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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

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Erscheint

oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den Zweig­ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Mittags 3 Uhr. Redaktion: liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Nr. 113.

der Großherzoglichen

des Großherzoglichen Polizei Amtes Die Illuftr. Weltrundschau Bürgermeisterei sowie vieler anderer- Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83. ( Haus Brüder Schmidt.)

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Telephon: Nr. 362.

Vom Parteileben.

Mehr als es ehedem der Fall war, tritt seit der letz­ten Finanzreform im Reiche die Erscheinung hervor, daß sich die Parteien als Selbstzweck betrachten. Man hat sich in blutlose Schemen hineingebohrt und sieht von die­sen aus die Zeitnotwendigkeiten in einer vollkommenen Verzerrung. Wie Bismarck voraussah, hat sich das Parteiwesen dahin entwickelt, daß sich immer mehr Wirt­schaftsinteressen dahinein verschmolzen haben. Bismarc selbst allerdings hat gemeint, die wirtschaftlichen Kör­perschaften würden schließlich das politische Parteitum überhaupt ablösen. Das hat sich nicht bestätigt; das Parteientum stützt sich vielmehr auf die wirtschaftlichen Bewegungen und erhält sich dadurch an der Macht.

Aber was früher verhältnismäßig reinlicher politi­scher Geisteskampf immerhin ein Kampf um Ideale! war, das wird jetzt nur noch als ein Kampf um Sonderinteressen betrachtet. Wir bestreiten keineswegs, daß die alten Jdeale noch vorhanden sind und in ein­zelnen Personen sogar noch fräftigen Ausdruck finden; aber niemand glaubt mehr an das Ideal des andern, sondern nur noch an dessen Vorteilsgedanken. Das ist die Folge der bezeichneten Entwicklung, und diese Folge wird aus unserem parlamentarischen Getriebe nicht mehr auszumerzen sein. Dabei ist richtig, daß sich die Par­teien mehr oder minder alle weit in die wirtschaftlichen Vorteilsbestrebungen hinein verloren haben.

Es ist kein erbauliches Bild, das unser deutsches

die

Parteiwesen gegenwärtig bietet. Man hat ja auch schon früher davon geredet, daß die unheilvolle deutsche Klein­staaterei und Kirchturmpolitik, die in dem Verhältnis der deutschen Bundesstaaten zueinander immer mehr schwin­det, im Parteiwesen ihre neue, nicht weniger gefährliche Auferstehung gefeiert habe. So groß die Gefahr war, die in diesem Parteipartikularismus lag, ihr wurde doch durch den natürlichen Fluß zwischen den Parteien, durch neue, unter starkem, beherrschenden Hervortreten nationaler Parolen entstehende Parteikonstellationen, durch die Wandlungen der Parteien selbst der schlimmste Stachel genommen. Aber immer deutlicher treten Umrisse einer neuen Entwickelung hervor, die sich zwar an die Parteien anlehnt, aus den Tiefen des Partei­lebens sich emporringt, die aber allmählich den Parteien über den Kopf zu wachsen beginnt: die politische Glie­derung unseres Volkes nach wirtschaftlichen Interessen= gruppen. Entweder die Parteien beugen sich diesen In­teressengruppen oder sie laufen Gefahr, von ihnen ge= sprengt zu werden. Keine Partei kann mehr an ihnen vorbei; hier liegen in der Gegenwart die stärksten Stü­Ben des Parteilebens, aber auch zugleich seine gefähr lichsten Klippen. Ob wir die Organisation des Bundes der Landwirte, die wuchtige Masse der Gewerkschaften, den Hansabund, den neuen Bauernbund, den Bund der Festbesoldeten, an der Arbeit sehen es gibt keine Partei mehr, die nicht zu irgend einer dieser Gruppen nähere Beziehungen suchen müßte, wenn sie nicht poli­tische Selbstentleibung begehen will. Diese wirtschaftl. politischen Kampforganisationen aber sind heute bereits zum Teil besser einexerziert, diszipliniert und finanziert als die politischen Parteien selbst. Nun rüstet sich auch noch der Zentralverband deutscher Industrieller zu ener­gischem Eingreifen in die Wahlbewegung. Wer mit der Kriegskasse dieser mächtigen Gruppe den Wettlauf un­ternehmen will, dem wird wahrscheinlich bald der Atem ausgehen. Ueberall Kapitalisation und Amerikanisie­rung unseres politischen Lebens. Da wendet sich sogar die Frankfurter Zeitung" mit Grausen und fragt be­sorgt: Wohin treibt unsere parteipolitische Entwickelung? Die Geister, die sie rief, wird sie nun nicht los.

Die parlamentarischen Kämpfe drohen unter diesen Einwirkungen zu Scheinfämpfen zu werden. Das deut­sche Volk ist nahe daran, die Zusammenhänge zu be­greifen und deshalb den ganzen Parlamentarismus in seiner heutigen Artung oder vielmehr Ausartung dahin zu wünschen, wo der Pfeffer wächst. Kein Parteigerede will mehr ziehen; die Leute glauben nicht mehr daran. Sie glauben nur noch positiven Versprechungen zu Ein­zelfragen, und darum bemühen sich alle Kreise, Man­datsbewerber auf bestimmte Forderungen festzunageln. Und wer in solche Forderungen nicht mit eingeschlossen wird, tritt zur Seite und läßt den Wahlkampf toben. Er hat einen Ekel daran, der durchaus begreiflich ist, und wir werden noch dahin kommen, daß Wahlenthal­tung und Parteilosigkeit als Kennzeichen idealen Sinnes gelten.

Und unsere vaterländische Erneuerung wird sicherlich nicht aus dem Parteitum erwachsen, sondern höchstens dem Parteitum aufgezwungen werden. Aus sich selber

Montag, den 15. Mai 1911.

und ohne Not rührt das nicht an die großen völlischen Fragen. Denken wir nur an die Frage, ob ferner in deutschen Landen römisches Recht herrschen soll oder germanisches, ob der Boden Schacherware bleiben solf oder nicht und ob der Zinsertrag dem Arbeitsertrag ge­genüber dauernd den Vorrang genießen soll.

Das sind nur einige der großen Fragen, die dring lich ihrer Lösung entgegenreifen. Wie sich schließlich der Barlamentarismus dazu stellt, davon wird auf deut schem Boden seine Zukunft abhängen. Und nach den bisherigen Erfahrungen muß man annehmen, daß er, erwähnten stillschweigenden Ringes willen, der die Par­so lange das irgend möglich ist, versagt, um des schon tei in den Parteien bildet und im Laufe der Jahre not­wendigerweise immer schärfer in Erscheinung treten wird.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 15. Mai 1911.

* Ein wissenschaftlicher Lehrgang in der Bienenzucht für Wanderlehrer, Vereins­vorstände und andere fortgeschrittene Imker findet un­ter der Leitung Pfarrer Gerstungs aus Oßmannsted und unter freundlicher Mitarbeit der Herren Professor Dr. Windisch, Dr. Ebertz, Oberlehrer Mangler und Ober­lehrer Herter an der Landwirtschaftlichen Akademie in Hohenheim bei Stuttgart in der Pfingstwoche ds. Js. ( 6.- 10. Juni) statt. Der Lehrgang steht für jeden deut­schen und ausländischen Imker offen, welcher die mo­derne Betriebsweise Pfarrer Gerstungs theoretisch und praktisch im Zusammenhang fennen lernen will. Der

Kursus ist kostenlos, doch haben die Teilnehmer für Kost und Wohnung selbst aufzukommen. Meldungen nimmt bis zum 20. Mai Herr Oberlehrer Herter in Hohenheim entgegen.

( Gießener Tageblatt)

Anzeigenpreis 15 Pfg.

die 44 mm breite Inseratenzeile. Stellen gesuche und Familienanzeigen 10 Pfg.- Die 90 mm breite Zeile im Reklameteil 50 Pig. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größze berechnet. Rabatt kommt bei Ueberschreitung des Zahlungs­zieles( 30 Tage), bei gerichtlicher. Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Verlag der ,, Gießener Zeitung" G. m. b. H.

Telephon: Nr. 362.

23. Jahrg.

im Interesse des Fleischergewerbes, wenn bald normale Preise eintreten würden. Der jetzige Zustand führe zwei­fellos bei den weniger bemittelten Konsumenten zur Un­terernährung. Nachdem man über den Ausbau des Ge­nossenschaftswesens und über die Pflichten gegen die so­ziale Gesetzgebung, insbesondere gegen die Fleischerei= Berufsgenossenschaft gesprochen hatte, verbreitete man sich über den Handel nach Sch I a cht- und Lebend­gewicht. Folgende Resolution wurde einstimmig an­

genommen:

, Gegenüber den Bestrebungen der Landwirtschaft, den Handel nach Lebendgewicht immer mehr einzu­bürgern, ihn obligatorisch zu machen und der Ge­neigtheit der gesetzgebenden Körperschaften, diesen zu entsprechen, darf das Metzgergewerbe mit Recht auf die Notwendigkeit verweisen, daß es durch Erlaß ent­sprechender Wiegeordnungen vor Uebervorteilung so geschützt wird, wie es das Interesse einer reellen Ge­schäftsgebahrung erheischt. Als Grundlage für die zu erlassenden Verordnungen muß die Beschaffung ein­wandfreier und genau kontrollierter Wagen und na­mentlich die Einführung von Nüchterungsst ä l- I en gefordert werden, in denen die Tiere die festgesetzte Hungerzeit verbringen müssen."

Die Vorstandswahl ergab die Wiederwahl der aus­scheidenden Mitglieder: Falk- Mainz, Schnell- Kassel und Weidmann- Wiesbaden. Gegen 6 Uhr wurde die Ver­sammlung geschlossen. Am Abend fand ein Konzert der Infanteriekapelle statt unter freundlicher Mitwirkung von Frau Flimm- Gießen und des Münch'schen Soloquar­tetts- Wetzlar. Verschiedene Firmen hatten Maschinen und sonstige Einrichtungen für das Metzgergewerbe im Garten und auf der Veranda ausgestellt. Vertreten wa­ren: Haas& Sohn, Neuhoffnungshütte bei Sinn, Eh­ringshauser Maschinenfabrik von Gebr. Moritz- Ehrings­

R. Heike, Berlin- Mühlhausen a. Rh.

aus.

* Feuer brach gestern morgen gegen 8 Uhr in dem oberhalb des Bootshauses der Rudergesellschaft ge= legenen Eisschuppen des Bierverlegers Schmall Der größtenteils aus Holz bestehende Bau wurde voll­ständig zerstört, während von dem angrenzenden mas­siven Vorratshaus nur der Dachstuhl vernichtet wurde. Die Entstehungsursache ist unbekannt.

* Erziehliche Bedeutung der Turn- hausen, Kr. Wetzlar, Lettermann, Ludwigshütte und vereine. Ueber dieses Thema wurde auf der zweiten Hauptversammlung der hess. Jugendhelfervereinigung in Friedberg auf Grund einer von Pfarrer Marx- Walldorf veranstalteten Umfrage referiert. Es wurden bei aller Anerkennung des idealen Kerns und der Wichtigkeit der Turnsache doch auch, neben begeisterter Zustimmung, Bedenken laut, die sich namentlich gegen die häufige Verquickung der Turnsache und Wirtshausleben richte­ten. Auch wurde stark betont: der Jugendhelfer dürfe bei seiner Stellungnahme nie vergessen, daß die körper­liche Ertüchtigung der Jugendlichen eben doch nur eine Seite seiner Aufgabe darstellt. Die geistigen, religiösen und sittlichen Erziehungskräfte müssen auch zu ihrem Recht kommen. Es bleibt von Fall zu Fall zu entschei­den, inwieweit das im Bunde mit dem Turnverein ge­schehen kann.

Die anstößige Blumentags- Post karte. Am hessischen Blumentag sind von der Groß­herzogin von Hessen gestiftete offizielle Postkarten allent­halben vertrieben worden. Auf einer der Karten lächelt dem Käufer ein reizendes geflügeltes Engelchen an, das einen Korb Blumen trägt und dabei man höre und erschaudere völlig nadt ist. Das erregte das sog. Sittlichkeitsgefühl eines frumben Mannes in einem ober­hessischen Dörflein so sehr, daß er, um die verderblichen Folgen einer solchen Darbietung von seinen Mitbürgern abzuwenden, die unteuschen Postkarten der Ausgabestelle, dem Kreisamt, schleunigst zurücksandte.

Bezirkstag. Der Bezirksverein beider Hessen und Nassau des deutschen Fleischerverbandes hielt gestern im festlich ge= schmückten Saale in Steins Garten seinen 25. Bezirks­tag ab. Zur Feier des Tages hatte die Stadt reichen Flaggenschmuck angelegt. Nachmittags 3 Uhr wurde in Anwesenheit von Vertretern der Stadtverwaltung und vielen anderen geladenen Gästen die imposante Ver= sammlung durch den Vorsitzenden Carl Laut= Darm­stadt eröffnet. Der Obermeister der hiesigen Jnnung, L. Sack, sowie der Vorstand des Bezirksvereins ſprachen Worte der Begrüßung. Darauf ergriffen die Ehrengäste das Wort, um der Tagung guten Erfolg zu wünschen.

Auf der Tagesordnung standen nicht weniger als 8 Referate, die teilweise einen politischen Anstrich hatten. Die beiden Vorträge Fürsorge für die gewerbliche Ju­gend und Der Arbeitgeberschutzverband für das Flei­schergewerbe" wandten sich scharf gegen den zersetzenden Einfluß der Sozialdemokratie. Auch die übrigen Punkte der Tagesordnung boten viel Interessantes. So wurde eine Resolution einstimmig angenommen, daß die Ko­sten der Vieh- und Fleischbeschau vom Reiche oder von den Bundesstaaten übernommen werden möchten. Man wehrte sich ferner gegen die Auffassung, daß die Metzger an der Fleischteuerung mit schuldig seien. Es läge auch

- Vom Vogelsberg, 12. Mai. Vorgestern schlug der Blitz bei dem hier vorbeiziehenden Gewitter in das Anwesen des Herrn J. Baumbach 3. zu Crain­feld und äscherte dasselbe vollständig ein. Gestern ent­stand nun in der an dem Brandplatz anstoßenden Nach­barhofreite abermals Feuer, dem eine Scheuer zum Opfer fiel. Der Straßenwart Beyer von Mezlos erhielt von seinen Bienen am 9. d. Mts. den ersten Schwarm. Dieselbe Erscheinung hatte der Bienenstand eines Bewohners von Rainrod zu verzeichnen.

Hirzenhain, 12. Mai. Gestern starb in der Gießener Klinik unser Bürgermeister Herr J. Guß­mann in einem Alter von 74 Jahren. Im Herbste vorigen Jahres war er zum fünften Male zum Ortsoberhaupt einstimmig gewählt worden.

=)(= Darmstadt, 15. Mai. Zur Abänderung des § 48 des hessischen Fischereigesetzes, durch die die Ang­lerfreiheit in Hessen aufgehoben wird, hat der hessische Anglerbund an die hessische Staatsregierung eine Peti­tion gerichtet, in der gebeten wird, die Ausführungsbe­stimmungen des von den Landständen verabschiedeten neuen Fischereigesetzes so zu gestalten, daß den Sport­anglern im Großherzogtum Hessen, gleich wie in an­deren Staaten, die Ausübung der Fischerei mit der ein­fachen Handangel auch an Sonn- und Feiertagen ge stattet wird". Begründet wird die Eingabe damit, daß es die Tätigkeit dieser Beamten, Arbeiter, Geschäftsleute usw. nur zuläßt, an Sonn- und Feiertagen sich dem An­gelsport zu widmen. Dieser durchaus berechtigte Wunsch wird hoffentlich bei der Regierung ein freundliches Ohr führen. Denn es besteht wirklich kein vernünftiger Grund, finden und zur Abänderung der veralteten Bestimmung dem Angler am Sonntag seinen Sport zu verbieten, umsomehr, als die meisten Angler Leute sind, die nur an Sonntagen freie Zeit haben.

Weilburg, 14. Mai. Ein Ort, in dem der Freund Storch wenig zu Hause zu sein scheint- so schreibt das Weilb. Tgbl."- existiert im Oberlahnkreis. In diesem Ort werden in drei Jahren keine Kinder in die Schule neuaufgenommen und in 6 Jahren haben sich nur 6 neue Erdenbürger eingestellt. Der Ort ist allerdings auch nur klein, doch ist obige Statistik selbst bei einem Orte von rund 40 Haushaltungen mit 200 Einwohnern in Deutschland etwas ungewöhnliches.

Paezha.

Eine indianische Liebesgeschichte.

Mir waren von der Jagd zurückgekehrt und faßen nun in Mechabpes Wigwam und rauchten unsere Pfeifen. Mein

ich eingeschlafen.

neben mir. Er blickte mich teilnahmsvoll an und sagte: Ich Als ich erwachte, saß der Weiße Schwan" hich a11

bassilt 1