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Der Haushalt des Reichstags.
Der Reichstag sorgt, so schreibt man uns aus Berlin, für sich wie ein gütiger Vater für sein Kind. Er schmückt sein Heim und läßt es sich wohlergehen. Das beweist der Etat des Reichstags, der stets als letter der Etatssammlung zur Ausgabe gelangt. An baren Geldern- also an Diäten empfangen die Herren Reichsboten das hübsche Sämmchen von 1015 000 Mark. Das macht für jeden Herrn, der nicht allzuviel Goldstücke durch Lässigkeit einbüßt, immerhin rund 2500 Mark. Für die in der Regel sechs Monate dauernde parlamentarische Tätigkeit eine hübsche Entschädigung. Insgesamt kostet der Reichstag jährlich über 2 Millionen Mark. Die dreißig bis vierzig Beamten nehmen davon etwa 150 000 Mark in Anspruch, darunter sind allein zwölf fest angestellte Stenographen, bie recht gut entlohnt werden; von den unteren Beamten funn man das weniger sagen. Ungewöhnlich hoch sind die Geschäftsbedürfnisse, Schreibgebühren, Aufwendungen für Dienstanzüge, die Entschädigungen an den Reichstagsre-. siaurateur usw.. denn sie telaufen sich auf fast 600 000 M. Allerdings wird mit Drucksachen, Ausrüstungsgegenständen und auch Bequemlichkeiten aller Art nicht gespart. Für den Präsidenten ist besonders reichlich gesorgt. Denn allein für die Unterhaltung und Ausstattung seiner Wohnung sind 20 000 M ausgesetzt. Auch die wenigen Privateisenbahnen im Reiche erhalten ihr Scherflein für die Beförderung der Abgeordneten; es sind nur 4000 Mark. Die Bücherei ist nicht billig. Sie hat sieben Beamte, die insgesamt etwa 40 000 Mark Einkommen beziehen. Zum Ankauf neuer Bücher und Zeitschriften werden 38 000 M ausgeworfen.
Aber auch Einnahmen hat der Reichstag. So werden 7000 Mark Eintrittsgelder für die Besichtigung des Reichstagsgebäudes veranschlagt. Im Laufe der Jahre wirft dieser Fonds sogar schon ein paar tausend Mark Zinsen ob. Aber wäre es wirklich nicht besser, den deutschen Staatsbürgern die Besichtigung des Reichstages unentgeltlich zu gestatten? Der Reichstag mit der Sammelbüchse Ist kein schönes Bild!
Wie entsteht die Thronrede zum Landtag?
Wechsel in hohen Kommandostellen? Eine Reihe von wichtigen Wenderungen in der Besetzung hoher Kommandostellen steht, wie die„ Allgem. Armee- Korresp." hört, bevor und wird vielleicht schon in nächster Zeit erfolgen. So heißt es, daß acht Divisionskommandeure, für die eine weitere dienstliche Verwendung nicht vorgesehen ist, ihren Abschied einreichen dürften. Dadurch würden naturgemäß ziemlich weitgreifende Neubesetzungen herbeigeführt werden.
Mit einem neuen Helmmodell finden, wie die„, Allg. Armee- Korr." erfährt, seit einiger Zeit Versuche statt. Diese Versuche sind noch nicht abgeschlassen, denn die Frage nach einer für Kriegs- und Frissenszwecke gleichmäßig brauchbaren Kopfbedeckung ist keineswegs leicht zu entscheiden. Grundsätzlich wird jedenfalls an der historischen „ Rickeihaube" festgehalten werden; sie wird nur sozusagen ,, modernisiert" werden.
Staatsminister a. D. v. Moltte als Sammlungskandidat. Die Hauptversammlung des konservativen Kreisocreins Tilsi und Niederung hat einstimmig beschlossen, für die Kandidatur des Staatsministers a. D. v. Moltke einzutreten. Der Bund der Landwirte tut das gleiche. Der Vorstand des nationalliberalen Wahlvereins hat sich ebenfalls für die Kandidatur ausgesprochen.
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Die Privatbeamtenversicherung ist, wie man uns aus Berlin meldet, weiter gediehen, als bisher angenommen wurde. Sie hat, nachdem das preußische Staatsministerium über den Entwurf Beschluß gefaßt hat, dasselbe jetzt passiert und wird in den nächsten Tagen im Reichsanzeiger veröffentlicht werden, so daß sich die interessierenden Kreise mit den einschlägigen Bestimmungen demnächst werden befassen können. Der Entwurf wird dann auch dem Bundesrat zur Beratung zugehen.
Die antimilitaristischen Flugblätter in Baden sind nach einer amtlichen Mitteilung der„ Karlsruher Zeitung" bei einer Zivilperson beschlagnahmt worden; eine Verteilung innerhalb des badischen Armeekorps hat nicht stattge= funden.
Die Thronrede, mit der der preußische Landtag eröffnet wird, läßt mit ihrem sachlichen, nüchternen und offt= ziös geglätteten Inhalt sicherlich nicht darauf schließen, wie chaotisch und tausendmal geändert sie noch wenige Tage vorher aussah, und wieviel Konferenzen. Vorbereitungen und Entwürfe dazu nötig waren, wie viel diplomatische Arbeit und Ministerschweiß daran klebt. Trotz ihrer Nüchternheit muß sie doch das ganze Regierungsprogramm des Ministerpräsidenten enthalten, und es ist bekanntlich nicht leicht, selbst in Form bestimmter Gesetzentwürfe ein Programm aufzustellen. Bevor der erste Entwurf der Thronrede her= gestellt wird, muß jeder Minister über den Umfang der Arbeiten in seinem Ressort Bericht erstatten. Die Thronrede beziehungsweise ihr Entwurf wandert also von einer Ministerkanzlei in die andere und wird sofort stürmisch wegen der„ Unaufschiebbarkeit der Arbeit von einer dritten Kanzlet verlangt. Die Boten fliegen also zwischen den einzelnen Ministerien umher, um den Entwurf herumzutragen. Kurz vor Beginn des Landtages treten nun Messortminister unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten zu Konferenzen zusammen, um die endgültige Form" festzustellen. Am nächsten Tage zeigt sich, daß die Endgültigkeit der Form sehr fraglich war, denn sie muß aufs neue umgestoßen werden. Neue Arbeit, neue Konferenzen der Minister. Endlich erscheint das Manuskript soweit fertiggestellt, daß auch nichts mehr daran zu ändern ist, und daß kein wichtiger Plan darin unbesprochen bleibt. Nun geht es an die Redaktion der Thronrede, die vom Ministerpräsidenten selbst vorgenommen wird, bevor sie dem König vorgelegt werden kann. Zu diesem Zweck hat der Ministerpräsident einen Vortrag bei dem Monarchen, wo auch die Wünsche des Kaisers zur Geltung gebracht werden. Das Für und Wider wird zwischen Monarch und Ministerpräsident eifrig verhandelt, und dies ist die allerletzte Redafiton, die der Thronrede zuteil wird. Au sdieser Konferenz geht sie in der unabänderlichen Form hervor, die späterhin dem Landtage zur Kenntnis gebracht wird.
Rundschau vom Cage.
Politisches.
Das Zentralschiedsgericht für das Baugewerbe ist jetzt endgültig gebildet. Die Beratungen der konstituierenden Versammlung sind gestern beendet worden. Das Schiedsgericht wird Ende des Monats Gelegenheit haben, in einer eigenen Tagung gelegentliche Streitpunkte zu verhandeln.
Gegen die beabsichtigte Reichswertzuwachssteuer_sprach sich eine gestern von 2000 rheinischen Landwirten, Grundund Hausbesikern sowie Mietern in Köln abgehaltene Versammlung aus. In der Versammlung wurde erklärt, die Besteuerung des vor Inkrafttreten des Gesetzes entstandenen Wertzuwachses sei ein beispielloses Vorgehen.
Das Kaisermanöver 1911 wird ziemlich kurz sein. Es beginnt am 4. September, und am 14. September soll das Gardeforrs bereits wieder in seine Standorte zurückgekehrt sein. Der Kaiser wird in der verhältnismäßig kurzen Zeit vom 1. September bis 14. September nicht weniger als drei große Paraden abnehmen, die über das Gardekorps in Berlin, die über das 2. Armeekorps bei Stettin und die über das 9. Armeekorps bei Lübeck.
Dater Schröders Beförderung.
Skizze von Walter Heise, Hamburg.
( Nachdruck verboten.)
16 000 streikende belgische Bergarbeiter. Der Ausstand der Bergarbetter auf dem linken Maasufer ist jetzt fast allgemein. Es befinden sich 16 000 Bergleute im Ausstand. Im Laufe des gestrigen Tages griff der Ausstand auf da rechte Maasufer über.
Ein schwerer Kirchenraub ist in Niederenzen bet Gebmeiler nachts verübt worden. Die Diebe erbrachen mit Stemmeisen die Tabernakeltüren und entwendeten die ges meihten Gefäße und die Hoftien. Die Polizei glaubt den Verbrechern auf der Spur zu sein.
Der Zoologische Garten in Rom wurde Donnerstag bei strömendem Regen und etstger Kälte eröffnet. Er ist der erste Zoologische dieser Art in Italten. Besondere Bewunderung erweckten die Felspartien mit Höhlen für die im Freien sich bewegenden Löwen, Tiger, Bären und Gemsen. Der" 300" ist nach dem Muster des Hagenbeckschen Tierparks in Hamburg errichtet.
Nach Volkszählung und Parlament in der Schweiz. einer vorläufigen Zusammenstellung beträgt die Bevölkerung der Schweiz 3,736,685 Personen. Seit dem Jahre 1900 hat sie fid, um 421,172 Seelen vermehrt. Der Nationalrat erfährt eine Vermehrung um 21 Mitglieder. Auf je 20 000 Einwohner entfällt der Schweizer Verfassung ge= mäß ein Abgeordneter.
,, Eins!" dröhnte es von der Hauptkirche. Ein Freudenschimmer glitt über das Gesicht des alten Polizisten, ber in einem Torweg Posto gefaßt hatte, und von dort in die Regennacht hinausblickte. Gott sei Dank!" murmelte er ,,, in einer halben Stunde werde ich abgelöst."
Die Cholera Hat jetzt, wenn auch nur in wenig Einzelfällen, auch in Aegypten ihren Einzug gehalten. Nach einer Mitteilung aus Tor erkrankte der Kommandant eines Pilgerschiffes an Cholera. Ein Pilger des Schiffes ist an der Cholera gestorben.
Die russisch- französischen Beziehungen, die in letzter Zeit das Eorgenkind der französischen Diplomatie gewor den sind, erfahren jetzt auf kulturpolitischem Gebiete eine wesentliche Kräftigung. Wie aus Petersburg gemeldet wird, is der ehemalige französische Kammerpräsident Doumer dort eingetroffen, um die Errichtung eines französischen Instituts in Angriff zu nehmen, das gewissermaßen eine Tochteranſtalt der Universitäten Paris und Nancy darstellen solle. Die russische Regierung habe diesem Plane ihre Unterstützung zugesichert.
Wenn er auch sonst recht diensteifrig war, so konnte ihm doch ein solches Hundewetter die Freude am Beruf rauben. Außerdem fühlte er sich auch gar nicht mehr so widerstandsfähig gegen die Unbilden der Witterung, seit jenem Mittwoch, jenem Unglücksmittwoch. An dem Tage, an dem ihn der Vehrherr seines Sohnes mit der Boischaft niedergeschmettert, daß sich der Leichtsinnige an der Kasse seines Prinzipals vergriffen und geflüchtet war, hatte der Alte seelisch und körperlich einen Knar" bekommen. Er war ein gebrochener Mann geworden; und sein schnell ergrautes Haar ließ ihn noch älter erscheinen, als er war. Seit jener Zeit hieß er bei seinen Kollegen Water Schröder.
Kleine Nachrichten.
Das Näubernnwesen in Amerika blüht. Zwei bewaffnete Banditen drangen gestern in Duluth im Staate Minnesota in einen Straßenbahnwagen ein und befahlen den Insassen, sich nicht vom Platz zu rühren. Als ein Boltzeikommissar den Wagen besteigen wollte, wurde er von den beiden Räubern meuchlings erschossen. Die Mörder ent= flohen.
Volkswirtschaftliches.
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Die Aerzte in Deutschland 1910. In der„ Deutschen medizinischen Wochenschrift" veröffentlicht San.- Rat Dr. Friedrich Prinzing in Ulm eine Uebersicht über die sta= tistischen Verhältnisse der Aerzte Deutschlands im Jahre 1910. Die Zahl der Aerzte in Deutschland betrug danach in diesem Jahre 32 449. Gs fommen auf 10 000 Einwohner 5,01 Aerzte. Ihre Zahl hat gegen das Vorjahr um 480 zugenommen. Künftig ist wieder ein Ansteigen der Verhältnisziffern der Aerzte zu erwarten, da die Zahl der Medizinstudierenden sehr gestiegen ist, so von 9239 in 1909 auf 11 125 in 1910. Die Zahl der Aerztinnen ist erheblich gestieoen; während 1908 55 und 1909 69 verzeichnet waren, sind es jetzt 102 Aerztinnen. Die Zahl der weiblichen Medizinstudierenden ist von 371 auf 512 gestiegen.
Der Kaiser Pate beim 18. inde! Kürzlich ist beim Eigentümer August Zander in Schwarzbruch in der Thorner Niederung das 18. Kind angekommen. Der jüngste Sproß fand als seine unmittelbaren Vorgänger sechs Brüder vor. Jetzt hat der Kaiser bet dem neuesten Familienzuwachs Patenstelle angenommen und die Eintragung des kaiserlichen Namens in das Gemeindekirchenbuch genehmigt. Für den kleinen Täufling wurde ein auf 50 Mlautendes Sparkassenbuch überwiesen.
Längst hätte er sich wohl pensionieren lassen; aber er hatte, um den Fehlbetrag zu decken, ein Darlehen aufgenommen. dessen Tilgung ihm sehr sauer wurde. Er hoffte alles von seiner Beförderung. Nicht aus Eitelkeit, soncern nur, weil er dann in eine höhere Gehaltsklasse aufrücken, die Schuld abtragen, und sich in einer fleinen Stadt zur Ruhe setzen können würde, um in Frieden seinen Lebensabend zu beschließen.
Seine Beförderung war ihm fast zur fixen Idee geworden. Und der Inspektor, der dem Alten wohlwollte, hatte ühe, ihn zu vertrösten. Sowie sich die Gelegenheit bietet, werde ich für Sie sorgen", pflegte er zu sa gen. Vielleicht tritt bald ein Ereignis ein, bei dem Sie sich auszeichnen können."
Das statistische Amt von Berlin hat die Ergebnisse der Volkszählung für Berlin und die 67 Vororte mit denen im Jahre 1905 zusammengestellt. Danach betrug die Einwohnerzahl für Berlin und die 67 Vororte am 1. Dezember 1910 3 702 962 gegen 3 210 447; das bedeutet eine Zunahme um 492 515 15,34 Prozent.
Schröder wartete auf das Ereignis, das ihm Glück und die Beförderung bringen sollte. Man konnte wohl faum einen pflichteifrigeren Beamten finden als ihn. Aber er fand feine Gelegenheit, sich hervorzutun. Und er glaubte balo selber nicht mehr daran.
Vermischtes.
Aus dem Erdbebengebiet in Vorderasien treffen wei: tere Schreckensnachrichten ein: Die Moskauer Blätter bringen entsetzliche Einzelheiten über das Erdbeben, von denen sich allerdings noch nicht sagen läßt, wie weit sie den wirklichen Vorgängen entsprechen. So wird aus Taschkent ges meldet, daß die ganze Stadt Walst während des Erdbebens mit allen Bewohnern versunken sei. Jedenfalls wird von sämtlichen seismographischen Stationen gemeldet, daß ein derartiges Erdbeben von solcher Gewalt für Zentralasien noch nie zu verzeichnen gewesen ist. Sogar in Jekaterinburg zeigte die Nade! solche Schwankungen, daß sie weit über den für sie bestimmten Raum hinausschlug. In Jekaterin= burg blieben sogar die Uhren stehen. In Taschkent dauern die Erdstöße noch an. Aus verschiedenen Gegenden laufen Gerüchte über den Untergang ganzer Städte ein. Pischpek, das, wie bereits gemeldet, vollkommen zerstört sein soll, ist eine Stadt von 6000 Einwohnern; sie wurde 1887 durch Man Erdbeben zerstört und später wieder aufgebaut. spricht von Tausenden von Menschenopfern.
Gegen die Gewährung von Nabattmarken durch die Fleischer macht die Kölner Schweinemeßgerinnung entschie= den Front. Eine Anzahl Fleischermeister wurden in Stra= fen von 20 M genommen, weil sie entgegen dem Beschlusse in der Generalversammlung nach Neujahr Rabattmarken an die Kundschaft abgegeben hatten. Die Strafen werden eventl. zwangsweise eingezogen.
Der Regen prasselte in Strömen. Ich will noch einen Rundgang um den Häuserblock machen," sagte Schröder zu sich und trat auf die Straße hinaus. Wie ausgestorben lag sie da. Das Klatschen des Regens war das einzig Förbare Geräusch. Schröder zuckte zusammen. Er glaubte das Klirren eines eisernen Gegenstandes gehört zu haben. Er horchte auf. Er hatte sich nicht getäuscht. Aus den Parterreräumen der Versicherungsgesellschaft im Eckhause schien es zu kommen. Vorsichtig schritt er näher. Die Fensterladen des Geschäftslokals waren geschlossen. Doch dem aufmerksamen Späher konnte nicht der matte Lichtschein entgehen, der durch den mittleren Laden drang.
Schröder überlegte. Angestellte der Gesellschaft waren unt diese Zeit wohl faum im Bureau tätig. Also Verbrecher? Wagemutige Burschen mußten es schon sein, die hier am Werte waren. Schröders Herz klopfte vor Aufregung. Jetzt fand er vielleicht Gelegenheit, sich auszuzeichnen. Aber sollte er, der Alte, nicht lieber auf den Beistand seines Kollegen warten. Doch die Minuten waren tostbar. Wenn die Verbrecher entwischten, dann war es wohl mit der Beförderung für immer aus.
Er trat auf die Haupttür zu. Sie war unverschlossen. Leise tastete er sich die Trepper hinauf. Durch die Bureautür hörte er Geflüster. Er faßte den Türgriff. Die Tür war angelehnt. Leise drückte er sie auf.
In russischer Gefangenschaft. Aus Altenburg schreibt man dem„ Hannov. Cour.": Die vier Luftschiffer, die am Freitag voriger Woche von hier im Ballon Altenburg" aufstiegen und am nächsten Morgen jenseits der deutschen Grenze im Bezirk Warschau landeten, sind dort, wie bereits gemeldet, sofort in Haft genommen und zwei Tage lang festgehalten worden, obwohl sie sich als harmlose Mitglie der des Luftschiffervereins legitimieren fonnten. Sie sind schließlich wieder in Altenburg eingetroffen und haben hier über ihre Erlebnisse berichtet. Danach sind sie nicht gerade schlecht behandelt worden, doch war die Gefangenschaft für sie auch nichts weniger als ein Vergnügen. Sie waren in einem Zimmer untergebracht, in dem ihnen nur ein Bett und eine Matrage zur Verfügung standen. Die Bewachung war eine sehr strenge. Sobald sie einmal das Zimmer ver= ließen, foigten ihnen drei Bewaffnete. Die Luftschiffer wandten sich alsbald telegraphisch an den deutschen Konsul in Morschau, den russischen Konsul in Leipzig und den Großfürsten Konstantinowitsch, der eine Altenburger Prinzessin zur Frau hat Diesem ist wohl die verhältnismäßig schnelle Hastentlassung zu verdanken. Für jeden Tag der Haft sind den deutschen Herren drei Mark pro Person angerechnet worden, die sie am Ende ihrer Gefangenschaft, trotz der mangelhaften Verpflegung, mit größerem Vergnügen bezahlten als eine Rechnung in einem guten deutschen Hotel.
In demselben Moment fühlte er sich an der Kehle gepackt und hörte, wie iemand rief: Das Licht aus, damit der Hallunke nichts sehen kann."
Schröder suchte im Dunkeln seinen Angreifer zu packen. Doch der schien Riesenkräfte zu haben. Vergeblich versuchte fich Schröder loszuringen, und seinen Revolver in die Hand zu bekommen. Er fühlte, wie ihm der Atem verging, und mit einer letzten Krafanstrengung drängte er wieder zum Türeingang. Doch der andere zwang ihn nieder. Da, ein Ruck, Schröder warf sich gegen die Tür, die nachgab, und instinktiv faßte er seine Flöte und preßte sie sich in den Mund. Schrill gellte der Pfiff durch das Treppenhaus. Da erhielt Schröder einen Schlag über den Kopf und sant lautlos zu Boden.
Schröder schlug die Augen auf. Er lag im Bett, und um den Kopf fühlte er einen Verband. Er wollte sich auf=
richten. Doch eine Hand drückte ihn sanft nieder, und jemand sagte freundlich: ,, Wollen wir wohl ein wenig Geduld haben."
Schröder sat, den Sprecher groß an. Seine Erinnerung tetrte langsam wieder. ,, Herr Inspektor?" fragte er. Jawohl, mein Lieber," entgegnete dieser und schob sich einen Stuhl ans Bett, fühlen Sie sich besser?" Schröder blickte seinen Vorgesetzten fragend an. Ich will Ihnen zu Hilfe kommen," sagte dieser herzlich. Sie haben gestern in der Allgemeinen Versicherungsgesellschaft zwei Geldschrankeinbrecher bei der Arbeit überrascht. Dessen entsinnen Sie fid) noch, nicht wahr? Dann sind Sie mit einem der Burschen in einen Kampf verwickelt worden. Stimmt das?" Schröder nickte. Nun, und schließlich hat er Sie niedergeschlagen. Das wissen Sie Und jeßt will ich Ihnen sagen, was Sie nicht wissen. Wil lers, der Sie ablösen wollte, hatte ihren Notpfiff gehört, diefen weitergegeben und ist Ihnen mit Wendt und Hansen zur rechten Zeit zur Hilfe gekommen... Zur rech ten Beit, sage ich, Schröder. Denn der Bursche hätte Ihnen sicher sonst das Lebenslicht ausgeblasen. Nun, er hat selber daran glauben müssen. Er hat wie ein Rasender um sich gestochen, und da hat ihn Wendt in der Notwehr mit dem Revolver erschossen. Sie selber haben wir dann verbinden und in Ihre Wohnung schaffen lassen. Doch, mein lieber Schröder, das wichtigste vergesse ich ja ganz." Und der Inspektor reichte dem Alten die Hand hin. Ich gratuliere zum Wachtmeister, Sie sind befördert worden."
Schröder drückte wortlos die dargebotene Hand, und sein Auge leuchtete auf. Plößlich fragte er:„ Herr Inspektor, weiß man wohl, wie der Bursche hieß, der mir ans Leben wollte, und den Wendt erschossen hat?"
,, Auch das kann ich Ihnen sagen. Der Tote hatte in seiner Tasche einen Ausschnitt aus einer illustrierten Bei tung, die augenscheinlich seinen Steckbrief mit Bild enthält."
Der Inspektor hatte seiner Brieftasche ein Beitungs blatt entnommen und reichte dies dem Alten hin. Kaun hatte dieser einen Blick darauf geworfen, als er aufschries „ Es ist mein Sohn!"
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