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Nummer 23.
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Illustrierte
25. Oktober 1911.
-Rundschau
Welt
Verlag der Gießener Verlagsdruckerei Klein& Fischer, Gießen.
Illustrierter Stadt- Anzeiger
Der Nil.
er Nil übertrifft durch Wohltaten gegen die Menschen alle Flüsse der bewohnten Erde." Wenn Diodorus Siculus je die Wahrheit getroffen hat, so hat er es mit diesem Satze getan. Eines der ältesten Kulturländer unseres Planeten verdankt die Menschheit der Gnade dieses gewaltigen Stromes. Der Nil ist für Ägypten alles: Schöpfer, Ernährer und Verkehrsvermittler. Ohne den Nil wäre dieses Land, das heute mehr als 12 Millionen Menschen als Wohnsitz dient, ein Teil jener gewaltigen Einöden, die im Osten und Westen seine Grenzen bilden.„ Ägypten ist das Geschenk des Nils," sagt schon der Vater der Geschichte, Herodot. Dieses Wort ist buchstäblich wahr. Der schmale Streifen Fruchtland, der
sich zu beiden Seiten des Riesenstromes hinzieht, und der nirgends, von Wadi Halfa bis Kairo, breiter ist, als daß man ihn mit unbewaffnetem Auge überblicken könnte, ist Alluvialland des Nils. Wenn der Streifen schwarzer Humuserde, der sich mitten durch die Sahara und Arabische Wüste zieht, nicht ein Opfer dieser unendlichen Sandund Steinmeere geworden ist, so ist dies nur dem wunderbaren Einfluß des Nils zuzuschreiben.
In Ägypten, das heute besonders durch den Mittelmeerdienst des Norddeutschen Lloyd leicht zu erreichen ist, regnet es selten oder nie. Jahraus, jahrein herrscht eine trockene Hitze. Und den= noch ist das Tal des Nils seit Jahrtausenden einer der fruchtbarsten Länderstriche der Erde. Was der Himmel dem Lande versagt hat, die befruchtende, verjüngende Feuchtigkeit, läßt ihm der
Um die Zeit der Sommersonnenwende beginnt der Nil langsam zu steigen. Kurz vorher bereits kündet eine gründliche Strömung im Wasser den Bewohnern von Kairo an, daß die Flußperiode unmittelbar bevorsteht. Von da an hebt sich der Wasserstand langsam bis Ende Juli. In dieser Zeit fangen die Fluten an, eine bräunliche Färbung anzunehmen, die von den Schlammassen herrührt, die der Blaue Nil von den abessinischen Bergen her mit sich führt. Diese Schlammbestandteile stellen das eigentliche befruchtende Element dar. Etwa vom 1. August an steigt der Wasserstand rapid, bis er Anfang September seinen höchsten Punkt erreicht. Llm diese Zeit hat sich das Land westlich von Kairo, nach den großen Pyramiden von Gizeh, Almsir, Gakkara und Daschhur zu, das während des Sommers versengt und verstaubt dalag,
in einen großen See verwandelt. Teils durch die aus den geöffneten Kanälen einströmenden Fluten, teils durch das infolge des gesteigerten Druckes vom Flusse her gestiegene Grundwasser ist die ganze Nilebene bis an den Rand der Wüste hin überschwemmt worden. Mit dem Worte Überschwemmung verbinden sich in Ägypten nicht die Begriffe der Vernichtung menschlicher Ansiedlungen, des Hungers nud Todes, wie in Europa. Hier bringen die Fluten Leben und Wohlstand. Die ägyptischen Dörfer sind so hoch gebaut, daß das Wasser, dessen Höhe nie, seit unvordenklichen Zeiten, ein gewisses Maximum übersteigt, ihnen nichts anzuhaben vermag.Im ÄgyptischArabischen ist daher auch das Wort für Hügel kôm-gleichbedeutend mit Dorf. Wenn dann die Nilebene zum See geworden ist, so gleichen die Fellachendörfer mit ihren elenden, aneinandergeklebten Schlammhütten und charakteristischen, burgartigen Taubenschlägen ebenso vielen winzigen Inseln," die", wie Diodor sagt, einen Anblick bieten, ähnlich dem der Kykladen".
Ägyptische Wasserträger.
gütige Stromgott zuteil werden. Alljährlich mit nie verfagender Pünktlichkeit tritt der Fluß über seine Ufer und führt mit seinen braunen, schlammigen Wassern der verdurstenden Erde neue Lebenskraft zu.


