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Hüben und drüben!
kannt wurde. Jm nächsten Augenblicke lag sie dem verloren geglaubten und wiedergekehrten Sohne schluchzend am Halse; mit tränenden Augen stand Lieschen daneben und in furzen Worten teilte Gerner dem Vater Tunkel die Sachlage mit. Dann auch streckte der alte Mann Morik
die Hand zum Willkommen entgegen und die Freude, welche in der Familie an diesem Abend herrschte, ist schwer zu beschreiben. Jetzt war auch die Zeit für Gerner gefom men und seine Bewerbung wurde in so nachdrücklicher Weise vorgetragen, daß der Segen der Eltern nicht ausblieb.
Hüben und drüben!
Eine deutsch- amerikanische Weihnachtsplauderet.
Es war der Nachmittag des„ Heiligen Abend"; die Feiertagsstimmung 30g auch langsam in New York ein. geborenen Enkeln in einer traulichen Ede; sie sollte ihnen Das deutsche Großmütterlein saß mit den in Amerika bie Zeit vertreiben bis zur Bescherung, wie sie's seit Jahren getan, und wie seit Jahren suchte sie der Kinder schönsten Zeitvertreib, die Märchen, hervor. Und sie begann: ,, Es war einmal
Weiter kam sie nicht, denn die Rinder unterbrachen sie:„ Aber Großmutter, wer wird denn so altmodisch sein! Es war einmal bas glaubt doch kein Mensch mehr. Weißt du, wir werden in den amerikanischen Schulen viel praftischer erzogen, als bu zu deiner Beit
in Deutschland,
um die Weihnachtszeit nach den Städten geliefert wer den, kommen aus Maine und aus den Adirondacks und den anderen Teilen des Apalachengebirges. Nahezu vier Millionen Bäume werden alljährlich zu diesem Zwecke gefällt und Amerika braucht eine Million Bäume mehr als Deutschland, von wo die Sitte zu uns gekommen ist. Etwa zehn Großhändler beherrschen den Markt der Weihnachtsbäume und verdienen daran eine Menge Geld, denn
Wie sich Jung- Amerika die Ankunft des Weihnachtsmannes vorstellt. einhalb bis zwei Dollars."
und darum mußt du uns auch praktische Geschichten erzählen, feine ,, Es war einmal"-Märchen."
Großmutterlein seufzte und schüttelte den silberhaarigen Kopf und begann aufs neue: Wieder ist ein Jahr verflossen und der Weihnachtsengel fommt zu den Menschen, um ihnen am Fest der Nächstenliebe Frieden und Freuden zu bringen. Der alte, getreue Santa Klaus hat hat seinen Schlitten vollgepackt und seine Renner angeschirrt und saust über Wolken und Schnee daher, um all den vielen Kindern, die brav sind und an ihn glauben, seine schönsten Gaben zu bringen." ,, Denkst du nicht" unterbrach der Alteste ,, daß der Weihnachtsmann ein recht unpraktischer alter Mann ist? Wenn ich er wäre, liebe Großmutter, dann hätte ich mir schon längst einen Zeppelin bauen lassen oder zum mindesten einen Aroplan. So etwas fönnten wir modernen Kinder Immerhin noch glauben, aber das Märchen mit den Renn tieren, die durch die Luft galoppieren, und die Geschichte von dem alten Manne, der durch den Schornstein Klettert, das ist zu viel für uns."
Großmutter tat wieder, als ob sie nichts gehört, doch ehe sie weiterfahren fonnte in ihrer Erzählung, fragte das Mädchen:„ Wo wohnt denn der Santa Klaus das übrige Jahr hindurch?"
" In seinem Eispalast am Nordpol, mein Kind." Das gab dem Altesten wiederum Gelegenheit zum Lachen: ,, Am Nordpol? Großmutter, an welch m denn: am Mister Peary oder dem Dr. Cook seinen? Und wie kommt es denn, daß feiner von ben beiden ihn dort angetroffen? Sie könnten ihn boch so gut als Zeuge gebrauchen?"
,, Mein Junge, wenn du alles besser weißt als beine alte Großmutter, dann setz ich mich auf deinen Platz und du erzählst uns Geschichten!" Der Knabe schwieg beschämt. ,, Du kannst doch nicht leugnen, daß Santa Klaus jedes Jahr um die Weihnachtszeit mitten in New- York einen großen, großen Tannenwald hervorzaubert, einen Wald, in dem allerlei Bäumchen, fleine und große, zu finden sind. Und mit diesen Tannenbäumen zieht bann der heilige Geist der Weihnachtsfreude in die Häuser der Armen und der Reichen."
,, Sei nicht böse, Großmutter, ich kann ja nichts bafür, daß wir's in der Schule anders lernen. Aus unseren Schulen ist der Santa Klaus rerbannt, und Märchen lehrt man und dort auch nicht, wenn wir Kinder sie auch noch so gerne hören. Da sagt man uns: die Tannenbaume, die
die
sie zahlen Den Holzfällern, ihnen die Bäume liefern, ungefähr einen Quarter für das Gebinde, in dem sich fünf Stück befinden. Für besonders schöne Bäume 3ahlt er ein paar Cents mehr und diese Extrabäume, für die er ganze fünfzehn Cents bewilligt, bringen nachher ein und
Großmütterlein hörte dem klugen Jungen erstaunt zu, als er seine Weisheit vor ihr austramte und dachte im stillen Arme Kinder, denen in der Schule gelehrt wird, den Weihnachtsbaum nach seinem materiellen Werte zu schätzen. Uns Altmodischen kam man nicht mit Zahlen und Statistiken, uns lehrte man das liebliche Märchen des Meister Andersen, das Märchen von dem Tannenbaumchen, das hinausverlangt in die Welt, das einen einzigen Tag der Freude und des Glückes erlebt, den Weihnachtstag, und dann auf dem Kehrichthausen endet. In seinem Schmerz und Herzweh aber erinnert es sich der seligen Stunden seiner Glorie."
Und unwillkürlich summte die Alte das Liedchen vor O Tannenbaum! O Tannenbaum!
sich hin:
Wie grün sind deine Blätter....
Und die Kinder stimmten mit ein in das Lied und
Theaterkind r nach der Weihnachtsbejcherung.
service, das alles bisher Dagewesene übertraf. Das Service ist im Kolonialstil gehalten: goldene Verzierungen auf weißem Grunde. Nur das Wappen der Vereinigten Staaten, das jedes Stück ziert, zeigt die entsprechenden Farben. Auch die verschiedenen Weingläser sind mit dem Wappen geschmückt. Ein Teil dieses Staatsservices fand auf der Weihnachtstafel Verwendung. Desgleichen einige der historischen Silbersachen des„ Weißen Hauses". Vor allem das kunstvolle mit dem amerikanischen Adler verzierte Tranchierbeſted, das dem jeweiligen Präsidenten zum Zerlegen des Weihnachtsbratens dient und die von Frau Benjamin Harrison unter„ alten Sachen" in der Rumpelkammer des„ Weißen Hauses" entdeckte schwersilberne Suppenterrine.
Jm großen und ganzen verläuft das Weihnachtsfest im„ Weißen Hause" sehr still. Der Weihnachtsbaum, der bereits in vielen ameritanischen Familien zu finden ist, hat seinen Einzug im„ Weißen Hause" noch nicht gehalten. Roosevelt und Taft halten an der alten amerikanischen Weihnachtssitte feſt, die die Kinder ihre Geschenke am Weihnachtsmorgen in den aufgehängten Strümpfen finden läßt.
Weihnachten im„ Weißen Hause".
Am Weihnachtstage selbst ladet der Präsident nur einige der intimsten Freunde zu Gaste. In früheren Jahren pflegten die Präsidenten zahlreiche Einladungen zur Weihnachtstafel ergehen zu lassen. McKinley räumte jedoch mit diesem Brauche auf und erklärte das Weih
Ein Millionärfig in Washington im Winterkleide.
Der Niagara Fall im Winter.
nachtsfest für eine Familienfeier. McKinley war es bekanntlich auch, der den ungehinderten Eintritt Frem der ins ,, Weiße Haus" aufhob und streng darauf bestand, daß nur geladene Gäste zu den Festlichkeiten zugelassen wurden. Er wollte dadurch Zwischenfällen vorbeugen, wie sie sich 3. B. unter Jackson ereigneten, der
die fremden Diplomaten am Herdfeuer sitzend und eine kurze Pfeife rauchend zu empfangen pflegte. Jackson war von einigen seiner Bewunderer ein Riesenkäse zum Geschenk gemacht worden. Da er diese Weihnachtsgabe nicht allein verzehren konnte, so beschloß er, sie dem allgemeinem Wohle zu opfern. Er arrangierte einen öffentlichen Empfang, zu dem jeder mit einem Messer erscheinen sollte, um sich an dem Riesentäse gütlich zu tun. Die Folge war eine fürchterliche Käseschlacht. Groß und Klein, Arm und Reich, Weiß und Schwarz prugelten sich um einen Schnitt in den Weihnachtsfäse. Die Stüde flogen hin und her, sie wurden zertreten und dadurch die Teppiche usw. ruinieri.


