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Nr. 96.

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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd endung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert

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Politische Tagesschau.

Der Reichspräsident hat am Freitagvormittag den Reichs: außenminister Dr. Stresemann zum Vortrag empfangen. Im Laufe des Freitag hat noch eine kurze Ministerbesprechung über die Ratstagung in Lugano stattgefunden. Die deutsche Dele­gation für Lugano ist am Freitagabend mit dem fahrplan­mäßigen Zuge nach Lugano abgereift.

Wegen der deutsch- polnischen Verhandlungen konferierte Ministerpräsident Barthel mit dem Finanzminister, dem San­delsminister und dem Landwirtschaftsminister. Nach einer neuen Fühlungnahme zwischen den beiden Delegationsführern erwies sich die Lage als noch unentschieden. Infolgedessen reiste Dr. Hermes noch nicht ab, sondern verschob seine Abreise.

Das Urteil im Werkspionageprozeß in Ludwigshafen ist relativ niedrig ausgefallen. Die Angeklagten wurden zu 12, 9 bezw. 5 Monaten Gefängnis verurteilt.

Zu den Verhandlungen, die der rumänische Arbeitsminister in Berlin führt, wird erklärt, daß diese Verhandlungen mit der Deutschen Bant gepflogen würden, wegen einer Bevorschussung, Rumäniens bezüglich der vom Deutschen Reiche Rumänien zu­gesicherten Zahlung von 75 Millionen Reichsmart.

Ein Regierungsvertreter teilte im englischen Unterhaus mit, daß die Regierung eine Untersuchung in der Angelegen­heit der Verurteilung eines deutschen Kapellmeisters in König­stein wegen des Spielens der deutschen Nationalhymne eine­leitet habe.

Der Aufstand gegen Amanullah nimmt immer bedroh­lichere Formen an. Die aufständischen Stämme haben große Teile der Stadt Schellahabad zerstört.

Man hält es für wahrscheinlich, daß der britische Botschafter in Amerika, Howard, in allernächster Zeit zurücktreten werde. Man glaubt, daß sein Rücktritt noch vor dem Amtsantritt des neugewählten Präsidenten Hoover erfolgen wird.

..Stresemanns schwerer Gang."

Berlin. Das Berliner Zentrumsorgan, die Germania", befaßt sich in einem ,, Stresemanns schwerer Gang" überschrie­benen Artikel mit der außenpolitischen Entwicklung seit der Septembertagung des Völkerbundes. Der skeptische Grundton der Untersuchung spiegelt sich in den folgenden Zeilen:

,, Wir beneiden den deutschen Außenminister nicht um die Aufgaben, welche ihn erwarten, denn in der Zeit seiner Ab­wesenheit vom Amt sind bittere und vielleicht unnötige Erschwe­Tungen der deutschen Gesamtlage eingetreten, welche er in der einen oder anderen Weise ausgleichen muß. Vielleicht wird Dr. Stresemanns persönliche Geschicklichkeit und die Wirkung des unmittelbaren Kontakts Schwierigkeiten aus dem Wege räumen, welche sich in den Monaten des Mißverstehens und der Entfremdung bergehoch gehäuft haben. Andernfalls wird er mach einer Formel suchen müssen, unter welche das englisch­Deutsch- französische Verhältnis sich stellen läßt, das bisher mit dem Wort Locarno ebenso kurz wie mißverständlich umschrieben

war.

Das Blatt schließt, indem es dem deutschen Außenminister die besten Wünsche auf einem der sicherlich schwersten Gänge kines Lebens" ausdrückt.

Behntausende von Arbeitern im Ruhrgebiet

noch immer arbeitslos.

Bochum. Die Arbeitswiederaufnahme nach der Aufhebung Aussperrung in der Eisenindustrie erleidet Verzögerungen. us einer Mitteilung aus Arnsberg geht hervor, daß troz hebung der Aussperrung noch immer Zehntausende von Ar­beitern erwerbslos sind. Von 70 000 im Regierungsbezirk msberg ausgesperrt gewesenen Arbeitern sind 27 000 nicht wieder eingestellt worden. Von den während der Aussperrung bei den Behörden eingereichten über hundert Anträgen auf Sillegung von Betrieben wurde wider Erwarten bis jetzt nur in sehr geringer Teil zurückgenommen. Eine große Zahl klei­eter Werke der weiterverarbeitenden Industrie liegen nach Die vor still.

*

Aussperrung und Einzelhandel.

In einer Versammlung des Duisburger Einzelhandels­erbandes wurde festgestellt, daß die Aussperrung sich im Ein­elhandel geradezu katastrophal ausgewirkt habe. Viele Ge­äste waren während der Aussperrung nahezu brachgelegt. Einzelne Geschäfte können ihren Verpflichtungen nicht mehr atommen. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, der gefordert wird, daß Reich und Staat Mittel bereit stel­, um die Not zu linden.

*

Ein Wort zur Aufklärung. Gelsenkirchen. In dem Gelsenkirchener Zentrumsorgan, der Gelsenkirchener Zeitung"( Nr. 329) veröffentlicht Direktor den von den Mannesmannröhren- Werken in Gelsenkirchen me Aufstellung über die in dem der Aussperrung vorangegan­enen Monat gezahlten Löhne über R.-M. 125.- mit dem Be­

Machrichten)

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Bostschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Samstag, den 8. Dezember 1928

merken, daß die Zahlen jederzeit auf dem Lohnbüro nachgeprüft werden könnten, und daß auf den übrigen Gelsenkirchener Wer­ten die Verdienste sich in dem gleichen Rahmen bewegten. Da= nach haben erhalten: 126.- bis 200.- M 74 Jugendliche( 4,73 Prozent der Belegschaft) und 195 Volljährige( 12,45 Prozent) 201.- bis 300.- M 32 Jugendliche( 2,04 Prozent der Belegschaft) und 920 Volljährige( 58,75 Prozent); 301.- bis 400.- M 1 Ju­gendlicher( 0,06 Prozent der Belegschaft) und 276 Volljährige ( 17,62 Prozent); 401.- bis 550. M 22 Volljährige( 1,40 Pro­zent der Belegschaft.

Hinzugefügt wird, es sei zu berücksichtigen, daß die unter R.-M. 150. verdienenden volljährigen Arbeiter sämtlich Invas liden- und Rentenempfänger seien, ebenso einige aus der nächst zent der Belegschaft.)

Miflas Bundespräsident von Desterreich.

Nachdem der erste und zweite Wahlgang der Bundesvers sammlung ergebnislos verlaufen war, gaben im dritten Wahl­gang am Mittwoch die Sozialdemokraten leere Stimmzettel ab. Es erhielten der Präsident des Nationalrats, Mitlas, 94 Stimmen, der Polizeipräsident Schober 26 Stimmen. Mitlas ist somit zum Bundespräsidenten gewählt worden und wird sein Amt am 10. Dezember antreten.

Der Werkspionageprozeß kommt vor das Reichsgericht.

Der im Ludwigshafener Werkspionageprozeß von der An­flage des Verrais militärischer Geheimnisse freigesprochene La­baratoriumsarbeiter Hellmann, ein Opfer des Franzosen Nordes, wird sich vor dem Reichsgericht wegen Landes= verrats zu verantworten haben. Es sind in der Sizung, die unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfand, so schwerwiegende Momente gegen ihn zutage getreten, daß der Staatsanwalt die Anklage wegen Landesverrats erhoben hat.

In der Verhandlung vor dem Reichsgericht in Leipzig wird dann die Möglichkeit gegeben sein, die üble Rolle, die die Sureté, eine amtliche, den Besagungsbehörden unterstehende Stelle, spielt, in ganz anderer Weise zu beleuchten, als das in Ludwigshafen möglich war. Wahrscheinlich wird man dann auch die Maske lüften fönnen, hinter der sich der große Un­bekannte, der sich Nordes oder Norderque nennt, verbirgt.

Aus dem Hessischen Landtag.

Die Mittwochsitzung des Landtags wurde ausgefüllt mit der Beratung des neuen Sondersteuergesetzes. Bisher erhob man bekanntlich in Hessen die Sondergebäudesteuer auf Grund von Verordnungen. Der Landtag hatte also dabei nichts mitzureden. Für 1929 soll nunmehr zum ersten Male die gefehliche Regelung eingeführt werden. Als Steuergegenstand soll der in Hessen ge= legene bebaute Grundbesitz anzusehen und für die Veranlagung die wirtschaftliche Einheit entscheidend sein. Die Umwandlung der Verordnung in ein Gesetz war eine Forderung fast aller Parteten.

Damit war für diese Woche die Tagung beendet. Am Dienstag nächster Woche erst tritt man wieder zusammen, um vor Beginn der Weihnachtswoche den Rest der Tagesordnung zu erledigen.

Der Reichssparkommissar und Hessen.

Der Bericht des Beauftragten des Reichssparkommissars über

die Beurteilung der Hessischen Verwaltungs- und Finanzfragen

ist nunmehr abgeschlossen. Er wird der Regierung in Darmstadt in den nächsten Tagen zugeleitet. Die hessische Regierung nimmt dann zu den einzelnen Fragen noch einmal Stellung, und von dem Abschluß dieser Stellungnahme wird es abhängen, wann der endgültige Bericht des Reichsspartomissars der Deffentlich­feit vorgelegt werden kann.

Landkreise und Lastenausgleich.

Die Vorstände des Preußischen und Deutschen Landkreista­ges treten am 12. und 13. Dezember ds. Js. in Berlin zusam men. Zur Verhandlung stehen u. a.: Reichsfinanzausgleich, ländliches Fortbildungsschulwesen, Fragen der Elektrizitäts­und Gasfernversorgung.

Kundgebung des Reichsverbandes des deutschen Handwerks.

Der Reichsverband des deutschen Handwerks veranstaltete in Verbindung mit einer Tagung seines Großen Ausschusses am Freitag, den 30. November, im Hotel Prinz Albrecht" zu Berlin einen parlamentarischen Abend. Zu diesem waren Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius und Reichsarbeits­minister Wissell erschienen, ferner Ministerialdirektor Dr. Reichardt, der Reichskommissar für das Handwerk und das Kleingewerbe, mehrere Vertreter verschiedener Ministerien, mehrere Reichstags- und Landtagsabgeordnete, darunter der Vizepräsident des Reichstags, Esser- Euskirchen, die Ver­treter der politischen Parteien und in stattlicher Anzahl die Vertreter der Tagespresse. Erschienen ferner die Vertreter der Spizenverbände der Wirtschaft und die Mit­gliedskörperschaften des Großen Ausschusses.

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( Gießener Tageblatt)

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Nummer 97

Der Vorsitzende des Reichsverbandes des deutschen Hand­werts, Derlien- Hannover, begrüßte die erschienenen Ehren­gäste und wies auf die Notwendigkeit einer besseren Berück­sichtigung handwerkerlicher Lebensinteressen hin. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß die in der Regierungserklärung vom 3. Juli d. J. gegebene Zusicherung nach größerer Beachtung des Artikels 164 der Reichsverfassung auch Erfüllung finden möge. Dem deutschen Volke ständen schwere neue Lasten be­Die Neuregelung der Reparationsverpflichtungen werde für lange Zeit hinaus die Richtlinien der deutschen Wirtschafts­politit festlegen. Die Besorgnis sei nicht unbegründet, daß außenpoltische Rücksichten dabei in überragender Weise aus­Ischlaggebend sein würden. Das Handwerk müsse fordern, daß auch Vertreter des gewerblichen Mittelstandes vor der Ent­scheidung der offiziellen Sachverständigen zu Worte kommen. Zum Schlusse seiner Ausführungen gab der Vorsitzende der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Erhaltung einer möglichst brei­ten Schicht des mittelständischen Gewerbes nicht nur eine Interessenfrage der beteiligten Kreise sei, sie sei wirtschaftlich o wie sozial eine Lebensfrage für Staat und Gesellschaft.

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Generalsekretär Dr. Meusch Hannover sprach zuerst über den dem Reichstag zur verfassungsmäßigen Beschlußfassung vor­gelegten Entwurf einer Handwerksnovelle. Er erinnerte an die langjährigen Verhandlungen, die seit der Vorlage des Entwurfs einer Reichshandwerksordnung mit dem Reichsver­band des deutschen Handwerks geführt worden sind. Es sei die höchste Zeit, daß endlich nach den vielen Versprechungen der jeweiligen Kabinette eine Vorlage an den Reichstag er­folgt sei. Die Erwartungen, die das Handwerk an die Reichs­handwerksordnung geknüpft habe, werden durch die Novelle zu einem erheblichen Teile nicht erfüllt. Gleichwohl bedeutete die Novelle im Aufbau und der Stärkung der berufsständigen Organisation einen Fortschritt. Sie bedeute einen Fortschritt auch in volkswirtschaftlicher Hinsicht, indem sie unter endgül­tiger Zurüdweisung der früheren volkswirtschaftlichen Lehr­meinung von dem Begriff des Handwerks der heutigen Ent­widlungsstufe des Handwerks gerecht werde. Die Berufsver= tretung des Handwerks denke nicht daran, in einem ungerecht­fertigten Imperialismus die Grenzen des Handwerks in In­dustrie und Handel vorzutragen. Das Handwerk habe sich bis­her mehr in der Abwehr als im Angriff befunden, wenn es sich um die Festsetzung seiner Grenzen gehandelt habe. Die Be­rufsvertretungen des Handwerks seien entschlossen, mit den Berufsvertretungen von Industrie und Handel gemeinschaftlich im Wege der Verständigung von Fall zu Fall Grenzstreitig­teiten zu bereinigen, nachdem mit der Novelle der moderne Handwerksbegriff auch zur rechtlichen Anerkennung gelangt sei. Was das Verhältnis zu den Arbeitnehmern anlange, so sei das Handwerk zur berufsständischen Gemeinschaftsarbeit mit den Arbeitnehmern bereit. Das bedeute aber nicht die Zustim­mung zu einer paritätischen Umgestaltung der Handwerkskam­mern. Die Handwerksnovelle sei keine Gelegenheit, bei der so nebenbei der Versuch einer paritätischen Umbildung der amt­lichen Berufsvertretungen gemacht werden könne. Der Ver­fassungsausschuß des Reichswirtschaftsrats habe einen einſtim­migen Beschluß gefaßt, der die Entscheidung über die künftige Gestaltung der amtlichen Berufsvertretungen dem endgültigen Reichswirtschaftsrat vorbehält. An diesen Beschluß seien auch die Vertreter der Arbeitnehmer gebunden. Auch die Regie­rungserklärung habe den Beschluß des Verfassungsausschusses für den endültigen Reichswirtschaftsrat in Aussicht genommen. Nach Besprechung einiger Abänderungswünsche, die das Handwerk der Novelle noch entgegenbringe, sprach der Bericht­erstatter die Erwartung aus, daß die Spitzenverbände der Un­ternehmer die Notwendigkeit der Handwerksnovelle für die be­rufliche Organisation des Handwerks anerkennen und der An­nahme des Gesezentwurfs im Reichstag teine Schwierigkeiten entgegenbringen. Die Fraktionen des Reichstags möchten dem Handwerk nach achtjährigem Warten endlich mit der Verab­chiedung der Handwerksnovelle wenigstens eine Abschlagszah= lung auf die endgültige Reichshandwerksordnung leisten.

Generalsekretär Hermann Berlin, M. d. R. W. R., gab einen Bericht über die Stellungnahme des Reichsverban­des des deutschen Handwerks zu den wichtigsten gesetzgeberischen Vorlagen auf dem Gebiete der Sozialpolitit.

Von lebenswichtigem Interesse für das Handwerk sei in erster Linie der Entwurf eines Arbeitsschußgeseges. Der Re-. gierungsentwurf werde vom deutschen Handwerk grundsätzlich abgelehnt, weil seine Bestimmungen viel zu sehr auf industrielle und großstädtische Verhältnisse abgestellt sind. Das Handwerk müsse unter allen Umständen Sonderbestimmungen für die Saisongewerbe und für Gewerbe, in denen häufige Arbeits­bereitschaft vorliegt, sowie für landwirtschaftliche Handwerks­betriebe. Ein Verbot der Nebenarbeit( Schwarzarbeit) der Arbeitnehmer und gleichmäßige Behandlung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer bei Berstößen des Gesetzes seien ebenfalls For­derungen des Handwerks. Auch der zwangsmäßige 25prozentige Zuschlag für Mehrarbeit wirke in höchstem Maße wirtschafts­schädlich.

In absehbarer Zeit werde den Reichstag auch der Ent­wurf eines Berufsausbildungsgefeges beschäftigen. Bei diesem Gesetz müsse in erster Linie festgehalten werden an dem, was fich in jahrzehntelanger Arbeit im Handwerk und seinen Orga­nisationen als lebensfähig erwiesen habe. Die im Geseze vor= gesehene Gemeinschaftsarbeit zwischen Unternehmern und Ar­