Ausgabe 
15.4.1911 Zweites Blatt
 
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Die Glocke von Neukirchen. mare

Bei Neukirchen in der Windingharde im Schleswigschen Stand eine Kapelle, zu der an den Sonntagen die frommen Bewohner der Umgegend pilgerfen. Sie stand auf einer An­höhe und ihr schlanker Turm mit dem blinkenden Kreuz grüßte weit ins Land hinein, zu Gottes Ruhm und Ehre, die Wankelmütigen mahnend, die Gläubigen fröffend. In jener 3eit, da die Straßen zu Wasser und zu Lande noch unsicher waren, landeten eines Heilig- Abends auf Ostern, kurz nach Sonnenuntergang, Seeräuber mit ihrem Schiff bei Hornburg an einem Arm der Widau. Sie ließen einige Dachen auf ihrem Segler zurück und schlichen nun Stundenlang, vorsichtig unter dem Schutz der Dämmerung sich verbergend, ins Land, bis sie bei Neukirchen in die Nähe der Kapelle gelangten. Der frische Frühlings­wind trieb silberberänderte Wolken am bleichen Monde vorüber, das erwachende Land bald mit unendlichem Schimmer über. flutend, bald wieder in fiefes Dunkel hüllend. Die Seeräuber warteten den Flugenblick ab, wo eine große dichte Wolke sich vor das mild leuchtende Dachtgestirn legfe und drangen dann in die Kapelle ein. Des Kaplans, der ihnen mutig mit dem Bilde

Ein Offer Märchen. des Gekreuzigten entgegentrat, bemächtigten fie fich nach kurzer Gegenmehr. Die wildesten unter ihnen wollen cra frommen Diener der Kirche föfen, der Häuptling aber habte fireng, nicht unschuldig Bluf eines Priesters zu vergießen. So kamen sie denn überein. den Kaplan zu fesseln und zu knebeln. Hierauf plünderten sie die Kapelle und nahmen alles, was ihnen gefiel, auch die Glocke, mit auf den Weg zu ihrem Schiff, trotz der flehenden Gebärden des Driesters. Gegen Morgengrauen erst gelangten sie in die Nähe ihres Fahrzeuges. Unterdessen machte der Raplan vergebliche Anfiren gungen, fich zu befreien, um das Osterfest einzuläuten. Es gelang ihm nicht, deshalb kam ihm der Gedanke, es einzubeten. Er tat es und befefe lange, heiß und inbrünstig, und als die Seeräuber endlich so weit waren, die schwere Glocke mit Stricken ins Schiff zu winden, riß die Befestigung und die Glocke verfank mit lautem Klange vor den entjetzten Blicken der Seeräuber, die von Angst gepeinigt das Weite suchten.

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Seit jener Zeit klingen nun an jedem Ostermorgen aus der Wassertiefe die Klageföne der geraubten und versunkenen Glocke. I. S.

Fillerlei Geschichten vom Osterfest.

Orte, deren Namen sich auf Ostern oder Ostara, die ger manische Frühlingsgöttin, beziehen, sind in Deutschland nicht felten. Es sei hier erinnert an: Osterrath, Osterbeck, Oster berg, Osterhagen, Offerborn, Osterholz, Osterburken, Oster. held, Osterhofen, Ostera, Ostrau, Osterwald und andere.

Das Tal Josaphat bei Jerusalem wird in der Nacht zu Ostern von zahllosen Pilgern bevölkert, die mit Fackeln in der Hand zum Bach Kidron ziehen. Die niedrigen, von Gebüsch um säumten Ufer sind von einer schweigenden Menge dicht besetzt. Alle möglichen Nationen des Morgen- und Abendlandes find vertreten; am zahlreichsten wohl die an ihrer Tracht leicht kenntlichen russischen Wallfahrer. Jedweder dieser menschen nun beugt sich, einen Segensspruch zwischen den leise bewegten Lippen, denn gesprochen darf nicht werden, fief hinab zur kühlen Flut und füllt sein mitgebrachtes Gefäß mit fegenspendendem Osterwasser.

Der Reisende Adam Olearius, der im Jahre 1636 mit der holsteinischen Gesandtschaft nach Persien ging, hat auf dieser Reise in Moskau einer Osterfeierlichkeit beigewohnt. die er wie folgt beschreibt: Wenn an diesem Tage ein Russe dem andern begegnet, so wird er, weiches Standes oder Geschlechtes er auch sei, den Gruß: Christ ist erftanden! mit einem Kusse und gefärbten Ciern nicht verweigern. Der Großfürst pflegt selbst seinen Hofleuten solche Eier auszu­teilen. Auch besuchte er in der Osternacht vor der Frühmeffe die Gefängnisse und beschenkte jeden Gefangenen mit einem Schafpelze, und tief ihnen zu, daß sie sich freuen sollen, die­weil Christus für ihre Sünde gestorben, nunmehr wahrhaftig wieder auferstanden sel. Darauf ließ er die Gefängnisse wieder schließen und ging zur Kirche."

In Breslau war am Oftermontag unter den Tuchmachern ehedem das Eierlesen Sitte. Man legte in einer Gasse eine bestimmte Anzahl buntgefärbter Eier auf die Erde in Ab. ständen, die nach Schriften ausgemessen wurden. Ein Tuch­knappe, bei diesem Osterspiel Eierleser genannt, mußte beim Auf- und Ablaufen von den ausgelegten Eiern eins nach dem andern ergreifen und dann in ein blumengefülltes Sieb legen. Ein anderer Tuchknappe, der sogenannte Läufer, hatte während dieser Zeit in die Stadt zu laufen, an die Tür einer Kirche mit Kreide ein 3eichen zu schreiben und dann zurückzukommen. Erreicht er die Gasse, ehe der Leser die Eier alle in das Sieb gesammelt hat, so war der Sieg sein, im andern Falle aber hat der Eierleser getoonnen. Das Spiel beschloß dann ein allgemeiner Schmaus.

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Eine merkroürdige Sille läßt die Bewohner der Insel Capri vor Ostern möglichst viele Vögel einfangen. Am Oster. Jonntag bringt man die Tierchen mit zur Kirche, im Sacktuch, in der Tasche, unter dem Wams, in der Hand. Das Geplepe, 3witschern, Flügelschlagen wird immer ängstlicher, immer heftiger. Da erschallt aus des Priesters Munde das surrexit ( et ist auferstanden), mit der Antwort vere surrexit( er ist wirk lich auferstanden), und Hunderte kleiner Vögel verschiedener Art, meist Wachteln, schritten in die Höhe und zu den ge öffneten Ruppelluken hinaus in die Lüffe.

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Als Jesus Christus einz0g in Jerufalem, hat man seinen Weg mit Palmenblättern bestreut. Unser rauher, nordischer Himmel spendet uns nicht Palmen, wir brechen Weidenzweige als Offer. gruß. Sie sind mit ihren schwellenden Knospen so recht ein Sym. bol des sich verjüngenden, wiedererstehenden Lebens.

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Auferstehung

Offerfreude.

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Was in den Grüffen verborgen geschlafen, Ringt sich mit Jauchzen empor an das Licht. Der, den die Spötter am Kreuzesholz trafen, Hebt zu der Sonne fein göttlich Gesicht. Psalmen und Lieder Erschallen zu Hauf; Heil ward uns wieder, Der Retter stand auf.

Morgenrof brennt in der strahlenden Ferne, Schmeichelnde Lüfte durchwandern die Welf; Wiese und Fluren voll blühender Sterne, Silberne Wölkchen am Himmelsgezelt. Frühling ist kommenden Als König ins Land; had sit died Teid ward genommen, Der Heiland erstand. mil Einst schlug der Tod uns in stählerne Ketten, Kühnlich zerbrachen wir nun seine Haft, Dunderverklärt kam der Held, uns zu reffen, Froh pocht das Herz uns in Hoffnung und Kraft. Frühling ist kommen

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Als König ins Land; Teid ward genommen, Der Heiland erstand.

Gregor.

Der Herr ist erstanden!

reue dich, finge, du Christenheit,

dein Herr ist erstanden!" Wenn über die grünenden Fluren, über die knospenden Wälder, über die keimende Saat die Osterglocken das Jubellied fingen, so weit über die Menschenländer ein Kirchturm den anderen grüßt, ist es dann nicht, als ob alle Kreatur den großen Tag mit uns feiere, dem Schöpfer, dem All. vater zum Wohlgefallen?

Der kindliche Sinn unserer Vorfahren dachte sich an die. sem Tage die liebevolle Göttin des Frühlings und des Wachs. tumes, die Ostara, segnend über die Lande schreiten und glaubte, daß die Bäume im Walde, die Blumen am Rain, die Tiere in ihren Wohnungen sich vor der himmlischen Gestalt ebenso demütig und voll Hoffnung neigten, wie die Menschen, die ihr Opfer brachten.

fromme Freude und die herzliche Ergebenheit von allem, was atmet, gegenüber der großen Allmacht, zum Ausdrucke brachte, die über uns waltet.

Heute ist von dem alten Frühlingskulffefte der Ostara nicht mehr viel erhalten. Nur den Namen hat es noch aus ferner Urväterzeit, und einzelne Volksbräuche, Osterfeuer und das Holen des heiligen Osterwassers, sind noch immer als An. denken an unsere heidnischen Ahnen lebendig. Unbewußt grüßt auch unsere Kinder noch ein Hauch aus vergangenen Honen, wenn der Osterhase ihnen Ostereier bringt. Denn der Hafe war das geheiligte Tier der Ostara und Vogeleier eine ihrer Opfergaben, das Sinnbild des schlummernden, aber dem Er. wachen nahen Lebens.

din für uns Menschen von heute hat das uralte, urewig schöne Fest einen neuen Inhalt erhalten. Es gehört nicht mehr einer Göttergestalt von vielen, sondern es ist das Auferstehungsfest des Heilandes, in dessen Erlösertode wir alle frei wurden, in ald och dessen Erlöserleben wir alle ewig leben.

Lange noch hat in der Volksseele diese Vorstellung nach) gewirkt und die bildende Kunst, bis in unsere Tage hinein, hat das Osterfest nicht anders darstellen können, als indem es die

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nach dem schweren, die Seele in ihren Grundfiefen er­schütternden Karfreitage, wo wir im Geifte wallfahrten zu jenem Kreuz zwischen Verbrecherkreuzen auf dem Hügel der