vielleicht auf die Hälfte oder ein Drittel beschränkt-, so wäre kein Run auf die Banken erfolgt; das Geld wäre im regelmäßigen Verkehr zu den Banken zurückgekehrt. Je länger der jetzige unerträgliche Zustand dauert, umso schlimmer leidet darunter auch der Einzelhandel in den Waren, deren Anschaffung zur Not herausgeschoben werden kann. Das verhindert die Räu­mung seiner wie der Läger des Großhandels, schafft wachsende Arbeitslosigkeit in der Industrie und im Handwerk, schränkt den Verkehr der Reichsbahn wie aller Transportunternehmungen ein. Die sofortige wesentliche Milderung der in Frage stehenden Bestimmungen ist dringend geboten; was bisher darin geschehen ist, ist völlig unzureichend.

,, Gießener Zeitung"

wendbaren Gehaltsbezüge in der gleichen Weise wie seither auf die Beamtenbanken und Sparkassen überweisen zu lassen. Ge­rade von den gewerkschaftlich Organisierten müsse, trotz der schweren Opfer, die von den Beamten und Angestellten zu tragen seien, Ruhe und Besonnenheit gezeigt werden..

Die Sparkassentätigkeit in Hessen.

Nach dem Ausweis des Landesstatistischen Amts sind im Juni 1931 bei den öffentlichen Sparkassen im Gebiet des Volks­staates Hessen eingezahlt worden: 7913 000 RM., ausbezahlt dagegen: 13 192 000 RM., so daß sich erstmalig ein Minus­betrag von 5 279 000 RM. herausstellt. Von Jahresbeginn bis Ende Juni ist demgegenüber ein Einlagenzuwachs von 9 611 000 RM. festgestellt worden.

100- Mart- Gebühr und Auswanderer.

Die Notverordnung über Auslandsreisen sieht eine Paz­gebühr von 100 RM. vor. Diese wird nicht erhoben bei Ueber­schreiten der Grenze zum Zweck der Auswanderung. Um von der Paßbehörde den Vermerk ,, von der Entrichtung der Aus­reisegebühr befreit" zu erlangen, ist die Bescheinigung einer größeren Auswanderer- Beratungsstelle erforderlich. Zur Be schaffung dieser Bescheinigung steht die Auswanderer- Beratungs­stelle des Hessischen Landesvereins für Innere Mission, Darm­stadt, Bismarckstraße 55, zur Verfügung. willige tun gut, die Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens gebenenfalls auch auf schriftlichem Wege durch entsprechende Unterlagen nachzuweisen.

,, Graf Zeppelins" Rückkehr nach Friedrichshafen.

Auswanderungs­

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Friedrichshafen. Ueberraschend schnell kam das Luftschiff

Unsere Auslandsverschuldung.

Dem deutschen Volt ist seine tragische Rolle als großer Weltschuldner nie deutlicher bewußt geworden, als in den letzten Wochen mit ihren sich überstürzenden Ereig= nissen. Jahr für Jahr hat sich Deutschland, unter dem Zwang der Verhältnisse, immer tiefer in das Netz der Auslandsver­schuldung verstrict. Ein tiefer Zwiespalt durchzieht unsere wirt­schaftliche Entwicklung in der Nachkriegszeit: Deutschland, durch die Folgen des Krieges und überaus harter Friedensbedingungen erschöpft, ausgemergelt, wäre faum im Stande gewesen, seinen Wirtschaftsbetrieb aus eigener Kraft wieder in Gang zu bringen und auszubauen und dieses gleiche Deutschland wurde für start genug gehalten, Milliardenbeträge an Reparationen zu zah­len. Nur durch die Aufnahme von Auslandskrediten konnte der Reparationsmechanismus jahrelang, bis zum Inkrafttreten des Hooverplanes, in Gang gehalten werden. Unsere Gesamtvet schuldung an das Ausland belief sich Ende 1930 auf rund 26% Milliarden RM. und, wenn man von diesem Betrage absetzt, was Deutschland seinerseits dem Auslande geborgt hat, auf rund 17 Milliarden RM.

Unglücklich war auch die Notverordnung über die Erhebung einer Gebühr von 100 RM. für jede Reise über die Grenze. Die Kapitalflucht soll damit verhindert werden. Noch vor weni­gen Wochen hatte der Reichsfinanzminister versichert, daß sie im Gesamtverlust an Gold und Devisen keine nennenswerte Rolle spiele. Das Institut für Konjunkturforschung bestätigte es. Wer auf diese Weise Kapital über die Grenze bringen will, wird sich durch die Ausreisegebühr nicht davon abhalten lassen. Dafür gibt es zudem bequemere Wege. Und was schadet uns diese Gebühr! Ausschlaggebend für unsere Zahlungsbilanz ist die Gestaltung unserer Ausfuhr. Sie zu fördern und zu erleichtern ist oberste| ,, Graf Zeppelin" von seiner Arktisfahrt wieder in den Heimat­Aufgabe gerade in einer Zeit, wo der Inlandsmarkt so sehr versagt. Den einmütigen Vorstellungen aller Vertretungen von Handel und Industrie ist es gelungen, wenigstens den geschäft­lichen Verkehr davon zu befreien. Die Abschnürung des deut schen Touristenverkehrs wirkt sich für Desterreich und die Schweiz so nachteilig aus, daß deren Kaufkraft für deutsche Waren ver­siegt. Sie schafft in unseren Nachbarländern eine Erbitterung, die sich in Repressalien, Warenboykott usw. so gefährlich für unsere Ausfuhr auswirkt, daß der Schaden, der durch eine solche Maßnahme unserer Zahlungsbilanz zugefügt wird, vielfach weit als die größer ist abgesehen von der ideellen Schädigung Ersparnis an den Ausgaben der Ausreisenden.

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In der Politik ist es wie mit der Medizin: in richtiger Dosierung heilt sie, in übertriebener wirkt sie als Gift.

Zahlungsmittelkrise und Gemeindebeamtenschaft. Die Gewerkschaft hessischer Gemeindebeamten nimmt in einem Aufruf an die Vertrauensleute der Organisation Stellung zu der Finanzlage der Gemeinden und ihre Auswirkung auf die Gemeindebeamten und Angestellten. Es wird die Auffassung vertreten, daß es z. Zt. Aufgabe aller Verantwortlichen in den Gemeindeverwaltungen sein müsse, jede Ausgabe zu vermeiden, die nicht unter allen Umständen geleistet werden muß. In erster Linie gelte es, die Mittel bereit zu stellen für die Aus­zahlung der Unterstützungen und der Gehälter und Löhne. Den Beamten und Angestellten wird empfohlen, alle nicht sofort ver=

Kriegsausbruch 1914.

Von Prof. Fr Wenzel- Darmstadt.

hafen Friedrichshafen zurück. Nachdem im Laufe des Donners­tag nachmittag bekannt wurde, daß am Freitag früh 5 Uhr die Landung hier sein sollte, tamen im Laufe der Nacht viele Hun­derte von Fremden nach Friedrichshafen. 4.50 Uhr fuhr ,, Graf 3eppelin" zur Landung an. 4.52 fielen die Haltetaue, und kurz darauf war die Landung vollzogen, währenddessen die Stadt­tapelle den Graf- Zeppelin- Marsch spielte und die Menschenmenge jubelnd ein Hoch auf die Arktisfahrer ausbrachte.

Eine Erklärung Dr. Edeners.

Dr. Edener erklärte, daß die Fahrt zu seiner vollsten Zu­friedenheit und zur Zufriedenheit der Forscher ausgefallen und daß das ganze Programm, wie es geplant war, durchgeführt worden sei. Das Luftschiff habe sich wiederum glänzend be­währt. Insgesamt seien 13 000 Kilometer zurückgelegt worden. Serbsttagung der Deutschen Landwirtschafts- Gesellschaft in Darmstadt.

Die alljährlich an einem anderen Ort stattfindende Herbst­tagung der Deutschen Landwirtschafts- Gesellschaft wird in diesem Jahre vom 13. bis 18. September in Darmstadt veranstaltet. In 17 öffentlichen Versammlungen und einer großen Zahl von Aus­schußsizungen wird zu den wichtigsten Tagesfragen der Landwirt­schaft Stellung genommen werden. In den Ausschußsizungen werden die vorbereitenden Verhandlungen für die Mannheimer Wanderausstellung( 31. Mai bis 5. Juni 1932) einen großen Raum einnehmen.

Ein jeder ging seinem Berufe nach, und trank und war fröhlich und guter Dinge. Das war das Gepräge der Zeit, so weit ich mich zurüderinnern kann. Weshalb sollte man nicht jorglos sein? In dem nun vier Jahrzehnte zuvor erbauten Hause hatte man sich wohnlich eingerichtet. Die Grundlage zum Dasein war ohne größere Schwierigkeit zu schaffen, das Geschäft, Handel und Wandel blühte und qoll hinaus nach allen Richtungen, in alle Welt. Dort hatte man auch festen Fuß gefaßt. besaß Kolonien Aber die andern? Nun ja, freilich, ohne Neid und Mißgunst gehts nicht ab in der Welt. Aber sie sollten sich hüten. Wie lange war es her, daß der Deutsche feine Kraft gezeigt hatte? Die 70 geschlagen hatten, waren noch da; ihre Söhne waren inzwischen herangewachsen und stan den auf der Wacht. Gewiß, am Horizont dahinten war auch einmal eine dunkle Wolfe aufgetaucht. Der Himmel kann nicht immer blau und heiter sein Aber wie sie gekommen, war die Wolfe auch wieder entschwebt. So lebte denn alles munter in den Tag hinein und freute sich des wachsenden Wohlstandes. Die Regierung schaffte es schon und Heer und Flotte auch Wozu zahlen wir denn die Prämie für diese Lebensversicherung? Doch die Bewölkung nahm zu Schon in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts machte sich die politische Spannung in Europa deutlich bemerkbar. Angriffslustig scholl es aus Frank­reich herüber Das war nicht verwunderlich. Aber auch aus England drangen kriegerische Töne. Und das begriff man nicht recht. Der englische Handelsneid war nur zu gut bekannt, und Aber unsere Flotte betrachteten sie auch mit scheelen Blicken. immer noch stand England in Ein- und Ausfuhr in den an­deren Staaten an erster Stelle; wir folgten erst in weitem Ab­stand Die Flotte- wer dachte bei uns daran, sie zum Werk­zeug eines Angriffstriegs zu machen? Sonstige Reibungsflächen bestanden gar nicht Umso ungeheuerlicher wirfte die Ent­hüllung: Großbritannien habe sich schriftlich verpflichtet, im Falle

eines Angriffskrieges Deutschlands Frankreich zu Hilfe zu kommen durch Beschlagnahme des Kaiser- Wilhelm- Kanals und die Besetzung Schleswig- Holsteins mit hunderttausend Mann.

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Die schwere Finanzkrise hat diese Zusammenhänge rüchsichts­los vor aller Welt enthüllt. Sie hat gleichzeitig gezeigt, welche Gefahren aus dem Teil der Auslandskredite erwachsen können, die vom Geldgeber lediglich kurzfristig jederzeit abziehbar, zur Verfügung gestellt wurden. Dieser Teil war verhältnismäßig groß eine Folge besonders gelagerter Verhältnisse auf den internationalen Kreditmärkten. Ende 1930 belief sich die kurz­fristige Auslandsverschuldung der deutschen Banken allein auf etwa 8,2 Milliarden RM. Insoweit gründete sich das deutsche Kreditsystem also auf schwankendem Boden. Von dieser kurz­fristigen Auslandsverschuldung nahmen daher auch die Schwie­rigkeiten in unserer Kreditwirtschaft ihren Ausgang: die aus­ländischen Gläubiger zogen, überstürzt, Geld in großen Mengen ab. Eine völlig unbegründete Angstpsychose im Inlande pitalflucht, Devisenhamsterei ,,, Run" auf Banken und Spar­fassen steigerte die Verwirrung. Ein Erdrutsch größten Aus­maßes bedrohte das gesamte deutsche Kreditgebäude. Die akute Gefahr ist abgewendet worden.

lojen Optimismus, anstatt den Hinweis auf die Bedrohlichkeit und die Gefahr der deutschen Lage als eine ihrer Hauptauf gaben zu betrachten. Darin hatte sie leichtes Spiel. Denn die Teilnahmlosigkeit der gebildeten Schichten in Deutschland gro­Ben weltpolitischen Fragen gegenüber war ganz allgemein. Sie sahen und spürten das deutsche Gedeihen auf allen Gebieten und hielten für selbstverständlich, daß es damit so weiter gehe. Immerhin, die heranziehenden Sturmwolten fonnte niemand übersehen, und das fortgesetzte Nachgeben Deutschlands in den letzten Jahren schuf auch in friedlichen Kreisen starkes Miß­behagen umso mehr, als die gegnerische Presse schließlich ganz unverhüllt mit einem Kriegsausbruch drohte. Ob man sich's gestehen wollte oder nicht: es war schwül geworden in Europa, und das Gefühl von etwas Unbehaglichem schlich sich allmählich in weite Kreise ein. Aber wenns wetterleuchtete, muß es dann gerade bei uns einschlagen?

Jm April 1904 schlossen England und Frankreich einen Ver= trag zur Beseitigung aller zwischen beiden Nationen vorhande nen Streitpunkte. Die Konferenz von Algeciras, die die Ma­roffoangelegenheit zum Abschluß brachte, nicht gerade zum Vor­teil Deutschlands, zeigte deutlich die Vereinsamung des Reiches, und schließlich fam, was niemand für möglich gehalten hatte, die englisch- russische Annäherung zustande. 1907 wurde das Ab­kommn zwichen England und Rußland veröffentlicht, das sich auf Mittelajien und Persien erstrecte. Es war der schwerste Schlag, den die deutsche Diplomatie und Politik erlitten hatte. Wer tiefer sah, konnte es sich nicht verschweigen, und im Aus­lande wußte man es- daß die Annäherung beider Reiche nicht einer Entspannung diente, sondern deutschfeindlichen Beweggründen entsprang.

Die Reichsregierung jener Tage war sich der Lage klar be­wußt. Aber und das war ein unentschuldbarer Fehler- sie täuschte das Volk über seine wachsende Bedrängtheit hinweg. Sie war auch im 3weifel, ob im Falle eines Krieges alle Volts­schichten bereit waren, für das Reich einzutreten. So arbeitete sie geradezu hin auf Stärkung und Erhaltung eines gedanken­

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Im ganzen sind in den letzten Monaten etwa 3 Milliarden RM. ausländischer Kurzkredite abgezogen worden. Nach diesjem schweren Aderlaß hat man die noch verbliebenen burzfristigen Auslandskredite Deutschlands neuerdings, soweit Anhaltspunkt dafür gewonnen werden konnten, auf rund 5 Milliarden RM. geschätzt. Davon werden etwa Milliarden auf die Vereinigten Staaten, 1% Milliarden auf England entfallen. Frankreich fönnte etwa mit einer Viertelmilliarde, die übrigen Länder mit ½ Milliarde beteiligt sein. Einer genauen Erfassung wirtschafts- und kreditpolitisch von elementarer Bedeutung gesamten deutschen Auslandsverschuldung, dient die Notverord­nung vom 27. Juli über die Anmeldepflicht für Auslandsver­pflichtungen.

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Die Hemmungen, die aus dieser Verknappung der Kredit­decke mit allen ihren Folgewirkungen und Begleiterscheinungen entstanden sind, zu beseitigen, ist eines der Hauptziele der Wirts schaftspolitik des Reiches. Diesem Zwed dient unter anderem auch die Gründung der ,, Atzept- und Garantiebant", die auf An regung der Reichsbank unter Beteiligung des Reiches und füh render Kreditinstitute mit einem Kapital von 200 Millionen RM. ins Leben gerufen wurde.

Da fielen am 28. Juni 1914 die verhängnisvollen Schüsse in Serajewo. Das war eine schlimme Nachricht. Und doch sollte sich auch dieser Zwischenfall, so ernst er war, nicht fried­lich beilegen lassen? Desterreich, so arg man ihm mitgespielt, hatte allen Grund dazu. In Deutschland täuschte sich eigentlich niemand darüber, daß unser Bundesgenosse militärisch nicht auf der Höhe stand. Wann wäre das auch je der Fall gewesen! Trotzdem, es wird schon werden; jedenfalls sprechen auch wir ein gewichtiges Wort mit: so dachten alle. Frohgemut gings darum in den ersten Julitagen in den Sommerurlaub. Das alte Quartier in Bad Homburg stand zur Verfügung, und bald waren wir in dem gemütlichen Badeort eingerichtet. Das Le­ben des Bades zeigte das altbekannte Gesicht. In der großen Zahl der Gäste waren, wie immer, die Ausländer stark vertreten; unter ihnen hoben sich besonders die Juden aus dem Osten ab, die in ihren langen Kaftanen des Nachmittags auf den Bänken umher saßen. Mancher Bekannte grüßte morgens am Brunnen, nachmittags beim Konzert; alles war wieder wie früher. Fern lag das ganze Getriebe des Alltags und es sollte auch nicht durch die Zeitung, das verhaßte Papier, hereingetragen werden in den Frieden der Welt, die uns wieder umschloß.

aus dem Bann. ,, Siehst du, dort gehen noch Engländer, und da sitzen noch russische Juden. Das deutet doch nicht auf Krieg." ..Sie werden bald abreißen", warf ich ein. Seit ein paar Ta gen war es mir aufgefallen, daß sich die Reihen der Ausländer itarf gelichtet hatten. Höchstwahrscheinlich hatten sie aus der Heimat einen Wink erhalten Dem widerspricht nicht, daß der Kriegsausbruch eine kleinere Zahl von Ausländern im Bad überraschte. Immerhin, meine Frau blieb hoffnungsvoll ge= stimmt und ich mochte sie nicht stören. Aber die Menschen hatten plötzlich ein anderes Aussehen. Deutlich war auf ihrem Ge­sicht die ungeheure Spannung zu lesen, die Erwartung der heranreifenden Entscheidung und ein eigenartiges Zittern und Schwingen schien selbst die Luft zu erfüllen. So sank der Tag hinab und die beiden folgenden

Glühend schossen in der Frühe des ersten August die Son nenstrahlen hinter den Bergen des Taunus hervor und vergol deten die Waldwipfel. Bald ergoß sich ein gleißender Schimmer über die Flur und vertrieb den leichten Nebel, das erste An­zeichen des herannahenden Herbstes. Mochte es fommen, wie es wollte. Der Urlaub sollte nicht fümmerlich enden, wie ein im Sande versiechendes Wässerchen Hinein in den herrlichen Tag, in den deutschen Wald! Tage voll Sorgen und auch voll Leid, wie viele mochten ihrer noch tommen. Nur jetzt noch, und sei es auf Stunden, frei sein von all dem Menschenhader. Unser Ziel war der Pferdskopf. Wie wir die Höhe hinanstiegen, fam uns eine junge Frau entgegen. Zum Beerenjammeln war sie ausgegangen, aber Kummer und Angst trieben sie nach Hause. , Gestern abend haben sie bei uns erzählt, es gebe bestimmt Krieg Jits denn wirklich wahr? Dann muß mein Mann gleich mit hinaus." Krieg! Etwas ganz Ungeheuerliches, Un ausdentbares war in ihr einfaches Heim in dem kleinen Dorf eingedrungen. So gut es gehen wollte, beruhigte ich sie. Aber ich war nachdenklich geworden. Ein Gefühl, dunkel und ahnungs­voll, stieg in mir auf, die Entscheidung sei in dieser Stunde ge­fallen, da wir noch einmal aufatmen wollten von dem Drud der letten Tage. Wir beschleunigten die Wanderung und kurz nach drei Uhr des Nachmittags standen wir auf dem fleinen Bahn­hof Ansbach. Ich traute meinen Augen faum. Da stand schon die junge Frau von heute morgen, daneben ihr Mann, ein Reisetöfferchen in der Hand, bereit zur Abfahrt. Gleich er fannte ich die Frau und winkte ihr freundlich zu. Noch am Vormittag, taum war sie heimgefommen, trug der Postbote den telegraphischen Gestellungsbefehl ins Haus. Nun muß er fort." Sie nannte eine entferntere Garnison. Das alles tam ruhig über ihre Lippen. Echt deutscher Frauenstolz, der das Unvermeid lich mit Fassung und Würde trägt. Möge ihnen der Himmel gnädig sein! Um 6 Uhr abends war überall bekannt gemacht die Erklärung des Kriegszustandes und die Anordnung der all gemeinen Mobilmachung. Der 2 August war der erste Mobil machungstag. Gegen Abend staute sich eine große Menschen menge vor der Kaserne des 1. Bataillons des Infanterie- Regi ments Nr. 80 und fah zu, wie die Mannschaften ihre friegs mäßige Ausrüstung erhielten. In der Frühe des folgenden Tages rüdte ein Zug zum Bahnschutz aus.

O du herrlicher Wald mit deinem zauberhaften Düster, dei­nem geheimnisvollen Wipfelrauschen, deinem unergründlichen Frieden! Wo hält das Herz bessere Einkehr, wo ist die Seele Gott näher gerüdt als hier? Welche Tiefe barg doch die ger­manische Seele, die sich als Stätte der Gottesverehrung den Wald ertor! So gingen die Tage dahin, wie leise Wellen des Sees aufwallen und verebben. Und doch ganz bannen ließ sich die Unruhe nicht. Sie lag in der Luft. Immer ein­dringlicher wurde die Frage: Was geht draußen vor? Und an einer Straßenede fiel der Blick auf die lang verschmähte Zeitung Viel allerdings war aus dem Gerede nicht zu ent­nehmen. Da tam der Tag, der unvergeßliche, wo der Wortlaut der befristeten Note Oesterreich- Ungarns an Serbien vom 23. Juli veröffentlicht wurde. An einer Anschlagstafel las ich ihn; meine Frau und mein Junge standen bei mir. Das ist der Krieg", rief ich aus; darauf geht Serbien nie ein." Mein Gott, Krieg!" Bleich umklammerte meine Frau meinen Arm. ,, Ge= ,, Das ist doch unmöglich, was haben wir damit zu tun." Wir sind ihnen zu start geworden." nug, du wirst es sehen. Eine große Ruhe war über mich gekommen. Meiner Umgebung fühlte ich mich entrüdt, sah mich irgendwo gelassen stehen und warten auf ein Wort, das mich hineinführte, hineinzwang in ein ungeheures Getriebe. Die Stimme meiner Frau wedte mich

Als die Entscheidung gefallen war, gings wie ein Aufatmen durch alle. Es war die Erlösung von der unerträglichen Un gewißheit. Aber es regte sich auch der germanische Trotz gegen das dunkle Geschid. Früher als sonst ging Homburg zur Rube Vom wolkenlojen Himmel aber sandten die ewigen Sterne i mildes, friedliches Licht herab auf die friedlos gewordene Erde.

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