Ausgabe 
30.9.1911 Zweites Blatt
 
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Frig.

Frizz.

er Portier betrachtete die Figur lange und aufmerksam. Er hatte den schwarzgeränderten Zwicker ganz tief unten auf der Nase sitzen das tun alle Leute, die von ägyptischen Alter­tümern etwas verstehen und endlich blickte er den Herrn Kommerzialrat ernst an und sagte: Echt! Gehr echt! Vorzüg­liches Stück! Was haben der Herr dafür gezahlt?".

Der Kommerzialrat schmunzelte: Sieben Pfund, zwölf hat er verlangt."

" D!" sagte der Portier, da verstehen der Herr zu kaufen! Das ist ein Gelegenheitspreis. Ich habe gut empfohlen, nicht wahr? Der alte Moiß Necharem ist einer der wenigen ehrlichen Sändler."

Ich danke," sagte der Kommerzialrat, brückte dem Portier ein Zehnfrankenstück in die Hand und ging stolz mit seiner Maat­Statuette zum Lift.

Fritz war daneben gestanden und hatte schweigsam zugehört. Er hieß eigentlich Saffan und war, Tor- Araber" des Hotels, aber weil er Deutsch sprach, nannte er sich Frit. Das gehörte zum Geschäft.

Alle nach einiger Zeit der Herr Kommerzialrat zum Lunch herabkam, stand plöglich Fritz neben ihm und schüttelte betrübt den Kopf.

" Da große Schwein, Moiß Necharem," sagte er einfach. ,, Was?" fragte der Rat.

" Da große Schwein," wiederholte Frig, Figur sehr schlecht, ganz schlecht! Ich sehr unzufrieden, wenn Chawage geben so viel Geld für schlechte Antiquiti!'

Des Herrn Kommerzialrats Gesicht wurde sehr länglich. ,, Wober wissen Sie das?" fragte er.

,,, D, ich kennen ganz gut Antiquiti!" beteuerte Fritz ,,, ich kennen auch ganz gut Moiß Necharem!"

Ja, was soll ich da machen?" meinte der Kommerzialrat gedehnt. Der Araber zuckte die Achseln. Er dachte nach. Dann erhellte sich sein Gesicht: nun bat er's!

3cb bolen meine Freund Ali Jbrahim el Arabi; das großer Mann und guter Mann. Der fennen Antiquiti mehr gut als in Mjuseum. Das foften nichts. Nur fleinen Backschisch. 38 gut so?"

" Ja, wenn Sie glauben," sagte der Herr Rat ,, ich will Sie gern entlobnen."

Beim Lunch erzählte er seiner Frau die Sache und fand es doch sehr nett, daß der einfache Araber so viel Rechtsgefühl habe. Sm," sagte die Gnädige. Man wußte nicht, ob sie ihrem Zweifel Ausdruck geben wollte oder zu viel Fisch im Munde hatte. Nachmittags tam Ali Ibrahim el Arabi. Wie ein großer Mann" fab er gerade nicht aus. Er war sehr flein und sehr schmierig, aber er batte große, runde Brillen auf; das haben nur ganz gelebrte Araber. Er studierte die Figur, schabte mit einem fleinen Meißel an dem Sockel herum und dann sagte er: ,, Barrani!" Das ist das Todesurteil für eine Antiquität, denn es heißt ,, Gefälscht!"

Frig, der seines großen Freundes Worte zu verdolmetschen hatte, strahlte Genugtuung.

,, Ja, was soll ich aber jetzt machen? Der Kerl wird es abstreiten," sagte der Herr Rat sehr kleinlaut.

Wieder mußte Fritz lange nachdenken. Aber er war ein feiner Kopf. Er fand wieder das Richtige.

,, Ali Ibrabim soll machen das! Er wird hinbringen Figur und Moiß Necharem große Angst baben und geben zurück Geld oder gute Figur!"

Dann sprach er eifrig auf Alli ein; es schien schwer, ihn zu überreden. Endlich waren sie bandelseins.

,, Ali Ibrahim wird gehen, Berr. Du ihm nur geben für Weg und Zeit etwas!"

,, Na gut, das will ich gern."

Und Ali Ibrahim el Arabi zog ab mit der zweifelhaften Maat, der Göttin der Gerechtigkeit.

Am nächsten Tag kam er richtig mit einer neuen Figur an­gerückt. Es war zwar keine Maat, sondern eine Nephthys mit einer Art Kaffeemühle auf dem Saupt, aber sie war eben ,, asli"

echt, ganz echt! And billig, Alli Ibrahim batte dem Moßi Necharem nur drei Pfund aufgezahlt. Für sich selbst ver langte er gar nichts, nur für Weg und Zeit etwas"." Etwas" heißt in solchem Falle immer: ein Pfund. Der Herr Kommerzial­rat war ein wenig verblüfft: vier Pfund! Und dem Friz mußte er doch auch eine Kleinigkeit geben es waren fünfzig Piaster; nun kostete die Sache schon an zwölf Pfund alles in allem. Na tut nichts! Jetzt batte er wenigstens eine echte Statuette. Aber dem Kerl, dem Necharem, wollte er es gelegentlich ordent lich sagen.

Zur Korfozeit fuhr das Ehepaar nach Gezireh, um den Afternoon tea im Palace Hotel zu nehmen, und

- wer fam

da auf der großen Terrasse vergnügt auf sie zu? Der gute, alte Moiß Necharem, mit einer Osiris- Statuette im Arm und alten russischen Schneeschuhen an den Füßen. Er grinste schon von weitem.

Dem Kommerzialrat schwoll ob dieser Unverfrorenheit die Zornesader, und kaum daß Necharem beim Tisch stand und die Statuette weggestellt hatte, um freie Sände zum Reden zu be­kommen, ergoß sich ein solcher Schwall von französischen Vorwürfen über ihn, daß der alte Mann nicht wußte, was schlechter war: er oder das Französisch. Endlich fehlten dem Herrn Kommerzial­rat die Luft und die französischen Vokabeln. Er schwieg still mit einer bezeichnenden Handbewegung.

Moiß sentte sein Saupt milde nach rechts, hob die Hände in Schulterhöhe, die Handfläche nach oben, und sagte traurig: Je ne sais point!" Jch nig kenn' Ali Ibrahim, ich nir nehm' retour die Maat, je ne sais point!"

Und nun tam's heraus: Es sei kein Ali Jbrahim bei ihm gewesen, und die Maat sei echt, und er sei ein ehrlicher Mann oder seine Frau solle sofort der Schlag treffen.

Das war dem Herrn Rat zu bunt. Er setzte den alten Moiß auf den Kutschbock samt Osiris, fuhr zum Hotel zurück und direkt auf Fritz los.

Aber dem tat er sichtlich unrecht! Erst verstand er gar nicht, um was es sich drehte, dann als er begriff erfaßte ihn ehr­licher Zorn. Er glühte, er kochte, er brütete Rache. Wie ein Wirbelwind fauste er ins Zimmer und holte die unglückselige Nephthys herab, hielt sie unter Necharem's ausgiebige Nase und sagte, zitternd vor Erregung:

,, Echt das?"

Moiß lächelte mitleidig.

,,' err Baron," die Deutschen, die erster Klasse fahren, sind alle Barone ,,, das sein slette Falsifitation, nir wert!" Da batte man's. Fritz nahm die Osirisschwester Nephthys unter den Arm und wendete sich dem Ausgang zu.

,, Was wollen Sie tun?" fragte der Kommerzialrat. Ich geben Karakol!( Polizeiamt.) Ali Ibrahim da zu große Schwein! Er müssen sein eingesperrt in Turra( Gefängnis in Kairo) drei Jahr!" Der gute, alte Necharem schüttelte mißbilligend das Haupt. ,, Das sein nix gut! Der' err Baron werd' stehen' erum bei Karakol, werd' stehen' erum bei Tribunal, werd' nir bekomm' fein Statuette. Das nir gut! Gib Statuette! Ich kenn' ein Efendi, un homme tres honnête, dem werd' geben ich eine Pfund; er wird lassen holen den Vaurien, den Ibrahim, wird nehmen ihm die Statuette; cela s'arrangéra!"

,, So! Das gut! Das sehr gut!" rief Fritz begeistert; ,, ich gehen mit Dir!" und fort waren sie.

Der

Nach dem Diner famen sie triumphierend wieder. Efendi hatte seine Schuldigkeit getan: Maat war heimgekehrt zu ihrem rechtmäßigen Besitzer. Aber schwer war es gewesen! Der Efendi hatte sein Pfund bekommen, aber er selbst konnte die Sache nicht machen; er führte sie zu einem anderen Efendi, der bekam zwar auch ein Pfund, aber er war wenigstens der rechte Mann. Er ließ eine Arabije( Droschte) kommen, packte sie beide hinein und-jalah, jalah( schnell, schnell) ging's zu Ali Ibrahim. Der war zu Tode erschrocken und schwor erst, er habe die Maat schon verkauft und sie sei falsch gewesen, aber dann gab ihm der Efendi eine hinters Ohr und Friß eine hinter das andere Ohr und endlich gab er die Maat heraus. Ja, das war eine böse Expedition! Der Kutscher habe nur dreißig Piaster verlangt und Moiß verlange für sich gar nichts, nur für den Weg und die Zeit etwas".

Was konnte der Herr Kommerzialrat anders tun, als die Tugend belohnen? Moiß bekam 1 Pfund zu den 2 Pfund 30, die er bar ausgelegt, und Fritz erhielt auch noch 50 Piaster. Jetzt kostete die gute Maat an die 16 Pfund.

Na, der Herr Kommerzialrath war bald getröstet; ein paar Pfund auf oder ab! Er konnte es verschmerzen; hatte er doch wieder seine echte Statuette.

Nur der armen Maat ging die Sache furchtbar auf die Nerven, denn sie war ja die Göttin der Gerechtigkeit und sie wußte ganz genau, daß der Bildhauer Athanassopoulos, draußen in Schubra, der sie gemacht, nur 40 Piaster bekommen hatte.

Im Bar Bab- el- Lut aber war spät am Abend General­versammlung: da saßen der Portier, Friz rekte Saffan der ge­lebrte Ali Jbrahim el Arabi und der gute, alte Moiß Necharem beiſammen und schütteten die Dividenden aus. Natürlich wurde der Portier betrogen und auch die beiden Araber tamen ein wenig zu kurz, denn Moiß Necharem hatte sich eine kleine Super. dividende beiseite gesichert.

Die Deutschen in Venezuela.

Die Deutschen in Venezuela.*)

Die Mauer eines alten Hauses in Augsburg trägt, in Stein gebauen, folgende Inschrift: Sier war einst die Bank des weltberühmten Wechselbauses der Welser, welche die ersten Schiffe nach Indien sandten. Bartholomäus Welser besaß Venezuela, das kürzlich seine Jahrhundertfeier beging, das man das Welserland nannte." Ein einziges Kaufbaus,

Dr. Dominici, der venezolanische Gesandte in Berlin.

dazu nicht am Meere, sondern im Binnen­lande gelegen, hatte Anfang des 16. Jahr hunderts, zur Zeit, da großartige Ent­deckungen in fernen Ländern neue San­delswege eröffneten, die Jdee der über­seeischen Kolonisa­tion aufgenommen. Schon vor400Jahren hat sich deutscher Unternehmungs.

geist den Weg ge­bahnt bis nach Süd­amerita.

Aber noch nicht drei Jahrzehnte dauerte die Welser Herrschaft in Ve­nezuela.

Bis 1870 galt Venezuela als wil des Land". Von Bürgerkriegen zer­fleischt. Ohne Schutz für Leben, ohne Sicherheit für das Eigentum. Die Dit. tatur des tatkräftigen Generals Guzman Blanco, des Bis­marcks Venezuelas, der sich selber el ilustre Americano" nannte, der ein Jahrzehnt lang die Zügel mit eisenfester Sand führte, hatte der Entwicklung des Landes Stetigkeit verliehen, und die Augen der deutschen Handelswelt auf das Land ge­zogen. Deutscher Unternehmungsgeist, deutscher Fleiß, Tatkraft und deutsches Kapital haben festen Fuß gefaßt und erobern sich auch die südamerikanische Republit. Das deutsche Element beherrscht, trotzdem es an Zahl gering ist, den Großhandel. Deutsche haben in La Guaira, Puerta Cabello, Maracaibo, Ciudad Bolivar, den Haupthäfen des Landes, die führenden Ausfuhr- und Einfuhr- Säuser gegründet. Deutsches Kapital spielt die erste Rolle in Caracas und Valencia, den beiden reg­samsten Städten im Binnenlande. In den Almacenes", den Geschäftsräumen eines deutsch- venezolanischen Handelshauses, spiegelt sich der Handel des Landes wieder, surrt das Räder­werk des Weltverkehrs. Man zählt gegen 50 bedeutende deutsche Handels- Unternehmungen. Die deutschen Häuser in San Christobal und ein deutsches Haus in Tovar be. herrschen geradezu den Handel. Dazu kommt, daß ein sehr großer Teil der Einfuhr über England und Nordamerika durch deutsche Hände geht. Beim Bahnbau hat die Technik deutscher Ingenieurkunst Triumphe gefeiert, und um das Bild der deutschen Machtstellung zu vervoll. ständigen, sei auch der edle Gerstensaft, soweit von Gerste die Rede sein kann, nicht vergessen. Eine deutsche Brauerei besorgt die Kulturarbeit auf dem Gebiet der Trinkfrage, kämpft als Kulturträger unter dem Banner des Gambrinus.

Selbst Castro hat seinerzeit in seiner Casa amarilla, dem Gelben Haus in Cara­cas, den Wert deutscher Kulturarbeit zu schätzen gewußt, die sich auch auf dem Felde des Unterrichts betätigt. Deutsche Hauslehrer und deutsche Erzieherinnen trifft man in vielen vornehmen venezolanischen Häusern an, wenn auch bei der Bequem­lichkeit des Lebens, der sich die vornehme venezolanische Welt hingibt, die heran­wachsende Jugend, die Zukunft des Landes,

*) Siehe auch Bild auf Seite 8.

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es kaum liebt, sich den Kopf übermäßig anzuftrengen. Als Technifer, Apothefer, Hotelwirte und Ladeninhaber mühen sich Deutsche mit mehr oder weniger Erfolg ab, und auch der deutsche Handwerker findet in Venezuela günstige Gelegenheit.

Coro bildete zur ersten spanischen Zeit und zur Zeit der Welser- Herrschaft die Hauptstadt Venezuelas. Von Coro aus unternahmen die Deutschen ihre Entdeckungsreisen in die Cordilleren und die sich jenseits derselben ausbreitenden Llanos des Orinoco, aber die Erfolge dieser Expeditionen lockten die Engländer herbei. Englische Korsaren brandschatten Coro im Jabre 1567, und um gegen derartige Überfälle sicher zu sein, wurde der Sitz des Gouverneurs jenseits der Berge ins Innere des Landes, nach Caracas, verlegt. Das veranlaßte die Gründung des Safens von La Guaira, dessen Entwicklung mit der Hauptstadt Schritt bielt. Freilich war die Verbindung zwischen beiden bis in die lente Zeit auf einen steilen Karrenweg beschränkt, der über den Gebirgspaß an der Flanke des in die Wolken ragenden Silla von Caracas auf 1000 m Söbe empor­führte, von wo er sich dann um 50 m nach der Hauptstadt sentte. Jahrhunderte lang zog alles diesen Weg.

Um die heutige Stellung der Deutschen in Venezuela und den Stand des deutschen Einflusses zu erkennen, muß man die gleiche Straße ziehen. Von La Guaira nach Caracas und von dort weiter nach den bedeutendsten Handelsplätzen des Landes.

Als Geschäftsleute und in der Gesellschaft gleich beliebt, spielen die Deutschen von Caracas eine hervorragende Rolle. Nicht weit vom Kapitol befindet sich der Deutsche Klub", die Stätte der Betätigung der intimeren deutschen Lebensweise und Lebensgewohnheit. Heute ist in dem Klub ein Mittelpunkt ge­auch der Weihnachts­schaffen, der mit seinen Veranstaltungen baum wird dort alljährlich zur Christzeit angezündet- selbst auf die Venezulaner Anziehungskraft ausübt.

Auf dem Bahnhof von Caracas wird das Signal zur Ab­fahrt gegeben. Der Zug der Gran Terrocarril de Vene­zuela", der Großen Venezolanischen Eisenbahn", steht zur Abfahrt nach Valencia, der zweitgrößten Stadt des Landes, bereit. In dieser 185 km langen Bahnstrecke hat sich die deutsche Ingenieurtechnik im fremden Lande ein Denkmal gesetzt. Sie ist von deutschen Ingenieuren und mit deutschem Gelde gebaut.

Von Valencia führt eine Bahn nach Puerto Cabello. Der dortige Handel befindet sich fast ausschließlich in den Händen von 40 bis 50 Deutschen, welche zusammen mit den Regierungs­beamten und einigen Plantagenbesitzern die Gesellschaft der Stadt ausmachen.

Ein deutsches Sotel ist's mit weiten fühlen Räumen, guter Küche und einem Leſezimmer, welches eine deutsche Bibliothet birgt und in welchem deutsche und andere ausländische Zeitungen aufliegen.

Auch Puerto Cabello weist ein deutsches Klubhaus auf.

5 km südlich von der Stadt liegt, mitten in den Urwald gebettet, im Tal des St. Esteban Flusses, das Dorf gleichen Namens. Die Billenkolonie der deutschen Handelsherren von Puerto Cabello. Ein mächtiger Naturpark umgibt die Kolonie und die einzelnen Landhäuser; auch nicht ein einziger dieser Baumriesen darf gefällt werden. Aus den Gebüschen locken die Fruchttrauben und leuchten die Blätterdolden, und zwischen all der Pracht

rauscht der St. Esteban­Bach, dessen

Tas venezolanische Torf Siguerotte.