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Die Versöhnung unterm Weihnachtsbaum.
Die Versöhnung unterm Weihnachtsbaum.
Eine Erzählung aus dem New Yorker Leben.
ur Zeit, als die Ostecke noch als waschechte deutsche Kolonie der in rapider Weise wachsenden Großstadt zu betrachten war, der schier unaufhörliche Strom deutscher Einwanderer sich über das Land ergoß, wohnte in der Orchard Str. in einem bescheidenen Häuschen, das längst einer großen Mietskaserne Platz gemacht, die Witwe Selecke mit ihren beiden Kindern in der ihr vom Geschick zugedachten, bescheidenen Weise. Die Frau mußte behutsam über die Dollars Wache halten, um sich und die Kinder durchzuschlagen, weshalb sie mit säumigen Mietern kurze Umstände zu machen gezwungen war.
Mit wachsamem Auge beobachtete sie deshalb die drei jungen Mieter, welche die oberen Dachräumlichkeiten inne hatten, ein Herr Gerner, welcher ihr das meiste Zutrauen durch sein solides Wesen einflößte; ein urfideles Haus Namens Rasinsky und ein Herr Lohster,
dem die Worte wie Honig von den Lip
pen flossen, vor dem die Frau jedoch
eine unüberwindliche Abneigung
besaß. Die Zeiten waren für Er
werbsverhältnisse nicht besonders günstig, jeder der Drei war durch irgend einen Umstand von seinem Berufe abgetrieben, und der Mangel an Barmitteln hatte fie gezwungen, nachdem sie in dem kleinen billigen Restaurant des Erdgeschosses des Hauses durch Zufall zusammengewürfelt worden waren, bei Frau Selecke einGerner zumieten.
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hatte die erstmonatliche Miete für alle entrichtet, und der ölzüngige Lohster es dann fertig gebracht, eine spärlich bezahlte Arbeit für Bemalen eines Modeartikels zu erlangen. Da jedoch Gerner und Kasinsky den Tag und Abend fast ununter
brochen arbeiteten, so waren
sie sicher, den Wolf von der
Türe für eine geraume Zeit fern
halten zu können. So versicherte
Gerner der Frau Selecke, als der
Tag für die Miete heranrückte. Am
nächsten Tage nahm Lohster die fertige
Arbeit an sich, um sie abzuliefern. Er kam jedoch nicht wieder, sondern blieb mit dem Gelde verschwunden.
Dem sonst so jovialen Rasinsky mußte eine Träne über die Backe gelaufen sein und an dem Schmiß auf derselben Halt gemacht haben, denn er fuhr schnell mit dem Tuche darüber hin und drückte dem Freunde dankend in seiner derben Weise die Hand.
Das Zusammentreffen zwischen Gerner und seinem Verwandten, dem jüngeren Partner in einer chemischen Fabrik im Nachbarstaate New Jersey, war ein ungemein herzliches. Der andere Gerner entschuldigte sich damit, in wichtigen geschäftlichen Angelegenheiten lange in Meriko abwesend gewesen zu sein, eröffnete dem Cousin, daß dieser anfangs mit einem kleinen Salär als Assistent in der Fabrik eintreten könne, wo es nur an ihm liege, sich mit der Zeit in die Höhe zu arbeiten. Dann entfernte er sich mit einem freundlichen„ Auf Wiedersehen" und licß Gerner bei der Witwe Selecke zurück, die in den ersten zehn Minuten nichts anderes als das Glück zu preisen vermochte, das Gerner widerfahren sei, und das Leid, daß sie einen so guten Mietsherrn verlieren müsse.
Am nächsten Tage 30g Gerner hinüber nach den Moskitogefilden, um dort den Grundstein für sein Fortkommen in der neuen Welt zu legen.
In der Wohnung der Frau Selede ging mittlerweile alles seinen Gang weiter. Als sie etwas später eine Heiratsofferte von dem wohlhaben den Farbenhändler Tunkel erhielt, nahm sie dieselbe an, weil dieser ein Freund ihres verstorbenen Mannes war. Da nun aber Tunfel ebenfalls in New Jersey wohnte, mußte sie das bescheidene Häuschen in der Orchard Str. aufgeben, und mit Tochter und Sohn siedelte sie über in das elegantere ihres zweiten Gatten. Hier wurde nun die Tochter, die sich zu ciner hübschen Jungfrau entwickelt hatte, der Liebling des Stiefvaters. Moritz blieb der Mutter Augapfel, trotz seines Leichtsinnes und seiner Verschwendungssucht, die den alten Tunkel, der sich hart hatte in die Höhe arbeiten müssen, beinahe zur Verzweiflung brachte. In seinem Zorn hatte er eines schönen Tages den Bengel zum Hause hinausgejagt.
East River im Winter.
Die Betrogenen machten sich auf die Suche nach dem Verschwundenen und durchstreiften alle Plätze an der Bowery. Bergeblich! Schließlich übernahm es Gerner, Frau Selecke von dem Zustande der Dinge zu benachrichtigen, was, wie beide sicher glaubten, mit der üblichen Kündigung enden würde.
Aber die Überraschung, welche Gerner bevorstand, hatten beide nicht vermutet, denn kaum hatte er die Wohnstube der Frau betreten, als ihm diese ein kleines Paket überreichte, welches ein Herr mit dem Bemerken zurückgelassen, er werde am Abend wieder vorsprechen. Beim Öffnen des Paketes blickte Gerner das Grün amerikanischer Dollarnoten entgegen und beim Lesen überzog sich sein Gesicht mit einer leichten Röte. Er begab sich dann zu Rasinsky zurück, der ihn mit den Worten begrüßte: ,, Die Pferde sind gesattelt, lieber Gerner." Gerner winkte ab und meinte:„ Nicht so schnell, lieber Freund, mir ist Hilfe zur rechten Zeit gekommen und damit ist vor läufig für uns beide gesorgt."
Dann erzählte er, wie ein Verwandter, der von einer längeren Reise in Meriko zurückgekehrt, bei Frau Selecke vorgesprochen, eine recht anständige Geldsumme zurückgelassen und versprochen habe, am Abend wiederkehren zu wollen.„ Deine Miete," fuhr Gerner fort,„ habe ich für den Monat vorausbezahlt, hier ist eine kleine Summe, die ich dir vorstrecke bis zu einer Zeit, in welcher du imstande sein wirst, sie zurückzuzahlen."
Tagedieberei führt zu schlechter Gesellschaft, und in der Metropole in einem Sumpfwinkel, wohin der junge Mann auf seiner abschüssigen Bahn geraten war, fügte es das Unglück, daß er mit Lobster zusammentraf, der ihm ein Wonnegemälde von dem fernen Westen vormalte, wo man das Leben in vollen Zügen genieße und mit wenig Geld Reichtum erwerben könne. Anfangs hielt der gute Geist bet dem jungen Manne Stand, aber immer wieder führte Lohster dem Toren vor Augen, daß ein Griff in die Kasse des Stiefvaters die nötige Summe schaffen würde, beide dem traurigen Osten zu entrücken. Wenn dann Moritz genug Geld besitze, tönne er ja das„ Darlehen", und weiter sei es ja nichts, wieder zurücksenden und die„ Familienangelegenheit" sei dann geregelt. Und schließlich triumphierte der Verführer. Nach einem heimlichen Besuche bei der Mutter schlich sich Moritz in das Zimmer des Stiefvaters, sprengte dort dessen Kassette, entnahm derselben eine Summe von fünfhundert Dollars, die Tunkel zum Ankaufe eines neuen Pianos für die Tochter zufällig im Hause hatte. Noch in derselben Nacht trat Moritz mit dem bösen Geiste, der ihn nicht aus den Augen ließ, die Reise nach dem ihm vorgegaukelten Dorado an.
Die Versöhnung unterm Weihnachtsbaum.
Manche nennen es Glück, aber bei Gerner war es unbeugsamer Fleiß und Gewissenhaftigkeit, die ihn in seiner neuen Sphäre rasch von Stufe zu Stufe klimmen ließen. Sein Einkommen mehrte sich von Jahr zu Jahr; er verkehrte in der besten Gesellschaft, und da sich sein Wohnsitz in derselben Stadt befand, wo auch der Farbenhändler Tunkel eine angesehene Rolle spielte, so ist es nicht zu verwundern, daß er mit der früheren Frau Selecke wieder zusammentraf.
Die Zwistigkeiten in der Familie über den leichtsinnigen Moritz erlebte Gerner mit und schließlich auch die Tränen der Mutter, wie den Zorn des Vaters, nachdem sich der Diebstahl ereignet. Monat um Monat verfloß, ohne eine Kunde von dem Verschwundenen, und die Frau verfiel nahezu in Trübsinn, so daß Tunkel mit der Lebensgefährtin eine Reise nach der alten Heimat antrat, um die Frau wieder auf andere Gedanken zu bringen. Gerner's Verhältnisse wurden unterdessen immer günstigere, und als er eine für das Geschäft wertvolle Erfindung gemacht und sich einer der älteren Partner vom Geschäft zurückgezogen, wurde es ihm ermöglicht, als jüngster einzutreten. Als solcher fiel ihm dann die Mission zu, im Interesse des Geschäftes den Westen zu bereisen.
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und anscheinend halbverhungerte Mensch mehr zu sagen, nur die Tränen rannen ihm über das Gesicht.
Was hier Not tat, wußte Gerner wohl; er führte den Wiedergefundenen in ein nahes Restaurant, und dort mußte Moritz schließlich, während er gierig das ihm Borgesetzte verschlang, eine Beichte ablegen, welcher außer dem bereits Bekannten noch zuzufügen ist, daß Lobster, nachdem sie in Chikago angelangt Moritz um das gesamte übrige Geld bestohlen hatte und nach unbekannten Regionen verduftet
Auf dem New Yorker Broadway im Winter.
Eines Abends ging er die Straßen Chikago's entlang und war im Begriff, sich in sein Hotel zu begeben, als er plötzlich in bittender, halbunterdrückter Weise die Worte:„ Herr Gerner" vernahm. Überrascht trat er näher und mit den Worten:„ Morih, du Unglücksmensch," faßte er den Verlorengeglaubten an der Hand. Kein Wort vermochte der mit abgerissenem Anzug bekleidete
Ankunft der Weihnachtspost in einem amerikanischen Dorfe.
war. Ohne einen Cent zu be sitzen, hatte Moritz sich dann durchschlagen müssen, schließlich sei er von einer Krankheit befallen und erst kürzlich aus dem Hospital entlassen worden. Aus Scham über den Diebstahl, die erst nachträglich bei ihm erwacht, habe er sich nicht mehr an das Elternhaus zu wenden gewagt. Als er jedoch zufällig in dem Fremdenregister der Zeitungen Gerner's Namen gelesen, habe ihn die Not dazu getrieben, den. selben anzusprechen.
Nachdem Gerner den Reumütigen eine kleine Summe Geldes eingehändigt, verließ er ihn mit dem Bescheide, sich am nächsten Morgen wieder im Hotel einzufinden. Dann wurde Moritz zunächst mit Kleidung ausge stattet, worauf Gerner seinen „ Nach Hause Plan entwickelte. zurück gehst du vorläufig nicht, sondern bleibst hier, wo ich dir bei einem Geschäftsfreunde eine Stelle verschaffe. Dort kannst du zeigen, ob es mit deinen Besserungs- Beteuerungen Ernst ist. Von dem Gehalt welches du verdienst, schickst du jede Woche dem Vater Tunkel, was du zu entbehren vermagst, und wenn die fünfhundert Dollars abbezahlt sind, dann wird dir jeder Mensch glauben, daß es mit deinem Versprechen Ernst war und du wirst mit Freuden wieder aufgenommen werden." Während sich Bater Tunkel mit seiner Gattin in Europa befand, kam mit der größten Regelmäßigkeit ein Brief mit seiner Adresse aus Chikago an, den Lieschen, welche mittlerweile das Haus führte, prompt zurüdlegte. Bei seiner Rückkehr war Papa Tunkel selbstverständlich sehr erstaunt, als er die vielen Briefe öffnete und in jedem derselben eine Geldsumme vorfand, die in einem unbeschriebenen Papierbogen eingewickelt war. Wenn er schließlich auch eine Ahnung haben mochte, woher das Geld stammen könnte, so wollte er doch nicht daran glauben, daß sein Stiefsohn so schnell den Weg der Besserung angetreten.
Er 30g Gerner, der nach wie vor wieder fast täglicher Gast im Hause war, in das Geheimnis und dieser brachte ihn nach und nach zu der Ansicht, daß ein junger Mensch, der einmal einen Fehltritt begangen und durch einen Versucher auf die Bahn des Lasters geführt worden set, doch nicht unrettbar verloren, so lange noch ein guter Kern in ihm stecke. Er führte dem alten Manne vor, daß er, Gorner, selbst wegen Schulden aus dem Heimatlande habe flüchten müssen, worauf er hier ein neues Leben begonnen und, einmal auf der rechten Bahn, Lust und Liebe bekommen, sich durch seine eigene Kraft in die Höhe zu arbeiten, wie es Tausende getan, die an den Ufern des neuen Landes gestrandet seien.
Der Betrag der Geldsendungen aus Chikago erhöhte sich nach und nach und als diese eine Gesamthöhe von fünfhundert Dollars erreicht, hörten sie plößlich auf, was Tunkel nun doch zu der Überzeugung brachte, daß Gerner mit seinen Ansichten recht hatte.
Wieder war die Weihnachtszeit in das Land eingekehrt und überall rüstete man sich, das große Fest der Christenheit zu begehen. Aus Gerner und Lieschen war ein Liebespaar geworden, aber er wartete mit seiner Bewerbung bis zum Weihnachtsfeste, wo er den Eltern das schönste Geschenk in das Haus zu bringen gedachte. Bei Tunfels brannte der Christbaum, unter demselben waren die Geschenke ausgebreitet und allgemeine Spannung herrschte, als sich Männertritte auf der Vortreppe des Hauses hören ließen. Gerner öffnete die Türe und führte an der Hand einen jungen Mann, der in schüchterner Weise das Zimmer betrat, aber von dem Mutterauge sofort er
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