Ausgabe 
30.9.1911 Zweites Blatt
 
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Die Schwäbische Alb.

Einschlüssen so reich wie die Jura. Schon Goethe hat die wundersamen Gebilde mit seinen hellen Augen entdeckt, als er auf seiner italienischen Reise die Alb bei Balingen über schritt. Zu Tausenden sind diese Petrefatten in historischen und öffentlichen Sammlungen vereinigt, am schönsten und reichsten im Stuttgarter Naturalientabinett. Auch die Tübinger Sammlung, welche von dem eigentlichen Entdecker des Jura, Professor Queenstedt, angelegt ist, ist sehr sehens­

wert. Aber immer noch liegen

Tausende von Versteinerungen

über die Alb zerstreut und

Hunderttausende sind in

ihrem Innern be­

graben. Wer suchen will, wird aus Stein. brüchen, Bachbetten

und anderen Auf­schlüssen noch manch schönes Stück mitnehmen.

Die riesigsten Tiere jener Ur­

welt, die von Scheffel besungenen

Saurier, finden sich in den Kalkplatten

um Holzmaden bei Kirchheim u. T.

der Aufstieg auf ihre Höhen steil und warm, so lohnt die Aussicht oben reichlich die Mühe. Sie ist nicht so großartig wie auf den Aussichtsbergen der Alpen, aber sie zeigt eine Weite, Mannigfaltigkeit und liebliche Schönheit, die ihresgleichen in deutschen Landen sucht. Ich habe sieben Jahre unter dem Gipfel des Hohenstaufen gewohnt und habe während dieser Zeit vielhundertmal auf seiner Höhe gestanden. Aber mit immer neuem Entzücken hat mein Auge in die Runde geschaut auf die massigen, schlanken, ge­streckten, geschwungenen Ge­stalten der Albberge mit ihren klaren Profilen, in die fruchtbaren, volkreichen Täler mit Wiesen und Feldern von dunk­leren Wäldern unter­brochen, auf die friedlichen, in Obstgärten eingebetteten Dörfer, die gewerbefleißigen Städtchen, und in die weiten Fernen, im Süden die Alpen, im Westen der Schwarzwald, im Norden der Odenwald, im Osten der fränkische Jura im blauen Dufte verschwimmend. Im Sonnenglanz und Abend­grauen, im Schnee und in Frühlingsfarben immer neue Bilder voll Fülle und Leben.

Blick auf Lochenste.n.

Die Schwäbische Alb zieht sich von Südwesten nach Nordosten von Tuttlingen bis Bop­fingen wie eine gewaltige Mauer in einer Länge von zirka 250 km und einer Breite von zirka 40 km quer durch Württemberg, im Süden von der Donau, im Norden vom Neckar und seinen Nebenflüssen begrenzt. Die schönere, formenreichere Seite ist ohne Frage dem Neckar zu gewandt. Hier ist der Steilabfall, bier ragen die Berge am kühnsten, hier

sind die Täler am tiefsten eingeschnit­ten, bier lacht am Fuß das fruchtbare, bügelreiche Unter­land mit seinen Weinbergen, Obst gärten und goldenen Getreidefeldern. Aber auch der süd­liche, sanfter ab­fallende Sang der Alb ist nicht ohne Reize, besonders durch die schönen Täler, das obere Donautal, das Lautertal, das Blautal. Auf der nördlichen Seite ist der Alb eine Reibe von Sügeln und

Wer die intimsten Reize der Alb kennen lernen will, der muß im Frühling zur Zeit der Obstblüte kommen. Dann herein in ein Albtal! Berühmt sind dafür das Lenninger-, das Neidlinger Tal, das Tal bei Urach. In meinem Leben

habe ich nirgends eine solch jungfräu­liche Schönheit ge= sehen als wenn in diesen Tälern die Kirschen blühen. Auf grünem, saf­tigem Wiesengrund die zahllosen weiß­schimmernden Bäu­me, bienendurch­summt und licht­überflutet, daneben das kristallklare Bächlein rauschend, zu beiden Seiten die steilen Berghalden vom ersten Früh­lingsgrün der Bu chenwälder bekleidet, oben herein ein schmales Stück blau­er Himmel. Über­haupt diese Täler und Talschlüsse. Da hört die Welt auf und fängt eine Welt für sich an. Einengend und beimelig ragen die waldigen Berge, im stillen Winkel stürzen die Wasserfälle, wie aus der Erde geschossen heben sich die weißgrauen Felsen, teils einsam sich reckend, teils die Wälder durchziehend und die Berge um­kränzend, zum Teil selber noch mit Burgen und Ruinen

Die Wurmlinger Kapelle bei Tübingen. ( Das Motiv für Uhlands Gedicht: Droben stehet die Kapelle".)

Bergen vorgelagert. Stolz wie Offiziere vor der Front stehen sie vor der Bergkette, so der Ipf bei Bopfingen, der Rechberg, der Staufen, die Achalm, der Sobenzollern. Ihre kegel förmige schlanke Gestalt läßt auf einen vulkanischen Ursprung schließen. In der Tat sind einige wie der Turmberg und Georgenberg vulkanischen Ursprungs, aber die meisten sind vom Wasser im Laufe der Jahrtausende isoliert und geformt. Ist auch

Die San Franziskoer Weltausstellung.

Die große Weltausstellung, die im Jahre 1915 in San Franzisko zur Eröff nung des Panamafanals abgehalten wird, ist, wie uns aus der Kalifornischen Handels. metropole mitgeteilt wird, wiederum ein Stück der Verwirklichung nähergerückt.

Am 25. Juli wurde das Terrain be­stimmt, auf dem sich das große Ereignis der ,, Panama Pacific World's Fair" ab­spielen soll. Wie uns mitgeteilt wird, be­ginnt das Ausstellungsterrain am sogen. ,, Telegraph Hill", von dem vor langen, langen Jahren die ersten Schiffe avisiert wurden, und erstreckt sich bis zur Harbor View- Seite, zum Presidio sowie den Lincoln und Golden Gate Parks. Ein ungefähr acht englische Meilen langes und an der Bay sich entlang ziehendes Boulevard stellt

Internationale Weltblige.

die Verbindung zwischen Telegraph Hill und der Harbor View­Seite her. Eine spezielle Ausstellungsbahn( Interminal Railbroad) wird die einzelnen Ausstellungsterrains noch enger verbinden. Auf der vom Fort Mason, der Lombard Street, dem Presidio und der Bay- Front gebildeten Harbor View- Seite werden nach vorläufigen Bestimmungen sich die Transport-, Maschinen- und Industrie Ausstellungen befinden, desgleichen der sogenannte ,, Vergnügungsort", wo sich das nächtliche Ausstellungsleben abspielen soll. Beim Presidio werden die amerikanischen Regie­rungsausstellungen ihren Platz finden. Der Lincoln Park wird in ein kleines szenisches Paradies mit Restaurants, Cafés und einem mächtigen Erinnerungsdenkmal verwandelt werden. Auf dem Terrain zwischen dem Lincoln- Park und dem herrlichen Golden Gate Part werden Ausstellungen der fremden Länder, verschiedene amerikanische Staatsgebäude sowie die landwirt. schaftliche und elektrische Ausstellung eine Unterkunft finden. Im Golden Gate Park werden außer dem Museum und der Kunstausstellung die japanischen und chinesischen Gärten, Fon­tänen, Denkmäler usw. zu sehen sein. Auch wird hier eine Riesen- Station errichtet, sowie eine Darstellung des Panama­tanals en miniature gegeben werden. Nach den vorliegenden Bildern, Plänen usw. verspricht die San Franziskoer Weltaus­stellung eine Attraktion ersten Ranges zu werden.

Ruinen von Sanssouci bei Port au Prince.

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Das Paradies der Neuen Welt.

Kolumbus hatte recht, wenn er die Insel Haiti das Para­dies der Neuen Welt" nannte. Kubadie Perle der An­tillen, Saiti der Garten von Westindien. Tropenpracht, nichts wie Tropenpracht. Aber nur äußerlich ein Paradies auf Erden, innerlich, und das ist die Kehrseite der haitischen Medaille, ein Dorado des Bürgerkrieges. Heute lustige Musik und fröhliche Menschen, die in den Cafés und Bars ihren Rum schlürfen, morgen demolierte Cafés und Bars, aufgeregte Menschenmassen, Pulverdampf und Blutvergießen. Alte Musteten und europäische Kanonen a. D., um, wie es im haitischen Jargon heißt: à bom­barder la capitale. Seute noch Präsident des Landes, morgen ein barfüßiger Flüchtling am Bord irgendeines fremden Kriegs­schiffes. Das ist Saiti, wo fürzlich wieder einmal der Bürger­krieg tobte, der mit der Einsetzung eines neuen Präsidenten endete. Saiti ist ein Land der Paradorien. Bei der größten Site läuft der Haitianer im schwarzen Rock, hohen Stehkragen und Zylinder herum. Statt fühlender Getränke zieht er sich einen Rum nach dem andern zu Gemüte. Statt dem Geburtsregister treu zu bleiben, wechselt er alle Augenblicke seine Namen, die immer historischen Ursprungs sind. So wimmelt es auf der Insel von Ciceros, Cäsars, Louis Bonapartes, Voltaires, Telemachs usw.

Blick auf die Harbor Biew- Seite.