Ausgabe 
17.11.1906 Zweites Blatt
 
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Rr. 271.

Zweites Blatt.

Samstag, den 17. November 1906

15. Jahrgang

Reserviert.

,, Schließlich nennen Sie mich gar noch einen Betrüger, nicht wahr?!" Das nun gerade nicht, aber ich zahle jedem zehn Mark, der mir das Gegenteil beweist!"

Gretchens erste Liebe.

Humoreske von E. Fischer Markgraff. Bei Amtsrichters war Besuch angekommen. Die jün gere, verheiratete Schwester der Frau Amtsrichter pflegte die großen Ferien in Begleitung ihrer beiden Söhne Franz und Frizz bei den Verwandten zu verbringen, die ein Land­häuschen mit Garten in der Nähe eines kleinen Städtchens ihr eigen nannten.

Franz und Fritz benutzten die Gelegenheit, um sich mit dem gleichalterigen Sohn des Hauses nach Herzenslust aus­žutoben, machten im Verein mit den Jungen der Nachbar= schaft die ganze Gegend unsicher und verübten so viel Streiche, daß alles aufatmete, wenn die beiden wieder Ver­lin entgegendampften.

Infolge dieses Lebensdranges ihrer Sprößlinge hatte sich unter den Familien ein allgemeines Strafrecht ent­wickelt, so daß jede der Mütter verhaute, wen sie gerade friegen konnte. Es herrschte in dieser Hinsicht Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Am meisten hatte unter diesen Ferienbesuchen das älteste Töchterchen des Amtsrichters, Gretchen, zu leiden, denn zwischen ihr, ihrem Bruder und den beiden Vettern herrschte eine Feindschaft, die zu Zeiten geradezu beängsti gende Dimensionen annahm. Sie datierte von dem Tage, als Gretchen ihren Eltern, berklatscht" hatte, wer bei Gärt ner Schmidts die Aprikosenspaliere geplündert; von dieser Stunde an mußte sie es spüren, was es heißt, den Haß eines Männerbusens erregt zu haben.

Nicht allein, daß ihr auf dem Gartenweg, den sie ge­wohnt war, zu wandeln, wenn sie französische Vokabeln lernte, Knallerbsen gelegt wurden, sie entdeckte auch eines Abends, als sie, mit einem Gedanken an die Lieblingsheldin ihrer Romane in die Kissen sinken wollte, eine mit Wasser ge­füllte Waschschüssel unter dem Bettuche ihres Lagers, so daß sie entsetzt in die Höhe fuhr und mit ihrem Geschrei das ganze Haus alarmierte.

Diese Untat hatte eine strenge Untersuchung, und, da der Attentäter nicht gefunden wurde, ein allgemeines fürch terliches Gericht zur Folge, und Gretchen strafte die drei Bengels mit Verachtung.

Diese Verwicklungen hinderten jedoch nicht, daß ihre Feindschaft zuweilen durch Anfälle einer vorübergehenden, aber um so heftigeren Freundschaft unterbrochen wurde.

Moralische Entrüftung. Die Spazen fliegen um das Haus Und tun gar sehr entrüftet; Die Katze fing sich einen heraus­Es hat sie nach Fleisch gelüftet. Das Schimpfen gar nicht enden will, Sie weden noch die Schläfer. Doch endlich sind die Spazen still: Es frißt jeder seinen Käfer.

Modern.

Herr( bei einem Eisenbahn­zusammenstoße):" Warum leistet man denn den Verunglückten nicht sofort die nötige Hilfe?" Arbeiter: Wir warten nur auf den Photographen!"

*

Gewohnheitsphrase.

Sie( beim Abschied): Wirst Du mir auch treu bleiben, May?" Er( Geschäftsreisender):" Ja, wenn ich Zeit hab'!"

Gretchen beteiligte sich an größeren Exkursionen in den, Wald, sorgte, da sie allein Zutritt zur mütterlichen Speise­tammer hatte, für allerhand Schmackhaftes zum Mitnehmen, ließ sich gnädig herbei, die Squaw irgend eines großen Häuptlings der Apachen oder die gefangene Prinzessin zu spielen.

In diesem Jahre waren die beiden Bettern zum Beginn der Ferien ohne die Mutter eingerückt, und schon nach weni­gen Stunden tobte der Sturm der Feindschaft zwischen den Parteien ärger als zuvor.

Gretchen, die seit Ostern die erste Klasse besuchte, be= wies in diesem Jahre wenig Neigung, den Unternehmungen der Jungen ihre Unterstützung zu leihen, ja sie zeigte un­verhohlen, daß sie diese für zu minderwertig hielt, um sich jetzt noch daran zu beteiligen, was zur Folge hatte, daß Bruder Willy und die Vettern ihr blutige Rache schworen.

Gretchen war überhaupt in einer unbeschreiblichen Auf­regung. In dem Saal der Krone" hatte sich seit einer Woche ein Tanzlehrer niedergelassen mit der deutlich ausge­sprochenen Absicht, die heranwachsende Jugend des Städt­chens in die Lehren der höheren Tanzkunst einzuführen. Auch Gretchen durfte daran teilnehmen. Zu Anfang waren ihr die Uebungen ziemlich langweilig erschienen, aber heute, heute sollte es anders werden, o, über die Wonne!" Heute abend war die erste Stunde mit Herren".

Gretchen war, wie gesagt, in einer unbeschreiblichen Er­

regung.

Er war Primaner, hieß Guido mit Vornamen, ge­brauchte mit Vorliebe Kraftausdrücke wie kannibalisch", ,, höllisch" usw., trug hellblaue Kravatten mit genial flat­ternden Enden und tastete mit den Fingern auf der Ober­lippe herum, als wenn dort ein Schnurrbart stände, und Er nahm nach seiner eigenen Aussage an der Tanzstunde teil, nicht, daß man etwa nicht tanzen könnte, aber es ist doch' ne Abwechselung in der öden Langeweile dieses Nestes", ein Ausspruch, der dem Backfischchen ungemein imponierte.

Und gestern nun hatte er seine Aufwartung gemacht! Da der Vater auf dem Gericht und die Frau Amtsrichter ausgegangen war, un: Besorgungen zu machen, hatte Gret­chen ihn allein empfangen müssen. Sie genierte sich zwar ungemein, als er in den hellen Glacees, mit genial nach= lässiger Ueberlegenheit, in den Salon trat, doch sie bezwang sich und deutete befangen auf einen der Armsessel zur Seite des Tisches, sich selbst in dem zweiten niederlassend. Und da geschah etwas Unerhörtes. Aus einer unaufgeflärten Ursache begann der Sessel sich langsam nach hinten zu sen­

ken, und trotzdem sie erschrocken um sich griff, hörte er doch nicht eher damit auf, bis die Lehne dem Erdboden gleich war. Dem jungen Mädchen stockte das Wort in der Kehle vor Entsetzen, zumal es ihr war, als hörte sie leises Ge= ficher vor der Zimmertür, und da war Er schon herzuge­sprungen und hatte sie ritterlich aus ihrer furchtbaren Lage befreit.

Das hatte ihm ihr ganzes Herz gewonnen und sie zit­terte in Erwartung des heutigen Abends, und nicht um sonst; denn so wie der Tanzlehrer rief:" Bitte zu enga gieren!" stürzte er auf sie zu, und tanzte vorzugsweise mit ihr, so daß sie den Triumph des Abends davontrug.

Die Tanzstunden nahmen ihren Verlauf zum Entzücken der höheren Töchter, und eines Tages, als Gretchen mit Guido sich im Bostonwalzer wiegte, geschah das Unerhörte, daß sie einen Zettel in der Hand behielt.

Sowie der Tanz zu Ende, stürzte sie in die Garderobe, um die Worte glühendster Verehrung zu lesen, mit denen Guido seine Angebetete überschüttete und sie zugleich bat, ihm im hinteren Teile des Gartens beim Schimmer der Sterne ein Stelldichein zu gewähren und ihn ihrer Gegen­liebe zu versichern.

"

Es war in der neunten Stunde des nächsten Abends, als Willy Vetter Franz am Rockschoß packte, der gerade im Begriff war, sich durch das schmale Fenster der Obstkammer zu zwängen, und ihn mit schnellem Ruck zur Erde nieder­zwang.

Franz wandte sich wütend um. Was willste denn? Kommt wer?" In seinen Augen die einzige Entschuldigung für solche Freveltat.

Der Vetter packte seinen Arm und legte ihm die Hand auf den Mund:" St! Stille biste! Komm mal mit, aber leise, sag' ich Dir!"

Na, aber, sag' mir doch

"

,, Kannste denn nich stille sein, altes Kamel?" flang es im erbosten Flüsterton zurück, mitkommen, sag' ich." Er kroch durch ein Loch im Gartenzaun und Franz, der wohl merkte, daß etwas besonderes im Werke war, folgte.

Auf den Knieen krochen sie durch die Gebüsche, Willy immer voran. Plötzlich gab er mit einem leisen Puff das Zeichen zum Stillehalten.

lich?"

Siehste was?" flüsterte er. ,, Herrgott, das is ja-

"

Sei doch still, natürlich die Grete is es.

,, Und füssen tun sie sich; wodrauf steht sie denn eigent­

Dilemma.

Assistent: Nun geht mein Direktor vier Wochen auf Urlaub, dann reist meine Frau weg und zuletzt kommt mein Urlaub. Jezt weiß ich nicht, worauf ich mich am meisten freuen soll?"

**

Im Restaurant. Professor der Ethik: Sie, Kellner, dieses Huhn ist nicht gut, das heißt, vom morali­schem Standpunkt aus kann es gut gewesen sein, aber zum Essen nicht!" *

Gar zu heikel.

,, Kellnärr!"

,, Ew. Gnaden wünschen?" Für mich frisch anstechen!" Aber Ew. Gnaden, es ist ja eben erst frisch angestochen worden!" " Aeh, macht nischt, will mit Kerl neben mir nicht aus einem Fasse trinken!"

Na, auf der Teertonne, womit der Bretterzaun ge= schmiert werden soll."

Im Frühling dieses Jahres hatte der Amtsrichter eine Tonne Teer tommen lassen, um die Planken des Bretter­zaunes, der seinen und des Doktors Garten trennte, wider­standsfähiger gegen Feuchtigkeit zu machen, doch war es bei diesem löblichen Vorsatz geblieben und der Inhalt der Tonne befand sich noch im Zustand unberührter Frische und war infolge ihres Standortes, der vom Morgen bis zum Abend dem glühenden Sonnenbrande ausgesetzt war, von einer Kon­sistenz, die an einen etwas dicklichen Mehlbrei erinnerte.

Da auf des Doktors Seite sich ein ziemlich hochgelege= ner Pavillon befand, hatte Gretchen diesen erhöhten Stand punkt gewählt, um dem Geliebten näher zu sein.

Adieu, mein Liebchen," scholl es jetzt zu den beiden Lauschenden herunter, also auf morgen abend!" Noch ein Kuß, und das Backfischchen schwang sich von ihrem luftigen Platz und eilte leichten Schrittes an den ihr grinsend Nach­blickenden vorüber.

Als sie die Gartenpforte flappen hörten, trochen die beiden Schlingel aus ihrem Versteck hervor: Weißt Du was, Franz," sagte Willy halblaut, nu weiß ich was, hör' mal zu," und er zog ihn mit sich fort, indem er ihm etwas vor­zustellen schien.

Plötzlich riz Franz sich los und stieß ein brüllendes Ge lächter aus." Famos, famos!" schrie er.

Am Spätnachmittag des folgenden Tages ertönte aus der Gegend des Bretterzaunes ein eigentümlich knirschen­des, quietschendes Geräusch und bald darauf sah man Willy und Franz mit scheuer Geschwindigkeit den Garten verlassen. Schon lange vor der festgesetzten Stunde hatte es Guido an den Ort des Stelldicheins getrieben. Er ging unruhig hin und her, sah wiederholt nach der Uhr und sang mit schmelzender Stimme:" Sei Du mein Lieb, ich steh' allein, allein in dieser weiten Welt", was nur insofern nicht stimmte, als er noch sieben Geschwister sein eigen nannte. Endlich, der Mond begann über den Bergen heraufzu steigen, ertönte ein leichter Schritt, und Gretchen erklomm den Ort des Stelldicheins.

"

Entzückt sprang er hinzu und breitete die Arme aus. ,, Geliebte doch er griff in ein Nichts, ein Krach, ein Splittern, ein gellender Schrei, und Gretchen versant vor seinen Augen in das Dunkel menschlicher Tücke und Hinter­list. Als die Frau Amtsrichter eine Viertelstunde später in den Hausflur hinaustrat, fuhr sie erschrocken zurück.

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Pantoffelbeld vor dem Gericht.

Sie müssen aber doch irgend etwas zu Ihrer Verteidigung vorzubringen haben?!" ,, Ach Gott, Herr Richter, das hat mir meine Frau längst abgewöhnt!"

SPREDEF

33.

täglich)