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Nr. 267.
Rebaktion u. Hauptegpcbition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechenschink Nr. 362.
Dienstag, den 13. November 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratisbetlagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Setfenblasen( wöchentlich).
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberhessen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebimg. Enthält alle amilichen Babauneimachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.
Das neueste.
Das Abschiedsgesuch des Landwirtschaftsministers 1. Podbielski wurde unter Verleihung der Brillanten um Großkreuz des Roten Adlerordens gestern genehmigt. Mit der einstweiligen Wahrnehmung seiner Geschäfte wurde Minister v. Bethmann Hollweg betraut.
Was für den Sturz Podbielskis entscheidend war, verrät der Lofal- Anzeiger" in folgender Meldung: Das Ergebnis der vom Reichskanzler angeordneten Erhebungen über die Ursachen der Fleischteuerung liegt seit ctwa 14 Tagen vollständig vor. Wenn auch die tatistischen Zusammenstellungen für die Leistungsfähig
heit der deutschen Landwirtschaft ein verhältnismäßig günstiges Resultat lieferten, so glaubt doch die Reichsnegierung, dem augenblicklichen Notstande sofort Rechnung
wagen zu sollen. Man darf erwarten, daß die Regierung, machdem fie fich mit dem Landwirtschaftsministerium geeinigt hat, Maßnahmen treffen wird. Ob diese in der Herabsetzung der Tarife oder in anderweitigen Erleichterungen der Einfuhr bestehen sollen, muß abgewartet werden.
Arbeitskammern.
Der Staatssekretär des Innern Graf Bosadowsky, der im Reich der Minifter für die soziale Gesetzgebung geworden ft und wohl der befte Kenner der ganzen einschlägigen Materie genannt werden darf, wird auch in dem bevor tehenden Teil der Reichstagssession mit neuen Anforderungen an die Reichsboten herantreten. Er feiert nicht, er macht Feine Pause, er läßt sich nicht durch die unwilligen Reden Der Gegner zurückschrecken; sondern er fährt auf dem eingeschlagenen Wege fort, die begonnene Gesetzgebung auszubauen, ohne Ueberstürzung aber ohne Aufenthalt. Es ist schon oft gesagt worden, es wäre am Ende besser, man machte einmal eine Pause, man ruhte aus in der Neufchaffung von sozialen Einrichtungen, um Atem holen und übersehen zu können, ob sich denn auch alles wirklich bewähre. Man erinnert sich der Redewendung von der Kompottschüssel des Arbeiters, die voll sei. Dieses Wort ist arg mißdeutet worden. Es richtet fich nicht gegen die soziale Gesetzgebung, sondern gegen die Begehrlichkeit, die über alle Schranken sich hinwegsetzt. Auch braucht man nicht zu glauben, daß jeder Ausbau in der Sozialgesetzgebung eine weitere Konzession an die Arbeiter and an ihre unberechtigten Forderungen bedeute. Kunst und Wesen der Sozialgefeßgebung bestehen darin, daß man ausschließlich die berechtigten Forderungen erfüllt und durch diese Erfüllung von unberechtigten Forderungen abbringt. Nicht auf dem Gebiete der Theorie wird das erreicht, sondern auf dem Gebiete der Praxis. Unser Reichsversicherungsamt hat das erfahren und erfährt es von Tag zu Tag aufs neue. Recht wütende und wilde Agitatoren haben im Reichsbersicherungsamt die Erkenntnis gewonnen, daß dort ernsthaft und redlich für die Arbeiter gearbeitet wird, daß die Sozialgesetzgebung den Arbeitern die außerordentlichsten Dienste geLeiftet hat und zu leisten fortfährt, und daß das besser ist, als die Propagierung von unerfüllbaren Wünschen. Nur ganz langsam freilich wird die Einwirkung nicht auf die Stimmung, sondern auf die Stimmen der Arbeiter sich geltend machen. Auf die Stimmung aber kommt es in allererster Reihe an die Stimmen werden schon folgen.
Die Sozialgesetzgebung hat der Arbeiterschaft große Wohltaten gebracht. Die größte Wohltat besteht vielleicht darin, daß alle Darbietungen fich nicht als Almosen geben, [ ondern als anerkannte Rechtsansprüche. Selbstverständlich werden diese Rechtsansprüche auf ihre fittliche Begründung und auf ihre Begründung in den wirtschaftlichen Verhältnissen auf das Genaueste untersucht und darnach abgemessen. Man nimmt fich vor Uebertreibungen in acht, denn jede Uebertreibung, jede Ueberschreitung der natürlichen Grenze würde Bu unerfreulichen Konsequenzen führen und da Schaden anrichten, wo man Nußen schaffen und Segen verbreiten will. Staatssekretär Graf Posadowsky hat bisher noch immer verFanden, in seinen Vorlagen die rechte Linie innezuhalten. Er beweist es auch in seiner neuesten Vorlage, die von der Einrichtung von Arbeitsfammern handelt.
Arbeitskammern, nicht Arbeiterkammern, sollen eingerichtet werden. Der Unterschied ist weit bedeutungsvoller, als man toon vornherein glauben möchte. Die Arbeiterkammern würden Organisationen sein, die aus Arbeitern bestehen und folgerichtig die Interessen nur der Arbeiter wahrzunehmen hätten. Die Arbeitskammern dagegen sind eine Vertretung der Arbeit, und zur Arbeit gehören die Arbeitgeber genau so wie die Arbeiter. Wer das Interesse der Arbeit wahren will, der that das Interesse der Arbeitgeber und der Arbeiter gleichmäßig wahrzunehmen und sie miteinander in Einklang Bu bringen. So bedeutet für die Arbeitskammern der Name schon ein Programm. Selbst die Voreingenommen. Bheit und sogar der üble Wille, den wir nirgend vorausezen mögen, wird diesem Programm zustimmen müssen. OEs wäre Selbsttäuschung, wollte man glauben, daß nun mit arinem Male aller Rwiefvalt zwischen Arbeitgebern und
Arbeitern aufhören müsse. Das ist nicht der Fall und wird auch in absehbarer Zeit nicht der Fall sein. Wohl aber ist ein neues Mittel geschaffen, das die Verständigung zwischen Arbeitern und Arbeitgebern erleichtert und die beiden großen wirtschaftlichen Parteien ständig daran erinnert, daß die eine ohne die andere gar nicht existieren kann, und daß demgemäß ihr beiderseitiger Vorteil von ihnen verlangt, fie sollten aufeinander Rücksicht nehmen, fie sollten nicht einer in dem andern den Gegner, sondern den notwendigen und unentbehrlichen Verbündeten sehen.
Podbielskis Rücktritt.
Das langerwartete Ereignis ist nun eingetreten. Der König hat das Abschiedsgesuch des preußischen Ministers für Landwirtschaft v. Podbielski unter Verleihung der Brillanten zum Großkreuz des Roten Adlerordens genehmigt. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Landwirtschaftsministers ist einstweilen der Minister des Innern von Bethmann- Hollweg beauftragt worden.
Viktor v. Podbielski ist geboren am 26. Februar 1844 zu Frankfurt a. D., ist also heute nahezu 63 Jahre alt. Er trat 1862 in das 11. Ulanenregiment ein, machte den Krieg bon 1870/71 als Generalstabsoffizier beim 10. Armeekorps mit, war später Kommandeur des Zieten- Husarenregiments Rathenow, befehligte dann als Generalmajor die in 34. Kavalleriebrigade in Mez und wurde 1891 zur Dis= position gestell, 1896 erhielt er die Beförderung zum Generalleutnant z. D., nachdem er schon 1893 als Vertreter der Westprigniß in den Reichstag gewählt worden war. Am 1. Juli 1897 übernahm er nach dem Tode von Stephans das Staatssekretariat des Reichspostamts. Als Leiter der Posts geschäfte führte er eine Anzahl von Reformen durch, erhöhte das einfache Briefgewicht von 15 auf 20 Gramm, dehnte die Ortsbrieftage auf die Nachbarorte aus, beseitigte die Kautions. pflicht der Beamten und veranlaßte die Beseitigung der Privatposten durch die Einführung des Postzwanges für verschlossene Ortsbriefe. Die Einführung der Reichspostmarke in Württemberg war sein Wert. Weniger erfolgreich war der ebenfalls von ihm eingeführte Kartenbrief, der heute kaum noch benutzt wird. Zum preußischen Landwirtschaftsminister wurde er im Mai 1901 ernannt, sein Nachfolger im Postamte wurde Staatssekretär Krätke.
Der vorläufig mit der Wahrnehmung der Geschäfte im preußischen Landwirtschaftsministerium betraute Minister des Innern Dr. Theobald von Bethmann- Hollweg ist geboren am 29. November 1856, wurde 1899 Regierungspräsident in Bromberg, im Herbst des gleichen Jahres Oberpräsident der Provinz Brandenburg und am 22. März 1905 preußischer Minister des Innern an Stelle des verstorbenen Freiherrn von Hammerstein- Lorten.
Politifche Rundschau.
Deutsches Reich.
Zu der fürzlichen Beschlagnahme eines deutschen Dampfers durch ein russisches Kriegsfahrzeug werden jetzt von russischer offiziöser Seite Aufklärungen gegeben. Nach russischem Gesez seien russische Wacht- und Schutzschiffe berechtigt, in den Territorialgewässern bis zu sieben Werst vom Ufer ausländische Fahrzeuge anzuhalten. Der Grenzwachtfreuzer Berkut hielt in der Nähe von Reval den Dampfer Minlos an, ohne ihn jedoch zu beschießen, und hielt ihn zwei Tage auf der Reede von Reval fest, weil der Kapitän nicht genau die Bestimmung seiner Fracht anzugeben ver. mochte. Dann wurde„ Minlos" auf Weisung von Petersburg freigegeben und fuhr unbehelligt weiter.
* In Frankfurt a. M. fanden unter dem Vorsiz des Reichstagsabgeordneten Payer Verhandlungen zwischen Vera tretern der Freifinnigen Volkspartei, der Freifinnigen Ver einigung und der Deutschen Volkspartei statt. Es wurde ein stimmig beschlossen, bei den nächsten Reichstagswahlen auf ein Zusammengehen der links stehenden bürgerlichen Parteien unter Wahrung der politischen Selbständigkeit jeder einzelner Hinzuwirken und eine Verständigung über die Aufstellung vor Kandidaten herbeizuführen.
* Maßnahmen der Reichs- Regierung zur Fleischteuerung find dem Vernehmen nach in fürzester Zeit zu erwarten. Dai Ergebnis der vom Reichskanzler angeordneten Erhebungen über die Ursachen der Fleischteuerung liegt seit etwa 14 Tagen bollständig vor. Ob Herabsehungen der Tarife oder Er leichterungen der Einfuhr angeordnet werden, steht noch dahin. Rufeland.
** Die heute vorliegenden Nachrichten lassen wiederum den verworrenen Zustand des Reiches deutlich erkennen. Die Meldungen lauten:
Mostau, 12. November. Heute vormittag wurde auf der Twerskaja eine Bombe geworfen. Der Anschlag war gegen den Stadthauptmann Reinbot gerichtet, dieser blieb aber unverletzt. Ein Schuhmann erschoß den Täter. Tiflis, 12. November. Zwischen den Stationen Dishumaty und Lautschhuty sprangen acht Räuber auf
einen aus Batum kommenden Zug, beraubten die Passagier zweiter Klasse, verwundeten zwei Schaffner, zwangen den Lokomotivführer, den Zug halten zu lassen, sprangen dann bom Zuge ab und flüchteten in den nahen Wald.
Tiflis, 12. November. Bei einer Haussuchung in der Bethauskistraße explodierte eine Höllenmaschine, wobei zwei Schußleute und ein Hausknecht getötet, ein Aufseher der Schutzabteilung und ein Polizeioffizier verwundet
wurden.
Lodz, 12. November. In mehreren Straßen wurden wieder von Unbekannten Revolverschüsse abgegeben, wobei zwei Arbeiter getötet und eine Arbeiterin verwundet wurden. Von den bei den Arbeiterzusammenstößen am Dorigen Dienstag Verwundeten find inzwischen vier geftorben.
frankreich.
** Der Minister des Aeußeren Bichon erklärte bei einer Unterredung über die Marokko Affäre, die französische Regierung sei entschlossen, sich strikte an den Wortlaut der Atte von Algeciras zu halten. Es sei behauptet worden, daß Deutschland fortfahre, Frankreich in Marokko Schwierig teiten zu bereiten. Diese Behauptung sei aber gänzlich hinfällig; nichts berechtige dazu, die Instruktionen der deutschen Vertreter zu verdächtigen.
Afrika.
* Der von einer Anzahl Buren angestiftete Aufstand in der Kapkolonie scheint doch größere Bedeutung zu gewinnen. Die aufständischen Buren wenden sich gegen Kuruman, nordwestlich von Kimberley. Falls der Angriff auf Kuruman erfolgreich sein sollte, werden die Buren gegen Kimberley selbst marschieren. Die Zahl der Aufständischen läßt sich nicht festellen, doch haben sie seit dem Anfang ihres Unternehmens Verstärkungen erhalten. Zwei Banden vor berittenen Buren aus Deutsch- Südwest- Afrika find in englisches Gebiet ein gedrungen, um den Aufstand zu unterstützen. Die Aufständischen find mit Gewehren der neuesten Typs versehen und befizen große Quantitäten von Munition. Fliegende Kolonnen find bereits entsandi worden, um sie auseinander zujagen.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 13. November. Der Reichstag wird nachmittag eröffnet. Auf der Tagesordnung stehen Petitionsberichte.
Berlin, 12. November. Zum Herrenmeister des JohanniterOrdens ist der älteste Sohn des verstorbenen Prinzen Albrecht von Preußen, Prinz Friedrich Heinrich, gewählt worden.
Konstantinopel, 12. November. In einer Sitzung der beiden Räte des ökumenischen Patriarchats wurde beschlossen, wegen der antigriechischen Bewegung in Bulgarien sich an die Berliner Signatarmächte und gleichzeitig an den Sultan aber. mals mit einer Beschwerdenote zu wenden, in der die Wiederherstellung des status quo und die Freilassung des Metropoliten oon Anchialos verlangt wird.
Newyork, 12. November. Der Premierminister Bond von Neufundland ordnete unter Mißachtung des zwischen der Union und England bestehenden modus vivendi die Verhaftung aller Amerikaner an, welche sich gegen die Neufundländer Fischereigeseze vergehen.
Deer und flottz.
Rekruten- Vereidigung. Der Kaiser nahm Sonntag die Vereidigung der Rekruten der Potsdamer Garnison persönlich vor. Anwesend waren ferner die Kaiserin, der Kronprinz und die Kronprinzessin, die Prinzen Joachim und Oskar, die Prinzessin Viktoria Luise und die Prinzessin Eitel- Friedrich sowie die Generalität und mehrere fremdherrliche Offiziere. Der Kaiser hielt zum Schluß eine Ansprache an die jungen Soldaten.
Torpedobootsunglüd in Spanien. Bei Torpedoboots. Nebungen in der Nähe von Valencia explodierte eine Miene. Die Generale Roldan und Jimenez Sandoval erlitten dabei Verlegungen.
Soziales Leben.
× Aussperrung im westfälischen Textilgewerbe. In den Tertilbetrieben in Emsdetten find gestern 1039 christlich organisierte Arbeiter ausgesperrt worden.
× Riesenstreik der amerikanischen Eisenbahaer in Sicht. Ein Ausstand von gewaltiger Ausdehnung droht bei den Newyorker Eisenbahnen auszubrechen. Etwa 100 000 Angestellte der Erie- Bahn, der Delaware and Lackawanna- sowie der Newyork Central- Eisenbahn halten Bespr ngen über die Frage eines Ausstandes ab; die Mehrzahl ist für die Erklärung des Streiks. Es handelt sich um die Löhne und die Zahl der täglichen Arbeitsstunden. Falls der Streil wirklich ausbricht, wird er den Verkehr auf den wichtigsten Eisenbahnlinien nach Newyork unterbinden und wewaltigen Schaden nebst unabsehbaren Unzuträglichkeiten mit sich bringen. Bisher sind nur die unteren Eisenbahnbediensteten, toie Bremser und Lastträger, in die Ausstandsbewegung eingetreten, es wird aber versucht, die Lokomotivführer zur Beteiligung zu bewegen. Man glaubt, daß die Angestellten mit einem Ausstand Erfolg haben würden, da durch das ganze Land in
( Fortsetzung.) Aus dem Englischen von R. Hunter.
Des blinden Dichters frau.
Ein paar Tage später hörte ich die seltsame und rührende ( Nachbruck verboten.)
jebe
Feine
brange.
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nec
brer Befefchaft
berbrachte, erfilte
Schaffens
bruck gab, fab er sie mit seinen erloschenen Augen an zu schreiben, und als sie ihrer Bewunderung barilber AusEines Tages bat er sie, ein Gedicht nach seinem Dittat Lebenslust und frischem
erwiderte:
und


