Ausgabe 
15.4.1911 Erstes Blatt
 
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Staatsanwalt beantragte mit Rücksicht auf die ärztlichen Gut­aften nur eine Geldstrafe von 250 M. Das Gericht hielt es aber nicht für angebracht, eine Tat, die von so außerordent­Ither Verschlagenheit zeuge, mit einer Geldstrafe zu fühnen. as Urteil lautete deshalb auf vier Wochen Gefängnis und zwei Wochen Haft.

Ein gewerbsmäßiger Schulendieb. Der Monteur Meißel in Barmen, der gewerbsmäßig in Schulen einbrach und den Lehrpersonen Geld und Geldeswert stahl, wurde von der Straffammer zu Jahren Zuchthaus verurteilt.

Vermischtes.

Ein Opfer der Schundlektüre ist der 16 Jahre alte Dte­mer Hermann Masch geworden, der bei einem Rittergutsbe­fizer in der Nähe Berlins in Stellung war. Er las mit fulchem Eifer Räubergeschichten, daß er auf den Gedanker fum, auch selbst einmal in den märkischen Wäldern ein Fäuberleben zu führen. Als sein Dienstherr auf einiae age verreist war, nahm er eine von deffen Jagdflinten. Patronen, eine Jagdtasche und 200 M, die er auf die Post bringen sollte, und verschwand. Um den nächsten großen Wald zu erreichen, benutzte Masch zunächst die Eisenbahn. Während der Fahrt wurde er aber anderen Sinnnes und beschloß, Berlin aufzusuchen. Flinte und Tasche gab er et­nem Gastwirt in Verwahrung. In Berlin lernte er bald et men jungen Mann kennen, der ihm gern half, die 200 M durchzubringen. Nach drei Tagen waren die betden damit fertig. Jetzt verschwand der Freund und ließ Masch sizen. Bald darauf nahm ihn ein Kriminalbeamter fest.

Aus Furcht vor dem Winter. Vor einigen Wochen eregte es, wie rinnerlich großes Aufsehen, als es hieß, daß der lange vergeblich gesuchte Mörder des Hauptmanns v Krosigk entdeckt sei. Ein Erdarbeiter Fischer in ber Provinz Hannover sollte aus Gewissensbissen ein Geständ­

abgelegt haben. Dieses Geständnis war auch Tatsache und so wurden denn, wie unsere Leser gleichfalls noch wif sen werden, in den folgenden Tagen die Angaben Fischer imageprüft. Dabet stellte es sich heraus, daß er unmöglich als Täter in Frage kommen fonnte, er hatte während sei­mer Dienstzeit in einer ganz anderen Eskadron gestanden, die damals gar nicht am Standorte ges Hauptmann von Strofigt garnisonterte. Als ihm dies vorgehalten wurde, 6 cquemte sich Fischer auch zu dem Geständnts, daß seine Ex­a ahlungen nicht wahr seien. Er behauptete, in der Trun­fenheit gehandelt zu haben und mußte entlassen werden. Dieser Tage stellte er sich nun bei seinem alten Arbeitgeber, einem Tiefbauunternehmer in Kolenfeld, ein und bat um Beschäftigung, die ihm auch gewährt wurde. Auf die Frage, nas ihn denn damals zu der Selbstbezichtigung getrieben be, erklärte er, er habe geglaubt, daß es einen sehr harten inter geben und er daher seine Arbeit am Kanal verlte= rm werde. Um nun für alle Fälle ein Dach über dem Stopfe zu haben, habe er das Märchen ersonnen.

Die Uhr im Jackettfutter die legte Damenmode. Fast febe neue Mode versucht, der Uhr am Kleide der Frau ein bequemes, gefähiges Pläggen zu sichern. So entstand das Uhrenarmband, das aber notwendigerweise immer ein we­nig groß ausfallen mußte. So entstand die Uhr- Berloque, de fleine, mit Juwelen gezierte, an einer Schleife befestigte 1hr, die gleichsam wie ein Orden, auf die linke Seite der Bluse geheftet wurde. Und so entstand die Uhr im Bügel des Besuchtäschchens, die Uhr am Portemonnaie und die hr im Fingering. Die Mode des Jahres 1911 will auch in deser Hinsicht nicht hinter ihren Vorgängerinnen zurück­then. Man wird in diesem Frühjahr und Sommer als elegante Frau die Uhr an der Innenseite des Jacketts tra­gn. Solche Uhren, die jetzt in den Schaufenstern der ton­angebenden Pariser Juwelterläden zu sehen sind, gleichen in der Form den Kettenknöpfen, mit denen die Herren thre Manschetten schließen. Eine runde, mattgoldene Fläche ver­rat an der Außensette des Jacketts den Sitz der Uhr. Das Sifferblatt ist aber nach innen gewendet, und man muß das tere Ende des Jacketts umschlagen, wenn man erkennen will, was die Glocke neschlagen hat.

Eine nächtliche Schredensszene hielt in der Nacht zum Mittwoch in Berlin die Passanten der Straße Alt- Moabit im Atem. Plötzlich gellten durch die nächtliche Stille laute Slferufe, die von der Spize des 45 Meter hohen Fabrik­schornsteines der Zentrale der Meierei Bolle kamen. Der Monteur Hartung und der Maschinist Bindewald waren anf der im Innern des Rauchfanges angebrachten Letter In die Höhe geklettert, um den Wetterhahn von der Rauch­fangspize herabzuholen. In der Höhe wurde dem Monteur Satung übel, er fühlte sich einer Ohnmacht nahe und muß­te von seinem Begleiter gestützt werden, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Auf die Hilferufe Bindewalds wurde chließlich die Feuerwehr alarmiert. Zwei Feuerwehrleute Itterten mit Seilen versehen, im Innern des Schornsteins zur Höhe. Dort seilten sie den Halbohnmächtigen kunstge= teht an und brachten ihn um halb zwei Uhr morgens Der Weg dauerte fast eine Stunde indem sie ihn halb tigten, halb trugen, zur sicheren Erde herab. Die unge­wöhnliche nächtliche Episode hatte Hunderte von Zuschau­versammelt.

Festnahme von Hoteldieben. Die Berliner Kriminal­polizei ergriff Mittwoch nachmittag in einem Hotel der Friedrichstadt ein Einbrecherpaar, auf dessen Konto eine Janze Reihe von Hoteldiebstählen gesetzt wird. Die beis Den wohnten in den verschiedensten Hotels. Als der Mann, der sich Alfred Merres aus Hamburg nennt, in ein frem­des Zimmer eindringen wollte, wurde er vom Portier liberrascht. Er gab diesem auf seine Fragen eine aus= Dichende Erklärung. Als der fremde Mann dann ab­resiste, nahm der Portier seine Spur auf und stellte fest, Da er nach einem anderen Hotel der Friedrichstadt fuhr, wu seine Mittäterin, die sich Frau Battenberg aus Paris nannte, abgestiegen war. Die Polizei nahm die beiden Ls Korn und ergriff in ihnen langgesuchte Einbrecher. Ein Schornstein als Aussichtsturm. Für die Halle der Raftmaschinen, die auf der Internationalen Hygiene- Aus­tellung in Dresden Verwendung finden, wird ein Schorn­tein errichtet, dessen erhebliche Größe dadurch bedingt ist, az der ausströmende Rauch das Gelände nach Möglich­eit das Gelände nicht belästigen soll. Der Verein Nieder­anfizer Braunkohlenwerke, der in der Halle seine Ver­nnungsanlage zeigen will, wird als Schornsteinverklei­ung mit einem Kostenaufwand von 40 000 Mark einen sichtsturm erbauen, zu dessen Plattform ein Aufzug Besucher emportragen wird.

Studienfahrt amerikanischer Lehrer nach Deutschland. Mehrere Hundert amerikanischer Lehrer an Elementar­umb höheren Schulen und Universitätsprofessoren rüsten t zu einer Studienfahrt nach Deutschland, die dem Jdeen­Austausche mit den deutschen Pädagogen zu dienen be­timmt ist. Bisher liegen bereits dreihundert Anmeldun gen von Reiseteilnehmern vor, deren Zahl sich indessen noch fentlich erhöhen dürfte. Die Studienfahrt der ameri­tanischen Lehrer erfreut sich der tatkräftigen Unterstützung bet beiderseitigen Staatsregierungen und weckt die Erwar= fang, daß sie dazu beitragen wird, das System des Pro­fe forenaustausches zu einer bleibenden Institution zu machen. Das vorläufige Reiseprogramm sieht die Städte Bremen, Hamburg, Cöln, Bingen, Wiesbaden, Frankfurt am Main, Heidelberg, Stuttgart. München, Nürnberg,

Weimar, Eisenach, Jena, Leipzig, Dresden und Berlin als Aufenthaltsstationen vor. Hervorragende deutsche Ge­lehrte haben sich bereit erklärt, in jeder der genannten Städte vor den amerikanischen Gäste Vorträge zu halten.

Ein Millionär wegen Vagabondage verhaftet. In dem gastlichen Brüssel ist der bekannte amerikanische Millionär Brandreth 24 Tage lang wegen Vagabodierens und Schwindeleien eingelocht gewesen. Am 16. März war der Amerikaner mit einem Begleiter aus Paris in Brüssel eingetroffen und in einem Hotel abgestiegen. Infolge Aenderung seines Reiseplanes hatte sich das Eintreffen seiner Schecks von Neuyork verzögert, so daß ihm das Geld ausging und er sich vom Oberkellner Summen von 200 und 500 Frank lieh. Er kaufte auch in verschiedenen Geschäften auf Kredit und ließ sich die Waren in das Hotel schicken. Dies veranlaßte den Hotelier, den Millionaär als Schwind­ler anzuzeigen. Der Richter, dem die Ausweispapiere nicht genügten, verdonnerte ihn zu zwei Jahren Gefängnis wegen Schwindels. Mehr als drei Wochen brauchte die Justizverwaltung, um in Neuyork festzustellen, daß die Angaben Brandreths über seine Person zutreffend waren. Inzwischen waren auch die verzögerten Gelder seiner Fir­m eingetroffen, so daß er wieder auf freien Fuß gesetzt werden mußte. Brandreth hat gegen den Hotelier Klage erhoben, und auch auf diplomatischem Wege wird gegen dieses Gebaren der belgischen Justiz Einspruch erhoben werden.

Die Reklame auf dem Blauen". Die Reklame ist er­finderisch wie die Mode. Ihre neueste Errungenschaft ist der echte Hundertmarkschein als Reklamezettel. Seit mit dem 1. Januar 1910 der Zwangskurs für die Blauen" einge­führt wurde, hat die Reichsbank mehrfach bei ihr einge­lieferte Scheine vernichten müssen, auf denen Spottverse standen. Der neue Hundertmarkschein hat einen findigen Automobilfabrikanten auf die Idee gebracht, den hellen Seitenteil zur wirksamen Reklame für seine Fabrikate zu benuzen. Er ließ eigens einen Stempel anfertigen:,., Automobilfabrik. Wer bei mir fauft erspart manchen Blauen", versah ca. 150 Scheine mit dieser Geschäftsem­pfehlung und versuchte sie dann in den Verkehr zu bringen. Sein erster Versuch brachte ihn mit der Polizei in Kon­flift. Der Oberfellner im Speisewagen des D- Zuges, dem ein solcher Schein in Zahlung gegeben wurde, hielt ihn für eine Blüte und erstattete Anzeige. Nur mit Mühe konnte sich der Automobilfabrikant durch herbeigeholte Sachverständige vor der Verhaftung wegen Falschmünzeret bewahren. Der Fall fann Nacheiferung erwecken. Um so mehr, als vorläufig fein rechtliches Verbot dieser Reklame besteht. Die Reichsbank ist verpflichtet, diesen Schein an­zunehmen, fann aber den Schaden von 17 bis 18 Pfennig einklagen. Ob der Keliner, ob man überhaupt im Verkehr zur Annahme eines solchen verunstalteten Scheines ver­pflichtet ist, das ist eine Dottorfrage, über die sich die Ju­risten bisher nicht einig sind.

Wissenschaft, Runst und Literatur.

Wertvolle Altertumsfunde sind in Bonn gemacht wor­den. Bet Nachgrabungen in einem alten Stadtteil wurden eine große Anzahl römischer Brandgräber aus dem zwet­ten, sowie zahlreiche Skelettgräber aus dem dritten Jahr­hundert aufgedeckt. Man fand feingeschliffene Gläser und Kannen, sowie sonstige Trinkgefäße. Die Brandgräber wa­ren mit gestempelten Ziegelplatten der in Bonn stattonier­ten ersten minervischen Legion umstellt.

Die ,, Stadt der Liebe".

Eine der gewaltigen Feuersbrünste, an denen das Land der Kirschenblüte und der Pavterhäuser so reich ist, hat, wie gemeldet, den Yoshiwara genannten Stadtteil Toktos in Asche gelegt. An der Stelle japanischer Lebenslust findet sich heute kaum viel mehr als ein rauchender Haufe ver­kohlter Balken und schwarzen Schuttes; Japans Millionen= stadt trauert über den Untergang einer derjenigen Stät­ten. die das Ziel aller abendländischen Reisenden, die viel­leicht die kulturell seltsamste Eigentümlichkeit im Lande Nippon gewesen.

Fremdartigkeit und maßlos gesteigerte Erwartung mö­gen die Phantasie so manchen Reiseschilderers befruchtet, seine Einbildungskraft gesteigert haben, immerhin war To­flos Liebesstadt in ihrer Eigenart seltsam, verblüffend, sinn­verwirrend und beinahe bedrückend, wobei niemals verges­sen werden darf, daß es sich hier um ein Volk von anderer Raffe, anderer Moral, anderer Kultur und Geftttung handelt.

Gine lange, lange Ritschafahrt führte den Fremden nord­östlich von Tokio, wohl eine Stunde Weges vom Haupt­verkehrsviertel der Stadt, zu dem völlig umfriedeten, weit ausgedehnten Stadtteil, der sich schon aus der Ferne durch seinen strahlenden Lichterglanz ankündigte und dessen Ein­gang ein Tor bildete, überdacht von Kirschbäumen, deren Blüte im Frühjahr diesem Eingang einen Hauch von rein­ster Poesie verlieh. Eine lange, menschenerfüllte Straße öffnete sich hinter dem Tore, strahlend, blizend und leuch­tend im Scheine unzähliger bunter Glühlichter und far­biger Papierlaternen. Diese Koloristik des Lichterglanzes war selbst für das farbentrunkene Japan etwas unerhör­tes. Aller Glanz und alle Daseinsfreudigkeit Nippons schienen hier gesteigert, zu einem Parorismus unbefüm­merter Lebenslust. Eine dichtgedrängte Menge farbig ge­kleideter Japaner, unter denen der bürgerliche Rock des Fremden stets verschwand. flutete durch diese Straße, ging an der endlosen Reihe der kleinen, meist grün gestrichenen Häuser vorüber und richtete ihre Blicke durch die engen Gitter, hinter denen wie Puppen im Schaufenster unzählige Mädchen mit teilnahmslosem Gesichtsausdruck saßen. Prunkhafte Vergoldungen zierten den unteren Teil der Häuschen, die sich alle voneinander durch eigenartige Far­benmuster und durch den besonderen Schnitt der von den Geishas getragenen Gewänder unterschieden. Die Mäd­chen trugen meist allerhand japanischen Tand und Schmuck; fie rauchten jene langen Pfeifen mit den winzigen Köpfen, die fortwährender Sorgfalt und Füllung bedürfen, und sie antworteten auch, aus ihrer Lethargie aufwachend, gelegent­Itch auf Scherzworte, die ihnen von den Vorbeigehenden zugerufen wurden.

Was den Europäer, der unwillkürlich Parallelen mit abendländischen Verhältnissen zieht, wohltuend berührte, war der äußerlich zutage tretende Anstand und die ruhige Selbstverständlichkeit. Kein rohes Wort, keine rüden Gesten und schamlosen Gebärden, und wenn auch eine große Bahl von Polizisten unter der Menge wandelte, so hatte man doch das sichere Gefühl, daß ihre Anwesenheit im Grunde genomaten nicht nötig war. In Wirklichkeit aber, so wohlgeordnet, so anständig sich dieser Liebesmarkt auch zuerst darstellte, bei nur geringem Nachdenken und etwas forgfamerer Beobachtung enthüllte er sich doch in seiner asiatischen Barbaret. Alberti- Sittenfeld, der vor Jahres­frist eine Studienreise nach Japan unternommen hatte. bezeichnete den Eindruck, den die Yoshiwara schließlich auf den Europäer macht, als grauenvoll. Ich habe hier," so fchreibt er, mit mehr als einem gesprochen, der so wenig wie ich zur Empfindelei netgt. Man wird die Vorstelluna

nicht los, in einem zoologischen Menschengarten umherzu­gehen, in dem Geschöpfe unseresgleichen hinter Gittern und Riegeln sizen."

Sicherlich werden die Japaner wieder die Yoshiwara wieder aufbauen, wie sie stets schnell dabe sind, durch Feuer zerstörte Stadtviertel in der gleichen Art von neuem er­stehen zu lassen. Vielleicht wird die Yoshiwara nach einem Jahre sogar noch bunter, noch leuchtender, noch prächtiger sein; ob aber mit der fortschreitenden Annäherung der ta­panischen Kultur an die Sitten des Abendlandes diese Stadt der Liebe noch für lunge ihre Eigenart und ihre Wert­schätzung beim Volke Nippons bewahren wird, mag immers hin dahingestellt bleiben.

Der Winzerkrieg

der Champagne.

Infolge des Senatsbeschlusses, die Abgrenzung aller Weinbaubezirke wieder aufzuheben, ist im Marnedeparte ment eine förmliche Revolution ausgebrochen. Die durch Mißernte und Weinfälscher schwer heimgesuchten Winzer sengen und brennen alles nieder, was ihnen in den Weg kommt, um ihrer großen Erregung dadurch Ausdruck zu geben.

biet:

Telegramme melden uns heute aus dem Aufstandsge­Reims, 13. April. Die Lage wird immer bedroh­licher. Das ganze.Kürassierregiment ist aus Menehould nach Epernay entsandt worden. Ebenso sind vier Schwa­dronen von hier in das Weinbaugebiet abgegangen. In Pierry sind die Keller zweier Weinhändler vollständig verwüstet worden.

Epernay, 13. April. Der Ausschuß des Winzerver­bandes hat eine Rundgebung veröffentlicht, in der sämt­liche Behörden der weinbautreibenden Gemeinden der Champagne sowie die Räte des Arrondissements und die Generalräte aufgefordert werden, zu demissionieren, und an alle Winzer die Aufforderung gerichtet, die Zahlung der Steuern zu verweigern. Bei Gelegenheit der in Ay verübten Verwüstungen wurde die dort postierte Kavalle rie zwischen zwei Mauern eingeschlossen, so daß sie nicht einschreiten konnte, und mit Steinen und Flaschen be­worfen.

Epernay, 13. April. Es scheint, daß die aufrühre rischen Winzer nach einem gemeinsamen Plan handeln. In Pierry und Damery ist das Werk der Zerstörung beendet. In Epernay wurden zwei Häuser geplündert. Ein Drago­nerleutnant wurde aus dem Sattel geworfen. In Ay ex­plodierte um 8 Uhr abends auf einer Straße eine Bombe. Dret Soldaten wurden verwundet, darunter einer schwer. Ein Pferd wurde getötet.

Epernay, 13. April. Beim Eintreffen der Dragoner wurde in der Umgegend Feuerschein bemerkt, da die Wein­berge in der Umgegend in Brand gesteckt worden waren. Am stärksten war der Feuerschein in der Richtung auf Ay, wo fünf Champagnerhäuser vom Feuer zerstört wurden. In zwei Häusern wurden die feuerfesten Schränke erbrochen und ihres Inhalts beraubt. Als die Kavallerie eintraf, wurde sie mit einem Hagel von Steinen beworfen.

Epernay, 13. April. Heute meldet der Präfekt, daß dte Lage etwas ruhiger set und daß der Ort Ay von Trup­pen besetzt set. Während der gestrigen Unruhen wurden ein Rittmeister un vier Kavalleristen verwundet. Die Frauen beteiligten sich an den Tumulten und machten den Truppen besonders zu schaffen.

Drabtnachrichten und neuestes.

Keine Hofgänger in Gera.

Gera, 18. April. Hier fand dieser Tage die Konfirma­tion der zwe! Söhne des Erbprinzen statt. Der Oberbür­germeister forderte die Herren vom Präsidium des Ge­meinderates auf, mit bei Hofe zu erscheinen, um namens der Bürgerschaft die Glückwünsche zur Konfirmation dar­zubringen. Schließlich aber mußte er allein gehen, denn er fonnte feinen der Herren dazu bewegen, mitzukommen. Das gesamte Präsidium des Gemeinderates von Gera ist sozialdemokratisch.

Aus einem Stadtparlament.

Glogan, 13. April. Recht unerquickliche Zustände herr­schen zwischen Stadtparlament und Bürgermeister in dem Städtchen Köben, nicht zum mindesten durch einen ano­nymen Brief, der viel böses Blut in der Bürgerschaft machte und dessen Verfasser man in einer bestimmten Person ver­mutet. Die Verhältnisse haben sich bereits so zugespitzt, daß in der letzten Stadtverordnetenversammlung der Stadt­verordnetenvorsteher Dr. Schmidt den Bürgermeister Beyer vor Eintritt in die Tagesordnung ersuchte, den Saal zu verlassen, da die Stadtverordneten es ablehnen, mit ihm gemeinsam zu arbeiten, bis die Briefangelegenheit Aufflä­rung gefunden habe. Da der Bürgermeister freiwillig nicht ging, wurde sofort die Situng geschlossen und die Stadt­verordneten verließen den Sibungssaal.

Fortdauer des Streiks bei der Berliner Elektrizitäts­gesellschaft.

Berlin, 13. April. In einer Versammlung der stret­tenden Arbeiter der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft er­hob sich ein tumultuarischer Lärm, als die Leitung des Me­tall- und Transportarbeiterverbandes die Wiederaufnahme der Arbeit empfahl. Bei der schließlich vorgenommenen ge­heimen Abstimmung wurden 920 Stimmen gegen und 52 Stimmen für die Wiederaufnahme der Arbeit abgegeben. Ausschreitungen der streifenden Wiener Fleischer. Wien, 18. April. Bei dem Ausbruch des Streifes der Fleischergesellen kam es zu Zusammenstößen zwischen Strel­kenden und der Polizei. Die streikenden Fleischergesellen zogen von Laden zu Laden und holten die noch arbeitenden Gesellen mit Gewalt heraus. Verschiedentlich mußte die Schußmannschaft, weil sie angegriffen wurde blank ziehen. Die Ausgrabungen auf Korfu.

Korfu, 13. April. Der Kaiser besichtigte gestern die auf Korfu ausgegrabenen Tempelüberreste. Während set­ner Anwesenheit an der Ausgrabungsstätte wurde die Fi gur einer Riesen- Borgo freigelegt, die die Giebelseite des alten griechischen Tempels geziert hatte. Der Kaiser, der über den wunderbar gut erhaltenen Fund hoch erfrent war, bat die Kaiserin vom Achilleion an die Fundstelle. Es wur­den dann photographische Aufnahmen gemacht und an die Arbeiter Geldspenden verteilt.

Sträflinge für den Bau der Amurbahn. Petersburg, 13. April. Zum Bau der Amurbahn wer­den 8000 Gefangene entsandt und zu ihrer Bewachung 2000 Soldaten aufgeboten.

Glücklicher Ablauf eines Hauseinsturzes. London, 13. April. Bei dem Einsturz eines Hauses in der City, in dem sich mehrere Läden und Familien­wohnungen befanden, kamen die Bewohner mit dem Schrecken und geringen Verlegungen davon. Auch wurde niemand auf der Straße verlegt, obwohl ein Haufen von Geroll auf den Fußsteig fiel.

Verheerender Wirbelsturm in Amerika. Neuyort, 13. April. Ein Wirbelsturm hat gestern einen großen Teil von Kansas, Missouri und Otlahama verwüstet. Dreizehn Menschen sind umgekommen, eine große Anzahl verletzt. Drei Dörfer find völlig zerstört.