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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 50 pfg. monatlich vierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr.

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Enthält alle amil. Bekanntmachungen

der Großherzoglichen Erscheint Bürgermeisterei

jeden Werktag früh.- Die Humoristischen Blätter" liegen wöchentlich einmal gratis bei.

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Redaktion:

Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Herausgeber: Albin Klein& Otto Fischer.

Nr. 73.

Telephon: Nr. 362.

Die, Cappalien" im Reichstag. Das vom Abgeordneten Freiherrn v. Gamp gelegent­lich der Beratung des Militäretats im Reichstage ge­sprochene Wort, daß sich kein Parlament mit so viel Lappalien beschäftige wie der Deutsche Reichstag, hat im Lande und in der Presse ein allgemeines Echo ge­funden. Darin kann man auch Freiherrn v. Gamp zu stimmen, daß manche von den im Reichstage vorgetra­genen Einzelheiten und Kleinigkeiten, die oft recht lange Debatten hervorrufen, in weit zweckmäßigerer Weise au­Berhalb des Reichstags erledigt werden könnten, wenn die dazu geeigneten Institutionen und Voraussetzungen vorhanden wären. Das Interesse des Hauses an die sen Lappalien" ist nur ein sehr geringes, das beweist die äußerst schwache Besetzung an solchen Tagen. Selbst die Sozialdemokraten lassen sich, auch sogar wenn einer der Ihren stundenlang das Wort nimmt, nur in einzelten, höchstens bis zu anderthalb Dutzend Exem= plaren im Sitzungssaale blicken.

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ver=

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der Reichs Das Reich ist durch seine Betriebe marine, des Reichsheeres, der Reichspost und-telegra­phen und der Reichseisenbahnen ein sehr großer Ar­beitgeber geworden. Es beschäftigt neben dem großen Beamtenheer in seinen Werkstätten und Betrieben viele tausend Arbeiter und Handwerker. Diese sind in ihren wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen außerordent­lich stark daran interessiert, welche Stellung der Reichs­tag zu ihren Angelegenheiten einnimmt. Sie haben das Streifrecht nicht. Der Appell an den Reichstag bietet ihnen also die einzigste Möglichkeit, um ihren Wünschen gegenüber der Verwaltung größeren Nachdruck zu ver­leihen. Also das Parlament bietet, wie die Dinge zur­zeit liegen, gewissermaßen den Ersatz für das nicht ge­währte Streifrecht. Von dem Anrufen des Parlaments machen nun die Staatsarbeiter um so umfangreicher Ge­brauch, als ihr Arbeiter- Ausschußwesen und Verbands­wesen noch nicht genügend entwickelt ist. Die Form des Anrufens ist die Petition oder Denkschrift und die Rede des Abgeordneten, in dessen Wahlkreis eine Betriebs= werkstatt liegt.

Ehe das Verbandswesen der Staatsarbeiter ent­wickelt war, lagen dem Reichstag regelmäßig fast aus jeder Werkstatt, ja oft von den verschiedenen Arbeiterka­tegorien Petitionen vor. Die Abgeordneten der in Frage kommenden Kreise hatten durch ihre Reden die in den Petitionen enthaltenen Wünsche zu unterstreichen und die Beschwerden vorzutragen, die nebenbei mit mehr oder weniger Kritik gewürzt wurden. Manche solcher all­jährlich wiederkehrenden Reden sind geradezu typisch ge­worden.

In neuerer Zeit, gewissermaßen als Begleiterschein­ung der christlich- nationalen Arbeiterbewegung, organi sieren sich die Staatsarbeiter verbandsmäßig. Dadurch ist die Zahl der Petitionen erheblich verringert und ihr In­halt einheitlicher, umfassender und sachlich wertvoller ge­worden. Die Denkschrift des Elberfelder Zentralverban­

des der Eisenbahnhandwerker und-arbeiter erfreute sich sogar des Lobes des Ministers im Reichstag.

Die Petitionen der Verbände finden infolge der Tä­tigkeit der christlich- nationalen Arbeiterbewegung im Reichs­tage auch eine bessere Würdigung, als es früher viel­fach der Fall war. Trotzdem ist der Zustand noch nicht befriedigend, als gewissermaßen noch das alte und das

sowie vieler anderer

des Großherzoglichen Polizei Amtes

Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

Montag den 27. März 1911

tralausschüsse mit den Befugnissen der Arbeitskammern. Sie fordern die Anerkennung ihrer Verbände und Ver­kehr der Verbandsleitungen mit der obersten Verwaltung usw. Zweifellos sind das Forderungen, die bei man­chen bürgerlichen Abgeordneten auf Widerstand stoßen. Aber wenn der Staat für die Privatbetriebe Tarifver träge fördert, so kann er sich dieser Reformen nicht ver­schließen. Sie werden über kurz oder lang, abgesehen von sozialen Reform- Gesichtspunkten, aus Gründen der Ueberlastung des Reichstages, zu zwingenden Notwen­digkeiten. Die Lappalien" der Staatsarbeiter können erst von den Tribünen der Parlamente verwiesen wer­den, wenn den Staatsarbeitern geeignete Instancen und Möglichkeiten zum friedlichen Ausdruck ihrer Wünsche und Beschwerden gegeben sind. Die bestehenden Arbei­ter- Ausschüsse sind ungenügend. Also die Schaffung eines modernen Staatsarbeiterrechts wird zu den wich tigsten sozialpolitischen Aufgaben der nächsten Jahre ge­hören.

Solche wichtigen Fragen, wie ich sie eben berührt habe, können naturgemäß von den einzelnen Ressorts ohne Fühlung miteinander und mit den bundesstaat= lichen Verwaltungen nicht befriedigend geregelt werden. Deshalb muß der Reichskanzler eine Verständigung her­beiführen. Die bürgerlichen Parteien sollten diesen ern­sten Fragen größte Aufmerksamkeit entgegenbringen. Die Reichs- und Staatsarbeiter sind in ihrer Mehrheit gut national gesinnt und haben Anspruch auf Beachtung

ihrer Interessen.

Franz Behrens, M. d. R.

Reichstagswahlvorbereitungen.

* Gladenbach. Der Bund der Landwirte wird auf besonderen Wunsch der Landwirte im Biedekopfer Kreise eine Reihe von Versammlungen abhalten in der Umgebung von Gladenbach, um seine Organisation wei­ter auszubreiten und für die Wahl seines Kandidaten Mumm Propaganda machen.

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( Gießener Tageblatt)

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die 44 mm breite Petitzeile oder deren Naum, auswärts 20 Pfg.; die 90 mm breite Petitzeile im Re flameteil 50 Pfg., auswärts 60 Pfg.; Tabellen mit 50% Aufschlag. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Gesamtleitung: Albin Klein.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

spieltheater im Kolosseum bei der Ausstellung seines neuen Programms befolgt. Der Glanzpunkt des Pro­gramms ist das Schauspiel nach der bekannten Oper: Der Tod des Don Juan"." Unter luxuriösester Aus­stattung wird das vielseitige Leben des Don Juans vor Es verwöhnten Liebling stürmilche Empfangsszenen. Augen geführt. Selbst noch im Hades bereitet man dem seien ferner erwähnt die herrliche Naturaufnahme Wild­fütterung", das 12 Bilder umfassende Lustspiel Eine Künstlern gespielte Sittendrama Der Verleumder" und doppelte Entführung", weiter das von ersten Pariser die Posse Müllers Geschenk", welches durch seine Dro­lerie auch den vergrämtesten Philister zum Lachen reizt.

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Gießen, 27. März. Eine für die Gesundheit recht gefährliche Unart kann man jetzt wieder bei man­chen Kindern beobachten, indem sie sich trotz der hältnismäßig noch rauhen Jahresceit auf Rasenplätze setzen oder legen. Wenn auch mitunter die Sonne recht warm scheint, so sind noch lange nicht aus dem Erd= boden Frost und Kälte gewichen. Eltern werden daher gut tun, ihre Kinder eindringlich zu warnen, sich auf die Erde oder Steine zu setzen.

Wetzlar, 27. März. Dem warmen Frühlings­wetter ist eine empfindliche Abkühlung gefolgt. Eine leichte Schneedecke hat sich über die Landschaft gebreitet. eine Veränderung in der Lage der großen Drudgebiete. Der Umschwung der Wetterlage wurde bedingt durch Mitteleuropa steht unter der Herrschaft von feuchten, fühlen Nordwestwinden, die die starke Abkühlung bewirk­ten, die möglicherweise noch eine Weile andauern kann.

m Betzdorf, 25. März. Der Bahnbau Betz= dorf- Nauroth ist in allen Instanzen genehmigt worden. Die Ausführung des Baues ist der Berliner Firma Balcke übertragen worden, die im April schon damit be­ginnen wird. In 22 Monaten soll die Strecke fertigge­stellt sein.

* Klein- Linden, 27. März. Gemeinde und Kriegerverein wollen eine Ehrentafel für die Kriegsteil­n! hmer der Feldzüge 1866 und 1870-71 in der Kirche errichten. Von den 26 Kriegsteilnehmern sind noch 13 am Leben. Die Ehrentafel wird voraussichtlich gelegent­Frankfurt. Das 28. Bundesfest des deut­lich der Friedensfreier am 10. Mai eingeweiht.

Bensheim. In der vom Bund der Land­wirte in Michelstadt einberufenen Kreisvertrauensmän­ner- Versammlung stimmten in geheimer Abstimmung 27 Vertrauensleute für den Kandidaten der Wirtschaftlichen Vereinigung Stadtverordneten Rippel- Hagen, wäh- schen Radfahrerbundes, das in den Tagen vom 5.- 9. rend 14 Stimmen auf den nationalliberalen Dekonomie rat Fritsch fielen.

Aus Stadt und Land.

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Programm u. a. auch einen großen Festz u g durch August in unserer Stadt abgehalten wird, hat in seinem die Straßen Frankfurts vorgesehen. Die historische Grup­pe wird von hiesigen Kunstkreisen arrangiert werden. Den zweiten Teil bilden 10 000 Radler aus allen Tei­Gießen, den 27. März 1911. len Deutschlands und ein Kraftwagenkorso, während in Eilabholung durch die Post. Vom der dritten Gruppe die hiesigen Jnnungen und Sport­1. April 1911 ab übernimmt es die Reichspostverwal- vereine vertreten sein werden. zunächst versuchsweise gewöhnliche Brief­tung sendungen im Ortsbestellbezirk auf Verlangen bei den Absendern durch Eilboten abholen und zur Postbeför­derung aufliefern zu lassen. Die Eilabholung erstreckt sich nur auf Briefsendungen, die ihrer Beschaffenheit nach den Vorschriften der Postordnung entsprechen. Ein­geschriebene Briefsendungen und solche mit Wertangabe sowie Postnachnahmesendungen sind von der Eilabhol­ung ausgeschlossen. Die Anmeldung von Aufträgen zur oder Eilabholung kann durch Fernsprecher, mündlich lenden Sendungen anzugeben. schriftlich erfolgen. Dabei ist die Stückzahl der abzuho=

* Gießen, 27. März. Beim Kaiser Wilhelm= pagnie errichtet. Die erforderlichen Hallen sind auf dem Hofe der alten Zeughauskaserne bereits fertiggestellt.

*) Gießen. Das Museum für Völkerkunde ist durch eine schöne Südamerika- Sammlung, Geschenk von Oberlehrer Schmidt- Gießen( Buenos- Aires) bereichert

worden.

Mainz. Wie verlautet, soll das hier garni­sonierende Fußartillerie- Regiment Nr. 3 nach Kassel ver­legt werden zur Verstärkung der dortigen Garnison. Da= für soll ein anderes Regiment hierher kommen.

* Mainz. Die Leitung der Mainzer National­liberalen Partei erläßt zur Reichstagsstichwahl in Gie­Ben folgende Erklärung: Die Gießener Nationalliber­

alen haben durch ihre Stichwahlparole den gewiß un­beabsichtigten Erfolg gehabt, daß ihnen von manchen Seiten antisemitische Beweggründe unterschoben wurden. Es bedarf ja eigentlich keines Wortes der Versicherung, daß derartige Beweggründe bei der Ausgabe der Stich­

Darmstadt. Die gegen den Landtagsabge­ordneten Seelinger von Lampertheim wegen unlauterer Amtshandlungen durch die Straffammer ausgesprochene Gefängnisstrafe von drei Monaten ist von dem Groß­herzog in eine Geldstrafe von tausend Mark umgewan­

delt worden.

neue System der Geltendmachung der Arbeiterwünsche im Regiment wird am 1. April eine Maschinengewehrkom- wahlparole auch nicht die mindeste Rolle gespielt haben. Plenum des Reichstages miteinander ringen. Zu glei­cher Zeit tritt noch eine andere Erscheinung hervor, in­dem nun der Kampf der sozialdemokratischen und radi­falen mit der christlich- nationalen Arbeiterbewegung um die Gewinnung der Staatsarbeiter, der im Lande hef­tig wogt, sich auch auf die Parlamentstribüne fortsetzt. Denn mit dem Auftreten der gesinnungsfestigenden christ­lich- nationalen Staatsarbeiter- Verbände wird den zialdemokraten das stille Durchdringen der Staatsarbei­terschaft und mancher ihrer sogenannten neutralen Ver­bände sehr erschwert oder gar unmöglich gemacht. Die Kämpfe der christlich- nationalen Staatsarbeiterverbände gegen die sozialdemokratische Durchsetzung sind für das Reich, die Bundesstaaten und für die bürgerlichen Par­teien von sehr ernster Bedeutung.

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Die Kämpfe drehen sich vornehmlich um die Me­thode, wie die Staatsarbeiter ihre Wünsche und Be­schwerden geltend machen sollen. Die Sozialdemokraten fordern die Koalitions-( Streif-) freiheit, während die Christlich- Nationalen das Organisations recht ohne Streik­recht gesichert haben wollen. Um die Parlamente von der Behandlung der Lappalien" zu befreien und um den Staatsarbeitern eine geeignete und gesicherte Mög­lichkeit zu bieten, ihren Wünschen und Beschwerden in zweckmäßiger Weise Ausdruck zu geben, fordern sie eine größere Sicherheit der Mitglieder der Arbeiter- Ausschüsse gegen Schikane und Entlassung; die Erweiterung ihrer Befugnisse; Ersatz für die Arbeitskammern durch Zen­

*) Gießen. Der Lesehalle verein wird am 1. April das Torhäuschen am Stadttheater zu sei­nem neuen Heim einrichten. Lesehalle und Bibliothek erhalten dort größere Räume.

*) Gießen, 24. März. Am 1. Juni findet hier die Regatta des Süddeutschen Ruderverbandes statt.

-e- Gießen. Wie aus Jugenheim berichtet wird, scheint die Idee des allgemeinen hessischen Blu­mentages an der Bergstraße in sinniger Weise auf­gefaßt zu werden: Anfangs Mai steht die ganze Berg­straße schon in voller Frühlingsblüte. Man plant nun dort Mädchen in weißen duftigen Kleidern, mit Blumen im Haar und der altertümlichen Zupfgeige in der Hand, Lieder singend, die kleinen Maßliebchen, die unsere Lan­desfürstin erwählt hat, zum Kauf anbieten zu lassen. Eine glückliche Idee. Wenn der Wettergott günstig ist, fann es nicht fehlen, daß an diesem Tage die Bergstraße sich in märchenhafter Schönheit präsentiert und daß sie *) Gießen, 27. März. Vom Guten nur das das Ziel vieler Tausende aus nah und fern sein wird. Beste." Diesen altbewährten Grundsatz hat das Licht

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* Aus Rheinhessen. Einen folgenschweren dummen Streich haben in Essenheim die diesjährigen Musterungspflichtigen verübt. Sie erbrachen in betrun­tenem Zustande einen Weinkeller, öffneten ein von einer Mainzer Weinhandlung gekauftes versiegeltes Stückfaß

mit Wein und entwendeten daraus dreihundert Liter zu einem Trinkgelage. Die Staatsanwaltlchaft Mainz hat ein Strafverfahren wegen schweren Diebstahls ein­geleitet. Unter den Dieben" befinden sich Söhne der angesehensten Familien des Dorfes.

Der Weinbau am Main geht, wenn man von Hochheim absieht, immer mehr zurück. Die Wein= bauern verlieren teilweise den Mut und pflanzen Obst­bäume und Beerensträucher dorthin, wo ihnen seit Jah­ren der Wein mißraten ist.

* Aus der Pfalz. Aus Geiz ließ ein Land­mann in Limbach seine Pferde und sein Rindvieh buch­eingegangenen Pferde wurde festgestellt, daß das Tier stäblich verhungern. Was noch am Leben ist, steht bis auf weiteres unter polizeilichem Schutz. Bei einem Sand und seinen eigenen Kot verzehrt hatte.