2
Der Nil.
Die Fellachen, die während der trockenen Jahreszeit ihr Badebedürfnis auf ein erstaunlich niedriges Mindestmaß zu beschränken wissen, tummeln sich ausgelassen lustig zwischen den riesigen grauschwarzen Büffeln, die sich behaglich im Uferschlamm herumwälzen, im flachen Wasser umher. Das ganze Land atmet Fröhlichkeit und Wohlbefinden. Unter den Dattelpalmen, die vom Wasser halb verdeckt merkwürdig verkürzt und unproportioniert aussehen, liegt eine ganze Flottille von Booten, aus denen heraus nackte, braune, aufgeregte Bauernburschen bemüht sind, Netze aus Bastgeflecht unter die Palmenkronen zu spannen, um die rotgoldenen Früchte vor dem Sturz ins Wasser zu bewahren. Schwärme von Wasservögeln ziehen über die im strahlenden Sonnenlicht glitzernde Fläche dahin. Im November fällt die Flut allmählich wieder, und Ende März sieht man überall das Land zum Vorschein kommen, das sich bald wieder in einen steinharten, von metertiefen Rissen und Sprüngen durchzogenen Boden
verwandelt.
Für den Ägypter verknüpfen sich mit dem Steigen und Fallen des Stromes von alters her mannigfache abergläubische Gebräuche und Feierlichkeiten. Nach der Volkssage wird das Schwellen der Fluten durch einen Wassertropfen verursacht, der in der Nacht zum elften des koptischen Monats Baune, der ,, lêlet ennukta", vom Himmel in den Nil fällt. In dieser Nacht glaubt man die Lebensdauer eines jeden Menschen aus astrologischen Zeichen bestimmen zu können.
dieses Ziel durch Anlage von großen Stauwerken und Aufspeicherung des gestauten Wassers in gewaltigen Reservoirs erreichen zu können. Bereits der Khedive Mohammed Aly ließ durch den französischen Ingenieur Mongel im Jahre 1830 bei Kaliûb, kurz unterhalb Kairos, ein solches Stauwerk, die Barrage du Nil, anlegen. Doch die Berechnungen stimmten nicht, die Fundamentierung des Riesenwerkes gab im losen Treibsand des Flusses nach, das Wasser drang durch, und der ganze, ungeheuer kostspielige Bau ging dem Verfall entgegen. Erst mit der englischen Okkupation ist die alte Aufgabe durch die britisch- indischen Irrigations- Ingenieure ScottMoncrief, Sir William Garstin und den von der türkischen Regierung nach Mesopotamien berufenen Mr. Willcocks wieder aufgenommen worden. Der glänzende Erfolg der ausgebauten Barrage von Kaliûb und der neuen Anlage bei Assuan hat bewiesen, daß das System richtig war. Die Kultivation weiter Länderstrecken ist nicht nur an Intensivität gesteigert worden, sondern große Gebiete sind geradezu der Bebauung überhaupt erst zugänglich gemacht worden, seitdem die Barrage von Assuan in Betrieb ist. Eine neue, ähnliche
Anlage ist bei Esneh
im Bau. Leider hat auch der Segen, der von dem Riesenreser= voir von Assuan über das ganze Land aus= gegossen ist, diesem
einen unersetzlichen Schaden bereitet. Der Tempel von Phylä, die Perle Ägyptens, ist durch die künstlich hervorgerufene Überflutung, die ihn mehrere Monate unter Wasser setzt, dem Untergange geweiht. Es war daher mit Freuden zu begrüßen, daß die preußische Akademie der Wissenschaften eine Expedition unter der Leitung eines unserer hervorragendsten Ägyptologen nach Assuan entsandte, um den herrlichen Ptolemäertempel wenigstens in wissenschaftlichen Maß- und Bildaufnahmen für alle Zeiten zu erhalten.
Nillandschaft.
An dem Tage, an dem der alte Nilmesser auf der Insel Roda den Wasserstanddes Nils auf 16 Fuß angab, wurde früher das Fest der Durchstechung des Kairoer Kanaldammes gefeiert, bei dem eine Puppe, die„ Nilbraut", zum Andenken an frühere Menschenopfer in die Flut geworfen wurde. Obwohl heute der Kanal zugeschüttet ist und die„ Nilbraut" sich schwerlich finden dürfte, ist der Jôm wafâ ennil, der Tag der Nilschwelle, noch immer einer der größten hauptstädtischen Feiertage.
Die Frage, wie die Überschwemmung des Nils in ihrer rätselhaften Regelmäßigkeit zustande käme, hat von jeher die Menschen beschäftigt. Thales von Milet nahm an, daß die Passatwinde, die der Mündung des Stromes entgegenwehten, seine Wasser aufstauten. Denopides glaubte, daß sich das Wasser unter dem Einfluß der ägyptischen Sommerhitze ausdehne. Heute wissen wir, daß periodische Regenfälle im Quellgebiet und die Schneeschmelze im äthiopischen Hochlande die Faktoren sind, die zur Nilschwelle zusammenwirken.
Seitdem europäischer Einfluß im Nillande festen Fuß gefaßt hat, hat man versucht, die Wasserzufuhr, die vorher nur auf einen Teil des Jahres, die Überschwemmungsperiode, beschränkt war, zu einer permanenten zu machen. Man glaubte
Mit Unrecht wird von Vielen die Nilreise als unlohnend und wenig abwechslungsreich geschildert. Im Gegenteil, ein oder zwei Monate auf einer Dahabseh zu leben, ist hoch interessant.
Die große Fruchtbarkeit des Landes infolge der Überschwemmungen des Nils ermöglicht eine dreimalige Ernte an Korn, Baumwolle und Zuckerrohr. Das Bewässern der Felder geschieht durch geblendete Büffel oder durch die Eingeborenen selbst. An heißen Tagen sieht man nackte, bronzefarbene Männer, oft vier hintereinander stehend, die sogenannten Schadduß( Wasserschöpfräder) mit unermüdlicher Ausdauer in Bewegung setzen. Der Behälter wird am Nil mit Wasser gefüllt, weitergegeben und in Erdrinnen ausgegossen, die um die Felder herum angelegt sind und so das Erdreich mit dem köstlichen Naß versehen. In anderer Gegend ertönt über den Nil hin das eigenartige Kreischen des Sakkiehrades, welches von einem Kamel gezogen wird.
Internationale Weltblize.
Internationale Weltblitze.
Originalaufnahme. Erpräsident Castro mit Frau und Schwägerin vor dem Kölner Dom.
Als der venezolanische Erpräsident vor einigen Monaten plötzlich von Teneriffa spurlos verschwand, konnte man sich sofort denken, daß der unverwüstliche Cypriano einen neuen politischen Putsch plante. Aber wo war Castro geblieben? Diese Frage spitzte sich zuerst zu einem unlösbaren Verierspiel zu, bis die Nachricht kam, daß er tatsächlich in Venezuela wieder gelandet sein sollte. Promptes Dementi der venezolanischen Regierung. Jetzt hat sich aber herausgestellt, daß Castro wirklich wieder in Venezuela weilt und die ernstesten Thronabsichten" hegt. Da er immer noch zahlreiche Freunde und Anhänger hat, und der gegenwärtige Präsident Gomez, wie jedes Staatsoberhaupt, viele Neider und Feinde besitzt, so kann man mit Recht auf den Ausgang der Sache gespannt sein.
Straßenszene aus Tripolis.
Perserin in Haremstoilette.
Zu den persischen Wirren. In Persien wirrt es wieder einmal. Der Erschah Mohammed Ali hatte neue Regierungsgelüfte bekommen und war mit seinen Getreuen gegen die bestehende Regierung zu Felde gezogen. Er wurde jedoch von den persischen Seerführern Jefrem und Serdar Bahadus geschlagen und mußte bei Nacht und Nebel in einem kleinen Boote auf russisches Gebiet flüchten. Unsere Bilder zeigen zwei persische Frauentypen. Die den Haremstoilette ist unter Stadtfrauen allgemein verbreitet. Man sagt, Nazaredin Schah sei bei seinem ersten Besuch in Europa von den Balleteusen so entzückt gewesen, daß er diese
7
Tracht bei Hofe einführte, von
wo aus sie sich, etwas modifiziert, weiterverbreitete. So frei die Frau im Harem sich bewegt, so streng wird darauf gesehen, daß die Straßentracht eingehalten wird. Die persische Frau macht dadurch den Eindruck einer Nonne aus dem Mittelalter. Der weiße Schleier ist im Gesicht durchbrochen gearbeitet, damit die Frau genügend sehen kann.
Straßentoilette einer Perserin.
Die Tripolisfrage. In Italien machte sich eine starke und immer stärker werdende Bewegung für eine große Aktion in Tripolis bemerkbar. Die Blätter schilderten die natürlichen Reichtümer des Landes, die sich hinter Steinwüsten und sandigen Flächen verbergen; sie sprachen von den Aussichten, die sich eröffnen, wenn europäische Arbeit das lang vernachlässigte Gebiet befruchtet, und sie erklärten es für eine Pflicht der italienischen Nation gegen sich selbst, Tripolis mit ihrer Kraft zu durchdringen und die reiche Ernte, die dort zu holen ist, einzuheimſen. Die öffentliche Meinung fing für den Gedanken, Tripolis zu italianisieren, Feuer. Die einen verlangten, daß man vorläufig abwarte, aber sich alle Wege für die Zukunft wahre; die anderen wollten, daß man der Türkei energisch die Notwendigkeit darlege, den Italienern eine vorwiegende Rolle im wirtschaftlichen Leben einzuräumen; noch andere forderten, daß man ihr die Provinz abkaufe, wenn nötig, sie durch Waffengewalt dazu zwinge, sie abzutreten. Die abmahnenden Stimmen waren offenbar in der Minderheit. Die türkischen Behörden legen den Italienern in Tripolis seit lange Schwierigkeiten in den Weg; der frühere Vali, der italienische Konzessionswerber grundsätzlich hinter andere zurücksetzte, hat sich so unfreundlich erwiesen, daß schließlich seine Abberufung erwirkt werden mußte. Noch jetzt findet man in Rom, daß die türkische Regierung Italien eine ausgesucht ungünstige Behandlung zuteil werden läßt.


