Ausgabe 
23.11.1912 Zweites Blatt
 
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Eine Herbstfahrt nach Venedig.

Eine Herbstfahrt nach Venedig.

Von Felig Baumann.

n Berlin drohende Regenwolten, in München unaufhör.

I licher Regen, in Innsbrud ein verzweifelter Stamps ſchriffem Pfiff sich in Bewegung ſet. Der Mond ſteht noch

Trient liegt noch im Schlummer, als die Lokomotive mit zwischen Frau Sonne und Jupiter pluvius, auf dem Wege am dunklen Himmel und überzieht den Dos di Trento mit zum Brenner die ersten Siegeszeichen der

Sonne und jenseits der Wasserscheide

zwischen dem Schwarzen und

dem Adriatischen Meere ein

wolfenloser blauer Him­

mel, ein ideal schöner

Herbsttag. Vozens

Lage und Umgebung

bietet bei Tage

einen wunder­schönen Anblic aber auch die magische Be­Ieuchtung ei­ner flaren Mond- Herbst­nacht verleiht dieser Gegend einen bezau bernden Reiz.

Noch lange nach

ber Weiterfahrt

senden uns die

Mendellichter ihre Ab­

schiedsgrüße nach. Der

Bug saust der italienischen

Grenze zu. Wir haben uns

jedoch vorgenommen, diesmal Ve­

zu

seinem schon im Verbleichen begriffenen Silberlidhte. In einem weiten Bogen. geht die Bahn um Trient herum und setzt dann auf einem längeren Viadukt über das Etschtal.

der

Fast

geisterhaft erschei­nen in dem Stam pfe zwischen den letten Spuren der entschwin denden Nacht und den ersten Vorboten des nahenden Morgens die Schneeluppen Umge= bung. Lange sam beginnt es heller zu werden und sich eine eigentümliche Ge­birgsatmosphäre zu entwideln. Das Tal erscheint noch in einem dichten Dunst, während es sich in der Mitte bereits zu klären be ginnt, um sich nach oben wieder in dunklere Schichten zu verlaufen. Jetzt be­ginnt es langsam zu tagen, die Umgebung. deutlichere Konturen anzunehmen. Weinberge, in denen die inmitten der Rebpflanzen liegenden Häuschen sich wie ein aufgebautes Spielzeug ausnehmen, plätschernde Bäche und Wasserfälle sawie himmelwärts strebende Felsmassen bilden die Hauptfaktoren des Landschaftsbildes. Die Stationen

Am Molo Giardinetto, Benedig.

rona rechts liegen zu lassen und den Weg nach Venedig über die bisher weniger bekannte Strede Trient- Primolano nehmen. Um die Romantik dieser Gegend im vollstem Maße genießen zu fönnen, verbringen wir die Nacht in Trient und fahren mit dem ersten Zuge nach der Stadt der Bagunen, no unser der Norddeutsche Lloyddampfer Schleswig" harrt, der die neueste Aegyptenlinie Venedig- Alexandrien eröffnen soll.

Am Gondelanleger vor dem Markusplay.

Eine Herbstfahrt nach Venedig.

folgen schnell aufeinander, hinter Monte Alto fesselt der Wasserfall der Fersina das Auge, die Landstraße sieht sich steil und hoch am Flußbett hin. Plöblich lenkt das fultur historische Interesse den Geist von den landschaftlichen Schön heiten des Suganatales ab, denn in der Ferne wird die Marienburg des Südens", die alte Persenburg, sichtbar. Tropig erhebt sie sich

über der kleinen Stadt Persen. Unsere Ge­danken schweifen in die Vergangenheit zurüd, weilen bei Karl dem Großen, der die Beste als einen Stüßpunkt in den Kämpfen gegen die im fortgesetzten Aufruhr befindlichen Bewohner des Südens benußte. Jetzt ist die Persenburg in deut. schem Besitzz. In der Umgebung der Per­senburg, namentlich im oberen Persental, befinden sich mehrere deutsche Gemeinden als Sprachinseln in Welschtirol.

Bis zur italieni­schen Grenze behält das Landschaftsbild seinen ausgesproche nen wildromantischen Gebirgscharakter. Riesige Schneebededte Bergtuppen, zerfalle­пе Schlösser und

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auch hier Weinberg an Weinberg, prachtvolle schwere Trauben. Auch das Eselchen vor dem zweirädrigen Starren wird schon bemerkbar, und an dem Leben und Treiben auf den Bahn­höfen von Castelfranco und Veneti mertt man, daß man sich in Italien befindet.

Der neue Stampanile! Das Auge erblickt ihn schon von weitem, als der Zug über die Bagunen. brüde der alten Venezianerstadt zu eilt. Wie der alte, so erhebt sich der neue Turm als ein Wahrzeichen Bene­digs; der goldene Engel, der seit Jahr­hunderten auch die Spitze des alten Turmes frönte, blist in der venezianischen Mittagssonne.

Venedig ist die alte Lagunenstadt geblieben. Auf dem Markusplatz füttern die Touristen die Tauben wie seit Jahren, und die Hochzeitspärchen las­sen sich wie von altersher mit seligem Lächeln auf den glüd­lichen Gefichtern zwischen den Tauben bon San Marko photo­graphieren. Doch nein, des Abends legt der Markusplatz ein an­deres Gewand an wie früher. Denn die feenhafte Julumi nation, die anläßlich der Einweihung des neuen Sampanile stattfand, ist während des Sommers und Herbstes wiederholt worden, und wer das Glüd gehabt hat, den Markusplatz in diesen Tausenden von Lichtern erschimmern zu sehen, der wird Venedig sobald nicht vergessen.

Ankunft des Dampfers Schleswig" des Norddeutschen Lloyd von seiner ersten Fahrt von Alexandrien.

Aegyptische Polizeifoldaten bilden zum Empfang des Lord Kitchener am Rai Spalter.

Burgen, idyllisch gelegene Ortschaften und geheimnisvoll grünlich schimmernde Bergseen halten das Auge gefangen. Ab und zu tauchen bekanntere Namen auf, wie Levico und Roncegno. Die reizvolle Lage Roncegnos wird noch erhöht durch einen reichen Flaggenschmud, in dem der Ort prangt. Daß das Städtchen Bargo Garnisonstadt ist, lehrt uns ein im Angstschweiß seines Angesichtes egerzierender Kaiserjäger, der dicht am Bahngeleise unter den strengen Augen eines Unteroffiziers fortge­sett Kniebeugungen und langsamen Schritt anscheinend nach" üben muß. Morgen­stunde hat Gold im Munde, aber nicht

im Munde eines

über Refrutendumm heiten erbosten Unter­offiziers.

In Primolano berlassen wir die österreichischen Wa­gen und ergößen uns nach den Formalitäten der Bollerledigung

an dem wunderbaren Panoramo.

Die Brenta schäumt und braust hier in ungeminderter Na­turkraft. Hinter Primolano durch fahren wir eine Schlucht, die stark an die Schönheiten des Felsengebirges in den Vereinigten Staaten erinnert. Bei der

Troy der borgerüdten Herbstzeit zogen die Fremden und die Venezianer noch in hellen Scharen nach dem Lido, um

den Anblid des Adri­atischen Meeres zu genießen. Luftig plät­icherten Männlein, Weiblein und Kind­Tein noch in den blauen Fluten, und lustig erflangen die Stlänge des venezi anischen Strandorch esters über die von der Sonne bestrahlten Adriaterrasse. Lustig schallten auch die Lieder der fahren. ben Sänger und Sängerinnen"

am

Abend über die bene. zianischen Fluten hin. Ingroßen, mit bunten 2ampions geschmüd­ten Gondeln zogen fie vor dem Martus. play hin und her, gefolgt von den zahl­reichen Gondeln mit den Touristen usw. Das reizvolle Bild gestaltete sich durch die Silberstrahlen des Vollmondes noch anziehender. Anläßlich der Eröffnung der neuen Linie hatte der Lloyd die Spitzen sämtlicher givil und Militärbehörden Venedigs zu einer Besichtigung des Schiffes eingeladen, die mit einer Bordfestlichfeit berbunden war und nicht nur die männliche Elite der Lagunenstadt, sondern auch die schönsten Frauen und Mädchen Venedigs unter der Lloyd­flagge vereinte. Unter den Passagieren war auch Lord Kitchener mit seinem Adjutanten Hauptmann Fitzgerald.

Lord Kitchener( im Automobil) verläßt den Dampfer Schleswig".

Stadt Cismone erreicht diese Romantik ihren Höhepunft Senkrecht steigen die ungeheuren Felsmassen empor. Was jedoch dem Dertchen einen eigentümlichen Reiz verleiht, das ist die Verschmelzung von Antifem und Modernem. Hier alte Steinhäuser, die aus der grauen Vorzeit zu stammen scheinen, dort ganz moderne Behausungen.

Bei Bassano treten die Berge in den Hintergrund. Das typische italienische Ebenebild nimmt seinen Anfang. Aber