Ausgabe 
28.10.1911 Zweites Blatt
 
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In einer russischen Droschke.

In einer russischen Droschke.

Bleiern und schwer wölbt sich der Himmel über der russischen Stadt. Die Schneemengen von gestern bedecken heute als

Schmutz das holperige Straßen­pflaster. Dazu rieselt unaufhör­lich ein feiner, fast stechender Regen nieder. Die Sonne hat sich schon mindestens eine Woche lang überhaupt nicht blicken lassen, das elektrische Licht in den verschiedenartigen Schau­fenstern brennt tagsüber. Rein Wunder, daß der Jswoschtschit auf die Frage:" Swabodjen?" ( Bist du frei?) nicht antwortet. Er schläft und wer ihn genauer betrachtet, wird erkennen, daß er, den Kopf weit vornüber geneigt, in einer Stellung auf dem Bock sitzt, die unwillkürlich an das Krummholz erinnert, das sich wohlgefällig über dem Rücken des nicht mehr jungen Pferdes wölbt. Seine stark abgenutzte Pelzmütze ist tief auf die Stirn gedrückt, der fadenscheinige, dick wattierte Mantel hat gewiß schon dem Vater seines Besitzers gedient. Du hast Mitleid und läßt den Rutscher schlafen. Ist es doch schließlich das Klügste,

Fahren wir, Väterchen?

was er tun kann.

Doch nicht alle Iswoschtschits schlafen; die Mehrzahl lugt eifrig umher, um sich keine Gelegenheit entgehen zu lassen. Bald bist du mit einem andern in Unterhandlung. Du willst z. B. in Petersburg an irgendeinen Punkt des Newski- Prospekts fahren und bietest 20 Ropeken. Der Fuhrmann scheint seine Fassung völlig verloren zu haben; so wenig hat ihm entschieden noch feiner geboten. 45 Ropeten," dich willig zu stimmen, fügt des Ba'rinn"( gnädiger Herr)

Heida Troika!

ruft er endlich, und um er ein gutmütig bitten. hinzu. Du gehst weiter,

der Jswoschtschik fährt neben dir her. 40 Kopefen", ruft er dir nach; du achtest nicht darauf., 35"," 30", du läßt dich nicht stören. Jetzt biegst du um die nächste Ecke, das Gefährt begleitet dich noch immer. 25 Ropeten." Das ist dir recht und du steigst in den Wagen. Zwar hast du beinahe die Hälfte des geforderten Fahr­preises heruntergehandelt, bist aber in der Achtung des Jswoschtschiks dennoch nicht gesunken.

Nicht jeder Jswoschtschik- dieser Name bezeichnet übrigens ebensowohl die Droschke wie den Kutscher- fann sich großer Sauberkeit rühmen. Doch wirst du schließlich stets einen einwand­freien finden, denn fast vor jedem zweiten Sause hält ein Fuhrmann. Du wirst bald lernen, ein schnelles, leistungs­fähiges Pferd von einem überanstrengten Gaul zu unterscheiden. Aber was den Kutscher betrifft, lernst du nie aus. Du steigst in einen der niedrigen, zwei­

fitzigen Wagen und freust dich über die Gummiräder, die alle Jswoschtschits ohne Ausnahme aufweisen. Anfangs klappt alles vorzüglich, aber bald geht die Geschichte nicht weiter. Du gibst dem Jswoschtschik einen Stoß. Das hilft doch nicht für lange. Der gutmütig dreinschauende Mann auf dem Kutschbock mit den unintelligenten Gesichtszügen und den rotunterlaufenen Augen ist betrunken. Du willst zornig werden, aber der Fuhrmann wendet sich um. Dabei läßt er seine Peitsche ein Instrument, das am ehesten noch unsern Reitpeitschen vergleichbar, aber primitiver ist so komisch hin­und herbaumeln und blickt dich so treuherzig dumm an, daß du nicht zu schelten vermagst. Und wenn du es schon fertigbrächtest, was nützte es! Du kannst mit einem betrunkenen Jswoschtschik alles versuchen, aus seiner Ruhe bringen wirst du ihn niemals. Nitschewo!

,, 50 Ropefen, 45, 40 usw.", hundertmal hörst du es täglich. Wo du auch gehst und stehst, immer wird irgendwer mit einem Jswoschtschik handeln, nie werden sie gleich einig sein. Du bist es vielleicht selber, der mit einem Fuhrmann verhandelt, weil du aus dem Theater nach Hause fahren willst. Ausnahmsweise aber nimmt dich wirklich keiner für weniger als 40 Ropeten mit, denn hier vorm Theater warteten die Fuhrleute stundenlang, um die paar Ropeken mehr zu verdienen. Mitternacht wird nicht extra berechnet. Es gibt wohl eine Nachttare, aber kein Mensch kümmert sich darum.

Soeben hat ein heftiges Schneegestöber eingesetzt, eine Erlösung nach der bitteren Kälte der letzten Tage. Diesmal ist es kein Wagen mit Gummirädern, in den du steigst. Nein, Tausende und aber Tausende von kleinen Schlitten bevölkern Straßen und Plätze. Im Innern der Stadt freilich ist der große Ver­kehr dem Schnellfahren hinderlich. Aber draußen fliegen die flinken Gefährte alsdann über die Schneedecke, daß man seine Freude daran haben muß. Ein solcher Wintertag war heute. Du hast ihn zu einer Fahrt auf die Petersburger Inseln benutzt und kehrst nun in die Stadt zurück. Als dein Schlitten über die fest zugefrorene Newa fährt, bist du in Betrachtungen darüber versunken, wie es möglich ist, daß den majestätisch breiten Strom eine so starke Eisdecke überzieht. Da hörst du Schellengeklingel

eine Troika, die den Inseln zu­strebt. Reich angeschirrt sind die langhaarigen Rosse, und mannigfache Berzierung weist das Krummholz des Mittel­pferdes auf. Aus dem Innern des Dreispanns tönt dir ein übermütiges ,, Sdrásttwuitje!" ( Guten Tag!) entgegen, dazu ein ausgelassenes Tücher­schwenken. Viele lieben es näm­lich, in schönen Winternächten eines der eleganten Restaurants auf den Inseln in lustiger Gesellschaft aufzu­suchen. Ein Dreispann für Sin- und Seimfahrt ist dann so gut wie Bedingung.

Auch mit der weltbekannten russischen " Butterwoche" ist ein unaufhörliches Ge­klingel verbunden. Aber es ist das Schellen­geläut der Weiken", kleiner finnischer Bauern­schlitten, die während dieser einen Woche im Jahre in die Stadt kommen und den Jswoschtschiks Kon­furrenz machen dürfen. Man gönnt den armen Land­leuten den Verdienst von Herzen. Wem könnte es auch schaden, einmal eines der primitiven, nicht selten bunt geschmückten Gefährte zu besteigen! Daß die Kutscher die Straßen in der Regel nicht kennen, ist auch weiter kein Unglück. Beängstigender aber ist es, daß mancher von ihnen gar wenig Übung und Umsicht hat oder meint, die Straßenbahn müsse nur auf ihn und nicht er auf sie achtgeben.

Sibirisches Schlittengefährt.

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Die Pyramiden von Gizeh.

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Die Pyramiden von Gizeh.

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