Die schwarze Mobilmachung.
Das Schifflein des Herrn Caillaur, des neuen Mannes in Frankreich, schwankt unsicher hin und her. Die Erklärungen über seine Staatsfunt, mit der er die Samlung aller Republikaner betreiben will, haben nicht überzeugt. Die Schonzeit, die man dem„ bunten abinett" gewähren will, dürfte nicht lange bemef= sen sein. Nur ein Minister, über dessen Berufung mait anfangs erstaunt war, hebt sich mehr und mehr in seiner Bedeutung hervor, denn er versteht es, Frankreichs Butunftspläne in einer Weise zu betreiben, für die ihm bie Zustimmung sicher ist. Ueber den gestürzten General Goiran ist Wiefsimy auf den bedeutungsvollen Boften des Kriegsministeriums emporgestiegen. Was will Meffimy? fragt man verwundert, wie bessen Ernennung befannt gegeben wurde. Aber in militärischen Streifen genoß Meffimy schon als früherer Kolonialminister eine hohe Wertschäßung, und zwar wegen seiner Abhandlungen über Frankreichs afrikanische Hilfs=
armee.
Echon im Jahre 1907 stellte Messimy nach seiner Nudkehr aus Afrifa den Plan der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht der Eingebore nen in Algier und dem französischen Sudan auf, und jetzt bereitet der neue Artegsminister den Gefeßentwurf über die Einführung der obligatorischen Dienstpflicht in Algerien vor. Der franzöfifche Kriegsminister glaubt, daß er in wenigen Jahren für einen Arteg gegen Deutschland allein aus Algerien 90- 616 100 000 ann nach Europa hinüberschaffen fann. Für noch beträchtItcher hält Meffimy die Silfsquellen aus dem Sudan zur Bereicherung des Menschenmaterials für die franzöfifche Armee in Europa. Auch Westafrita besitzt an= fehnliche Streitfräfte. Die Gesamtbevölkerung des dorHigen franzöfifchen Gebietes beträgt mehr als 12 Millionen. In Frankreich würde einer Bevölkerung von 10 Millionen ein jährliches Refrutenfontingent von 55000 Mann entsprechen. In Westafrita plant man nicht, den allgemeinen Pflichtheeresdienst einzuführen, sonbern man will alljährlich eine gewisse Anzahl Freiwilli ger unter 25 Jahren für einen 12-15jährigen Militärbienst anwerben. Oberst Mangin empfiehlt dem Kriegsminister einen 12jährigen Beitraum, damit mehr Referven an ausgebildeten Mannschaften für einen europäischen Krieg gewonnen werden. Da der Militärbienst bet den Sudanesen sehr beliebt ist, so hofft man bort 75 000 Mann zu den Fahnen zu bekommen. Schon im Jahre 1915 will man bis zum 6. Mobilmachungstage eine Division für Europa zur Verfügung stellen, die am 14. Mobilmachungstage in Bordeaux oder Marfeille wäre. Der Generalgvirverneur Franzöftsch- Westafritas tritt für Einführung der allgemeinen Wehrpflicht auch im Suban ein. Man werde dann in wentgen Jahren für den Kriegsfall in Europa mehrere Armeekorps afrikanischer Truppen zur Verfügung haben.
28ir sehen, daß die Pläne der Franzosen bezüglich der Aufstellung einer schwarzen Armee zur Verwendung bei einem Kriege in Europa bestimmte Gestalt anzunehmen beginnen. Man spricht von einer Mobilmachung, als ob sie demnächst zu erwarten set. Delcaffee fagte fürzlich in der Kammer, er werde trachten, ble Flotte Frankreichs alsbald so schlagfertig zu machen, daß sie auf den ersten telegraphischen Ruf zur Aktion berett fet. Und diese Revanchestimmung herrscht trotz einer Versammlung der Friedensfreunde, der außer pielen fremben Botschaftern die meisten Mitglieder der franzöfifchen Regierung beiwohnten, und in der der bewaffnete Friede noch schlimmer als der Krieg selbst bezeichnet wurde. Ein Druck Itent in der politischen Atmosphäre, und zu deffen Beseitigung tragen die französischen Mobilmachungsgelitste wahrlich nicht bei.
Rundschau vom Cage.
Politisches.
Rein neues Kaiserschloß in Wiesbaden. Wie der " Juf." mitgeteilt wird, ist in Berlin von dem angeblich beabsichtigten Bau eines neuen Kaiserschlosses in Wiesbaden ebensowenig etwas bekannt, wie von der Tatsache, daß der Statser sich angeblich in Wiesbaden in dem alten Schloß nicht wohlfühlen soll. Auch die Nachricht, daß der Bau des neuen Kaiserschlosses bereits einem Berliner Baurat übertragen worden set, ist unzutreffend.
Der Bundesrat hat seine letzte Vollsitzung vor der Sommerpause am vergangenen Mittwoch abgehalten. Voraussichtlich wird die erste Sigung nach der Pause erst am 5. Oftober stattfinden.
Zur Krifis im Sanfabunde wird aus Essen gemel det: Die Niederrheinisch- westfälische Bezirksgruppe des Hansabundes hat hier in einer Versammlung ihrer Vorstände nach Tebbafter dreistündiger Debatte mit 48
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Jugendfreundschaft.
Roman von G. v. SchItppenbach. ( Nachdruck verboten.) Um fünf Uhr kam eine Drahtnachricht an, fie Tautete: „ Eramen gut bestanden. Dr. med. Alfred."
Alle jubelten bei dieser Nachricht, denn der älteste Bruder war ein besonderer Liebling. Die Mutter aber blickte glitchselig zum grauen Himmel empor, der wieder voll schwerer Wolfen hing, thr Auge sab sie nicht, es war bell in ibr, beiße Freude bewegte thr Herz.
In mehreren Abfäßen beantwortete Thekla Groten bach den Brief threr Jugendfreundin Anna Heideck.
„ Meine Itebe Anna, lange habe ich mich nicht so Herzlich gefreut, wie über Dein Schreiben, es kam völ Itg unerwartet in meine Sände. Auch mir war es schon lange ein Bedürfnis, von Dir au hören, es ist mir jetzt unbegreiflich, warum ich Dir nicht frither schrieb, die lange Trennung ist daran schuld. Denke Dir, ich habe sogar Deine Handschrift nicht mehr erkannt, fie muß sich sehr verändert baben. Mit großem Interesse habe tch Deine Zeilen gelesen, ich teile Deine Trauer um den Verklärten und Dein Glück über Deine Starla. Du sprichst mit warmen Herzenstönen von Deinem ver storbenen Gatten, auch mir ward ein volles, reiches Ebeglitek auteil.
Die erste Zeit unserer Ebe lebten wir, wie Dit ja weißt, in Bromberg, wo mein Edgar an einer Bank angestellt war. Hier wurden unsere dret ältesten Rinder geboren, von denen Du leider nur Lina und Alfred kennst. Später wurde mein Mann nach Memel versetzt, wo wir seitdem wohnen. Ich bin jetzt die glückItche Mutter von dret Söhnen und vier Töchtern."
Frau Grotenbach legte die Feder fort, fie fitrchtete allzuviel von ihren Sorgen zu verraten; der Stolz ist der Reichtum der Armut, es lag nicht in dem christ
gegen 11 Stimmen die Bildung einer selbständigen Bezirksgruppe beschlossen. Diese hat sich konstituiert unter Wahrung ihrer vollen Selbständigkeit und auf Grund der alten Richtlinien des Hansabundes. Der Beweggrund zu dieser Stellungnahme der rheinischwestfälischen Industriellen dürfte darin zu suchen sein, daß sie für die ersten fünf Jahre des Bestehens des Hansabund ihm garantierte Gelder zugesichert haben. Wie die Rh.- Westf. 3tg." erfährt, hat der Vorsitzende der Bezirksgruppe, Geheimrat Kirdorf, in einem Echreiben an Dr. Nießer seinen Austritt aus dem Sansabunde erklärt und näher begründet. Das Diref= torium des Zentralverbandes Deutscher Industrieller hat die beteiligten Unterverbände zum 5. Juli zu einer Tagung nach Hannover eingeladen mit der Tagesordnung:„ Die Krisis im Hansabund". Dem Präsidium des Bundes gingen inzwischen weitere Zustimmungserklärungen zu.
Zu den Aufsehen erregenden Zeilungsmeldungen über die Beziehungen zwischen der Marinebehörde und ben Marinetechnifern in Riel wird der„ Inf." auf eine Anfrage an zuständiger Stelle folgendes mitgetellt: Von der Absicht des Deutschen Techniker- Verbandes", über die Betriebe der Marine die Sperre zu verhängen, falls am 1. Jult gekündigte Techniker aus threr Stellung entlassen werden sollten, ist hier nichts bekannt. Es ist aber eine Anfrage an die Werftdirek tion in Riel über die diesbezüglichen Gerüchte gerichtet worden, nach deren Einlauf erst eine erschöpfende Ausfunft erfolgen fann. Bisher ist hier nur so viel bekannt, daß lediglich eine Umfrage bei den Technikern veranstaltet worden ist, wie sich die einzelnen bereits beamteten Techniker zu der Frage der Umwandlung des bisherigen Dienstverhältnisses in das neue privatrechtliche Dienstverhältnis stellen. Für den Ausfall der Beamtenqualifikation, die anscheinend den Streitpunkt bildet, sollten sie ein höheres Gehalt bekommen.
Die sozialdemokratischen Demonstrationen für das allgemeine gleiche und direkte Wahlrecht in Preußen, die am Dienstag einfeßen werden, sollen während des ganzen Jahres bis zu den Reichstagswahlen fortdauern. Sie werden sich aber ausschließlich auf VersammIungen beschränken, Umzüge werden nicht wieder veranstaltet. Die Parteileitung hat eingesehen, daß sie damit doch nichts erreicht, und muß befürchten, daß es bet Straßendemonstrationen zu Tumulten und Szenen kommt, die manche Mitläufer, auf die man diesmal bet der Reichstagswahl ganz besonders rechnet, stubig machen können.
Die Gefahr einer friegerischen Berwicklung zwischen der Türkei und Montenegro scheint einstweilen geschwunden zu sein. Wohlinformierte diplomatische Kreise in Konstantinopel versichern, daß der auf Anregung Rußlands von London aus propagierte Gedanke einer internationalen Intervention zur Verhittung eines friegerischen Zusammenstoßes zwischen der Türket und Montenegro momentan bet Sette gestellt set, daß er aber sofort wieder werde aufgenommen wer den, falls eine eminente Gefahr im Verzug wäre.
Der englische Seemannsstrelk nimmt in einigen Häfen wetteren Umfang an, in anderen läßt die Bewegung nach. Die Versuche, zwischen den Schiffsreederverbänden und denen der Ausständigen einen Vergleich herbeizuführen, haben bis jetzt noch nicht zu etnem Ergebnis geführt. Sie scheitern hauptsächlich daran, daß wohl einige Schiffsgesellschaften und Reederverbände die Forderungen der Arbeiter auf Lohnerhöhung zum Tell zugestehen, daß sie aber nicht gleich zeitig dem Verlangen der Arbeiter nach Anerkennung threr Organisationen als gleichberechtigte VerhandIungsfaktoren nachkommen wollen. In Liverpool hat der Ausstand der Seeleute zu großen Schwierigkeiten Hinsichtlich der Wegschaffung der aus Amerika und Kanada dort eingetroffenen Nahrungmittel geführt.
Neue amerikanische Regierungspolitik gegen die Trustgesellschaften. Die Erhebung der Anklage gegen 83 einzelne Personen, unter denen sich viele bekannte Finanzters, Industrielle und Anwälte befinden, wird in Neuport als Beginn einer neuen RegierungspoltHit gegen die Trustgesellschaften angesehen, welche gegen bte Untergesellschaften anstatt gegen die Hauptforporationen gerichtet ist. Wie verlautet, führt das Justizbepartement in Washington vier voneinander unabhän gige Untersuchungen gegen die Untergesellschaften, woBet diese in vier Gruppen nach ihrer Produktionsart eingeteilt werden.
Itchen Sinn Theklas zu klagen. Nur threm Gott gegenitber sprach sie sich aus und fand im Gebet die Heilquelle, die nie versiegt.
" Ich will Dir nun alle meine Lieben beschreiben“, hieß es weiter. Von meinem Edgar muß ich leider sagen, daß er fast ein Greis geworden tst; er strengt sich zu viel an und arbettet über seine Kraft. Wenn ich einen Stola befize, so ist es der, die Frau dieses edlen Mannes zu sein, von dem ich nur lernen kann. Er nennt mich am liebsten auch:" Mutting", sowie es die Kinder tun; er ist oft ebenso hilfsbedürftig wie diese und in den praktischen Dingen des täglichen Lebens auf mich angewiesen.
Unfere Erstgeborene heißt Lina, wie Du Dich wohl noch erinnerst; sie ist jetzt vierundzwanzig Jahre alt und ein kräftiges Mädchen, aber nicht eigentlich hübsch, ba das Vernen ihr nicht leicht fiel, haben wir sie nicht damit gequält. Sie ist sehr praktisch und tatkräftig und hat auf einem Gut in Ostpreußen die Wirtschaft er. lernt; was sie angreift, hat Hand und Fuß. Oft wundere ich mich, daß gerade mein ältestes Kind so geworden ist, so ganz anders als ich, die in der Jugend schwärmte und heimlich Gedichte machte. Lina ist die verkörperte Profa, aber eine wohltuende, stemlich herrschfichtig, aber dabei stets bilfsberett. Ste war mehrere Jahre in Stellung, augenblicklich ist sie zu Hause zum Jubel der jüngeren Geschwister, die mit großer Liebe der ältesten Schwester zugetan find. Zu wellen vergesse ich ganz, daß Lina mein Kind ist, und betrachte sie fast wie eine Freundin, mit der ich fiber Leid und Freude spreche, denn sie weiß stets einen gutten Rat, es liegt viel Selbstlosigkeit in ihrem Charakter.
Unser Alfred folgt seiner Schwester, er tst dreiundzwanzig; äußerlich ist er seines Vaters Ebenbild. Er ist sielbewußt und energisch, lebhaft fühlend und sehr begabt, sein Studium als Mediziner hat er eben in Königsberg beendet und möchte gern nach Berlin und
Kleine Dadrichten.
Aufhebung der Luftschifferschule in Friedrichshafen. Nach einer Mitteilung der Zentrale des deutschen Lufts flottenvereins an das Stadtschultheißenamt in Fried richshafen wird die dortige Luftschifferschule tatsächlich aufgehoben.
Der Moniftenbund für Jatho. Eine vom Monistenbund einberufene und von etwa 700 Personen besuchte Versammlung in Magdeburg nahm eine Protestresolution an, die sich gegen die Verlegung der Gewissensund Bekenntnisfreiheit durch das Berliner Spruchfollegium" aussprach.
Die Spende für Pfarrer Jalho, die von dessen Anhängern gesammelt wurde, hat bisher 70 000 Mark ergeben.
Der frühere russische Minister Graf Witte hat in Frankfurt a. M. eine schwere Operation an der Stirn höhle durchgemacht. Sein Befinden ist befriedigend.
Durch giftige Gase wurden in dem RichthofenSchacht zu Schoppiniz in Oberschlesien neun Zimmers Teute betäubt. Zwei von ihnen starben, während die anderen in das Krankenhaus eingeliefert wurden.
Beim Zusammenbruch eines Geristes an einem Geschäftshause in Porz bei Göln ftitraten awet Arbeiter aus einer Höhe von 12 Metern. Der eine war sofort tot, dem anderen waren Arme und Beine gebrochen. Eine vorübergehende ältere Frau und mehrere andere Personen wurden leichter verletzt.
Ermordung eines Ehepaares. In dem Dorfe Sellin in der Neumark ist gestern abend ein Ehepaar, das ein einsames Gehöft bewohnte, ermordet worden. Es soll sich um einen Naubmord handeln.
Bei einem Automobilnnfall auf der Straße Auschwiß- ratau wurde ein Ingenieur getötet, ein Komissar des Bezirksamts und ein Rechtsanwalt schwer verlegt. Sie wurden vollständig ausgeplündert und ihrer Klei der beraubt aufgefunden.
Schwere Bauernuuruben sind wieder einmal in Galizien ausgebrochen. In mehreren Dörfern hatten die aufrührerischen Bauern Häuser in Brand gesteckt, Brücken abgebrochen, Telegraphenstangen umgeworfen und Eisenbahngleise beschädigt. Es soll zu einem gutsammenstoß zwischen dem Militär und den Bauern gekommen sein, wobei über 200 Personen verwundet und mehrere getötet worden sein sollen.
Eine heftige Sikewelle hat in den letzten Tagen Neuyort und seine Umgebung schwer heimgesucht. 22 Personen wurden in schwerkrantem Zustande dem Hospital zugeführt. Von den wegen Sibfchlags eingeliefer fen Personen sind im Laufe des gestrigen Tages fünf gestorben.
Große Ueberschwemmungen in Japan. Durch andauernden Sturm und Regen sind neuerdings Ueberschwemmungen verursacht worden, die in ganz Japan große Verheerungen anrichteten. Auch Menschenleben find zu beklagen.
Wissenschaft, Kunst und Literatur.
Eine auffehenerregende medizinische Entdeckung wurde gestern vormittag in Berlin von einem jungen amerikanischen Forscher Prof. Carrel von der Rocke feller- Universität in Neuport vor einem fleineren Kreise von Aerzten in dem Auditorium der wissenschaftlichen Abteilung der chirurgischen Universitätstli nit bekanntgegeben. Es ist Prof. Carrel geglückt, Körpergewebe, die verschiedenen Organen entnommen wa ren, außerhalb des Körpers zu weiterem Wachstum anzuregen, dadurch, daß er sie auf einen besonderen Nährboden, das sog. Blutplasma, brachte. Es handelte sich dabet auch um Gewebe, das von erwachsenen Le= bewesen stammte, und zwar gesundes wie ertranttes. Die Gewebestücke wurden bei Bruttemperatur in den Nährboden gebracht, und es ergab sich, daß die Blichtung für verschiedene Gewebe im wesentlichen von der Konzentration des Blutplasmas sowie von seinem Ge halt an Wasser abhing. Geheimrat Bier, der Leiter der Klinik, und der Chemiker Geheimrat Fischer beglückwünschten den Neuvorfer Gast zu seiner außeror dentlichen Entdeckung. Prof. Stider wies ausdrücklich darauf hin, daß die Carrelsche Entdeckung ungeahnte Ausblicke auf die ganze moderne Geschwülstlehre eröffne.
Aus den Gerichtssälen.
Das Urteil in Leipziger Spionageprozeß. Der französische Kapitän Lug ist vom Reichsgericht wegen Spionage au sechs Jahren Festungshaft verurteilt worden. Der Angeklagte war, wie erinnerlich Leiter eines Nach richtenbureaus in Belfort und hat als solcher sich mit verschiedenen Personen in Deutschland mitndlich und schriftlich in Verbindung gefeßt, um geheime Nachrichten zu erlangen. In der Begründung des Urteils sagt das Reichsgericht, die deutschen Behörden hätten von bem Vorhaben des Lur rechtzeitig Kenntnis erhalten und hätten ihm fortwährend Material in die Hände gespielt, welches er für geheim gehalten, das aber nicht Wien gehen, um dort noch seine Kenntnisse zu erwettern.
Nach Alfred kommt Eva, sie ist achtzehn. Wie soll ich sie Dir beschreiben, Liebste. Wenn Lina die verförperte Prosa ist, so ist unser Evchen die holdeste Poeste, sie ist sehr musikalisch und möchte sich gern als Klavierlehrerin ausbilden. Ich glaube, daß sie einmal sehr hlibsch werden wird mit ihren großen, dunklen Augen und feinem Gesicht. Neben viel Temperament besitzt unser Itebes Kind eine fast frankhafte Empfindsamkeit, möchte das Leben sie nicht allzu hart anfassen; Klara ist zwei Jahre jünger, ein stilles, rubiges Mädchen, die Lina gleicht, sie ist leider etwas träge und beim Lernen unlustig, ich hoffe aber, das wird mit der Zelt besser."
Hier wurde der Brief unterbrochen; erst nach et nigen Tagen schrieb Frau Grotenbach weiter, es ftel thr so schwer, über die kleine Blinde zu berichten.„ Unfere zwölffährige Irma ist unser Sorgenkind; in Folge einer Gebirnentzündung vor vier Jahren erblindete sie. Sie ist sehr fränklich, sehr zart, wir fürchten oft, daß fie uns nicht erhalten bleibt. Ich kann nur beten, daß Gott sie zu sich nimmt, wo sie das ewige Licht sieht. Ich kann Dir nicht mehr schreiben über mein blindes Kind.
Der Brief brach hier wieder ab, Theklas Augen standen voll Tränen.
" Heute will ich endlich diese Zeilen beenden", hieß es weiter, es bleiben mir noch unsere beiden jüngsten Söhne zu beschreiben übrig; Adam ist elf, Kurt sieben Jahre alt, es find frische, fröhliche Jungen, Kurt ist begabter und lernt gern und leicht, wohingegen Adam leider etwas träge ist.
Nun habe ich Dir meine ganze Familie vorgestellt. Trotz mancher Sorge bin ich glücklich und zufrieden, der Gott, der die Lilten fleidet und den Vögeln thr Brot gibt, hat auch uns nicht vergessen.( 8. f.)
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