f. 261.
Robaktion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanfchluk Nr. 362.
Dienstag, den 6. November 1906
Gießener
15. Jahrgang
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Setfenblasen( wöchentlich).
Neueste Nachrichten
( Bichener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Grash. Bürgermeisterei Gießen, des zoßh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Nationalliberale Landes- Versammlung
zu Darmstadt.
( Schluß.)
Die sehr lebhafte Debatte wird eröffnet durch Rein
hart= Worms, den 3. Präsidenten des Landtags. Er allärt, daß die Kammerfraktion der durch den Vorsitzenden berlesenen Resolution zustimme. Die Bestätigung des fozialdemokratischen Beigeordneten will er von der praktischen Nachricht durch die Preffe ging, Reichstarzler Bülow werde mit den Führern der Hauptparteien Fühlung nehmen. Es fit das eine Gepflogenheit, die schon lange bestehe und jede Unterlassung dieser Fühlungnahme sei äußerst schädlich. Auch bei uns in Hessen hatte sich diese Gepflogenheit herausgebildet. In dieser Frage der Beftätigung aber ist sie vernachlässigt worden. Wäre es geschehen, dann hätte das Ministerium alle Bedenten erfahren, dann würden wir heute nicht vor einer Tatsache stehen, deren unheilvolle Folgen wir noch gar nicht ermessen fönnen. Die Gemüter, die durch die sozialdemokratische Heßerei schon genug verwirrt find, werden nun auch noch von oben verwtrit.( Beifall.) Böhm Offenbach, mit großem Beifall begrüßt, will sagen, was alle bürgerlichen Barteien Offenbachs befeelt bei bem ebanten, daß sie sich als Versuchstarnidel( große Seiterkeit) für die Sozialdemokratie hergeben sollen. Nicht mit der Person des Beigeordneten beschäftige ich mich, fährt er fort, denn dieser ist in den 14 Tagen um so viel% in meinen Augen geftiegen, als die Regierung darin gesunken if.( Großer Beifall.) Ist es erhört, daß das Ministerium einen solchen Mann tommen läßt und ihn fragt, ob er im dem und dem Fall das tus will, was die Gefeße vorschreiben? Und dieser erklärt: Es fällt mir gar nicht ein. Ich bin Sozialdemokrat und bleibe es. Die Meinung, daß der Beige, ordnete feinen großen Schaden anrichten fann, ist hinfällig. Bohl fann er z. B. jederzeit Mobilmachungsbefehle, Anfragen über Anarchisten usw. zu Geficht bekommen, wenn er sich darum nur etwas bemüht. Gerade in Offenbach hätte ein Sozialdemokrat nie bestätigt werden dürfen. Es muß gegen einen derartigen Kurs der Regierung eine sehr deutliche Sprache geredet werden. Der Beschluß des Minifteriums bat in Offenbach eine tiefe Erregung hervorgerufen. Mit den Borrednern stimme ich aber nicht darin überein, daß die Berwirrung dadurch vergrößert worden ist. Im Gegen teil unsre Reihen werden sich wun enger schließen zum Rampf.
Seite beleuchten. Er erinnert daran, daß vor Kurzem die
Steinert Worms erklärt als Arbeiter, daß als die Bestätigung des sozialdemokratischen Beigeordneten zu Offenbach bekannt wurde, eine gewaltige Entrüftung durch die Reihen der nationalgesinnten Arbeiterschaft ging. Man sagte sich, wenn die Regierung einen solchen Vaterlandsfeind on eine solche Stelle stellt, möchte man fast den Mut verlieren zum Weiter fämpfen für Fürst und Vaterland. Was hot die Arbeiterschaft von der Sozialdemokratie zu erhoffen? his, alles find Berlockungen, Versprechungen, die nicht gehalten werden, Ausbeutung durch die Führer. Dr. Claß Mainz bedauert, daß er nicht als Bortführer seiner Mainzer Freunde erscheinen fann. E hält es aber für etne persönliche Pflicht, zu erklären, daß ht alle Mainzer Barteigenoffen denten wie die Mainzer Barteileitung, daß die Bestätigung des sozialdemokratischen Beigeordneten ein Skandal allerersten Ranges ift. Die Regierung ist Konflikten ausgewichen, vor denen sie nicht urückschrecken durfte. Sieht man denn nicht da oben,
hrt er fort, daß der Geist unser es Volkes durch die Sozialdemokratie vergiftet wird und Generationen vaterlandsliebender Männer daran zu arbeiten haben, das wieder gut zu machen, was die Sozialdemokratie heute verdirbt? Wenn das die Regierung nicht sieht, dann muß man ihr mit aller Energie uranfex dieser Kurs führt zum Verderben.
war en.
Beer Offenbach schildert aus eigner Erfahrung hie Raw piweise der jegt in Offenbach maßgebenden Partei hit den letztes Reichstagswahlen, wo die Anhänger der bürgerlichen Parteien tatsächlich nicht mehr des Lebens sicher Gerade diese Erfahrungen hätten der Regierung zeigen müssen, was sie zu tun hatte. Sie hätte die Parteien interfüßen müssen, die für die staatliche Autorität gestritten haben. Und weicher Jatonsequenz macht sich das Ministerium stulbig! In Offenbach bestätigt es den Sozialdemokraten, in Mühlheim bestätigt es ihn nicht.
Nachdem Ewald Worms im Auftrage des Bormser nationalliberalen Arbeitervereins auch seine Buftimmung zum Vorgehen der nationalliberalen Partet
ausgesprochen hat, bringt Roth Worms als Mitglied eines Kriegervereins die Gefühle zum Ausdruck, die die einstigen Soldaten und alten Krieger erfüllt hätten, als die Kunde von der Bestätigung des sozialdemokratischen Beigeordneten zu Offenbach in das Land drang. Enttäuschung, bittere Enttäuschung hat die erfüllt, die auf
ihre Fahne geſchrieben haben: Mit Gott für Kaiser und
Reich.
Bangel: Darmstadt erklärt im Namen der nationalliberalen Jugend Darmstadts, daß diese auch den Schritt der Regierung für bedenklich, für eine bedauerliche Entgleisung halte. Sie hoffe, daß die Regierung durch die heutige Versammlung vor weiteren Schritten in dieser Richtung bewahrt werde. Ebenso bestimmt gebe sie aber auch dem Wunsche Ausdruck, daß die Partei auch dann, wenn sich nach anderen tichtungen rückschrittliche Tendenzen geltend machten, in derselben Weise Front dagegen mache.
Reichstagsabgeordneter raf Oriola stellt die Uebereinstimmung aller nationalliberaler Kreise fest und ferner, daß auch in Mainz die, welche nicht mitgehen, nicht die einzigen Nationalliberalen in Wainz sind. Nur das eine, führt er weiter aus, sei noch gesagt: Mehr leid als der Schritt der Regierung tat mir die pffiziöse Erklärung in der Darmstädter Zeitung. Denn in dieser Entschuldigung liegt der Beweis für die Schwäche unserer Regierung. Die Gefühle des Reichstagsabgeordeten, der in Berlin nur vom„ roten Großherzogtum" reden hört, will er nicht schildern. Er will nur noch festellen, daß die Regierung fein Gefühl hat für die Stimmung derjenigen Kreise, auf die sich Fürst und Staat berlassen müssen. Diese Kreise sind tief erregt. Daß dies auch in Oberhessen der Fall ist, will er fund tun.
Winkler Oppenheim schildert die Stimmung des Volkes auf dem Lande des Reichstagswahlkreises Mainz- Nierstein. Wir haben, führt er aus, einen Kurs der Rückgratlosigkeit, der nur Kompromisse schließt, aber nie mannhaft aufzutreten wagt. Es ist der Kurs der Frankfurter Zeitung".( Stürmischer Beifall.) Es ist aber erfreulich, daß die nationalliberale Partei gegen diese nationale Geschlechtslosigkeit Protest erhebt.
Reinhart Worms teilt mit, daß die nationalliberale Landtagsfraktion in einer Sizung am Morgen beschlossen habe, eine Interpellation über diese Frage einzubringen.
Reichstagsabgeordneter Beder( mit großem Beifall begrüßt) führt, nachdem er auch auf den letzten Reichstagswahlkampf im Bezirk Offenbach hingewiesen und auf die Begeisterung, welche die Reihen der national. gesinnten Wähler nach dem schwer erkämpften Sieg erfüllt habe, weiter aus: Wenn Krone und Ministerium nicht mehr den Weg zum Herzen des Volkes finden, dann ist es unsere Pflicht, ihnen diesen Weg zu zeigen. Es ist ein Akt der Pflichtvergessenheit, wenn das Ministerium diese Bestätigung vornahm. Das Ministerium hätte der Krone gegenüber fest bleiben müssen. Das Volk versteht es nicht, daß man einen Sozialdemokraten in eine obrigkeitliche Stellung bringen kann, der bereit ist, diese Obrigkeit zu stürzen. Darum ist die Erklärung der Regierung ein Armutszeugnis für die politischen Kenntnisse ihrer Vertreter. Wenn die Regierung wenigstens die sozialdemokratische Presse studieren würde, dann müßte sie zur Einsicht kommen, daß die Einsegung von Sozialdemokraten in obrigkeitliche Stellen geradezu Selbstmord ist. Hier machen wir als nationale und liberale Männer nicht mit.( Lebhafter Beifall.)
Als letter Redner betritt der greise nationalliberale Führer Dr. Dsann I. das Rednerpult. Er hält es für seine Pflicht, der Versammlung mitzuteilen, daß der jüngst verstorbene nationalliberale Landtagsabgeordnete Müller in der Nacht vor seinem Tode auch mit dieser Frage und mit dieser Versammlung beschäftigt gewesen set und eine Rede ausgearbeitet habe, die er heute hier halten wollte. Die Familie habe ihm dieselbe vorhin überbringen lassen. Seit Finger nicht mehr sei, habe sich eine mehr ästhetische Behandlung der Politik in Hessen geltend gemacht. So bedeutsam aber auch die Aesthet k sei, noch wichtiger sei die Kunst der Politik. Gewisse Abgeordnete seien ganz besonders behandelt worden, seien tonangebend geworden. Nachdem die Regierung einmal diese falsche Richtung eingeschlagen habe, sei es für sie schwer gewesen, wieder zurückzulenken. Die jetzige Bestätigung setze dieser Politik die Strone
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auf. Eine Partet, die alles hiftorisch Gewordene vernichten will, mit den andern Parteien zu vergleichen, ist unerfindlich. Die sozialdemokratische Partei nugt den jetzigen Staat aus, um ihre Ziele zu erreichen. Wo sie zur Macht kommt, geht sie darauf hinaus, diesen Staat zu vernichten. Und ein Mitglied dieser Partei wird von unserer Regierung bestätigt. Diese Be
stätigung ist in jeder Beziehung ein unheilvoller Schritt.
Damit ist die Debatte beendigt. Der Vorsitzende, Dr. Ofann II. bringt die gestern mitgeteilte Resolution zur Abstimmung. Sie wird einstimmig angenommen. Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf das deutsche Vaterland wird die Versammlung, die von etwa 1000 Personen besucht war, gegen 6 Uhr geschlossen.
Lebrlingsmangel im Handwerk.
In dem Bezirk der Handwerkskammer Düsseldorf find nach deren soeben erschienenen Jahresbericht im vorigen Jahr wenig über 6800 junge Leute als Lehrlinge in einen Handwerksbetrieb eingetreten. Da die Lehrzeit für Handwerks= lehrlinge im Durchschnitt nicht ganz drei Jahre beträgt, so fann die Gesamtzahl der Handwerkslehrlinge im Handwerkstammerbezirk Düsseldorf 20 000 nicht wesentlich übersteigen. In demselben Handwerkskammerbezirk beträgt die Zahl der Handwerksbetriebe etwa 44 000, woraus hervorgeht, daß noch nicht einmal auf jeden zweiten Handwerksbetrieb ein Lehrling tommt.
Das find überaus unerfreuliche Verhältniszahlen, die auf cinen schweren Rückgang des Handwerks schließen lassen, auf eine rapide Verminderung der Betriebe in absehbarer Zeit. Tatsächlich ist die Klage über Lehrlingsmangel auch schon recht alt. Abgesehen von der Schlosserei ist diese Klage allgemein und reicht eine Reihe von Jahren zurüd. Selbstverständlich hat die Handwerkskammer es als ihre Pflicht angesehen, dem Uebelstand durch Anwendung verfügbarer und geeigneter Mittel abzuhelfen. Sie richtete u. a. furz vor Ostern an die Eltern der zur Schulentlassung kommenden Kinder ein Rundschreiben, das auf die Bedeutung, die Würde und die Aussichten des Handwerks hinwies und die Eltern einlud, ihre Kinder zu tüchtigen Meistern in die Lehre zu geben. Die Handwerkskammer regte ferner die Innungen zur Einrichtung einer Lehrstellenvermittelung an, die bei geeigneter Ausgestaltung ganz besonders geschickt dazu wäre, zur Beseitigung des Lehrlingsmangels beizutragen. Der Anregung wurde auch Folge gegeben. Aber nicht allgemein und demgemäß nicht in zureichender Weise. Mehrere Jnnungen und Innungsausschüsse taten, was man im Interesse des
Handwerks von ihnen verlangt hatte und richteten Lehrlings
nachweise ein. Doch bei weitem nicht alle hörten auf die dringende Empfehlung und beteiligten sich nicht an dem Lehrlingsnachweis, sodaß dieser die gewünschte Wirkung nicht haben konnte. Wenn sie sich entschließen wollten, Versäumtes mit Eifer nachzuholen, so würde sich bald manche Lücke in der Besetzung von Lehrlingsstellen schließen und der Nachwuchs des Handwerkerstandes nicht länger gar so dürftig sein. Nicht wenige Eltern würden Kinder zu einem braven Handwerksmeister in die Lehre geben, wenn es ihnen leichter fiele, sich an vertrauenswürdiger Stelle über die einschlägigen Verhältnisse zu unterrichten, sodaß sie instand gesetzt wären, über ihre Verpflichtungen und über die Aussichten der Kinder ein eigenes Urteil zu gewinnen.
Die Handwerkskammer hat in ihrer jüngster. Vollversammlung beschlossen, außer bei ihren Abteilungen auch bei der Kammer selbst eine Lehrlingsrolle zu führen, die zunächst eine gute Statistik über das Lehrlingswesen ermöglichen soll. Solche zuverlässige Statistik hat bisher gefehlt. Die Handwerker sträuben sich in der Mehrzahl gegen die Erfüllung der Vorschrift, die schriftlichen Lehrverträge zur Eintragung in die Lehrlingsrollen der betreffenden zuständigen Abteilung einzuschicken oder vorzulegen. Jedenfalls tun sie es vielfach nicht rechtzeitig und manchmal erst nach Zwangsanwendung durch Strafverfügungen. In dem Bericht der Handwerkskammer Düsseldorf heißt es wörtlich:" Das, wozu die Handwerker durch die Vorschriften zur Regelung des Lehrlingswesens ohne weiteres verpflichtet sind, mußte vielfach mit Gewalt erzwungen werden. Schriftliche Vorhaltungen nüßten in den seltensten Fällen. Wegen Nichtanmeldung ihrer Lehrlinge zur Lehrlingsrolle der Handwerkskammer mußten 61 Handwerker mit 3 bis 20 Mark gebüßt werden, und 270 Handwerker waren durch die Polizei zu veranlassen, ihrer Pflicht zu genügen, nachdem die schriftlichen Aufforderungen der Kammer oder ihrer Abteilung fruchtlos geblieben waren." Das ist kein erfreuliches Bild. Wenn die Handwerker selbst ihre eigenen Lebensinteressen. die Lebensinteressen ihres Standes und Berufes nicht wahren wollen, wer soll es dann tun! Hier ist eine sanfte und unter Umständen auch eine derbere A: th rüttelung nötig. Denn an Tüchtigkeit fehlt es unserem Handwerkerstande durchaus nicht, weder an fachlichem Wissen, noch an Intelligenz. Nur an der Selbstbesinnung mangelt es noch in ziemlich weiten Handwerkerkreisen. Denn die Verhältnisse in Düsse sind gewiß feine efzeptionellen, he dürften für die meisten& andwerkskammerbezirke vorbildlich sein.
6.
33.
er
IIZ
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ng
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m.
Zwelter Cell.
Bett unbekannt geblieben
1. Rapitel: Das fertige Buch.
Unbedachtsamkeit seiner jugendlichen Begeisterung. schlug zurüd, so weit er fonnte, Schaukelstuhl und warf sich in genug, er geriet
an
und nahm seinen Insassen denselben mit der ganzen meinen Der Stuhl
es zur
Welt
eins möchte ich wissen: hat
gebracht hat. lateinischen Schmöker gestanden?" benn wirklich das alles, was da erzählt wird, in dem alten " In der Hauptsache, ja. Sehen Sie, Sie haben die Aber
angenehmes im Hause vorkam, so mußte er schimpften und stießen ihn, und wenn irgend etwas un. vom Meister bis herunter zum jüngsten Gesellen, fie alle warmer
Sonnenstrahl wohltut, fondern jebermann im Hauses
am meisten


