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Bursche bereits wartete und das Schreiben in Empfang nahm und seinem Komplizen aushändigte. Jm nächsten Augenblid war auch schon die Kriminalpolizei zur Stelle und verhaftete die Burschen.

Deutsche Auszeichnung für einen französischen Sol­daten. Der letthin vom deutschen Kaiser mit einer Or­densauszeichnung bedachte und mit fünftausend Franken beschenkte französische Marineinfanterist, der sich vor nun bald drei Jahren in Peking beim Brande der Waldersee= Kaserne auszeichnete, ist von einem Berichterstatter eines Blattes in Toulon aufgesucht und über seine Eindrücke befragt worden, Der Mann war mit den ihm zuteil ge= wordenen Auszeichnungen natürlich sehr zufrieden; außer dem deutschen Orden hat er auch die französische Militär­medaille erhalten und hofft noch die Zivilanstellung zu bekommen, um die er die Marinebehörden gebeten hat. Zum aktiven Dienste ist er nicht mehr fähig, da er bei dem Brande in China eine schwere, dauernde Invalidität nach sich ziehende Verletzung eines Beines davongetragen hat. In materieller Hinsicht ist reichlich für ihn gesorgt, da ihm außer der kaiserlichen Spende ein paar tausend Granten als Ergebnis einer in Tientsin veranstalteten Sammlung zugeflossen sind, während ihm die französische Regierung eine Jahresinvalidenpension von 690 Franken zubilligte.

Eine böse Neujahrsbescherung bereitete, wie aus Paris mitgeteilt wird, eine Madame Boutron aus Nantes ihrem Gatten, der mit ihr zu den Neujahrsfestlichkeiten nach der Geinestadt gerist war. Diese von ihm in froher Laune angetretene Vergnügungsfahrt endete für den braven Kornhändler Felix Boutron recht betrüblich. Am Freitag in Paris eingetroffen, stiegen die Eheleute im Hotel ab und verbrachten den Tag mit amüsanten Streifereien durch die Boulevards und in guten Restaurants. In denkbar bester Stimmung kehrte man gegen Abend in das Logis zurüd, um Toilette zum Theater zu machen. Unter dem Vorgeben, feine weißen Glaceehandschuhe mitgenommen zu haben und nun schnell ein Paar in der Nähe kaufen zu wollen, entfernte sich Madame noch einmal., Vergebens aber wartete der Gatte eine Viertelstunde nach der an= beren auf ihre Wiederkehr. Der Abend verging, dem ge­ängstigten Manne kamen die schlimmsten Besorgnisse; und in der Befürchtung, der Ausbleibenden könne ein Unfall zugestoßen sein, machte er schließlich der Polizei Mittei­lung. Man fahndete jedoch vergeblich nach der Verschwun­denen, und unter den Opfern der vielfach vorgekommenen Unglücksfälle war Madame Boutron auch nicht zu finden. Da empfing der Polizeikommissar des Viertels, zu dem bas Absteigequartier der Eheleute gehört, am Silvester­morgen ein Schreiben, in welchem die gesuchte junge Frau mitteilte, daß sie mit einem Freunde ins Ausland gegan­gen sei, um nie wieder zu ihrem Ehemanne, den sie der Brutalität beschuldigte, zurückzukehren. Alles Forschen nach ihr würde erfolglos sein. Der so schmählich verlassene Chetyrann, der von der Gesinnung seiner Gattin keine Ah­nung zu haben schien, geriet in eine fürchterliche Wut, die sich in tausend Beleidigungen gegen den unschuldigen Po­lizeibeamten Luft machte. So schlimm waren die Jnju­rien, daß man den Tobenden verhaften mußte. Gegen Abend jedoch wurde er wieder auf freien Fuß gesetzt, da man Mitleid mit dem wirklich ehrlichen Schmerz des Mannes hatte. Ob der Verlassene mit seinem Kummer in den Strudel des ausgelassenen Silvestertreibens unter­tauchte oder sofort die traurige Heimfahrt antrat, darüber verlautet nichts.

Rattenplage. In vielen Gegenden Englands hat man in letzter Zeit unter der Rattenplage gelitten. Manche Stadtverwaltungen haben verhältnismäßig große Sum­men dafür auswerfen müssen, um ihrer wieder Herr zu werden. In den modernen Großstädten ist die Bekäm= pfung der Ratten außerordentlich schwierig geworden, weil sie hier in den großen Kanalisationsanlagen sehr geeig­nete Wohnstätten finden. Die Arbeiter und Beamten, die die Kanalisationskanäle zu befahren haben, haben daher an Bord ihrer Boote regelmäßig Hunde, die im Ratten­fangen und Rattentöten geübt sind. Solch ein kleiner Rat­tenfänger faßt jede Ratte, die in seine Nähe kommt, hinten am Naden, schlägt sie sich ein paar mal um die Ohren und läßt sie als Leiche fallen. Indessen kann man die unge­heuren Menger von Ratten nicht mit Rattenfängern allein vertilgen, auch alle möglichen Gifte und sonstigen Ver­nichtungsmittel haben dagegen angewandt werden müssen. Daß aber solche Feldzüge gegen die Ratten jetzt besonders häufig sind und vielfach nicht nur in den Großstädten, son­dern( namentlich in England) auch auf dem Lande unter­

diesen Diebstahl ein und brachte die Schuldlosigkeit Buch­führs in diesem Falle an den Tag. Gutt selbst hatte da= für gesorgt, daß der Verdacht auf Buchführ fallen mußte, ohne zu wissen, daß dieser ebenfalls ein Hoteldieb war. Als Hotelgast hatte er auch Buchführs Zimmer und Koffer durchsucht, einige Schriftstücke herausgenommen und einen Teil davon in andern Zimmern zerstreut. Als der Dieb­stahl entdeckt und besprochen wurde, trieb sein schlechtes Ge­wissen den Buchführ sofort von dannen. Der wirkliche Dieb dagegen, der stärkere Nerven hatte, blieb ganz ruhig woh­nen und sah sich mit an, wie der vermeintliche Dieb ver­folgt wurde.

Das größte Delreservoir der Welt. Zwei massive Del­reservoire, die die größten der Welt sein werden, sollen in Kalifornien errichtet werden. Jedes von ihnen wird eine Million Doppelzentner Petroleum fassen. Die Baukosten der Reservoire belaufen sich auf 2 Millionen Mark und das zu ihrem Füllen verwandte Oel wird ihnen durch Röhren meilenweit zugeleitet werden. Wenn die Reservoire ge= füllt sind, wird das Petroleum durch sein eigenes Schwer­gewicht nach der Pumpstation fließen, von wo es direkt in die großen Tankdampfer gepumpt wird.

Hygienischer Schutz in unseren Eisenbahnwagen. Auf eine Erfindung von nicht zu unterschätzender hygienischer Bedeutung ist ein Bankier aus Düsseldorf verfallen. Er hat eine einfache, geschmackvolle Vorrichtung erdacht, welche oberhalb des Polsters in den Coupees erster und zweiter Klasse der Eisenbahnwagen angebracht werden soll. In die­fer Vorrichtung ist ein abrollbarer zirka 50 Zentimeter brei­ter Schußstreifen aus japanischem Kreidepapter so angeord­net, daß der Fahrgast stets einen neuen Streifen heraus­zuziehen vermag, welcher als Unterlage für Kopf und Nacken dient. Dem Erfinder ist darum zu tun gewesen, in Eisenbahnwagen einen Schutz gegen Unsauberkeit und An­steckung zu schaffen, was angesichts der häufig vorkommen­den Kopf- und Haarkrankheiten recht erwünscht ist. Es hat sich bereits eine G. m. b. H. gebildet, die mit den verschie­denen Eisenbahnverwaltungen des In- und Auslandes über die Einführung des hygienischen Kopf- und Nackenschutzes in den Eisenbahnwagen verhandelt.

Die Entmündigung der Frau v. Schönebeck- Weber.

Frau von Schönebeck- Weber ist, wie wir bereits mit­teilten, durch Beschluß des Königlichen Amtsgerichts Char­lottenburg wegen Geistesschwäche entmündigt worden. Die Kosten des Verfahrens fallen der Entmündigten zur Last. In der Begründung wird gesagt, es habe eine Ver­nehmung der Entmündigten unter Zuziehung des Dr. Weil­Schlachtensee und des Gerichtsarztes Dr. Mary in Berlin stattgefunden. Dr. Weil hat eine Geistesschwäche und Get­steskrankheit der Frau Weber für ausgeschlossen erachtet und sein Gutachten damit begründet, daß sie im Gespräche mit ihm immer klar und orientiert gewesen, in ihrem Ver­halten durchaus dezent, niemals auffallend und stets von dem Bestreben erfüllt gewesen set, fede Andeutung von Sensation zu vermeiden. Dieses Gutachten berücksichtigte aber in feiner Weise das Vorleben der Entmündigten und außerdem könne es deshalb nicht überzeugend wirken, wetl die Tatsachen, auf die es sich gründe, nicht im Einklang ständen mit den angestellten Ermittlungen.

Die Zeugin Zeulner habe bekundet, daß sich Frau We­ber durchaus nicht immer dezent benommen habe. Sie habe sich z. B. nicht nur in Gegenwart thres Mannes, sondern auch ihres Schwagers, Taillen anprobieren lassen. Einmal habe sie in Gegenwart thres Schwagers nur einen Ki­mono angehabt. Der Gerichtsarzt Dr. Marx sei zu dem Resultat gekommen, daß die Entmündigte als geistesschwach bezeichnet werden müsse. In einem ausführlichen Bericht habe er die gesamte Lebensführung der Frau Weber als Grundlage für seine Ansicht bezeichnet. Auch Medizinal= rat Dr. Leppmann sei zu demselben Ergebnis gekommen. Nach diesem Sachverständigen set die Entmündigte eine Frau, die vollkommen von geistigen Affekten soweit ab­hängig set, daß sie auf jede manchmal nur geringe Unbe­haglichkeit mit Verlust ihrer Besonnenheit, mit Selbstbe­schädigungsgelüften und Bewußtseinsstörung reagierte. Das Maß ihres Trieblebens ging weit über das Gewöhnliche hinaus, es fet hemmungslos.

Auf Grund dieser Gutachten, die in Uebereinstimmung mit denen der Professoren Puppe und Meyer in Königs­berg stehen, und auf Grund der Beobachtungen bei Ver­nehmung der Entmündigten, wird in dem Beschluß eine geistige Schwäche der Frau Weber festgestellt. Die Ent­mündigte set nicht in der Lage, thre eigenen Angelegenhet­ten zu besorgen. Sie fet zu jeder selbständigen Entschließung unfähig. Es wird ferner darauf hingewiesen, daß sie in dem Prüfungstermin auf die Frage, was sie nun zu tun gedenke, geantwortet habe, fie wolle Schreibmaschine lernen, um ihrem Manne im Geschäft zu helfen. Trotzdem sie ih= rem Bruder in einem Briefe mitgeteilt habe, daß sie in refuniärer Beziehung threm Manne nicht vollkommen traue, habe sie ihm kurz darauf eine Unterschrift über 19 000 Mark gegeben.

nommen werden müssen, hängt mit einer Tatsache zusam Der Moabiter Prozeß vor dem Abschluß.

men, die uns zu denken geben sollte. Ganz offenbar ist die außerordentliche Zunahme der Ratten nämlich erst da­durch möglich geworden, daß ihre natürlichen Feinde durch die Menschen allmählich vernichtet worden sind: nämlich Eulen und Falten. Man hat eben durch die Ausrottung dieser Vögel, die doch auch ihre Aufgabe zu erfüllen hat­ten, den Kreislauf der Natur gestört und hat nun die Quittung dafür an anderer Stelle zu bezahlen.

Wenn man nicht chinesisch versteht.. Der Voss. 3tg." wird geschrieben: Der Kaufmann X. in der benachbarten Stadt M., der u. a. auch Tee feilhält, hatte zu dessen Em­pfehlung die sauberen chinesischen Schriftzeichen des Um­schlags für den Aushang vor seinem Laden elegant kopie­ren lassen. Ein, Schriftgelehrter", der diese Aufschrift im Vorübergehen las, brach in lautes Lachen aus und trat bei dem Ladenbesitzer mit der Frage ein: Wissen Sie denn, was die bunten Hieroglyphen an Ihrem Schaufenster besagen? Dreimal gebrühter Tee für die verft. Christen­hunde!"

Eine Diebeskomödie. Einen netten Streich" hat ein Hoteldieb einem anderen gespielt, ohne zu wissen, daß auch dieser von seiner Zunft war. Am 27. Oktober wurde vom Berliner Landgericht ein bekannter Hoteldieb, ein Schau­spieler Heinrich Buchführ, der alle größeren Badeorte un­sicher gemacht hatte, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm setzte man auch einen Diebstahl auf die Rechnung, der am 1. Mai v J. in Ludwigsburg in einem Hotel verübt wurde. Bei dem Diebstahl büßte eine Generalin viel ba= res Geld und wertvolle Schmucksachen ein. Man nahm die Täterschaft Buchführs, der als Hoteldieb bekannt war, um so cher an, als er in demselben Hotel wie die Generalin gewohnt hatte, dort unter Hinterlassung eines Koffers ver­schwunden war, und sogar Papiere aus seinem Besitz in anderen Zimmern zurückgelassen hatte. Der Verhaftete gab alles zu, was man ihm sonst zur Last legte. Nur den Dieb­stahl in Ludwigsburg bestritt er. Erst jetzt ist durch eine andere Verhaftung Herausgekommen, daß Buchführ recht hatte. In Offenbach wurde auf frischer Tat ein Hoteldieb festgenommen, der sich Kaufmann Christiansen Seys aus Chicago nannte, vom Erkennungsdienst aber als ein Kauf­mann Karl Andreas Guit entlarvt wurde. Bei ihm fand man einige Zettel, die früher Buchführ besessen hatte. So kam man auch auf den Diebstahl in Ludwigsburg zurück. Ins Gebet genommen, räumte Guiß wie andere so auch

Das Plädoyer des Staatsanwalts.

Im Moabiter Krawallprozeß begann am Mittwoch der Erste Staatsanwalt Steinbrecht sein Plädoyer. Er weist zu­nächst einige Mißverständnisse zurück und erklärt: Es ist der Staatsanwaltschaft vorgeworfen worden, sie habe be­hauptet, die sozialdemokratische Parteileitung, der Vor­wärts" und die Leitung der organisierten Arbeiterschaft hätten die Moabiter Krawalle selbst angezettelt, gewollt, herbeigeführt, geleitet und begünstigt. Kein Wort von alledem ist in der Anklage gesagt. Aeußerlich haben diese unwahren Behauptungen eine gewisse Unterstützung darin gefunden, daß zur Bekämpfung dieser angeblichen Behaupt= ung von der Verteidigung eine große Anzahl Zeugen ge= laden worden ist, darunter Vorstandsmitglieder der sozial­demokratischen Partei, die Redakteure des Vorwärts" und Sekretäre der organisierten Arbeiter, die als Zeugen da= rüber gehört wurden, daß die genannten Stellen die Moa­biter Unruhen weder gewollt noch herbeigeführt haben. Selbstverständlich mußte diese Beweisführung im Sinne der Verteidigung ausfallen, weil für diese Behauptung eben feine Beweise zu erbringen waren. Natürlich haben diese Behauptungen große Aufregung in der sozialdemokrati­schen Presse hervorgerufen, und nachher war der Jubel groß über den Zusammenbruch dieser gar nicht erhobenen An­flage.

Diese ganz ungerechtfertigten Vorwürfe find leider nicht nur in sozialdemokratischen Blättern gegen die Anklage er­hoben worden, sondern sie sind auch in manche bürgerlichen Blätter übergegangen und in bürgerlichen Wochen- und Monatsschriften gegen die Anflage ins Feld geführt wor= den. Die Anklage hat niemals behauptet, und konnte des­halb niemals unter Beweis stellen, daß die sozialdemokra= tische Partei die Moabiter Unruhen irgendwie begünstigt hat. Damit fällt auch der Vorwurf in sich zusammen, daß Sie Staatsanwaltschaft diesen Prozeß tendenziös beeinflußt und die Politik in den Gerichtssaal hineingetragen hätte. Wahr ist vielmehr lediglich folgendes: Unter den Ver­hafteten befand sich keine Person, die man zu dem sv= genannten Janhagel rechnen könnte, fein Arbeitsloser, fein Zuhälter, keine Dirne. Es waren werftätige Ar­beiter, Frauen aus dem Arbeiterstande, die sich vielfach mit­ten aus der Arbeit heraus zu schweren Gewalttätigkeiten hatten hinreißen lassen. Hierzu kam eine zweite Tatsache, nämlich, daß sich vom Anfang bis zum Schluß ein ganz außergewöhnlicher Haß gegen die Arbeitswilligen und die Polizei zeigte, obwohl dazu nicht die geringste Veranlassung

vorlag. Aus dieser auffallenden Tatsache hat die Staatsans waltschaft den Schluß gezogen, daß dieser zutage getretene Haß auf die jahrelange systematische sozialdemokratische Verhetzung zurückzuführen sei.

Auf die Anklage selbst eingehend, beleuchtete der Staatsanwalt hierauf in furzen Zügen die einzelnen Phasen der Exzesse und verweilt länger bei den Vorgängen in der Rostocker Straße vor dem Pilzschen Restaurant, wo ein arbeitswilliger Kutscher wie ein erbeuteter Kriegsge­fangener in das Lokal geschleppt worden war. Es zeigt sich auch an diesem Falle, daß die Streifenden in feiner Weise von Arbeitswilligen aufgereizt waren, und daß die Exzesse nicht von einem Mob oder Janhagel, sondern von werktäti­gen Arbeitern unter Aufsicht eines Verbandsleiters ausge­führt waren. Die Beweisaufnahme hat ergeben, daß vie= le Fälle von folossalem Terrorismus vorgekommen sind, wie z. B. ein Hausbesitzer aus Angst vor Nachteilen dem Polizeimajor Klein einen schon zur Verfügung gestellten Raum zur Aufnahme von Schußleuten wieder entzog, wie ein Gastwirt, der einem bedrohten Schußmann Zuflucht ge währte, selbst bedroht wurde, wie der Pastor Schwebel be­leidigt wurde usw. Die verhängnisvolle Handlung am 26. September mußte notwendigerweise bei den Schuhleuten eine nachhaltige Erbitterung hervorrufen, drei von ihren Kameraden waren angegriffen, der eine schwer verletzt wor= den, der andere konnte nur durch einen operativen Eingriff vor dem Tode bewahrt werden. Die übrigen Schußleute, die hiervon erfuhren und vielleicht auch noch übertriebene Gerüchte hörten, glaubten nun, ihr Leben sei durch die Menge gefährdet, und gerieten in große Erbitterung. Die Aufrührer hatten die vereinzelt gehenden Schutzleute mit beispielloser Roheit verfolgt. Sie waren die Angreifer und nicht die Schußleute. Daß die Schuhleute, die weitere An­griffe erwarten mußten, mit ihren Waffen schärfer vor­gingen, ist menschlich erklärlich. Die Verlegungen der Schußleute sind auch der beste Beweis dafür. Der Staats­anwalt geht sodann auf die einzelnen Fälle der Anklage ein und beantragt gegen acht der Angeklagten Gefängnis= strafen von 1 Jahr 6 Monaten bis herab zu 4 Monaten Ge= fängnis. Hier unterbricht der Staatsanwalt sein Plä­doyer und die weiteren Verhandlungen wurden auf Don­nerstag vormittag vertagt.

Drabtnachrichten und Deuestes.

Kaiser Franz Josefs Befinden gut. Wien, 5. Januar. Auch die letzte Nacht verbrachte der Kaiser in ruhigem Schlummer. Husten und Schnupfen lafsen merklich nach.

Aus Nahrungssorgen in den Tod.

Effen, 5. Januar. Im Schellenberger Walde bet Essen wurden die Leichen eines 71jährigen Arbeiters und seiner Frau gefunden. Die alten Leute waren obdachlos und hat­ten mit Nahrungssorgen zu kämpfen. Sie gingen in den Wald und vergifteten sich.

Kampf mit Zigeunern.

Trier, 5. Januar. Im hiesigen Gefängnis meldeten sich gestern vier Zigeuner zum Antritt einer mehrtägigen Gefängnisstrafe. Als der Aufseher mit Rücksicht darauf, daß sie betrunken waren, sie zum Warten veranlaßte, warfen sie sich auf den Beamten und mißhandelten ihn, sodaß die­ser von der Waffe Gebrauch machte und auf die Zigeuner schoß. Requirierte Polizei hatte einen harten Kampf mit den Erzedenten zu bestehen. Schließlich wurden sie ge­fesselt.

Verwegener Saccharinschmuggel.

Passan, 5. Januar. In Herzogenreuth im Bayerischen Walde fielen einem Gendarmen die dicken Waden eines Handwerksburschen auf. Er untersuchte ihn und es ergak sich, daß der ganze Mann mit Saccharin ausgestopft war Der Schmuggel mit Saccharin wird an der Bayerisch- böh mischen Grenze nach wie vor betrieben.

Brand eines Flugmaschinenschuppens. Breslau, 5. Januar. Gestern nachmittag gegen 5 Uhr brach in einem der fünf Flugmaschinenschuppen auf dem Wilhelmsruher Fluggelände Feuer aus, das sich durch die Explosion des dort in Flaschen lagernden Benzins mit ra sender Schnelligkeit verbreitete und die Schuppen sowie zwei Flugmaschinen vernichtete. Man nimmt Brandstiftung an. Raufereien unter den Wiener Arbeitslosen. Wien, 5. Januar. Wegen des hier eingetretenen star­fen Schneefalls sollten gestern eine große Anzahl von Ar­beitslosen zum Schneeschaufeln angestellt werden. Der An­drang war so groß, daß es zwischen den Arbeitslosen zu Raufereien kam, denen erst durch Requirierung von Polizei­mannschaften ein Ende gemacht werden konnte.

Ruchloses Dynamitattentat.

Budapest, 5. Januar. In Ansebes wurde von ruch­losen Händen in einen leer stehenden Hotelomnibus eine Dynamitpatrone gelegt, welche kurz vor der Abfahrt des Omnibusses nach der Bahnstation explodierte. Das Gefährt wurde vollständig in Stücke gerissen. Der Kutscher, der in der Nähe des Wagens stand, wurde schwer verlegt. Einige Nachbarhäuser wurden stark beschädigt. Von den Passagie ren hatte jedoch glücklicherweise noch niemand in dem Wa­gen Platz genommen. Die Täter, die es vermutlich auf eine Beraubung der Passagiere abgesehen hatten, sind noch unbekannt.

Das Erdbeben in Zentralasien.

Petersburg, 5. Januar. Nach einer amtlichen Meldung wurden durch das gestrige Erdbeben in Wiernyi einige Ge­bäude und die Kaserne zerstört, wobei ein Soldat getötet wurde. Bisher sind in der Stadt 40 Leichen geborgen wor= den.

Petersburg, 5. Januar. Nach dem ersten wellenar­tigen von Osten nach Westen gehenden Beben stürzte die Bevölkerung teils halb nackt in wahnsinniger Angst auf die stockfinstere Straße, wo sie durch einen Steinregen empfan­gen wurde. Die Unglücklichen suchten in rasendem Lauf das Freie zu gewinnen, um sich vor den einstürzenden Häu­sern zu retten. Die Lage ist in den meisten Städten da­durch besonders schwierig, daß alle Defen beim Erdbeben umgeworfen wurden, so daß die Wohnungen nicht geheizt werden können. Dabei herrscht eine Kälte von 10 Grad. Das Erfrieren vieler Tausender wird befürchtet. Allen bisher einlaufenden Depeschen fehlen Einzelheiten. Das Beben dauert fort und macht den Aufenthalt in festen Bau­lichkeiten lebensgefährlich. Da alle Verbindungen fehlen, find manche Ortschaften von der Außenwelt ganz abgeschnit­ten. Man nimmt an, daß ganze Ansiedelungen durch das Erdbeben gänzlich zerstört worden sind.

Bergarbeiterstreik in Belgien.

Brüssel, 5. Januar. In dem Kohlengebiet von Lüttich, wo auf einigen Zechen gestreift wird, ist es gestern zu Aus­schreitungen gekommen. In einem Bezirk bei Lüttich wur­den gestern nachmittag Gendarmen von streifenden Berg­Es wurden von beiden Seiten arbeitern angegriffen. Schüsse abgegeben und 5 Personen verwundet. Es besteht die Befürchtung, daß der Ausstand auch auf die benachbar= ten großen Bezirke übergreifen wird, was für die belgische Kohlenindustrie geradezu verhängnisvoll wäre.

Eine neue Sensation in der Seinestadt.

Paris, 5. Januar. Ein Pariser Juwelier hat ge­gen den Sohn eines vor mehreren Jahren verstorbenen angesehenen Staatsmannes Klage erhoben wegen Verkaufs eines Perlenschmuckes im Werte von 150 000 Francs, für den zum Teil Wechsel in Zahlung gegeben worden waren, die am Fälligkeitstermin aber nicht eingelöst worden sind. Französische Marine- Aeroplanstationen.

Paris, 5. Januar. Der Marineminister hat ange­ordnet, daß in Toulon und in Cherbourg eine Station für Flottenaeroplane eingerichtet und ein 800 Quadratmeter aroßer Aufstiegsplatz aefchaffen werden soll.