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Deutscher Reichstag.

Vorsichtigerweise hatte man bei der allgemeinen De­batte über den Kolonialetat einige Hauptpunkte, wie die Diamantenfrage, ausgeschaltet; sonst wäre das Haus am Freitag, am zweiten Tage der Kolonialdebatte, noch nicht bei den einzelnen Etats angelangt. Ostafrika machte den Anfang. Die von den Abgg. Sommer( Volksp.) und Ar­ning( natl.) vorgebrachten Wünsche nach Verbesserung der Schulverhältnisse und Versorgung der alten Kolonialbeam­ten versprach der Staatssekretär nach Möglichkeit zu er= füllen. Von einer Bodenkreditbank versprach sich Herr v. Lindequist nicht viel, die Wünsche der Ansiedler Itefen viel­mehr auf eine genossenschaftliche Organisation hinaus. Der angeblich vier Milliarden werte Natronsee, dem der jetzige Leiter des Kolonialamtes vorläufig keinen allzu großen Enthusiasmus entgegenbringt, diente dem Abg. Ledebour ( Eoz.) als Objekt für seine Spottlust über die Kolonien. Abg. Arendt( Reichsp.) freute sich, daß die Koloniaidebatten. bei denen es früher immer scharf herging, in das aller­dings langweilige Stadium der Sachlichkeit geraten sind. Das System Rechenberg" wird von ihm mißbilligt, doch Herr v. Lindequist hält den Schild über den Gouver­neur, der auf seinem Posten viel geleistet habe. Ihm trat ferner das Zentrum zur Seite, dem Abg. Arendt Redner der Nationalliberalen. Weiterhin hoh Abg. Arendt unter Polemik gegen die Sozialdemokraten und deren Sprecher Ledebour den hohen Wert der Tätigkeit der Pflanzer, die Pioniere der Arbeit und Kultur seien, hervor und wies auf die aus den Natronschäzen zu erwartenden Einnahmen hin. Der Etat für Kamerun wurde ohne wesentliche Debatte, der für Togo ohne Debatte erledigt. Dann beschäftigte sich das Haus mit dem Etat für Südwestafrika. Eine streng sachliche Kritik der Verhältnisse in Südwest gab der Ham­burger Semler( natl.). Es set bedauerlich, daß häufig jahre­lang erprobte tüchtige Beamte verdrossen den Reichsdienst quittierten, weil ihre Tätigkeit bet der Zentrale in der Het­mat nicht genügend gewürdigt würde. Das müffe anders werden. Man dürfe nicht zu viel vom grünen Tische in Berlin aus regieren wollen. Der Zentrumsredner Schwars Be- Lippstadt hatte zwar das Ohr des Hauses- augenblick­lich repräsentiert durch ein Häuflein von kaum 30 Abge­ordneten- aber nicht das der Journalistentribüne, denn man verstand nur einzelne Worte. Die Fragen, ob wir au viel oder zu wenig Polizei im Schußgebiet haben, der Staatssekretär sagt, eher zu wenig die Nachverzollung, Großviehhaltung, Malaria und Viehkrankheiten rte­fen nacheinander die Abgeordneten Arning, Goller, Schwars he, Ledebour und Semler auf den Plan und wiederholt gab Herr v. Lindequist Bescheid, dem man die ihm bet seiner Ernennung nachgesagte parlamentarische Unbeholfenheit nicht oder nicht mehr anmerkt. Eine von der Kommiffion abgelehnte Beamtenzulage wurde vom Hause, obwohl der Staatssekretär nochmals dafür eintrat, abgelehnt. Die übrt­gen Etasposten wurden angenommen.

Der Einzug des Kaiserpaares in Wien.

deutsche Kaisertochter heimführen würde, sein Recht auf den Thron der Habsburger abtreten wolle. Die Phantasie scheint eben in Wien noch üppig zu blühen trotzdem der Fasching schon vorüber ist. Freilich steht dafür der 1. Ap­ril vor der Tür.

Die deutsche Kaiserfamilie kam Freitag früh fahrplan­mäßig in Wien an. Genau 11 Uhr lief der deutsche Hof­zug in den Nordbahnhof ein, wo ihn Kaiser Franz Josef mit seiner Sutte erwartete. Nach kurzer inniger Begrü­Bung, bei der sich die Monarchen umarmten und küßten, bestieg Kaiser Franz Josef den deutschen Zug, der nun über die Verbindungsbahn nach der Station Penzing an der Westbahn weiterfuhr. Zuerst mitten durch die Stadt, am Zollamt vorüber, ging es dann in weitem Bogen vom Ar­senal rings um sie herum über die Vorstädte Lainz, Spei­fing, St. Veit. Ueberall standen dicht gedrängt die Men­schen, um den Hofzug und womöglich einige seiner hohen Insassen zu sehen.

Am Penzinger Bahnhof hatten sich inzwischen die Erz­herzöge und Erzherzöginnen, die Spißen der militärischen und staatlichen Behörden, der Bürgermeister der Stadt Wien und eine Ehrenkompanie zum Empfang eingefun­den. Aller Blicke richteten sich auf den Erzherzog Thron­folger Franz Ferdinand und seine Gemahlin die Herzogin von Hohenberg, die knapp vorher in Wien eingetroffen waren. Als der Zug hielt, reichte Kaiser Wilhelm auch dem Erzherzog Franz Ferdinand als erstem die Hand zu einer Herzlichen und sichtlich innigen Begrüßung. Nach den üb­lichen Vorstellungen und offiziellen Ansprachen fuhr die ganze Gesellschaft in das nahe Schloß Schönbrunn, wo um 1 Uhr das Familienfrühstück stattfand. Abends fand im Schloß ein Diner statt, worauf das deutsche Kaiserpaar mit der Prinzessin Viktoria Luise um 8 Uhr 50 abends von Hetzendorf sich direkt nach Venedig begab.

Kaiser Wilhelm ist längst fein seltener Gast mehr in Wien, auch die deutsche Kaiserin und die Prinzessin Vik­toria Lutse hat Wien bereits begrüßt, während Prinz Joa­him am Freitag zum erstenmal die Katserstadt an der Donau sah. Aber jeder Besuch der deutschen Kaiserfa­milie erregt von neuem das größte Interesse der Wiener, denn ste hegen für sie die herzlichste Sympathte nicht nur wegen der aufrichtigen Bundestreue, die Kaiser Wilhelm Desterreich bewiesen hat, sondern auch wegen der innigen Verehrung, öte er für den greifen Monarch Desterreichs empfindet. Dieses Mal sah man aber dem Besuch der Gäste, trotz der Kürze der Zeit, die für ihn bestimmt war, mit ganz besonderer Erwartung entgegen, da seit mehreren Lagen allerlei Gerüchte in Wien verbreitet waren, die sich allerdings sämtlich nicht bestätigt haben. Es hieß anfangs, daß auch die Kinder des Kronprinzenpaares mitkommen würden um Kaiser Franz Josef, dessen Liebe zu Kindern bekannt ist, vorgestellt zu werden. Einige phantasievolle Re­porter hatten bereits ein ganz nettes Programm für die Busammenkunft der Enkel Wilhelms II. und der jüngsten Enkel und Urenkel Franz Josefs ersonnen. Es hieß, daß ein festliches Kinderbankett, eine Wagenfahrt durch den Schönbrunner Park, ein Besuch der dortigen Menagerie usw. veranstaltet werden würde, kurz, man sah alles das vor, was der Traum eines jeden echten Wiener Kindes an einem schönen Ostersonntage zu seir pflegt.

Noch bedeutungsvoller war das Gerücht, Prinzessin Viktoria Lutse werde sich hier mit dem Erzherzog Karl Franz Josef, dem Sohne des verstorbenen Erzherzogs Otto und der sächsischen Königstochter Erzherzogin Josefa, dem Neffen des Thronfolgers und dem Prinzen des Kaiserhau ses, der nach jenem dem Throne am nächsten steht, verlo­ben. Trotzdem diese Verlobung schon wegen der Verschte­denheit der Konfession sehr unwahrscheinlich klang, und schon wiederholt dementiert worden war, knüpfte man doch an fie die abenteuerlichsten Kombinationen. Eine Wiener Korrespondenz hatte vor kurzem zu berichten gewußt, daß die männliche Nachkommenschaft des Erzherzog Franz Fer dinand, die Fürsten von Hohenberg zur Regierung in El­faß- Lothringen ausersehen seien und man erzählte, daß um diesen Preis der Thronfolger seinem Neffen, wenn er die

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Das Familiengeheimnis.

Roman von L. Walter.

Es wird von allen Seiten betont, daß der diesmalige Besuch des Kaiser Wilhelm, zumal dieser sich auf der Durch­reise und in Begleitung der Kaiserin befand, einen ledig­lich familiären Charakter trage und nur seinen persön= Itchen Beziehungen zu Kaiser Franz Josef entspringe. Nichts destoweniger wird man mit Rücksicht auf die Entre­vue in Potsdam und dem vor kurzem in Wien erfolgten Besuch des Königs Ferdinand von Bulgarien nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß die beiden Monarchen auch politische Fragen in ihrer Unterredung berührten.

( Nachdruck verboten.) ,, Unmöglich! Der krante, von Schmerzen geplagte Mann hat mit zitternder Hand geschrieben. Sorge Dich deshalb nicht, liebe Selma; fein Handschriftdeuter wird den wahren Charakter der Züge erkennen. Die Haupt­sache ist, daß die Notiz in dem Geheimbuch steht... frei­lich, wird das Geheimbuch vernichtet, so mußt Du auf an= dere Beweise sinnen... Indes, Karl wird schwören müs­sen, daß er im Geheimbuch nichts vorgefunden hat."

,, Nein, einen falschen Eid schwört er nicht!" versicherte Selnia.

Rundschau vom Cage.

Politisches.

Die in Aussicht genommene Herbsttagung des Reichs­tags bedingt auch eine erhöhte Kostenaufwendung für die Reichstagsdiäten, da die Pauschale von 3000 Mart, von dem für jede versäumte Sigung 20 Mart abgezogen wer­den, im Frühjahr aufgebraucht sein wird, indem die letzte Summe von 1000 Mark mit der Sommertagung ausbe­zahlt werden soll. Um dem Reichstag im Herbst einen möglichst zahlreichen Besuch zu erhalten, wird das Reich also noch einmal in die Tasche greifen müssen.

Und dann, Geliebte, ist unsere Zukunft begründet! Jch etabliere mit Deinem Vermögen, zu dem ich Dir verholfen habe, ein Geschäft, das bald zu den besten der Stadt zählen soll. Du bist meine verlobte Braut, und bald wirst Du meine Frau sein."

Hugo, mich quält die Befürchtung noch, daß ein Lau­scher Dich in den: Kabinette meines Bruders beobachtet hat."

Die Reichstagskommission für die Reichsversicherungs­ordnung hat am Freitag ihre Beratungen beendet. Da­mit ist die Reichsversicherungsordnung mit ihren 1654 Pa­ragraphen in 1. Lesung durchberaten. Am 2. Mai soll die 2. Lesung im Plenum beginnen.

Ueber die Wahltattit des Bundes der Landwirte soll in der sächsischen Landesversammlung des Bundes der Landwirte Dr. Dertel ausgeführt haben, daß der Bund gegen die Nationalliberalen die schärfste Vorsicht üben solle, da sie in Sachsen die Sozialdemokraten bei den letz­ten Landtagswahlen unterstützt hätten. Kein Landbündler solle bei den Hauptwahlen für einen Freisinnigen ein­treten. Auch bei den Stichwahlen sollen sie den Freisinn nicht gegen die Sozialdemokraten heraushauen, sondern Gewehr bei Fuß stehen.

,, Auch diese Befürchtung laß schwinden. Horn und die beiden jüngeren Kommis brachten den ohnmächtigen Hal­ling in das Wohnzimmer; ich trat aus der Niederlage in die Comptoirs, die ich leer fand. Durch die Glastür sah ich den Zug noch, der sich langsam fortbewegte. Da fchoß wie ein Blizz der Gedanke in mir auf, daß ich jetzt für die Geliebte handeln könne. Auf welche Weise, wußte ich noch nicht. Ich betrat das Kabinett... auf dem Arbeitspulte lag das geöffnete Geheimbuch... rasch warf ich die Zeilen auf das Papier und legte das Buch in den Eisenschrank, den ich verschloß. Die bestürzten Leute blieben lange; ich konnte über den Hof gehen und auf dem Hausflur erfahren, was geschehen. Nun eilte Ich die Treppe hinan in das Wohnzimmer. Halling saß zusammengebrochen auf dem Sofa. Niemand wollte ihm

der bleiben wird, erscheint angesichts der fortgesetzten In­trigen seiner Gegner sehr zweifelhaft.

Der Eintritt eines Sozialisten in das italienische Ministerium dürfte zur Tatsache werden. Der König hat dem Sozialisten Bissolati, einem der Führer der Sozial demokratie, eine Audienz gewährt, um mit ihm die parlas mentarische Lage zu besprechen. Bissolati erschien in grauem Jadettanzug, herabhängender schwarzer Kravatte und breitkrämpigem Filzhut. Das Gespräch soll herzlich gewesen sein und dauerte fast eine Stunde. Das soziali. stische Hauptblatt Avanti" tadelt diesen Schritt feines. wegs, sondern betont nur: Bissolati habe auf persönliche Verantwortung gehandelt und den König sicherlich über die Lage des Volkes und Parlamentes aufgeklärt. Selbst wenn Bissolati in das neue Ministerium einträte, würde die Partei bleiben, was sie bisher war, und nur noch ener gischer ihrem Programm nachgehen.

Die Lage an der mexikanischen Grenze beginnt fri tisch werden zu wollen. Aus der Grenzstadt San Antonio wird gemeldet: Jm Feldlager herrscht größte Rührigkeit. Es treffen beunruhigende Gerüchte ein über einen Ein­fall merikanischer revolutionärer Banden in Texas. Fer­ner herrscht große Nervosität infolge der Meldungen über die Erschießung von Amerikanern in Mexiko, sowie das Schießen von mexikanischen Bundestruppen auf amerika­nische Soldaten an der Grenze. Das Staatsdepartement in Washington hat eine Untersuchung über die Erschießung von vier Merikanern in Merito angeordnet.

Einen Beweis für die Besserung der Lebenshaltung der arbeitenden Klassen bietet ein Bericht des Organs des Sozialdemokratischen Zimmererverbandes. Danach wurden infolge der Lohnbewegung dieses Verbandes im vorigen Jahre für rund 53 000 Verbandsmitglieder Lohnerhöhun­gen erreicht. Und zwar wurde der Stundenlohn für rund 27 000 Mitglieder um 5 Pfennig, für rund 7100 Mitglie­der um rund 6 Pfennig, für rund 5900 Mitglieder um 7 Pfennig, für rund 5100 Mitglieder um 8 Pfennig, für 229 Mitglieder um Pfennig, für 427 Mitglieder um 9 Pfennig, für 466 Mitglieder um 10 Pfennig, für 92 Mitglieder um 11 Pfennig, für 24 Mitglieder um 14 Pfen­nig erhöht. Außerdem haben rund 5900 Mitglieder eine Verkürzung der täglichen Arbeitszeit um eine halbe bezw. eine ganze Stunde erreicht.

Stolypin und seine Gegner. Stolypins Verbleiben auf dem Posten des russischen Masterpräsidenten ist na­mentlich auf den Einfluß der Kaiserin- Mutter sowie der meisten Großfürsten zurückzuführen, die dem Zaren nahe legten, jetzt feinen Systemwechsel in der Inlandpolitik ein­treten zu lassen. Ob Stolypin indessen noch lange am Ru­

Kleine Nachrichten.

Das Kronprinzenpaar wird seinen Aufenthalt in Ae­gypten Ende dieses Monats beendigen und am 29. März mit dem Salondampfer Prinzregent Luitpold" der Linte Marseille- Alexandria des Norddeutschen Lloyd nach Korfu

Sfe leisten, das schreckliche Wort Cholera" scheuchte alle zurück. Bleiben Sie," sagte der zitternde Horn ,,, ich nerde den Arzt rufen!" Und ich blieb. Halling hatte noch so viel Bewußtsein, daß er mich bitten konnte, ihm den Schlüssel zu dem Dokumentenschranke zu holen und das Geheimbuch zu verschließen. Da gewahrte ich, daß ich den kleinen Schlüssel in der Eile in der Hand behalten hatte. ich gab ihn dem Kranken, der ihn in seine Börse steckte. Dann verlor er die Besinnung und brach zusammen ich trug ihn auf das Bett und... der Arzt fam...

reisen.

Die Berliner Stadtverordnetenversammlung hat am Freitag bei Feststellung des Gesamtetats mit 309 Millionen Mark den Gemeindesteuerzuschlag bei 100 Prozent belaffen. Die schwarzen Pocken wurden bei einem aus Rußland in Magdeburg eingewanderten polnischen Arbeiter festge­stellt. Er wurde in einer Isolierbarace untergebracht.

Ein Postidyll aus Bayern. In München erhielt ein Geschäftsmann vier Wochen nach einer auf Postscheckkonto nach Karlsruhe erfolgten Einzahlung die schriftliche Auf­forderung, auf seinem Revierpostamt zu erscheinen. Dieses teilte ihm dann mit, daß jene Zahlkarte verloren gegangen fet und er eine neue schreiben müsse, da das Geld sonst nicht abgehen könne!

Weiter konnte Horn nichts verstehen, da das Paar sich von der Laube entfernte. Aber er wußte schon genug. Starr vor Entsetzen verblieb er noch zehn Minuten in seiner Stellung, dann erhob er sich und verließ den Gar­ten, wie er ihn betreten. Sinnend erreichte er seine Woh­nung.

Um eine Erfindung. Bet der Staatsanwaltschaft in Dresden wurde gegen den Rechtsanwalt Ernst Schulz Strafanzeige wegen Unterschlagung von Klientengeldern in bedeutender Höhe erstattet. Nachdem er sein eigenes Vermögen, die beträchtliche Mitgift seiner Frau und das Kapital seiner Schwiegermutter für eine Erfindung ver­braucht hatte, vergriff er sich an den ihm anvertrauten Geldern. Schulz ist seit acht Tagen von Dresden abgereist und hat sich vermutlich nach Amerika gewandt.

Derselbe Abend sollte auch dem bedrängten Karl noch Glück bringen. Er suchte nach dem Schlusse des Comp­toirs die Wohnung der Geliebten auf. Frau Bauer, in großer Erregung, öffnete ihm die Tür.

Endlich, endlich kommen Sie!" rief sie aus. ,, Mein Gott, was ist denn geschehen? Wo ist Au­guste? Sie zittern ja, daß Sie kaum die Tür schließen fönnen."

Die Witwe zog ihn in das Stübchen, wo ihn die Geliebte mit ausgebreiteten Armen empfing.

,, Lies! Lies!" rief sie.

Ein Anschlag auf einen Personenzug wurde während der Nacht zum Freitag von verbrecherischen Händen nicht weit vom Duisburger Walde auf der Strecke Mülheim­Speldorf daurch verübt, daß 1% Meter lange Baumstämme auf das Gleise geschleppt wurden. Glücklicherweise wurde das Verbrechen durch den die Strecke passierenden Bahn­beamten vereitelt und zwar kurz vor dem Eintreffen eines die verbarrikadterte Stelle passierenden Personenzugs.

Dann holte sie ihr Taschenbuch aus dem Sekretär, dem sie ein Papier entnahm, das sie dem jungen Mann reichte. Karl las eine Anweisung von Hunderttausend Talern auf das Banthaus Rudolphi. Der Aussteller schloß die Schrift mit den Worten:

Eine wertvolle Münze. Gestern wechselte in Neuyork ein Drei- Dollar- Goldstück, das 1870 in San Franzisko ge­prägt worden war, für 1450 Dollar seinen Besizer. Die Münze ist deshalb so wertvoll, weil die kalifornische Münze in ihrem Gründungsjahr 1870 im ganzen nur zwei Gold­stücke prägte. Eines davon wurde in den Grundstein eines öffentlichen Gebäudes eingemauert, während das andere in den Besitz des Direktors der Münze überging.

Ich erachte es für meine Pflicht, den braven Halling schadlos zu halten, da er allein bei dem verunglückten Unternehmen den Verlust trägt. Sollte mein Schwieger­sohn Rudolphi, dem ich ernste Mahnungen erteilt, diese

Die Lage im Streifgebiet von Südwales gestaltet sich immer ernster. Die 5000 Bergleute, die nun schon 5 Mo­nate nicht mehr arbeiten, sind aufs äußerste erbittert. Ge­stern überfielen ihrer mehrere Hundert einige Gruben­beamte und eine Anzahl Polizisten und bombardierten fie mit Steinen, so daß die Polizei und die Beamten in ein Gasthaus flüchten mußten, wo sie von den Ausständigen regelrecht belagert wurden. Eine herbeigeholte Polizei

truppe vertrieb schließlich die Streikenden.

Aus den Gerichtssälen. Verurteilung eines Rabenvaters. Der 33jährige Ar beiter Richard Sollanek in Berlin hatte sich gestern vor dem Schwurgericht des Landgerichts Berlin 2 zu verantworten, weil er sein vierjähriges Töchterchen zu Tode geprügelt hatte. Sollanek würde zu zehn Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit tödlichem Ausgange unter Versagung mildernder Umstände verurteilt.

Ein ungeeigneter Hüter der Ordnung. Die Straffam­mer in Glogau verurteilte den Polizeisergeanten Frenzel

Anweisung nicht respektieren wollen, so verordne ich hier­mit, daß sie Giltigkeit auf meinen Nachlaß habe und daß meine Tochter, die verehelichte Rudolphi, gezwungen sei, gegen den Empfang dieses Papieres, das seine Giltigkeit nie verliert, sofort zu zahlen.

Albrecht."

Albrecht war der Schwiegervater Rudolphis, mithin der Großvater Cäcilie Junkers, in dessen Besize sich jezt das enorme Vermögen befand. Zwei Zeugen hatten die Schrift zugleich unterzeichnet; der Lehrer Bauer und ein Pfarrer; beide Beugen, deren Siegel sich neben den Na­men befanden, waren gestorben. Frau Bauer hatte mit Tränen die Züge ihres Gatten erkannt, der als Privat­lehrer im Hause Albrechts angestellt war. Sie erzählte nun, wie sie zu dem Taschenbuche gekommen und zeigte die vorgefundene Adresse, an die es abgesendet werden sollte, wenn Rudolphi nach einem Monat nicht zurüc tehren würde. Die Adresse lautete: Friedrich Halling." ,, Sie können mein freudiges Erstaunen denken," fügte die Witwe hinzu, als ich vorhin das Buch öffnete und diese Entdeckung machte."

,, Das ist Glück im Unglück!" rief Karl. Aber jubeln wir nicht zu früh. Die Tochter Rudolphis ist an einen Offizier verheiratet.

Sie ist die Erbin des großväterlichen Vermögens, folglich muß sie zahlen. Aber woher ist denn dieser Ru­dolphi gekommen, wie hat er das wichtige Dokument era halten?" Der Arzt gab später Auskunft über das Ende des Abenteurers; über die letzte Zeit seines Lebens ist nichts bekannt geworden.

Denselben Abend noch suchte Karl seinen Rechtsan­walt auf. Das Papier ist nicht anzufechten," sagte er, das Vermögen Albrechts existiert noch, folglich können wir es in Anspruch nehmen. Ich begleite Sie morgen zu dm Rentier Junker."

( Schluß folat.)

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