Ausgabe 
30.9.1911 Zweites Blatt
 
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Benezolanischer Haushalt.

Die Deutschen in Venezuela.

flare, tühle Wasser allmorgendlich zum Bade laden. Ein Paradies auf Erden voll berauschender Tropenherrlichkeit und blendendem Tropenglanz. Vor dessen Glanz und Herrlichkeit selbst die Seimatssehnsucht zum Schweigen gelangt.

Der dritte venezolanische Haupthafen, Maracaibo am gleich­namigen Golf, ist direkt eine deutsche Gründung.

Paläste, öffentliche Bauten, Kirchen und Klöster, sowie mit Denkmälern, Gartenanlagen und Springbrunnen geschmückte Parts verleihen Maracaibo ein großstädtisches Aussehen. In den Warendepots am Hafen und in den Kaufhäusern der Haupt­straße, der Calle ancha, herrscht reges Leben. Deutsches und venezolanisches Kapital haben gemeinsam eine bedeutende Industrie geschaffen; elektrisches Licht, Straßenbahnen, Dock­anlagen, Fabriten und eine Brauerei. Im Klub, dem Mittel­punkt der Geselligkeit, verkehren Venezolaner und Deutsche in bester Harmonie.

Man darf bei einer Betrachtung des deutschen Lebens und Treibens in Venezuela nicht an einer eigenartigen deutschen Gründung vorübergehen, welche fernab vom Weltverkehr, von den Mittelpunkten des Handels und ohne die großen Mittel deutscher Handelshäuser inmitten des Urwaldes, welchen bis dahin kaum eines Menschen Fuß durchquert hatte, errichtet worden ist. Man darf die Bauern von Tovar nicht vergessen. Man muß diese Kolonisten bewundern, die mit echt allemanischer Zähigkeit an die Arbeit gingen, den Urwald ausrodeten, Wohn­stätten errichteten, Kirchen und Schulen bauten und weitab von jeder bewohnten Stelle ein blühendes Gemeinwesen schufen.

Der spätere Präsident Tovar hatte die Ländereien den Kolo­nisten geschenkt und nach ihm wurde die Kolonie benannt. Der Bremer Handelsherr Carlos Marren interessierte sich für die Gründung und stand den Ankömmlingen mit Rat und Tat zur Seite. Bis auf den heutigen Tag hat sich die Ansiedlung ihren ausgesprochen deutschen Charakter bewahrt. Vielleicht t zum größten Teil ist die zähe Erhaltung der deutschen Sprache und deutschen Wesens dem Elm­stand zu verdanken, daß es aufs höchste verpönt ist, eine Nichtdeutsche zu

heiraten.

Wer sich dieser Bestimmung nicht fügen will, muß aus der

ALWA TOIL 4000

Die Villa Zoila des Erpräsidenten Castro.

Gemeide ausscheiden und verliert alle Rechte an Grund und Boden. Diese Vorschrift besteht bis auf den heutigen Tag.

Die Tovarer Bauern halten fest an den Sitten der Seimat, fest auch an den ihnen verliehenen Vorrechten; die venezolanische Regierung mischt sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Kolonie und die Bewohner sind, obwohl sie längst Venezolaner geworden, vom Militärdienst befreit.

Die Schrift auf dem Stein, welche von einstmaliger deutscher Herrschaft und Herrlichkeit im fernen Venezuela, das sie das Welserland nannten, zeugt, ist verblaßt. Aber in goldenen, unauslöschlichen Lettern steht auf den Tafeln der Geschichte verzeichnet, was deutscher Unternehmungsgeist und deutsche Ausdauer, die sich die Welt erobert, auch in der südamerikanischen Re­publik errungen haben.

Das Unternehmen des Augsburger Handelshauses brach zusammen unter der Tücke der Feinde und unter den un­günstigen Verhältnissen der Heimat selbst. Das neu erstan­

dene Deutsche Reich ist im Innern erstarkt und geeinigt und öffnete seinen Söhnen den Weg nach draußen. Und es schützt seine Ange­hörigen im Ausland gegen die Tücke der Feinde. Das hat Cipriano Castro erfahren, der glaubte, den in seinem Lande lebenden Deutschen mit Miß­achtung begegnen zu können.

Auch den venezolanischen Boden hat deutsches Blut als Kulturdünger gut durchtränkt. Mancher ist dort ver­dorben, gestorben, vergessen. Aber die deutsche Kraft hat sich durchgerungen. Jeder an seinem Teil. Der mächtige Handelsherr in seinen Geschäftsräumen, in welchen der Pulsschlag des Welt­handels fühlbar ist, der deutsche Hand­werker in seinem engen Kreise und der alemannische Bauer auf ver­lorenem Posten, sie alle haben das Jhrige dazu getan, den deut­schen Namen zu Ehren zu bringen. Ihnen hat die Glut der Tropen­sonne nicht das deutsche Mark dörren, noch die einschläfernden Lüfte und das verweichlichende Leben des Landes die Energie lähmen können.

Das Siegesdenkmal, das demnächst in Caracas enthüllt wird.

Die bedeutendsten Einfuhr­häfen Venezuelas liegen an der westlichen Küste. Im Osten nimmt nur Ciudad Bolivar eine gewisse Stellung ein, neben Ma­turin, Cumana und Barcelona der Insel Margarita gegenüber, welche einst in der Leute Mund war, weil sich das Gerücht ver­breitet hatte, Deutschland beabsichtige dort die Errichtung einer Kohlenstation für die Flotte. Der Hafenort La Guaira ist

zwischen Meer und Gebirge wie einge­klemmt. Aber der in einer Entfernung einer halben Stunde östlich am Strande gelegene Badeort Macuto bietet mit seinen herrlichen Parkanlagen, prächtigen Palmenhainen, der kühlenden Seebrise und seinen zumeist in deutschen Händen befindlichen Hotels Erholung nach der Hitze des Tages und willkommene Rast. Ein Tropenparadies voll Himmelsbläue und Abendfrieden. Auf der Landseite verliert sich der Blick bis zu den in die Wolken ragenden Häuptern der Bergriesen, die von Silberschleiern umwogt sind.

Wo früher Reisige zogen, der Karren mühsam sich fortbewegte, flettert jetzt die Lokomotive mühelos die Felsen hinauf.

Wenn die Nacht niedersinkt, grüßt vom Meere her das Kreuz des Südens". Wenn es Tag ist, regen sich viele fleißige Sände, regt sich deutscher Unter­nehmungsgeist und deutscher Fleiß.

Die Schwäbische Alb.

gekrönt. Wie schön hat Gustav Schwab das Bild in den Vers gefaßt:

.Aus einem tiefen, grünen Tal- Schießt auf ein Fels als wie ein Strahl. Drauf schaut das Schlößchen Lichtenstein Vergnüglich in die Welt hinein."

Schmale, felsenumklimmende Pfade führen durch den Wald nach oben. Aufatmend tritt der Wanderer auf die Felsen­zinne des Berges und schaut hinab auf ein wogendes Meer von grünen Zweigen und Blättern, aufs blühende Tal und die kleinen Siedlungen des Menschen hinüber zum jenseitigen Bergrand, hinaus ins weite Hügelland, rückwärts über Wälder, Felder und Berge der Alb. Wunderbar fühlt sich hier die Seele gehoben. Hier wohnten einst die Götter unserer Ahnen. Hier hat Wodans Roß mit goldenem Huf den Felsen ge­zeichnet. Hier stand der Teufel und schaute mit gierigen Augen hinaus, die Menschen lockend, drüben erhob ein Engel Gottes warnend die Hand, hier opferten die alten Priester, hier bauten starke Geschlechter ihre trußigen Burgen. Hier rankt Sage und Dichtung um Felsen, Ruinen und Klüfte, wie uns Hauffs

,, Lichtenstein" be­zeugt. Hier redet

die Geschichte zu ung von den Römern, die ihre Heerstraßen über die Berge ge­führt, von den Alemannen, wel­che die Römer über die Alb zu­rückwarfen und sich selber auf den luftigen Hö­hen ansiedelten, vonden Kaiser­geschlechtern der Staufen

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ganz dünne machen und nach Art der Erdgeister unterirdisch die Alb durchwandeln könnte, der würde märchenhafte Wunder schauen, glänzende Hallen und schimmernde Märchenschlösser. Denn die ganze Alb ist durchzogen von Klüften und Höhlen, deren Wände, Decken und Böden mit massenhaften Kristallen in zauberhaft schönen Formen bekleidet sind. So groß sind diese Höhlen, daß sie ganze Flüsse verschlucken können, wie jeden Sommer mit der Donau bei Tuttlingen geschieht. Eine Reihe von Höhlen ist von der Erdoberfläche aus zugänglich, so die berühmte Nebelhöhle beim Lichten­stein, die Charlottenhöhle und andere. Die älteren sind allerdings zum guten Teil ihrer ursprünglichen Schönheit be­raubt. Aber es werden immer wieder neue entdeckt, die in unberührter Pracht strahlen. Durch diese Höhlen versichert das Regenwasser in die Tiefen und kommt am Albrand in starken klaren Quellen wieder ans Licht. Manche Quellen strömen als völlige Bäche aus dem Boden und ihre Felsen­trichter bilden kleine wundersame Seen, von denen der Blau­topf bei Blaubeuren durch seine tiefblaue Farbe und seine

Hohenurach mit Brüdtal.

und Zollern, die diesen Bergen entsprossen, von den Rittern, die hier gehaust, den Herzogen und Städten, welche um den Besitz des Landes ringsum gestritten. Hier blüht auf den Felsen und Triften ein würziges der Alpen­flora stammverwandtes Geschlecht von Blumen und Kräutern, die Luft mit süßem Odem füllend. Jeder Berg bietet neue Bilder und Reize. Zum schönsten gehört eine Rund­wanderung von Berg zu Berg, die Berge umkreisend und übersteigend, die Täler durchquerend oder umgehend, an jedem Ausblick mit sehfrohem Auge die Welt einsaugend, mit tief­atmender Lunge die Bergluft trinkend, über Felsen kletternd, im Heidekraut sich sonnend, im Waldschatten sich kühlend, aus dem Rucksack sich nährend, am Bergquell sich labend. Die Hochfläche der Alb ist einförmiger. Sie gilt vielen als unschön und schon der Name Rauhe Alb" wird manchen abschrecken. Aber der Liebhaber findet auch hier seine Ge­nüsse. Wer gerne einsam in der Sonne geht, durch hoch­gelegene Ährenfelder und Weiden zu wandern liebt, wer den weiten, weiten Himmel mag und den bodenständigen Reiz weltentlegener Dörfer erschaut, wer ab und zu im schlichten Dorfwirtshaus rasten und am Sonntagmorgen mit den Älblern in ihrer einfachen Dorfkirche sich erbauen kann, der ziehe getrost ein paar Tage über die Hochfläche der Alb.

Nun müssen wir noch unter die Erde fahren. Wer sich

einzigartige Um­gebung der schön­ste ist. Wer in sternklarer Nacht an ihm verweilt oder in der ersten Frühe

eines

Sommermor­

gens an seinem dunkelblauen Wasser sitzt und Mörikes Ge­schichte von der schönen Lau am stillfließenden Borne liest, des­sen Seele wird etwas erleben, was sie nicht Alls Führer über die Schwäbische Alb wieder vergessen wird. empfehle ich das Buch des vertrautesten Kenners derselben: Pfarrer Dr. Engel, Unsere Schwäbische Alb( Verlag von Ebner, Ulm), dessen Lektüre an sich ein Genuß ist. Die Alb ist in allen ihren Teilen leicht zu erreichen. Stuttgart ist das rechte Einfallstor. Von hier aus führt die Bahn an und über die Alb nach allen Richtungen. Wer wenig Zeit zur Verfügung hat, nehme die Gegend um Kirchheim, Urach, Reutlingen, Tübingen, oder Hohenstaufen, Rechberg, Aalbuch oder Sigmaringen, Donau, Beuron. Die Wege sind vom Schwäbischen Albverein allenthalben gut markiert. An den Bahnhöfen sind Wandertafeln und Karten angebracht. Sehr zu empfehlen ist auch dem Liebhaber der Heimatkunde die Besichtigung der alten Städtchen am Fuße der Alb, in welchen viel gute alte Brunnen, Kirchen, Klöster, Schlösser mit sehr wertvollen Kunstschätzen zu finden sind.

Auch

Glückauf zur Wanderung! Wenn's warm und durstig wird, so bietet die Alb ihre erfrischenden Sauerwässer, Ditzenbacher, leberkinger, Göppinger u. a. Wein wächst auf dem warmen Basalttuff und an geschützten südlichen Hängen. Zwar in fühlen Jahren gerät er etwas rauh, daß der Studentenwitz Recht hat, welcher von dem billigen Wirtshaus in Reutlingen erzählt, allwo man um 20 Pfg. ein Viertel Wein und eine Portion saure Zunge bekommt.