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Der alte Landsknecht. Von Georg Busse- Palma.
Im Often der Univerſitätsstadt erhebt ſich das Armenhaus.
Es ist aus massiven grauen Steinen gebaut und hat zwei Stockwerke. In dem oberen befinden sich aber nur die Krankensäle, so daß die noch rüstigen Insassen von der schönen kleinen Stadt fast nichts zu sehen bekommen. Denn aus ihren niedrig gelegenen Fenstern können sie die Mauern, die das Haus umschließen, nicht überblicken, und Urlaub bekommen sie sehr selten.
Im Winter ist das zu ertragen. Wenn der Regen gegen die Scheiben schlägt oder die Flocken immer dichter und dichter herniederwirbeln, frieren die alten Leute und sehnen sich nicht nach draußen. Nur der alte Steffen vielleicht. Aber auch der denkt dann nicht an die deutschen Täler und Gebirgsketten, die dann doch rauh und ungastlich sind. Er träumt von der heißen, brennenden Tropensonne, trotzdem gerade sie ihn so krank und elend gemacht hat.
Er ist schwach auf den Beinen und hat keine Kraft in den Händen.
Mehrere Jahre hindurch ist er Plantagenaufseher in Java gewesen und mit bloßen Füßen über die Felder gegangen, bis sein Rückenmark verdorrt und er überflüssig geworden war. Da kam er nach Deutschland zurück, und fünf Jahre lebte er im Armenhause.
Aber in dem Druck der grauen, freudlosen Gegenwart kann er die Zeiten nicht vergessen, wo er als Landsknecht die halbe Welt durchfahren. Er hat unter der Trikolore und unterm Halbmond gefochten, ist bei Sebastopol im Feuer gewesen und hat in Tonking geblutet. Dann ist er zu den Holländern desertiert, und dort im Zivildienst hat ihn das Unglück getroffen.
In der Schar seiner Hausgenossen ist er immer noch eine imposante Erscheinung. Unter Zwergen und Krüppeln und zahnlosen, ewig kauenden Bettlergestalten tritt seine stämmige Figur wirkungsvoll hervor. Der massive Kopf mit der kräftigen Nase, mit dem kurzen grauen Vollbart und den hellen Augen muß gut aussehen, wenn eine Fahne über ihm flattert.
Gewöhnlich scheint er recht gleichmütig und ruhig. Manchmal fangen seine Augen zu glühen an und zu blitzen. Das ist, wenn die Sonne scheint. Jedem Sonnenstrahl sieht er dann nach. Jetzt ist die Zeit seiner Marter und qualvollsten Wonne. Es ist Frühling.
Stundenlang sitzt er täglich auf der verwitterten Holzbank im Hofe. Wenn er die Wimpern hebt, sieht man eine verzehrende Sehnsucht hervorlodern. Denn die Schwalben haben unter dem Giebel gebaut, und ihre Schwingen streifen um sein Gesicht, die Bäume hängen voller Blüten, zwischen den Steinen im Hofe steht das Gras in dichten Büschen, und in ihm wird die Vergangenheit lebendig.
Seit zwei Tagen hat er nicht mehr gesprochen und wird noch weitere Tage nicht sprechen. Seine Kameraden aber wissen, daß jetzt die Zeit kommt, wo er erzählen wird, heiser vor Erregung, aber ein Poet in seiner sehnsuchtsreichen Qual.
Wenn sie alle zu Bett sind, und nur die Nachtlampe rötlich glühend durch den dämmernden Schlafsaal schaukelt, richtet er sich auf in den Kissen. Und er spricht von seiner Jugend und ihrer Sonne und" Selbstherrlichkeit. Wie er im schimmernden Segler über blaue Meere gefahren und von den grünen Küsten Kleinasiens Marmorhäuser herüberwinkten und der glänzende Ölbaum. Wie er in Albanien biwakierte und mit Baschi- Bozuts um ein Marschallsroß gewürfelt, das feinere Glieder hatte als eine Königstochter, und dessen Nüstern rosig waren wie der duftigste Nelkenkelch. Wie er in Algerien Feldwache gestanden in Palmenhainen und Dattelwäldern und einen Kabylen erschlagen um einen Trunk Wasser. Wie er in schaukelnder Dschunke den heiligen Strom durch glitten, vorüber an rauschenden, undurchdringlichen Dschungeln, unter Bäumen, die, im Sande wurzelnd, sich weit über das Wasser reckten, und in deren dichtem Astwerk schlanke, bunte Königstiger lauerten, lautlos, mit geschmeidigem Schweife die Flanken peitschend. Er spricht von Tropensiernen und zierlichen havannesischen Frauen, von wirbelnden Trommeln und toten Freunden; nur von seiner Sehnsucht spricht er nicht.
Wenn er dann aufhört, beißt er in das Bettpolster und zerreißt sein Leinen. Der Verwalter straft ihn dafür, aber seine Zuhörer schenken ihm Zigarren und Rautabat, weil sie ihn bewundern.
All die Jahre schon ist es ihm sauer gewesen, hier sein Leben zu verbringen Doch hat er sich darein gefunden, wenn es ihm auch fast in jedem Frühling passierte, daß ihn Landleute meilenweit von der Stadt hilflos am Wege trafen und zurückbrachten. Beim Ausgehen hatte er nie daran gedacht, zu entrinnen, aber was soll denn ein alter Landstreicher nur machen? Ist der Frühling nicht stärker als sein Wille? Der Frühling hatte ihn verlockt, weit hinaus, immer weiter, bis die kranken Füße ihn nicht mehr trugen.
Jetzt hat er nur noch eine Furcht und eine Sorge. Leben muß er im Armenhaus, aber sterben will er nicht in den dumpfen, drückenden Mauern. Es graut ihm davor, und er zittert, wenn er nur daran denkt. Er will sterben, wie das Wild stirbt, einsam im Walde, wenn die Dämmerung durch die Zweige tropft und die Sonne im Verglühen ist. Auch der Tod ist ein scheuer Gott und milder in der Einsamkeit. Seine Hände sind dort weicher und seine Lippen liebreicher. Eine Hirschkuh darf dabei sein und eine singende Drossel, aber nimmermehr ein Mensch.
So hat er sich denn einen Plan gemacht. Jetzt, wo alles blüht und duftet, will er einen Ort aufsuchen gehen, zu dem er sich flüchten kann, wenn er sein Ende nahen fühlt. Einen Ort des Alleinseins und eine Stätte des Friedens.
Die Sonntagsglocken läuten, und Steffen zieht seine besten Kleider an und bittet um Urlaub. Er erhält ihn auch und geht, so schnell ihn seine schwachen Füße nur tragen, durch die Stadt. Er achtet nicht der schmucken Giebelhäuser und der spielenden Kinder an den Wegen. Seine Augen glänzen, und seine Nasenflügel zittern vor Erregung. In tiefen Zügen trinkt er die weiche, köstliche Frühlingsluft.
Bald ist er ganz im Freien. Wohin er nur sieht, alles ist voll saftigen Grüns. Die sanft aufsteigenden Berge scheinen wie dunkler Samt, und der Fluß, der sie weich und silbern umschmiegt, wie der Pelzbesatz am Saume eines Herzoginkleides. Kein Ast so klein, daß er nicht voller Knospen wäre, und überall heben sich Bluten aus den Wiesen und der jungen Roggensaat. Er hört ein Rotkehlchen im Weißdorn singen und sieht einen Zitronenfalter durch die Sonne tanzen, und sein Herz schwillt vor Jubel. Denn es ist das Herz eines Landstreichers und hat keine andere Liebe als Natur und Freiheit, die es nicht zu trennen vermag. Es ist das Herz eines Landstreichers und voll Ehrfurcht vor dem göttlichen Mysterium der ewigen Schönheit und Erneuerung.
Nun späht er umher. Oben auf dem Bergeskamme sind die dichtesten Wälder und dunkelsten Gründe. Dort will er sein Grab wählen.
Eine Stunde wohl wandert er durch den Forst. Endlich hat er etwas Passendes gefu den: eine tiefe Mulde, eng um= standen von verwitterten Riefern. Die Gräser darin sind niedergedrückt, aber sein geübter Blick erkennt unschwer, daß es nur Rehe waren, die hier genächtigt haben.
Er kann darin liegen und sich strecken nach Herzenslust. Er sieht dem Himmel ins Gesicht und weiß, daß man ihn hier nicht finden wird. Das freut ihn, und fröhlich kehrt er zur Stadt zurück.
Jetzt sieht er die spielenden Blondköpfe und streichelt sie. Jetzt sieht er auch die Häuser mit den altertümlichen Giebeln mit den blanten Fenstern und den Rebenvorhängen. Jetzt freut er sich auch der Stadt, weil er gewiß ist, daß sie ihn nicht halten wird in seiner letzten Stunde.
Im Armenhaus wieder angelangt, holt er sich ein weiches Brettlein und versucht ein Kreuz zu schnitzen. Seine Hände sind schwach und vermögen das Messer nicht gut zu führen. Er wird wohl viele Tage lang sitzen müssen, ehe es glatt und glänzend ist. Aber er hat ja Zeit und ist geduldia. Sein Antlitz wird immer welker, aber sein stilles Lächeln auch immer lichter. Sein Herz wird weit, wenn er daran denkt, wie seine Finger das Kreuz umschließen werden, wenn er seinen letzten Gang geht. Er sieht die Stunde schon kommen in einem weißen, schimmernden Glanz. In leuchtenden Wolken wird der Vollmond stehen und unzählige Sterne. Die Luft wird duftig sein, und wie halbverblühte Veilchen in den Farben. Um die Stätte des Friedens aber wird ein Falter fliegen, ein großer, mit samtdunklen Flügeln. Der wird sich auf seine Wimpern setzen und ihm die Augen schließen, tausendmal weicher als jede Menschenhand.
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Ein Tag in Athen.
Von Paul Elsner.
Qum Programm einer Mittelmeerfahrt gehört ein Aufenthalt in Athen, der Metropole Griechenlands, die, noch vor 75 Jahren ein Trümmerhaufen ohne Leben, wie ein Phönix aus der Asche erstand, und mit ihren wiederum an das Tageslicht gehobenen klassischen Bauten, ihren unvergleichlichen Kunstschätzen, von neuem das Pilgerziel der Gebildeten aus allen Teilen der Welt geworden ist. Vom Bahnhof des Piräus befördert uns die elektrische Bahn innerhalb 20 Minuten nach der Stadt des Perikles. Zur Rechten gruppieren sich am Strande die Villen und Hotels von Neu- Phaleron, wo sich Athens elegante Welt im Sommer ein Rendezvous gibt. Weiterhin liegt Alt- Phaleron, ein mehr beschaulicher Badeort.
Vom Bahnhof Athens wenden. wir uns nach links zu der nahen Universitätsstraße, an der die marmorprangende neue Bibliothek, die 1837 erbaute Universität und die berühmte Akademie mit den Statuen der Athena und des Apollo sowie den Sitzstatuen des Plato und Sokrates liegen. Jetzt kommen wir zu der katholischen Kirche und dem fast ganz aus hymettischem und pentelischem Marmor erbauten Hause
Marmorvilla in Athen.
des großen Archäologen Heinrich Schliemann. In Nummer vier der Universitätsstraße befinden sich die Verkaufsräume der sogenannten Basiliki Scholi, eines unter der Protektion des Königs stehenden Instituts, wo echt nationale griechische Spizen und Handarbeiten in herrlichster Ausführung als Andenken gekauft werden können.
Wir gelangen nun zum Konstitutionsplay, an dem die mit allem Komfort der Neuzeit ausgestatteten Hotels GrandeBretagne und d'Angleterre sowie das 1834 bis 38 nach den Plänen des Münchner Architekten Gärtner aus pentelischem Marmor erbaute, von einer ionischen Säulenvorhalle belebte königliche Schloß gelegen sind. Wir befinden uns hier, die Kephisia- Allee mit ihrem Blick auf den Symettos hinaufgehend, im aristokratischen Stadtteil Athens. Er ist belebt von glänzenden Equipagen und Automobilen, in deren Spiegelscheiben sich das feinumrissene Haupt einer vornehmen Athenerin einzeichnet, gekrönt von dem schweren Haarknoten, mit mattem Perlenteint und dunkelstrahlenden Augen, voll rätselhafter Glut, voll süßer Melancholie.
Echloßwache in Athen.
Griechische Offiziere.
An die Häuser und Villen hier erhebt sich auch das Palais des mit der schönheitsberühmten Prinzessin Helene von Rußland vermählten Prinzen Nikolaus von Griechenland ist ein Reichtum von Marmor verschwendet, wie man ähnliches sonst nirgendwo finden dürfte. Der Marmor entstammt den antiken, schon im Altertum für unerschöpflich geltenden Marmorbrüchen des Pentelikon, aus denen der Parthenon hervorging und das Rom der Kaiserzeit das Material bezog. Vor diesen kostbaren und geschmackvollen Fassaden heben Palmen ihre jungen Kronen empor, überläßt der Eukalyptus sein feingefiedertes Laub dem Spiel des Windes, stehen Orangenund Zitronenbäume.
Vom Konstitutions play folgen wir der Hermesstraße mit ihren glänzenden Geschäften. Gerade in ihrer Mitte liegt die Kapnitarea, ein Kleinod byzantinischer Baukunst, deren altersgraue Portale sich wie dunkelgetönte Rahmen um
Griechischer Obststand.
die hohen Gestalten silberbärtiger Popen legen, deren von schwer. duftenden Weihrauchwolken durchwogtes Innere das sehnsüchtige Flimmern bunter Öllämpchen vor den Heiligenbildern durchzittert. Wo die Hermesstraße in die Aeolosstraße mündet, wenden wir uns nach links und gehen nun die Aeolosstraße, mit ihrem ständigen Blick auf die Akropolis im Sintergrunde, hinauf. Das ist die Hauptverkehrsstraße Athens. Hier entfaltet sich nach den beschwingten Rhythmen italienischer Drehorgeln ein rasch pulsierendes Leben und Treiben. Da haben vor den Geschäften die Geldwechsler ihre Glastästen ausgestellt, die oft ein Vermögen enthalten und von ihnen unbewacht mitten im Straßengetriebe zurückgelassen werden, wenn ihre Besitzer eine Mittagspause machen. In die Rufe der fliegenden Händler, die alle nur erdenkbaren Gegenstände mit echt südländischer Lebhaftigkeit anpreisen, mischt sich die Stimme des hageren Straßenpredigers. Daß wir uns hier an der Schwelle des Orients befinden, lehrt uns ein Blick auf die von der malerischen Fustanella umwallten
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