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Rich, Mutter, die Landwehr tommt!" Aus Kon­ftantinopel schreibt man der Frff. 3tg.": So manchem alten Infanteristen wird der Marsch für Trommler und Pfeifer, dem irgend jemand einmal den schönen Text: ,, Riek, Mutter, die Landwehr fommt!" unterlegt hat, mehr oder weniger angenehm in Erinnerung sein. Daß dieser Marsch ein ausgezeichnetes Mittel sein muß, die ,, Beine ' rauszubringen" und dem Soldaten friegerischen Geist ein­zuhauchen, geht wohl am besten daraus hervor, daß nun­mehr auch bei einigen Infanterieregimentern der türki­schen Armee die Querpfeife eingeführt worden ist, und baß die schmucken Krieger nach dem Takte dieses beliebten Querpfeifermarsches durch die Straßen von Konstantinopel marschieren. Allerdings geht es nicht so schnell und so flott wie bei uns drüben in Deutschland, denn der türkische Marschschritt ist etwas fürzer und weniger ausholend als der unseres Heeres. Aber es geht ganz gut, und es ist für uns, die wir auch dereinst unzählige Male Parade­marsch nach der altbewährten Weise Riez, Mutter, die Landwehr kommt!" üben mußten, ein ganz eigenartiges Gefühl, Soldaten in Khakiuniformen, Widelgamaschen und Bessen auf den Köpfen hinter Querpfeife und Trommel marschieren zu sehen. Das Trommeln haben die türkischen Garderegimenter vor einigen Jahren von einem baum­langen Tambourmajor eines preußischen Garderegiments gelernt, der zu den Trommelübungen, die im Jildiskiosk abgehalten wurden, immer in einem Hofwagen vom Hotel abgeholt wurde.

Im Groß- Berliner Straßenbahnverkehr plant die Auf­fichtsbehörde die Einführung mehrerer Neuerungen. Mit Rücksicht auf die Tatsache, daß die meisten Unfälle durch Auf- und Abspringen entstehen, sollen die Perrons wäh­rend der Fahrt geschlossen bleiben. Die dadurch bedingte Verzögerung soll durch eine Beschleunigung der Fahrt aus­geglichen und durch Einziehung einiger Haltestellen wieder eingebracht werden. Diese sind jetzt 280 bis 300 Meter voneinander entfernt und sollen in Zukunft eine Durch­schnittsentfernung von 450 bis 500 Meter haben. Weiter jollen auf allen wichtigen Haltestellen mit Rücksicht auf die burch ihre Verminderung erhöhte Frequenz Inselbahn­steige errichtet werden, die mit Windschutzvorrichtungen und Regendächern versehen werden sollen.

Frauen als Stierfämpferinnen. Der spanische Mini­ster des Innern hat soeben eine Verfügung erlassen, durch die den Frauen verboten wird, sich aktiv an den Stier­tämpfen zu beteiligen. Es war Zeit, endlich gegen diese wenig edle Sitte einzuschreiten, denn bereits seit längerer Zeit war dieser Sport bei den Frauen sehr in Mode. Lezzt­hin noch schlug man sich in Madrid um die Pläze, um eine " Quadrilla" zu bewundern, deren Heldin der Gegenstand des allgemeinen Interesses war. Diese junge Frau stach die Tiere mit der elegantesten Meisterschaft ab. In der berechtigten Furcht, daß solche Beispiele ansteckend wirken tönnten, hat der Minister die erwähnte Verordnung er­lassen, die er mit folgenden Erwägungen begründet: Ob­wohl die Ausübung der Stierkämpferkunst den Frauen nicht ausdrücklich durch das Gesetz verboten ist, so ist es doch dem zarten Empfinden des weiblichen Geschlechts so entgegengesetzt, daß Frauen als Stiertämpferinnen ein un­erträgliches Schauspiel zu bieten scheinen. Darum werden die Behörden von nun an feinen Stierkampf mehr erlau= ben, bei dem Frauen als Toreros auftreten sollten."

Welches sind die Interessengebiete der Arbeiter?-Zu dieser Angelegenheit geben die statistischen Fragebogen der jüngsten Organisation für Arbeiterkurse, Greifswald, in­teressante Aufschlüsse. Die Organisation zählt 150 Teil­nehmer. Die Frage: Wofür haben Sie neben Ihrem Be= ruf besonderes Interesse? beantworten 29 v. H. gar nicht. 18 v. H. erklären sich für Lektüre( soll wohl heißen Ro­mtane. D. R.), 12 v. S. für Naturwissenschaften, 10 v. H. für Sport, 9 für Technik und 8 für Musik. Besonders in­teressant ist an diesem Ergebnis, daß Politik nur von 4 v. H., ebenso wie Handarbeiten, Eisenbahnwesen und Land­wirtschaft, als bevorzugtes Interessengebiet genannt wird.

Rauchen und Verdauung. Welche Wirkung der Tabak auf die Verdauung ausübt, das untersucht ein interessanter Artikel der englischen medizinischen Wochenschrift ,, Lancet". Das Verlangen nach einer Zigarre, so wird dort ausge­führt, ist besonders nach einem reichlichen Mahle durch­aus gerechtfertigt, denn der Tabak wirkt anregend auf die Sefretion des Magensaftes und die Verdauung geht da­her mit Hilfe einer Zigarre in rascherer und angenehmerer Form vor sich. Unter diesem Gesichtspunkte ist jedenfalls der Tabak dem Likör vorzuziehen, den man im allgemei­nen fälschlicherweise für verdauungsfördernd hält. Das Rauchen vor den Mahlzeiten ist für die Tätigkeit des Ma­gens schädlich, denn dadurch wird die Sekretion des Magen­saftes erschöpft. Das Rauchen kurz vor dem Schlafengehen ist nicht selten von Schlaflosigkeit begleitet, da der Magen dann zu viel Magensaft produziert und dadurch ein Hun­gergefühl erregt werden kann. Man soll daher, wenn man das Rauchen direkt vor dem Schlafengehen nicht unter­lassen will, danach wenigstens einen leichten Jmbiß zu sich nehmen.

Der Schatz in der Rumpelkammer. In London wurden fürzlich bei einer Versteigerung für die ansehnliche Summe von 6 600 Lstrl.( 132 000 M) zwei prächtige Stücke antifer Gobelins verkauft, von deren Vorhandensein die jetzigen Besitzerinnen jahrelang keine Ahnung hatten. Ganz zu­fällig entdeckten die Eigentümerinnen eines alten Land­hauses in Cornwall auf ihrem Boden eine wurmstichige Truhe, die angeblich einen ausrangierten Teppich enthielt. Bei der Auktion des Nachlasses eines Verwandten hatten Die alten Damen die Truhe mitsamt ihrem Inhalt für 30 Schilling erstanden und sie dann viele Jahre unbesehen auf dem Bodenraum stehen lassen. Welchen Schaz ihre Rumpelkammer barg, erfuhren sie erst, als ein sachverstän­diger Besuch die endlich aufgestöberten Wandbekleidungen erblickte. Der eine Gobelin mißt über vier und einen hal­ben Meter bei einer nur wenig geringeren Breite und ge­hört zu einer aus Arras stammenden Serie von Wand­tapeten des 15. Jahrhunderts, die sieben Todsünden dar­stellend. Ursprünglich waren sie das Eigentum des Kar­dinals Wolsey; drei von ihnen hängen gegenwärtig im Hampton Curt Palast. Das andere dreiviertel Meter brei­te und fast fünf Meter lange Stück Wandbekleidung ist ein Teil von einem für den Hampton Court Palast gewirkten Fries, von dem ein paar kleinere Stücke noch dort in der großen Halle vorhanden sind.

Die Franen von Schönebeck. In der zu Schönebeck an der Elbe herauskommenden Schönebecker Zeitung" ver= öffentlichen mehrere vernachlässigten Ehefrauen" ein drin­gendes Ersuchen an die Ehemänner, das Kneipen zu lassen und in den Schoß der Familien zurückzukehren. Es heißt in dieser Erklärung: Wird es nicht anders, so werden wir uns mit dem Herrn Bürgermeister ins Einverneh= men setzen. Wir werden auch zur Selbsthilfe greifen und eine Art Ehefrauenmiliz bilden. Wir werden dann abwech­Jelnd des Nachts geschlossen die Gastwirtschaften revidieren

und mit großen elektrischen Lampen den Ehemannern, die den Heimweg nicht finden können, heimleuchten." Die nächste Nummer derselben Zeitung trägt folgende Anzeige: Ach­tung! 3weds Gründung eines Klubs mutiger Ehemänner werden solche gebeten, ihre Adressen unter Er soll dein Herr sein" postlagernd Großsalze niederzulegen. Sitzungs­abend soll täglich von 11-6 Uhr früh stattfinden. Für vor dieser Zeit heimkehrende Mitglieder ist elektrische Beleuch tung durch die Ehefrauenmiliz vorgesehen. Junggesellen werden zu den Sizungen feinesfalls zugelassen. Mehrere Inhaber des Hausfreuzes." Die Frauen dürfen diese Sundgebung der Männer nicht unbeantwortet lassen, denn sie müssen doch immer das letzte Wort haben.

Ein ungetreuer Vertrauensmann. Die Veruntreu­unger des Notars und Justizrats Werner- Günter in Kem­pen werden, wie in der jetzt abgehaltenen ersten Gläubiger­versammlung durch den Bericht des Konkursverwalters Rechtsanwalts Hörsen bekannt wurde, mindestens den Be­trag von 200 000 M erreichen. Angemeldet sind bis heute über 100 000 M. Nicht mehr als 30 bis 40 v. H. werden in der Masse Itegen. Nach Abzug der vorberechtigten Forderungen und der Konkursfosten werden die Gläubiger wohl nur ein bis zwei v. S. erhalten. Die Zahlungsunfähigkeit des No­tars erfolgte dadurch, daß er Unsummen für zweifelhafte Frauenspersonen ausgab, Tausende in leichtsinniger Weise mit diesen in Krefeld und Düsseldorf verjubelte und den " Damen" Geschenke bis zu 25 000 M machte. Er hat seinen Geliebten Häuser und ganze Einrichtungen geschenkt und lauge Zeit unterhalten. Alle diese Schenkungen sind bereits angefochten. Wie groß sie im ganzen sind, läßt sich heute noch nicht übersehen.

Ein portugiesisches Revolutionsmuseum. In Lissabon ist vor wenigen Tagen ein Revolutionsmuseum errichtet wor­den. Im größten Saale dieses Museums ist das mit dich­tem Flor umwundene Bild des Admirals Reis angebracht, der sich bekanntlich erschossen haben soll, als er an dem glücklichen Ausgang der Revolution verzweifelte. In einer Ecke des gleichen Saales steht die Leiter, deren sich König Manuel auf seiner eiligen Flucht bediente, um die Park­mauer seines Palastes zu übersteigen; weiterhin sieht man dort die Fahnen der meuternden Kriegsschiffe, die während des Kampfes zerfetzt und zerschossen worden sind, und an hervorragender Stelle das Geschüß, welches das Feuer auf den Palast eröffnete. Ein zweiter Saal ist mit den verschie= densten Waffen und Uniformen, ein dritter mit Maueran­schlägen. Briefen, Zeitungen und dergl. angefüllt. Unter einer Zigarre und Zigarette, die man im Schlafzimmer des Königs fand, stehen die handschriftlichen Worte:" Bigarre und Zigarette, die dem Schicksal entgingen, von Dom Ma­nuel geraucht zu werden." Auch der Erinnerung an die Er­mordung des Königs Dom Carlos und seines ältesten Soh­nes ist ein Saal gewidmet: auf einer mit rotem Tuch be­kleideten und mit Palmen überdeckten Estrade liegen die Karabiner von Buica und der Revolver von Costa, durch deren Schüsse der König und der Kronprinz getötet wur den. Die Einrichtung dieses Museums ist eine derbe Ge= schmacklosigkeit, aber es wird schon seine Besucher haben und seien es auch nur globetrottende Dollarmissen, die nach Sensationen reisen.

Das älteste diensttuende Kriegsschiff.

Der älteste Schiffsveteran der deutschen Marine und zugleich das älteste noch im aktiven Dienst verwendete Kriegsschiff aller Flotten wird im Sommer abermals unter bie Flagge treten, um als Spezialschiff für Küstenkunde bei den Admiralstabsreisen sowie für andere Zwecke Ver­wendung zu finden. Es handelt sich um die frühere Königs­und Kaiserjacht Grille". Das schmucke, nach Plänen des Admirals Prinz Adalbert von Preußen bet Normand in Havre ganz aus Mahagoniholz gebaute Fahrzeug, das am 9. September 1857 seinem Element übergeben wurde, hißte Flagge und Kommandozeichen zum ersten Male am 3. Juni 1858, also vor nunmehr 52% Jahren. Mit einer Wasser­verdrängung von 850 Tonnen nur halb so groß wie unsere modernen Torpedoboote, war Grille" Anfang der sechziger Jahre mit ihrer Geschwindigkeit von 15 Seemeilen in der Stunde das schnellste Schiff der Welt.

Die Geschichte der Grille" ist reich an interessanten Momenten; ist Grille" doch auch das letzte Schiff der deut­schen Marine, das alle Flottenunternehmungen in Kriegs­zeiten sett Bestehen einer preußischen bezw. deutschen Ma­rine mitgemacht hat. Mit dem Prinzen Adalbert an Bord stand fie 1864 gegen die Dänen im Feuer am 17. März und 14. April bei Jasmund und Wittow sowie 1870 am 17. Au­gust mit dem französischen Ostseegeschwader bei Hiddensee. Bis 1878 diente das Fahrzeug neben seiner Verwendung als Avisy als königliches Lustfahrzeug. Zwar für die erste ihr zugedachte Verwendung, den Prinzen Friedrich Wilhelm nach England zu bringen, als er seine Braut in die neue deutsche Heimat holte, war Grille" nicht rechtzeitig fertig geworden, aber am 5. Juni 1864 hielt König Wilhelm I. von ihr aus seine erste Flottenparade über die in der Ent­stehung befindliche preußische Marine ab, und auf ihr be­suchte er nach der Vereinigung Schleswig- Holsteins mit Preußen die nordschleswigschen Häfen. 1869 beteiligte sie sich mit dem Kronprinzen, späteren Kaiser Friedrich III., an Bord an der Eröffnung des Suezkanals und diente auch weiterhin Kaiser Wilhelm I. und den Mitgliedern der kai­serlichen Famille als Lustfahrzeug, bis 1878 die erste H0­henzollern", der nachmalige Kaiseradler", als Kaiserjacht unter die Flagge trat. Noch 1895 benutzten sie der jetzige Kronprinz sowie die Prinzen Eitel- Friedrich, Adalbert und August Wilhelm, als die Einweihung des Kaiser Wilhelm­Kanals bevorstand. bei der dann die fremden Botschafter und Gesandten auf ihr eingeschifft waren.

Seit 1899 werden an Bord der Grille" die jetzt als Spezialschiff für Küftenfunde dient, die sommerlichen Ad­miralstabsreisen ausgeführt, Uebungsreisen in den deut­schen Gewässern, die die Ausbildung bezw. Vervollkomm­nung von Offizieren in der Küstenkunde nach Anweisungen des Chefs des Admiralstabes der Marine bezweckt. Auch im letzten Sommer galt ihre Haupttätigkeit in der Zeit vom 1. April bis 5. September, wo sie die Flagge nieder­holte, diesem Zweck. Im Herbst wurde behauptet, daß das Fahrzeug nunmehr keine Verwendung mehr finden sollte. Die für das Frühjahr angeordnete erneute Indienststellung unter dem Kommando des Kapitänleutnants v. Janson, des gegenwärtigen Adjutanten beim Admiralstab der Marine, widerlegt diese Annahme. In der Tat besitzt Grille" nach wiederholten Umbauten und Grundreparaturen noch heute eine bewundernswerte Leistungsfähigkeit, die ihre Indienst­haltung als Spezialschiff noch auf Jahre hinaus rechtfertigt.

Unerfreuliches aus Moabit.

Ein Zusammenstoß zwischen Staatsanwalt und Verteidiger. In dem Moabiter Krawallprozeß fam es am Freitag zu einem heftigen Zusammenstoße zwischen dem Staatsanwalt und der Verteidigung. Der Zusammenstoß führte einen Ge­richtsbeschluß herbei, in dem die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung ersucht wurden, gegenseitige Angriffe zu unterlassen.

Zunächst setzte der Verteidiger Rechtsanwalt Heine sein Plädoyer fort. Er wendete sich gegen die Behauptung, daß die sozialdemokratische Partei die moralische Schuld an den Ereignissen trage. Dabei fonstatierte er in längeren Aus­führungen, daß die Moabiter Arbeiterschaft einen bürger­Itchen, geordneten Eindruck mache. Da die Firma Kupfer zu den Firmen gehöre, die den rücksichtslosesten Kampf ge= gen die Arbeiterschaft führe, so sei es kein Wunder, wenn die Moabiter Arbeiterschaft einmütig gegen die Streifbrecher gestanden hätte. Der Haß der Arbeiterschaft gegen die Po= lizei, der in aewisiem Make vorbanden ist, sei erwachsen aus

dem Gefühl, daß die Arbeiterschaft die Polizet immer auf der Seite ihrer Gegner finde, namentlich auch in den wirtschaftlichen Kämpfen. Es seien Ausschreitungen der Streifenden vorgekommen. Hätte die Polizei mit Umsicht gehandelt, hätten diese eingedämmt werden können. Durch das rücksichtslose Vorgehen einzelner Offiziere und Beamter sei auch die nicht am Streif beteiligte Bevölkerung aufge= reizt worden. Es set der sozialdemokratischen Dis= ziplin zu danken, wenn die Moabiter Bevölkerung die Bru­talitäten der Polizei nicht beantwortet habe mit einer Massenerhebung, die dann im Blute hätte erstickt werden müssen.

Erster Staatsanwalt Steinbrecht wandte sich hierauf scharf gegen die Ausführungen des Verteidigers Heine: Rechtsanwalt Heine hat so schwere Vorwürfe gegen die Po­lizeibehörde, die Schußmannschaft und den Polizeipräsi­denten gerichtet, daß ich genötigt bin, sofort zu antworten. Er hat zuerst gesagt, die Verteidigung wäre der Staatsan­waltschaft dankbar dafür, daß sie aus politischen Gründen eine Verbindung der verschiedenen Sachen herbeigeführt hat. Die Verbindung ist aber nicht aus politischen Gründen er­folgt, sondern sie geschah in Uebereinstimung der Auffassung des Gerichts. Wenn hinterher die Verteidigung sich diese Verbindung zunuze gemacht hat, um Hunderte von Zeugen vorzuführen, so hat sie das nicht getan, um der Sache zu nüßen, sondern um der Polizei eins aufzuhängen.( Der Verteidiger Rechtsanwalt Heinemann ruft: Sollen wir uns das gefallen lassen? Diese Worte enthalten eine so schwere Beleidigung gegen die Verteidigung, daß ich sie be­anstande.")

Steinbrecht fortfahrend: Ich begründe meine Ausführ­ungen damit, daß Rechtsanwalt Heine in 5 Stunden fast nur von Verfehlungen der Polizei gesprochen hat, auf die Eache selbst aber gar nicht eingegangen ist. Der Vertet­diger hat ferner angedeutet, der Behörde wäre es ganz an­genehm gewesen, wenn eine Revolution entstanden wäre, danr hätte man diese Revolution im Blute ersticken und da raus Kapital schlagen können. Mit demselben Recht, mit dem die Verteidigung diesen Vorwurf gegen die Behörden erhoben hat, und zwar vom Anfang dieses Prozesses an bis zum heutigen Tage und nur, um gegen die Polizei aufzu= treten, habe ich sagen können, daß es der Verteidigung nicht darauf ankam, die Sache wirklich zu fördern, wie es die Angeklagten verlangten.( Vert. R.-A. Cohn ruft: Ich sehe mich ebenfalls genötigt, gegen diese Ausführungen zu pro­testieren. Es geht unter feinen Umständen, daß der Erste Staatsanwalt uns derartige Vorwürfe macht.) Vors.: Wir werden beraten. Vert. R.-A. Rosenfeld: Ich bitte vorher ums Wort. Vors.: Ich kann Ihnen das Wort nicht geben. Nach etwa halbstündiger Beratung verkündet der Vor­sitzende, Landgerichtsdirektor Lieber, folgenden Beschluß des Gerichts: Ich kann den Ersten Staatsanwalt nach den ge­setzlichen Bestimmungen nicht zwingen, diese Ausführ­ungen zu unterlassen. Ich bitte ihn aber, im einmütigen Auftrage des Gerichts, derartige Angriffe auf die Vertei­digung zu vermeiden, da sie geeignet sind, die sachgemäße Erledigung dieses Prozesses zu erschweren. Anderseits bitte ich gleichfalls im einmütigen Auftrage des Gerichts, daß die Verteidigung umgekehrt solche Angriffe auf die Staatsanwaltschaft unterläßt, die dahin gehen, daß die Ver­bindung der Anklagen aus Gründen geschehen ist, die nicht in der Sache selbst liegen.

Am Sonnabend werden die Plädoyers fortgesetzt. Das Urteil soll er stam Mittwoch gefällt werden. Der Dienstag soll für die Beratung frei bleiben.

Drabtnachrichten und neuestes.

Wechsel in hohen Kommandostellen der Armee.

Berlin, 7. Januar. Das Militärwochenblatt mel­det: General der Infanterte von Beseler, Chef des Pionier­forps, ist unter Belassung a la fuite der Gardepioniere zur Disposition gestellt worden. Der Gouverneur von Met Generalleutnant Meudra ist zu seinem Nachfolger bestimmt. Großfeuer in einer württembergischen Kleinstadt.

Ebingen( Württemberg), 7. Januar. In einem Warenhause brach in der vergangenen Nacht Großfeuer aus, das sich rasch weiter verbreitete und zehn Häuser zerstörte. Sieben davon sind bis auf den Grund niedergebrannt. 30 Familien sind obdachlos.

Bergarbeiterfragen.

Bochum, 7. Januar. Da sich der Zechenverband auf die Eingabe der Bergarbeiterorganisation nicht für kompetent erklärt hat, die Lohnfrage für die ihm angeschlossenen Zechen zu verhandeln, so sollen die abgeänderten Forderungen nun­mehr durch den Arbeiterausschuß den Grubenverwaltungen eingereicht werden. Gestern fanden im Ruhrrevier 36 Be­legschaftsversammlungen statt, die von den drei Verbän­den gemeinschaftlich einberufen waren. Die Versammlungen waren durchschnittlich stark besucht. Für nächsten Sonntag find über 50 Versammlungen geplant. In allen Versamm­lungen wurde eine gleichlautende Resolution angenommen, in der in der Hauptsache 15% Lohnerhöhung gefordert wer= den. Den Führern wurde uneingeschränktes Vertrauen ausgesprochen.

Opfer des Eissports.

Regensburg, 7. Januar. Auf dem Eise des Lud­wigsfanals in Kelheim sind gestern beim Schlittschuhlaufen dret Knaben eingebrochen. Nur einer konnte sich retten, die beiden andern ertranfen.

Das Erdbeben in Zentralafien. Petersburg, 7. Januar. Der Bevölkerung von Turke­stan hat sich abermals eine wilde Banik bemächtigt, als gestern das schwer heimgesuchte Gebiet durch neue Eröstöße erschüttert wurde. Die bemittelten Bewohner haben größ­tenteils die Flucht ergriffen. Die Zurückgebliebenen ver= bringen die Nächte unter freiem Himmel. In der Stadt Wjerny sind abermals mehrere Häuser eingestürzt und ha­ben zahlreiche Bewohner unter den Trümmern begraben. Furchtbar ist der Eindruck, den man erhält, wenn man die vielen Obdachlosen in den Straßen der zerstörten Stadt um= herirren sieht, die unter dem Eindruck der Katastrophe den Verstand verloren haben. Von den Spizen des Semt­retschiegebirges sind mächtige Lawinen ins Tal gestürzt und Felsblöde haben die Gebirgsbäche streckenweise verschüttet. Die Behörden sind bemüht, die Bevölkerung zu beruhigen.> Halbamtlich wird gemeldet, daß auch die Städte Tokenatsch und Nowodmitviewst durch das Erdbeben zerstört worden. Aus Wladiwostok wird berichtet, daß auch die Vulkane auf Japan eine verstärkte Tätigkeit entfalten.

Unglückliche Ehe.

Wien, 7. Januar. In der Nödlgasse versuchte eine Schuhmachersfrau sich und ihre drei Kinder mit Zyanfalt zu vergiften. De rMann, welcher schlief, erwachte über dem Vorhaben der Frau. Er alarmierte die Hausbewohner, welche einen Arzt herbeiholten, dem es gelang, die vier Pers fonen wieder ins Leben zurückzurufen. Das Motiv der Tat ist in häuslichen Streitigkeiten zu suchen.

Ein fanatischer Tscheche.

Budweis, 7. Januar. Leutnant Lewicki vom 29. Land­wehrregiment, der in einem tschechischen antimilitaristischen Blatt Verleumdungen gegen sein eigenes Regiment ver= öffentlichte, wurde vom Militärgericht zur Degradation und vier Jahren Kerker verurteilt.

Fenersbrunst im Neuyorker Chinesenviertel. Neuyort, 7. Januar. Durch Feuer vernichtet wurde ge­stern das Hauptquartier der chinesischen Vierbrüderschafts­gesellschaft. Wahrscheinlich ist der Brand von Rivalen an­gelegt worden. Die Aufregung war groß, als Hunderte von Chinesen aus den alten Baracken in die engen Straßen flüchteten. Die Notlettern waren von einem dichten Schwarm Chinesen und ihren Frauen bedeckt. Vermutlich liegen mehrere Tote unter den Trümmern.