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Die Moskauer Intendanten.

Die Senatsrevisionen in Rußland, die auf Veran­Jaffung des Ministerpräsidenten Stolypin mit Strenge burchgeführt werden, haben in Rußland unendlich viel Staub aufgehtrbelt und nicht nur die kleinen Diebe" an den Galgen gebracht. Kurz vor Beginn des Pro­geffes gegen die Moskauer Intendanten hat im gleichen Moskauer Gerichtssaale die Verurteilung des einst all­mächtigen Stadthauptmanns von Moskau, General Reinbott, zu Zuchthaus stattgefunden. Die Senatoren haben tezt eine ganze Reihe anderer hoher Offiziere vor Gericht gestellt, das sie schmußigerer Dinge an­flagt als Reinbott und über sie nicht milder urteilen fann, als gegen diesen. 68 Offtztere und Be­amte der Moskauer Militärintendantur haben sich in Moskau vor dem Hauptmilitärgericht zu verantworten, weil sie von 1904 bis 1909, also vom Kriegsjahr an, als sich das Vaterland in großer Not befand, bis zu bem Jahre, wo die Senatoren bereits die Untersuchung gegen die Intendantur eingelettet hatten, sich offen­fundig bestechen ließen und wissentlich schlechte Beklei= bungsgegenstände für die Truppepn annahmen und die guten zurückwiesen. Denn die Lieferanten zahlten nur, wenn unbrauchbare Waren angenommen wurden; guté Waren liefern und noch Schmiergelder zahlen, war für fte durchaus unvorteilhaft.

gen mit. Bet dem Hauptmann Lux fallen derartige Momente weg, die ganze Verhandlung wird jedenfalls hinter verschlossenen Türen vor sich gehen

Rundschau vom Cage.

Politisches.

Eine Sigung des Präsidiums des Hansabundes wird sich am heutigen Mittwoch mit dem Konflikt, der durch den Austritt Rötgers geschaffen tst, zu beschäftt­gen haben. Vielfach tst behauptet worden, daß der Abgeordnete Stresemann Rötgers Nachfolger werden solle. Eine Entscheidung ist noch nicht getroffen.

Wie die ersten Tage der Verhandlung ergeben ha­ben, wurden verfaulte Fellmüßen und Tuchstoffe, zund­rige Stiefel und verfaulte Konserven geliefert und an­genommen. Ohne Schmiergelder sei mit dem Militär­fistus kein Geschäft zu machen, erklärten die Lieferant­ten vor Gericht. Diese Abgabe mußte mit der größten Pünktlichkeit genau nach dem immer mehr erhöhten Schmiergelderfartf entrichtet werden, sonst wurde schi= faniert und der Lieferant ruiniert. Beschwerden waren aussichtslos. Denn die Vorgesetzten steckten mit den Untergebenen unter einer Decke, und die fernstehenden Vorgesezten sagten sich: unser Eingreifen hilft doch nichts und verursacht uns nur Scherereten. Die Sol­daten waren gewohnt, die Intendanturstiefel nicht zu tragen. Sie verkauften sie, legten vom eigenen Gelde hinzu und kauften sich Privatstiefel, die Intendantur­stiefel aber wurden aufgekauft, der Intendantur wieder geliefert und von ihr wieder ange= nommen: ein netter Kreislauf der Dinge!

Eine preußische Schulkonferenz wird am 30. Junt auf Veranlassung des Ministers Trott zu Solz im Kul­tusministerium abgehalten. Die Konferenz dient dazu, Provinzialschulräte über einige interne schultechnische Angelegenheiten zu befragen. Die Nachricht, daß auch die Frage einer Reform des humanistischen Gymna= siums auf die Tagesordnung einer amtlichen Schul­Konferenz gesetzt werden soll, ist, wie der B. Lok.­Anz." schreibt, irrig.

Das neue französische Kabinett Gaillang tst gebil det worden. Die Zusammenseßung ist folgende: Prä­sidium und Inneres Caillaux, Justiz Cruppt, Aeußeres De Selves, Krieg Messtmy, Marine Delcaffé, Unter­richt Steeg, Finanzen Klob, Oeffentliche Arbetten Au­gagneur, Handel Couyba, Ackerbau Pams, Kolonien Lebrun, Soztale Fürsorge Renould.

Protestversammlungen gegen die Absetzung des Pfarrers Jatho, die vom rheinisch- westfälischen Ver­band der Freunde evangelischer Freiheit einberufen wa­ren, fanden Dienstag abend in Cöln statt. Nachdem mehrere Redner gegen die Amisentsetzung protestiert hatten, wurde folgende Resolution einstimmig ange= nommen: 7000 rheinische Protestanten, Männer und Frauen, empfinden die Amtsentsetzung von Pfarrer Jatho als eine ungeheuere Unbill an der Cölner evan­gelischen Kirchengemeinde und als nie wieder gutzu­machende Schädigung echter Religion." In den näch­sten Tagen werden auch in anderen rheinisch- westfält­schen Städten solche Versammlungen stattfinden.

Drei Generalmajore sind angeklagt, einer ist ge= flüchtet, einer leugnet, einer ist geständig, dann kommt ein Duhend Obersten usw. Was sagen diese Träger des kaiserlichen Roces zu ihrer Entschuldigung? Wtr haben uns bei der Sache nichts übles gedacht; es war eine traditionelle Sitte, daß wir Bezüge" erhielten, wenn wir die Interessen der Lieferanten wahrnahmen." Dieses im gekränkten Tone der tiefsten Entrüstung. Die Schmiergelder wurden in Form von Monatsge= hältern der Firmen, als Prozente bet günstigen Ab­schlüssen, Gratifikationen usw. gegeben. Die Offt= tere waren somit Angestellte der Lieferan fen, die diese Erscheinung als etwas ganz Natürliches betrachteten und vor Gericht daraus kein Hehl machen. Und vor Gericht wird offen gesagt, daß die Sitte auch nach dem Gericht nicht aufhören wird, nur daß man vorsichtiger sein will. Da tui freilich ein eiserner Besen not, um hier ordentlich auszukehren.

Kleine Nachrichten.

Ein neuer Rundflug. Der Verleger der Zeitung Petit Bleu in Brüssel stiftete 50 000 Francs für den im nächsten Jahre zu veranstaltenden Rundflug, der Ber­lin als Hauptstützpunkt haben müsse.

Auf der Kommandobrüde gestorben. Der Kapitän eines englischen Vergnügungsdampfers wurde auf der Heimfahrt von der Flotkenrevue bet Spithead tot auf der Kommandobrücke aufgefunden. Da der Tod des Ka­pitäns erst eine Viertelstunde später bekannt wurde, ist man verwundert darüber, daß dem Schiffe keinerlei Unfall zugestoßen ist.

Der bekannte Führer der nationalliberalen Frak: tion des preußischen Abgeordnetenhauses, Dr. Fried­berg, feiert am Mittwoch den 60. Geburtstag. Der frühere Universitätsprofessor, Geheime Regierungsrat Dr. Robert Friedberg, gehörte dem Abgeordnetenhause von 1886 bis 1903 für den Wahlbezirk Halle( Saale= kreis) und seit 1903 für den Wahlbeztrk Lennep- Rem­scheid- Solingen an. Von 1893 bis 1898 war er auch Mitglied des Reichstages.

Ein Denkmal Josefs v.Eichendorff, das aus frets willigen Beiträgen aus ganz Deutschland errichtet ist, wurde gestern in Breslau enthüllt. Das Denkmal stellt den Dichter in seiner Jugend als fröhlichen Wanderer dar.

Zum Thema Wahlen und Zolltarif melden Berlt­ner Blätter: Die Vorarbeiten zu der Zolltarifrevision werden wahrscheinlich erst nach Beendigung der Reichs­tagswahlen beginnen, um nicht jetzt schon durch das Bekanntwerden der Richtlinien den Wahlkampf zu be= einflussen.

In einem Anfall religiösen Wahnsinns begab sich der Anstreicher Omischowski, in der Baumstraße in Solingen wohnhaft, in der Nacht vom Montag zum Dienstag mit einer brennenden Kerze auf das Dach seines Wohnhauses. Er stürzte ab. Mit zer­schmetterten Gliedern blieb er tot auf der Straße Itegen.

Ans Liebesgram verübte die 16jährige Tochter des Rettors Reichardt in Viez an der Ostbahn einen furcht baren Selbstmordversuch. Ste begoß ihre Kleidung mit Petroleum, zündete dieses an und sprang dann aus dem zweiten Stock der elterlichen Wohnung auf die Straße hinab, wo sie mit schweren Brandwunden und tödlichen Verletzungen aufgefunden wurde.

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Große Ueberschwemmung in China. In der Pros vinz Hunan ist eine Ueberschwemmung eingetreten, bek der viele Menschen umgekommen sind.

Massenerkrankungen an Scharlach. In Kotschano witz in Westpreußen sind ungefähr 200 Kinder an Schar lach und Mafern erkrankt. 15 find bereits gestorben Fünf Soldaten beim Baden ertrunken. Von einem Honvedregiments das gestern in Budapest manövrterte, find beim Baden fünf Soldaten ertrunken.

Der Deutsche Gewerkschaftskongreß in Dresden setzte am Dienstag setne Tagung fort mit der Beratung über die Errichtung einer gewerkschaftlich- genossen­schaftlichen Unterstützungskasse. Eine Kommission, die zur Vorberatung der Frage eingesetzt worden war, hat den Standpunkt eingenommen: Ein zwangloser Unter­stüßungsverein von Gewerkschaften und Genossenschaf­ten muß die Versicherung der Arbeiterschaft überneh­men, nicht etwa Aktiengesellschaften. Jedes Mitglied einer Gewerkschaft, Genossenschaft, eines Konsumver­eins soll berechtigt sein, dieser Versicherung beizutreten. Ein Rechtsanspruch auf Unterstüßung soll nicht vor­handen sein, damit man nicht unter die Versicherungs­geseze falle. Es wurde sodann folgende Resolution an­beauftragt, genommen: Die Generalkommission wir gemeinsam mit dem Zentralverband Deutscher Konsum­vereine eine gewerkschaftlich- genossenschaftliche Vereint­gung ins Leben zu rufen."

Neuer Spionagefall vor dem Reichsgericht. Der höchste deutsche Gerichtshof hat sich am Don­nerstag abermals mit einem Spionagefall, mit der Af­färe des Hauptmanns Lux vom französischen Ge­neralstab zu beschäftigen, der am 3. Dezember 1910 wegen Spionage in Friedrichshafen verhaftet worden ist. Der Angeklagte, der sich in Leipzig im Untersuch­ungsgefängnis befindet, tst der Geniehauptmann Char­les Lux, dreißig Jahre alt, geborener Pariser und zuletzt in Belfort in Garnison. Anfang Dezember ver­gangenen Jahres war man auf der Zeppelinwerft in Friedrichshafen, wo an dem Luftkreuzer gebaut wurde, wegen dessen Ankauf die deutsche Heeresleitung mit der Zeppelingesellschaft in Unterhandlungen stand, auf einen Fremden aufmerksam geworden, der offen­bar ein ganz besonderes Interesse für den Luftschiff­baut hatte, dieses Interesse aber unter einem harmlosen Aeußeren zu verstecken sich bemühte. Als mehrere Werftarbeiter eines Tages beobachteten, daß der Fremde Teile des Luftkreuzers zeichnete und skizzierte, machten sie davon der Werftleitung Mitteilung, und der Verdächtige wurde, da er über den Zweck feiner Besuche auf der Werft keine befriedigende Auskunft gab, in Haft genommen; es war der Hauptmann Lur. Er wird nun Gelegenheit haben, sich vor dem höchsten deutschen Gerichtshofe zu rechtfertigen. Als Verteidiger stehen ihm zwet Rechtsanwälte zur Seite. Einer von thnen verteidigte seinerzeit auch im Dezember vorigen Jahres einen der beiden englischen Offiziere, die beim Spionieren an unserer Nordküste abgefaßt wurden. Die Verhandlung gegen die beiden Engländer wurde allem früheren Brauch entgegen bis auf die Gutachten der militärischen Sachverständigen, in voller Deffent­Itchkeit durchgeführt, es spielten da politische Erwägun­

1)

Jugendfreundschaft.

Roman von G. v. Schlippenbach. ( Nachdruck verboten.)

1. stapitel.

Die türkische Studienkommission besuchte Dienstag früh das Ansiedlungsdorf Golenhofen in Bosen. Nach der Rückkehr wurde dte ostdeutsche Ausstellung weiter besichtigt. Die Wetterretse nach Kiel erfolgte abends.

3nr Kabinettskrifts in Desterreich wird aus Wien gemeldet: Die Ernennung des Freiherrn von Gautsch zum Ministerpräsidenten soll erfolgt sein. Freiherr v. Bienerth wird Statthalter von Niederösterreich. Die tschechischen Blätter betrachten den Rücktritt Bienerths als einen tschechtschen Steg und bezeichnen das Kabt= nett Gautsch als ein Provisorium.

Nach langen Jahren. Strandhof auf Rügen, 12. März 1890. Wirst Du noch meine Handschrift erkennen? Lange Jahre sind vergangen, seit wir uns sahen, sett wir uns zuletzt schrieben, aber ich hoffe, daß Dir dieser Brief willkommen ist in Erinnerung an unsere ferne Jugendzeit. Weißt Du noch, wie wir uns Treue schwo­ren, wie wir beim Abschied aus unserer Pension wein­ten? Seitdem ist die Zeit dahingeeilt, nahe an zwan­zig Jahre sahen wir uns nicht.

103 Jahre alt wurde am Dienstag die Lehrerwitwe Auguste Beck in Emanuelsegen( Schlesien), die sich in der Pflege thres jüngsten Kindes, einer 67jährigen Toch ter, befindet. Frau Beck, die schon 53 Jahre im Wit wenstand lebt, stand dem Haushalt eines Sohnes noch als Hundertfährige vor. Als Geburtagsgratulanten er schtenen noch zwet ältere Söhne, von denen der eine das 80. Lebensjahr überschritten hat.

Volkswirtschaftliches.

Wie viel Kapital die Engländer im Ansland ans gelegt haben. Die Gesamtsumme des englischen Kas pitals, das gegenwärtig außerhalb Englands angelegt ist, beträgt, wie der Tägl. Korr." mitteilt, 3192 Mt Itonen Pfund Sterling oder 62,211.5 Millionen Mart. Davon entfallen auf Deutschland nur 6 Millionen Pfund, ein Beweis, daß Deutschland die Benutzung englischen Kapitals immer weniger notwendig hat. Un fer den europäischen Staaten steckt das meiste englische Kapital, 38 Mintonen Pfund, in Rußland. In den Vereinigten Staaten von Amerika haben die Englän der sogar 688 Millionen Pfund angelegt, in Kanada 337, in Indien und Ceylon 365, in Südafrika 351, in Austra Iten 302, in Argentinien 269, in Brasilien 94, in Mexiko 87, in Japan 53, in Spanten 18, in Italien 11 und in Frankreich 7 Millionen Pfund Sterling. Auch Frank reich hat eben nicht nötig, seinen Industrien englisches Kapital zuzuführen. Im ganzen entfallen auf die bri tischen Kolonten 1554, und auf fremde Länder 1638 Millionen Pfund Sterling. Dieses im Auslande und in den Kolonten angelegte brittsche Geld bringt England, fährlich 155 Millionen Pfund Sterling oder 3166.6 Mil Itonen Mark Zinsen ein, was einer Verwertung des Kapitals zu mehr als 5 Prozent entsprechen würde.

Ans Anlaß der Krönungsfeierlichkeiten in London fand am Dienstag nachmittag im Buckingham- Palast ein Gartenfest statt, das von etwa 6000 Gästen besucht war. In Zelten wurden Erfrischungen geboten. Die Tafeln waren mit silbernem Gerät, Nelken und No­fen geschmückt. Gegen 4 Uhr erschien das Königspaar mit den fürstlichen Gästen. Die Königin schritt voran, geführt vom deutschen Kronprinzen, es folgte der Kö­nig mit der deutschen Kronprinzessin. Die Herrschaften machten einen Rundgang über den Festplatz und kehr­len dann zur Terrasse zurück, wo eine Anzahl von Vorstellungen erfolgte.

Aus den Gerichtssälen.

Eine Gerichtsentscheidung über das Zeugnis. Das Kaufmannsgericht in Trier hat entschieden, dem Hand­lungsgehilfen steht ein gesetzliches Recht auf sofortiges Ausstellen eines Zeugnisses nach erfolgter Kündigung zu. Der Begriff bet Beendigung" im§ 73 des H.- G.­B. ist nicht gleichbedeutend mit nach Beendigung", son­dern dahin auszulegen, daß das Zeugnis fällig, ist, wenn

Wahl des Namens unseren ersten und letzten Streit hervorgerufen; mein lieber Mann wünschte unser Kind nach mir Anna zu nennen, ich stimmte für Karla, ein jedes wollte den Namen setner geliebten Hälfte auf das zarte Geschlecht vererben. Jetzt ist unser Lteb­ling zu einem sehr Iteblichen Mädchen erblüht, halb noch Kind, halb Jungfrau mit ihren fünfzehn Jahren. Ein Krets vont lieben Freunden und Bekannten ver­sammelte sich in unserem gastfreten Hause; seit der Ge­burt Karlas wünschte ich zuweilen weniger Verkehr, doch ließ es sich nicht mit Hatdecks Stellung verein­baren. Ich fühlte mich zum Schluß des Winters so angegriffen, daß unser Arzt mich auf mehrere Wochen nach Rügen schickte. Namenlos schwer fiel mir der Abschied von meinem Manne, es war wie eine Vor­ahnung trauriger Tage. Unvergeßlich ist mir der erste Eindruck Rügens geblieben, im Schein der Abend­sonne lag dieses schöne Fleckchen Erde vor mir. Die Kreidefelsen Stubbenkammers, die Bläue des Meeres und die grünen Buchenwälder einten sich zu einem herr­lichen Bilde. Noch ehe ich das Schiff verließ, fühlte ich, daß ich die Scholle Iteben werde, die seitdem meine dauernde Heimat geworden ist. Ich durchstreifte die Gegend um Saßnih und fuhr nach Binz hinüber, jeden Tag fühlte ich mich erstarken.

Das schreibt sich so leicht und doch, wie viel hat man erlebt! Viel Freude und viel Leid. Wir sind nicht wehr jung, meine Thekla, und: So mancher Schnitt ist mitten durchs Herz gegangen", so heißt es mit Recht Im Liede. Ich will Dir nun berichten, was ich unter= dessen erlebt habe. Als wir uns zuletzt sahen, war ich die Braut meines geliebten Karl, der in Petersburg Direktor eines großen Eisenwerkes war; Du warst schon mehrere Jahre glückliche Frau und Mutter. Du weißt, daß mein Mann Witwer war, als ich ihn ken­nen lernte, er war viel älter als ich, ich lernte ihn im Hause der russischen Famille kennen, in der tch Leh­rerin war; ich stand ja seit meiner frühesten Kindheit als Watse allein. Unsere Ehe war so harmonisch und glücklich, wie es vielleicht bei dem großen Altersunter­schied selten ist; wir haben Jahre reinsten Glückes ver­lebt. Meines Mannes Reichtum mehrte sich, zuerst kam ich mir wie die Prinzessin im Märchen vor, ich, die arm und abhängig gewesen war. Im sechsten Jahre unserer Ehe schenkte ich meinem Gatten eine Tochter, nun schien uns das Glück noch größer zu werden.

Die Kleine wurde Karla getauft. Fast hätte die

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sein einst heller Verstand hatte gelitten. Und eines Nachts, als ich mit meinem Kummer schlaflos rang, als ich mich noch nicht in Gottes Willen ergeben ge­lernt, da kam mir blißartig der Gedanke: 3teht nach Rügen, dort findet ihr, was thr braucht, Ruhe und Stille, feine neugierigen Menschen, deren Mitleid oft so verletzend ist."

Da rief mich eine Drahtnachricht plötzlich nach Pe= tersburg zurück. Mein Mann hatte einen schweren Un­fall gehabt, er war aus dem Wagen so unglücklich ge= schleudert worden, daß er das Rückgrat verlegt hatte, eine Gehirnerschütterung kam hinzu. Laß mich über meinen Schmerz schweigen, Liebste, da hat es auch für mich geheißen:" So mancher Schnitt ist mitten durchs Herz gegangen."

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So siedelten wir über, den Sommer verlebten wir auf Rügen, im Winter zogen wir nach Berlin, damit. Hatdeck von den besten Aerzten behandelt würde. Er war an den Rollstuhl gefesselt, immer mehr umnachtete sich sein Geist, so ging es sehr lange Jahre. Zuletzt war es nur noch ein trauriges Vegettern. Was ich da­bet Ittt, kann ich Dir nicht beschreiben.

Die berühmten Aerzte, die ich fragte, wünschten ein besseres Klima für den Kranken, es mußte ein stiller, weltferner Ort setn, ich allein mußte alles bestimmen, denn Haideck war willenlos wie ein Kind geworden,

Als wir ihn begruben, habe ich trotz meines ge­brochenen Herzens doch sprechen können: Was Gott lut, das ist immer recht getan." Ja, meine Thekla, ich habe mich unter heißen Kämpfen zum innigen Glau­ben durchgerungen. Karla war ja noch ein Kind, als sie den Vater verlor, aber thr weiches Gemüt hat die­ses erste, große Weh tief gefühlt. Wir schlossen uns noch inniger aneinander und blieben fortan ganz in Rügen, wo ich das Grab meines teuren Gatten in der Nähe habe. Ich kaufte eine schöne, große Villa bet Saßnitz und taufte fie Strandhof, später kaufte tch noch eine kleinere Villa, die Petersburg heißt.

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Und die Zeit verging, Karla ist bald erwachsen. Soll ich sie Dir beschreiben? Es liegt ein Hauch von Reinheit und Poesie über ihrem Wesen, etwas sehr Sensitives, das mir oft Sorge macht. Wie wird das rauhe Leben sich thr zeigen? Mein Kind könnte an einer Enttäuschung zugrunde gehen. Karla tst von Mittelgröße, sehr schlank und anmutig, sie soll mir glet­chen, aber ich finde, daß sie auch vom Vater manchen. Bug hat. Eine tüchtige Lehrerin unterrichtet meine Tochter, die recht hübsch die Geige spielt. ( Fortsetzung folgt.)

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