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23.11.1912 Zweites Blatt
 
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Russische Bauernkunst.

Russische Bauernkunſt.

Von Heinz Minden.

iele Ausländer stellen sich, wenn sie von russischen im Reisegepäck unterbringen will, wird seine Auswahl

Bauern sprechen hören, bärenhaft schwerfällige, modfaliebende Barbaren vor, die ihren Acker notdürftig bebauen und sich im übrigen sorgenlosem Nichtstun hin­geben. In der Tat ist dieser Typ unter dem Landvolk in

vielen Teilen Rußlands noch ver­treten; aber er ist heute feineswegs mehr die Regel. Wahrscheinlich ist das immer fühlbarere Teurerwer­den der Lebensbedürfnisse, welches

meit mehr als ein innerer tigkeitstrieb dazu führte, daß zahllose Bauernfamilien sich ent­schlossen, auch im Winter einen Ver­dienst zu suchen, und daß die Heim­arbeit in ihren Sereisen mehr und mehr Aufnahme fand.

Gegenwärtig ist die Hausin­dustrie in

Rußland so

allgemein ver­

breitet wie niemals zu­vor. Einzelne Bauernfami­lien pflegen

Das sidele Ei! sie freilich schon seit Jahrhunderten; doch wur den die früheren Erzeugnisse wohl für den persönlichen Gebrauch und zum eigenen Ergößen verfertigt, und erst biel später begann sich ein Handel damit zu entwickeln. Welche Vielsei­tigkeit und Bedeutung die russische Bauernkunst mit der Zeit erlangte, erkennt man am besten, wenn man in St. Petersburg, Moskau oder andern großen Städten des Reiches einen der sogen. ,, Sustari". besucht, Hausindustriebasare, in denen eine erstaunliche Fülle der verschiedenartigsten Figuren und Gegenstände zur Besichtigung und zum Verkaufe ausgestellt sind.

Neben formvollendeten, wunderbar schönen Stückchen finden sich freilich auch plumpe und unbeholfene Erzeug­nisse. Oft aber sind gerade diese, von ihren Verfertigern nicht nur ausgeführten, sondern auch ausgedachten Dinge am eigenartigsten, weil sie wesentlich ursprünglicher wirken, als die nach den erfinderisch entworfenen

Die traurige Bäuerin".

Vorlagen bekannter Künstler hergestellten Arbeiten. Die Mehrzahl aller dieser Sachen ist aus Holz verfertigt; aber auch Metall, Ton oder Bast kommen häufig zur Verwen dung, und an Stickereien aller Art ist Tein Mangel. Spinnrocken, Tische, Stühle, Truhen und selbst Bänke und Schränke kann der Liebhaber in den ,, Kustari" kaufen; wer weniger ausgeben oder die erworbenen Herrlichkeiten

unter den kleineren Gegenständen, den vielgestaltigen Fi­guren, Teefannen, Leuchtern, Serviettenringen, Zigaret­tenetuis und Streichholzschachteln treffen; daneben gibt es Bilderrahmen, Lineale, Tintenfässer, Löffel, Gabeln, Schalen mancherlei Art usw. Eine große Rolle spielen die Heiligenbilder. Denn gleich als ob sämtliche Heiligen es verlangten, daß man sie jederzeit leibhaftig vor Augen habe, behängen die Russen nicht nur ihre Kirchen, sondern auch die Wohnhäuser allenthalben mit diesen mannigfach verschiedenen Bildwerken, die denn auch in jeder Größe und Ausführung erhältlich sind. Weit verbreitet und in­folge ihrer Beliebtheit auch im Auslande schon nachgeahmt, ist die farbenreiche hölzerne ,, Baba", eine Bäuerin, welche zwei-, dreimal, manchmal auch mehrfach so oft aus­einandergenommen werden kann,

Die Sezession in der Bauerntunst.

so daß man schließlich eine ganze Reihe immer kleiner werdender Figuren erhält. Die bleigeschnittenen Mu­schiks"( Bauern) hingegen, welche nur wenige Ropeken fosten, troßdem aber gerade zum Originellsten gehören, hat noch kein anderes Volk nachzubilden versucht oder vermocht. Sie sind bis hente ur- russische Arbeit geblieben, und dank langjähriger Uebung hat es mancher ungelenke Bauer hierin zu großer Fertigkeit gebracht.

Für das Osterfest für die Russen die größte Feier des Jahres werden alljährlich nach immer neuen Mustern die reizendsten buntverzierten Eier hergestellt, wobei Künstler und Bauern jedesmal sinnige Ueberraschungen ausdenken. So kam es in den letzten Jahren auf, die Eier als Volkstypen zu bemalen und sie alsdann mit Füßen zu versehen tuchumwickelt und bastschuhbekleidet!

Kein Fremder

der nach Ruß­land reist, sollte versäumen, wenigstens ei­nen Kustar zu besuchen.

Teclanne.

Das erste literarische Meisterstück.

Das erste literarische Meisterstück.

Novelle von Georges Tourteline.

Als Chantoine unter dem Scheine der Gaslampe, die über seinem Naden ihr eintöniges Lied summte, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, wo ein großer Haufen Zeitungen und Manuskripte der Redaktion lag, wenigstens zum zwanzigsten Male sein Werk: Kuiller Hapo"( Humoristische Geschichte eines Chinesen in Paris) halblaut vor sich hin gelesen hatte, da fühlte er den Augenblick für gekommen, sich aus dem Staube zu machen, damit er sich nicht lächerlich vorkäme. Er erhob sich und griff nach seinem Hut und drückte im Vorbeigehen die Hände zweier Reporter, die ganz erstaunt waren über die sel­tene Freundlichkeit Chantoines, und verließ das Bureau der Redaktion des Leopard litteraire". Er ging hierauf in das Wartezimmer des Direktors, und sah sich nach dem Diener um, der ganz behaglich in einem Fauteuil saß und ein kleines Schläfchen riskierte. Chantoine Klopfte dem Diener auf die Schulter, der blitzschnell emporfuhr, sich ganz bestürzt die Augen rieb und es gar nicht fassen konnte, daß man ihn so unzart aus seinem süßen Schlummer riß. Chantoine hielt ihm das Manuskript des Kuiller Hapo" mit einer gewissen Sieger­mine unter die Nase und befahl ihm, dieses Manuskript sofort zum Direktor zu bringen mit der Bitte, für seinen Abdruck in der nächsten Zeitung sorgen zu wollen, was der Diener ihm auch versprach. Sodann verließ Chantoine das Haus.

In seinen Gedanken sah er sich schon als neuer Stern am Pariser Literaturhimmel aufgehen. Er sah im Geist die an erkennenden Artikel der Zeitungen, die Billetdour" einiger Holden Pariser Damen, die Einladungen zu intimen Soupers und wie sich das Publikum um seinen Artikel reißen würde. Da es regnete und die Turmuhr des Montmartrequartiers erst halb zwölf Uhr schlug, so ging er in eine Brauerei, um mit dem edlen Gerstensaft, der in Frankreich von Tag zu Tag beliebter wird, seine aufgeregten Sinne zu betäuben. Dabei durchstöberte er alle Zeitungen, die er erreichen konnte. Aber er fand die Artikel darin alle recht geschmacklos geschrieben. Ach nein," dachte er, wie kann das Publikum sich bloß an sol­cher Lektüre erfreuen, die so phantastearm ist." Und er be reute, daß er feinen zweiten Bogen des Kuiller Hapo" bei sich hatte, um sich zum einundzwanzigsten Male an der Lektüre die­ses so genialen Werkes zu ergößen. Na," dachte er, da ist mein Kuiller Hapo" doch etwas ganz anderes, wie diese banale Lektüre, wie eine Bombe sollte mein Wert in der Pariser Literaturwelt wirken. Mit meinem Artifel werde ich den Neid aller meiner Kollegen vom Bureau des ,, Leopard litteraire eriveden." Da trat zu ihm einer seiner Freunde, den der Zufall in die gleiche Brauerei geführt hatte.

Chantoine hieß ihn herzlich willkommen und lud ihn zu einem Glas Gerstensaft ein. Nach einigen Minuten lebhafter Unterhaltung mit dem Freunde brach er plötzlich ab:

Du, hör mal, ich habe für morgen einen Artikel in den ,, Leopard litteraire" seßen lassen!"

Sem Freund begrüßte diese Offenbarung mit einem schallenden Gelächter, durch welches schmeichelnde Kriterium er seine Meinung außerte, wahrend Chantoine ganz fonfus fragte: " Du Jdiot, was hast denn du darüber zu lachen?" Sein Freund, dem die Tränen vor Lachen in den Augen standen, antwortete nicht, denn als feinfühlender Mensch wollte er seinem Freunde keine entmutigenden Aufklärungen darüber geben. Schon fing er an, sich zu beruhigen, als ihm plötzlich ein Chantoine großen Geistes vor Augen schwebte, wodurch er in einen zweiten Lachkrampf verfiel. Er lehnite fich in einen Stuhl zurüd und rief mit vor Lachen bald er­stidender Stimme:" Literatur! Literatur!" und zeigte mit dem Finger auf den Autor des Kuiller Hayo", der mit be stürzter Miene dasaß.

Chantoine stand auf, bezahlte seine Zeche, reichte flüchlig dem Freunde die Hand zum Abschied, der ihn, den Autor des Kuiller Hapo", so unmenschlich verlachte.

Chantoine wurde aber auf das auffallende Benehmen sei­nes Freundes doch bedenklich. Die Zusammenkunft mit seinem Freunde hatte ihm plöblich ungeahnte Horizonte von der fürch­terlichen Unberechenbarkeit der launischen Menschheit eröffnet. Er suchte seine Wohnung auf, um sich schlafen zu legen. Erst allmählich fiel er in einen leisen Schlummer, der ihm ein schweres Alporüden bescherte. Im Geiste sah er den Direktor des Leopard litteraire", einen Herrn mit aufgeblasenem Be­nehmen, der stets ein unzufriedenes Gesicht zur Schau trug; un thn versammelt die schredliche Bande seiner neidischen Kollegen, die ihn in die Chren brüllten: Chantoine ist ein erzdummes Schaf, ein Idiot. Seine Geschichte des Kuiller Hapo" ist der reinste Blödsinn! Man soll ihn rausschmeißen

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aus den Bureaus des Leopard litteraire", wir wollen ihn nicht wiedersehen!" Er erschauerte in seinem Bette. Im Bette aufsitzend, bemerkte er, wie auf seiner Stirn falter Schweiß perlte. Das Lichtgeflimmer einer Straßenlaterne vor dem Hause glitt zwischen den Rißen der Fensterladen hindurch und zauberte phantastische Gestalten an die Dece.

Die Turmuhr des Montmortrequartiers schlug die dritte Morgenstunde. Um 1/24 Uhr, als Chantoine bergebens einen ruhigen Schlaf zu erlangen versucht hatte, entsprang plötzlich seinem gepeinigten Gehirn eine geniale Jdee. Er stand auf, fleidete sich an und ging ins Arbeitszimmer, wo er bis in den hellen Morgen hinein schrieb.

Hiermit das Resultat seiner langen und arbeitsamen Sibung:

" Sehr geehrter Herr Direktor!

Seeben habe ich im Leopard litteraire" den Kuiller Hapo" des Herrn Chantoine gelesen. Es ist ein reines Kleinod von Phantasie und feinen Wibes. Uebermitteln Sie, bitte, dem Autor des so echt nach Pariser Stil geschriebenen Artikels meine herzlichsten Glückwünsche. Ihr ergebener

Alexander Dumas, junior."

Mein lieber Direktor!

Das ist eine hübsche Idee von Ihnen, daß Sie sich diesen Chantoine angeeignet haben. Sein uiller Hapo" von heute morgen ist ja großartig! Mein Gott, ich habe gelacht über den Wizz des Herrn Chantoine. Der ist ein hübscher Erzähler. Ich fonnte mich vor Lachen nicht halten als ich die so hübsch er zählten unglücklichen Abenteuer des armen Chinesen las. Ich habe diesen Artikel zweimal nacheinander gelesen, und werde ihn noch öfters lesen. Dieses erste Wagnis ist ein wahres Meisterstück. Freundschaftlich Francisque Sarceh."

Herr Direktor!

Geftatten Sie einem eifrigen Leser des Leopard litteraire" Ihnen die herzlichsten Komplimente darzubieten für den Artikel Kuiller Hapo"( Humoristische Geschichte eines Chinesen in Paris), den Sie heute in die Zeitung, aufnehmen ließen. Meine Frau und ich wir haben uns sehr darüber amüsiert. Es ist das erstemal, daß ich die Erscheinung des Herrn Chantoine sehe. Hoffentlich wird es nicht der letzte Artikel sein. Es gibt so schöne Talente, daß es ein Verbrechen wäre, sie in der Dunkelheit des Daseins verkümmern zu lassen.

Dufflot, Mützenmacher, rue de Chabrol." Herr Direktor!

Teile Ihnen in furgen Worten init, daß ich den Suiller, Hapo" gelejen. Er ist gerade so geschrieben, wie wenn es wahr wäre. Hoffentlich werden Sie jeden Tag einen Artikel von Herrn Chantoine erscheinen lassen.

.S.

gez.: Ledoux, Schuhmann."

Wenn du nicht öfters folche Geschichten von Herrn Chan toine erscheinen läßt, wie heute morgen, die so amüsant sind, so haue ich dir die Knochen entzwei. Hippolyte Boulevard de Charonne."

Lieber Kollege!

Ich möchte gern wissen, ob Herr Chantoine durch Vertrag bei Ihnen engagiert ist, im Bejahungsfalle fann ich Sie nur beglüawünschen über die Mitarbeit dieses angenehmen Wik geistes. Ihr aufrichtiger B., Direktor der Revue des deug Mondes".

Mit demselben Ernste wie Chantoine diese sechs Briefe ge schrieben, so las er sie auch wieder durch. Dann stedte er jeden in ein Kubert in sechs verstellten Handschriften mit der Adresse: An den Direktor der Zeitung des Léopard littéraire", E. V. Und als die große Stunde geschlagen hatte für ihn, da rief er Véronique, seiner Wirtschafterin, die er in der Küche mit Geschirr hantieren hörte.

Véronique," sagte er, möchten Sie nicht so freundlich sein und mir diese Briefe in den nächsten Brieftasten werfen? Und zugleich laufen Sie mir auch etwa 20 Nummern des co­pard litterare"."

Fünf Minuten bergingen eine Ewigkeit! Endlich kan Véronique mit einem Stoß der gewünschten Zeitungen.

Chantoine, dessen Hände vor Aufregung zitterten, nahm eine davon und entfaltete sie

Barmherzigkeit, welch ein Echred! Der Artikel stand nicht in der Zeitung!