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Gießener Zeitung
( Neueste Nachrichten)
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oierteljährlich 1,50 Mt., vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgeholt in unserer Expedition oder in den ZweigErscheint ausgabestellen vierteljährlich 1,20 Mr. Mittags 3 Uhr. Die„ Illuftr. Weltrundschau“ liegt alle 14 Tage einmal gratis bei. Redaktion: Seltersweg 83. Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Verlag der ,, Gießener Zeitung ,, G. m. b. H.
Nr. 137.
Telephon: Nr. 362.
der Großherzoglichen Bürgermeisterei sowie vieler anderer
des Großherzoglichen Polizei Amtes
Behörden Oberhessens Expedition: Seltersweg 83.
( Haus Brüder Schmidt.)
Mittwoch, den 14. Juni 1911.
Der Verkaufstag der Grossberzogin fonnte man gegen einen„ Sechser“ mit dem offiziellen
von Helsen.
Gießen, 14. Juni 1911.
Unser modernes Volksleben ist trotz des Festefeierns und trotz der Vereinsseligkeit nicht allzureich an Poesie. Viel Flitterstaat und Aufputz und kein Gehalt dahinter; viel Aeußerlichkeit und wenig ernste Fröhlichkeit. Es nützt nichts, den Wegen nachzugehen, auf denen wir so arm geworden sind; wir kommen dabei nicht weiter als zu dem ersten Satze des Attinghausenschen Bekenntnisses: „ Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit." Wer aber will den Weg finden und weisen, auf dem der freudige Nachsatz des alten Helden zur Wahrheit wird:„ Und neues Leben blüht aus Ruinen?" Eines ist ja tröstlich für unsere Zeit. Daß nämlich in ihr so viele Sucher erstehen und daß hin und her in deutschen Landen die besten Köpse und die wärmsten Herzen an der Arbeit sind, das noch spärlich vorhandene Gold deutschen Volkslebens umzumünzen und von Hand zu Hand weiterzugeben. Immer noch sind wir nicht so arm an Gedanfen, daß wir an der Dürftigkeit des Volkslebens zweifeln und verzagen müßten, und immer noch sind der ideal Gesinnten in unserem Volke so viele, daß wir an das Schillersche Wort„ von dem neuen Leben aus den Ruinen" glauben. Rauschende Festlichkeiten lassen die Poesie im Volksleben nicht aufkommen. Alle Poesie wächst in der Stille, wie wahrhaft gute und große Ge
ver=
danken in der Stille geboren werden. Aber nicht lange währts, und sie ziehen ein fröhliches Gefolge von Worten und Taten nach sich.
So schrieben wir anläßlich des Blumentages zum Besten der Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hessen, und gestern trat ein ähnlicher guter, großer und poetischer Gedanke auf den Plan, zum Besten der unterstützungsbedürftigen Lungenleidenden, für die von Krankenkassen, Versicherungsanstalten zurzeit noch nicht gesorgt ist, einen Verkaufstag hier in Gießen zu veranstalten.
Hunderte von fleißigen Händen sind beschäftigt gewesen, um der Veranstaltung einen würdigen Rahmen zu geben. Selbst die Großherzoglichen Herrschaften haben die vielen Mühen und Unannehmlichkeiten, die die Vorbereitung und Durchführung eines derartigen Arrangements mit sich bringen, nicht gescheut.
Der offizielle Beginn des Verkaufes war auf 3 Uhr nachmittags festgesetzt. Jedoch sah man schon am Vormittag viele Damen mit reichbeladenen Schätzen heimwärts eilen. Tausende von reizvollen kleinen Sachen waren auf den einzelnen Ständen im bunten Durcheinander aufgestapelt. Naturgemäß 30g der Verkaufsstand der Großherzogin die meisten Käufer an. Hier wurden von dem Großherzogspaar in der liebenswürdigsten Weise unter Assistenz der Prinzessin Marie
zu
senburg- Büdingen, zweier Freiinnen von Rabenau und von Riedesel, sowie von Damen und Herren des Hofes dem kauflustigen Publikum die heißbegehrten von den Großherzoglichen Herrschaften selbst gefertigten Handarbeiten, darunter besonders kunstvoll ausgeführte Sonnenschirme und Theater- Schals, oberhessische Töpfereien und viele andere Kunst- und Gebrauchsgegenstände,
auch eine neue Kollektion sehr schöner Postkarten vom Großherzog und der Großherzogin, teils Einzelaufnahmen, teils Gruppenaufnahmen mit den beiden Prinzen, verkauft. Besonders starke Anziehungskraft hatten auch die russischen Holzwaren, die der 3 ar für den Vertaufstag stiftete.
Aber auch die anderen Stände übten eine nicht minder große Anziehungskraft aus. Gegenüber dem Verkaufsstande der Großherzogin war der„ rote Stand", dem Frau Präsident Güngerich vorstand. Jm großen Saal, in dem zu Zeiten ein fürchterliches Gedränge der„ grüne herrschte, befand sich außerdem noch Stand" der Frau Geheimrat Riegel und der„ blaue Stand" der Frau Bankdirektor Heichelheim. Jm kleinen Saale war der„ Lila Stan d" der Fürstin zu Lich untergebracht. Dicht am Ausgange des Hauptsaales nach der Gartenseite befand sich auf der Veranda
der
„ gelbe Stand" der Frau Provinzialdirektor Usinger; diesem schloß sich an der„ bunte Stand" der Frau Oberbürgermeister Mecum. Stark frequentiert wurde auch Ein paar junge der„ Vielliebchen- Stand". Leutnants verstanden es hier meisterhaft, die Lose abzusetzen.„ Jedes Los gewinnt."" Hier, wer nimmt noch ein Los? Es sind die zwei letzten."
Fliegende Verkäuferinnen boten mit herzgewinnender Liebenswürdigkeit, zu der sich bald eine dem weiblichen Geschlechte ja nicht ganz fremde Keckheit gesellte, Post
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farten und Rosen zum Verkaufe an. Die Postkarten Stempel versehen lassen. Man faufte willig und reichlich. Dabei boten sich reizende Einzelheiten. Einige Herren trugen zarte Pompadours an den Armen, andere hatten sich die großen Papierwindrosen an die Brust gesteckt, hier war ein Student mit einem japanischen Regenschirm, dort präsentierte ein Russe seine soeben für 6 Emmchen im Verkaufsstande der Großherzogin erstan= dene Zigarettenkiste.
Leider störte der öfter einsetzende Regen das bunte Leben und Treiben. Diese unbeständige Witterung am Nachmittag war auch wohl der Grund, weshalb ein großer Teil der auswärtigen Gäste der Veranstaltung fernblieb.
Hoffentlich war der Verkaufstag, der nunmehr der Vergangenheit angehört, ein rechtes Erntefest für die armen Lungenkranken.
Reichstagswahlvorbereitungen.
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( Gießener Tageblatt)
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23. Jahrg.
der Engel hat nun einen Flitsch
Hochgeehrter Pfarrer Fritsch Sich um die Hüften schnell gehängt, weil man ihn dort so arg gekränkt, Wie Adam einst im Paradies, als er in' sauren Apfel biß-
Oh seien sie ihm gnädig jetzt, er ist von allen noch) Der letzt.
Darob große Entrüstung bei dem Herrn Pfarrer, Beschwerde am Kreisamt. Die„ Schwerverbrecher" melden sich; es sind acht Herren,„ meist Akademiker, darunter Kreisamtmann, Regierungsassessor und Kreisbauinspektor". Entsetzlich; aber noch entsetzlicher ist, daß die Herren statt der gewünschten Entschuldigung die Erflärung abgeben: Wir übernehmen die Verantwortung für das gesandte Gedicht, zu einer Entschuldigung sehen wir uns nicht veranlaßt, da uns eine Beleidigungsabsicht bei Abfassung des Gedichtes fernlag, dieses vielmehr nur eine gesunde Reaktion gegen die unseres Erachtens falsche und unpädagogische Prüderie sein sollte.
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* Minden, 14. Juni. Die Verhandlungen zwiFriedberg, 14. Juni. Spurlos verschwunschen den Freisinnigen und den Nationalliberalen in Minden- Lübekke, Herfort- Halle und Schaumburg- Lippe Kark aus Otarben. Man nimmt an, daß er von rusden ist seit dem ersten Pfingstfeiertage der Verwalter über ein gemeinsames Vorgehen bei den Reichstagswah- sischen Arbeitern ermordet und verscharrt wurde. len sind an der ablehnenden Haltung der Nationalliberalen gescheitert.
* Breslau, 14. Juni. Die Fortschrittliche Volkspartei hat für Breslau den Oberpostassistenten Kretsch
mer- Breslau und für Dels- Wartenburg den Rechtsanwalt Bueschel- Breslau als Reichstagskandidaten aufgestellt.
Posen, 14. Juni. Die Konservativen haben die Forderung der vereinigten Liberalen auf Ueberlas sung eines bisher konservativen Landtagsmandats an die die Nationalliberalen abgelehnt. Damit sind seit Monaten schwebenden Verhandlungen über ein gemeinsames Vorgehen bei den nächsten Reichs- und Landtagswahlen in der Provinz Posen gescheitert.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 14. Juni.
* Die Großherzogliche 3entrale für Mutter- und Säuglingsfürsorge in Hetsen hält am Dienstag, den 20. Juni, nachm. 3½ Uhr, in den Räumen des Saalbaues in Darmstadt eine Mitglieder- Versammlung ab.
Der Hess. Schutzverein für entlassene Strafgefangene hielt Montag nachmittag seine diesjährige Hauptversammlung unter großer Beteiligung im Rathaussaale zu Worms ab.
Die Heuernte hat nun überall begonnen. Sie fällt aber vielfach nicht zur Zufriedenheit der Landwirte aus. Die Wiesen tragen wohl hohe Halme, aber das lichte Untergras fehlt. Dieses beeinträchtigt sowohl Qualität wie auch Quantität des Heues. Nach allgemeiner Ansicht ist die lange Regenzeit des vorigen Sommers daran schuld. Damals standen die Wiesen wochenlang unter Wasser, so daß der ausgefallene Grassamen teils fortgeschwemmt wurde, teils ſeine Keimkraft
verlor.
* Verkaufstag der Großherzogin u. Kinematograph. Der Verkaufstag wurde auch für den Kinematographen im Bilde festgehalten. Standhaft hielten die Photographen aus, um das Großher30gspaar auf die Platte zu bekommen, was nicht so leicht war, da gleich eine dichte Menschenmenge das Fürstenpaar umdrängte, sobald es sich im Garten ſehen ließ.
* Die unsittliche Blumenpostkarte. Wir berichteten seinerzeit, daß ein Geistlicher eines oberhessischen Dörfleins die Blumenpostkarte, auf der sich ein reizendes nacktes Engelchen befand, dem Kreisami zurücksandte, da die Karte unsittlich sei. In der Nr. 12 des hessischen Kirchenblattes des Organs des hessischen Pfarrervereins, stellt sich nun der Schriftleiter, Pfarrer Fritsch zu Ruppertsburg, als der Mann vor, der die Karte als unpassend an das Kreisamt Schotten zurücksandte. Daß sie ihm auch künstlerisch nicht gefielen, gab wohl nicht den Ausschlag; sie paßten nicht für das Land, und der Herr Pfarrer sah mit den verständigen Männern der Gemeinde voraus, daß die Karten Anlaß zu manchem derben Witz geben würden, wenn sie durch Mädchen verkauft würden. Der„ Fall" hat nun noch ein interessantes Nachspiel gezeitigt. Herr Pfarrer F. bekam nämlich eine anonyme Blumentagskarte im Kuvert mit folgendem Verschen zugeschickt:
*) Jlsdorf, 13. Juni. Ein hiesiger Landwirt schlachtete vor einigen Tagen ein fettes Schwein und verkaufte das Pfund Fleisch für 60 Pfg. Dies erfuhr
alsbald ein Metzgermeister aus einem benachbarten Orte. Er ließ durch die Ortsschelle hier bekannt machen, daß er das Pfund Schweinefleisch zu 55 Pfg. verkaufe. Die Bekanntmachung reute ihn jedoch bald. Schnell sandte er einen Boten nach Jlsdorf, der den einzelnen Bewohnern bekannt machte, daß der Meister das Schweinefleisch zu dem bekannt gemachten Preise nicht liefern könne und sein Angebot zurückziehen müsse.
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-n Darmstadt, 14. Juni. Jm Nationalliberalen Verein erstattete Montag abend Abg. Dr. Osann Bericht über die Arbeiten des Reichstages.„ Wir vertreten so schloß er seine Ausführungen nicht einseitige Parteiinteressen, auch nicht einzelne Volkskreise, auch nicht einzelne Interessengruppen. Wir arbeiten mit an dem Wohle des Ganzen, und dem Ganzen müssen sich die Einzelnen einfügen und einpassen. Diesen Weg der Ausgleichung zwischen den einzelnen Gruppen der Bevölkerung haben wir seit dem Bestehen unserer Partei beschritten und werden ihn weiter verfolgen, so lange die nationalliberale Partei bestehen wird."
-n Darmstadt, 14. Juni. Die Erste Kammer der Stände wird voraussichtlich am 27. Juni zur Abhaltung mehrerer Plenarsizungen zusammentreten. Gleichzeitig wird auch die Zweite Kammer auf kurze Zeit ihre Beratungen wieder aufnehmen. Den beiden Landständen wird in allernächster Zeit noch eine dringende Regierungsvorlage zugehen, in der zwecks Bestreitung der Kosten der hessischen Gesandtschaft und des Bundesratsbevollmächtigten in Berlin eine Erhöhung der etatsmäßigen Forderung von 38 000 Mt. auf 50 000 Mt. Hilfskraft mit 6000 Mt. Gehalt nach Berlin zu senden. gefordert wird. Es wird beabsichtigt, u. a. eine weitere Bon sozialdemokratischer Seite wurde bei der letzten Etatsberatung die ganze Anforderung für diese Posten als überflüssig erklärt, während Staatsminister Ewald auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit dieser Stellen hinwies.
* Mainz, 13. Juni. Die hiesige Metzgerinnung hat den Preis für Ochsen- und Rindfleisch, der durch die Einfuhr von französischem Vieh um 12 Pfg. das Kilo
herabgegangen war, wieder um 12 Pfg. erhöht.
-)( Sanau, 14. Juni. Vor der hiesigen Straftammer hatte sich ein 16 Jahre altes Dienstmädchen wiegen Sittlichkeitsverbrechen zu verantworten. Sie hatte in Schlüchtern, wo sie früher in Stellung war, einen 12jährigen Schuljungen zu unzüchtigen Handlungen verführt. Das Urteil lautete auf zwei Monate Gefängnis.
* Limburg, 14. Juni. Wegen Unterschlagung amtlicher Gelder und Beseitigung von Aftenstücken wurden in Katzenelnbogen der Amtsanwalt Hoffmann und der Aktuar Hasenstrauch verhaftet.
*) Limburg, 14. Juni. Wie bereits vor einiger Zeit berichtet, ist gegen den Bauführer Holtkamp aus Hamm i. W. das Verfahren wegen Mordes an dem Bilderhändler Kersting aus Hamm eingestellt werden, da sich nicht feststellen ließ, ob Mord oder Selbstmord vorliegt. Dagegen wurde H. wegen widernatürlicher Unzucht und Unterschlagung von der hiesigen Straffanmer. zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.


