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Nr. 284.
Rebaltion n. Sumpterpebition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechenfchluk Nr. 362.
Montag, den 3. Dezember 1906
Gießener
15. Jahrgang
6.
Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich).
Neueste Nachrichten
( Gichener Tageblaff)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeitung)
für Sbecheffen und die Kreise Marburg und Beglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.
Das Deueste.
Aus Berlin wird uns telegraphiert: Der falsche Hauptmann von Köpenick, Voigt, wurde Samstag nach längerer Beratung wegen Betrugs, schwerer Urfundenfälschung und Freiheitsberaubung zu vier Jahren Gefängnis und zur Tragung der Kosten berurteilt.( Das weitere fiehe im ausführlichen Verhandlungs- Bericht.)
Politifche Rundschau.
Deutiches Reich.
* Es soll sehr oft vorkommen, daß Kaufleute und Handwerker ohne handelsgerichtliche Eintragung Bezeichnungen wie G. m. b. H.", Kommandit" oder„ Aktiengesellschaft" und Broturazusäße gebrauchen. Die Leipziger Handelskammer in Leipzig beschloß eine Eingabe an den Deutschen Handelstag, in der ein Einschreiten gegen diese Gepflogenheit gefordert wird.
Auf den In Berlin abgehaltenen Delegiertentag der Ronservativen Partei gelangten Resolutionen zur Annahme, bie eine Revifion und Vereinfachung der sozialpolitischen Sefeßgebung sowie Maßnahmen zur Förderung des MittelMandes verlangen. Die Beteiligung an den Verhandlungen hoar sehr start
Rufsland.
** Finland hat sich dem Utas des Baren löblich unterworfen. Der finländische Senat hat durch ein Rundschreiben die Gouverneure angewiesen, Russen die im russischen Reiche Berbrechen begingen und in überhandnehmender Zahl während Der letzten Zeit in Finland Unterkunft suchen, auf Afforderung der russischen Behörden ohne weiteres auszuliefern.
Ferner liegen folgende Meldungen vor:
Petersburg, 1. Dezember. Der Kaiser hat in der An gelegenheit der Getreidelieferungen der Firma Lidwall eine besondere Untersuchungskommission eingesetzt. Diese besteht aus dem Mitgliede des Reichsrates Golubet, den Scnatoren Koni und Schreiber, dem Petersburger Adelsmarschall Grafen Gudowitsch und dem Präsidenten des Petersburger Börsens Lomitees Prosorow. Der Kaiser hat auf die Notwendigkeit hingewiesen, die Untersuchung unverzüglich vorzunehmen.
Afrika.
** Die Stimmung in den englischen Kolonien, welche die früheren Burenstaaten umfassen, ist immer noch sehr erregt. Zwei Afrikanderfarmer im Bethuliedistrikt, die sich geroeigert hatten, der Burenorganisation Orangia Unie beis zutreten, sind seitdem die Opfer nächtlicher Gewalttätigkeiten geworden. Ihre Zäune sind niedergerissen, die Schafe ermürgt beziehungsweise vergiftet oder ausgeweidet, die Viehtranfen mit Dynamit in die Luft gesprengt und die umliegenden Weiden mit Strychniw bestreut worden.
Kleine politische Nachrichten.
Berlin, 2. Dezember. Die Veröffentlichung des vom Reichsamt des Inneren ausgearbeiteten Gesetzentwurfes zur Regelung des Apothekenwesens steht binnen kurzem bevor.
Berlin, 2. Dezember. Dem Reichstag ist eine die Durchführung der Algeciras- Afte bezweckende Vorlage zugegangen.
Kafan, 1. Dezember. Der Polizeimeister Chopoto ist gestern abend beim Verlassen des Theaters das Opfer eines Revolverattentats geworden. Der Mörder ist festgenommen.
Tanger, 1. Dezember. Aus dem Gebiet zwischen Eiksar und Uezzan werden ernste Unruten gemeldet; die dortigen Stämme plündern sich gegenseitig aus.
"
Cadiz, 1. Dezember. Der Kreuzer Princesa de Asturias" ist gestern nach Tanger abgegangen.
Deutscher Reichstag.
( 131. Sigung.)
CB. Ferlin, 1. Dezember. Eine ftürmische Sitzung. Auch die heutige Sigung war den Kolonialdebatten gevidmet. Die Besetzung des Hauses und die Vertretung der Berbündeten Regierungen war die gleiche wie in den letzten Sagen. Zuerst gab heute Kolonialdirektor DernBurg einige Erklärungen ab, durch die er Behauptungen des Abgeordneten Erzberger richtig stellte und insbesondere den Geheimrat Seiß gegen den ihn gemachten Vorwurf der Minwahrheit nachdrücklich in Schuh nahm.
Bebel spricht.
Nun hielt der Abgeordnete Bebel von den SozialBemofraten eine sehr lange Rede, er sprach volle drei Stunden Wang. Die günstige Aufnahme, die dem Kolonialdirektor zuteil geworden ist. wird nach der Meinuna des Sozialistenführers
nicht lange dauern. Die Denfschriften des Herrn Dernvurg feien von niemandem verteidigt worden und seine sogenannte Inventur habe an der Börse homerisches Gelächter wachgerufen. Bebel bedauerte, daß der Abgeordnete Erzberger einen Teil seines Materials, statt es im Reichstage vorzutragen, dem Kolonialdirektor zur Verfügung gestellt habe, und ging dann auf die Kolonialpolitik im allgemeinen ein. Kolonialpolitik fei kein Verbrechen, fee dürfe aber nicht darin bestehen, daß die Eingeborenen ausgeplündert und zur Verzweiflung getrieben werden. Weiter kam der Redner auf den Gouverneur von Buttkamer zu sprechen. Herr von Puttkamer, so erklärte Bebel, bätte an einen der allergrößten Galgen gehört. Der Redner trug Hierauf mehrere Fälle vor, in denen sich Offiziere, Leutnant Kemper, Hauptmann Dominic, aufs grausamste gegen Eingeborene vergangen haben sollen. Dann erinnerte er an die Vergehen Leists und Wehlaus und ging auf den Fall Peters ein. Ich nehme fein Wort von dem zurück, was ich hier über Herrn Peters gesagt habe! rief der Sozialistenführer aus. Dieser Mörder ist jetzt begnadigt worden. Eine Anzahl von Abgeordneten, unter ihnen Herr Dr. Arendt, hat sogar eine Petition für ihn unterschrieben und hat den Geheimrat Hellwig, der die Untersuchung gegen Peters geführt, gestürzt.
Skandalszenen.
Unter großer Bewegung im Hause und lebhaften, fui". Rufen seitens der Sozialdemokraten erzählte der Redner hierauf: Staatssekretär Freiherr von Richthofen habe sich eines Tages den Geheimrat Hellwig kommen lassen und habe ihm gesagt: Wenn ich Ihnen gut raten soll, so lassen Sie sich pensionieren. Sie haben sich in der Sache gegen Peters viele Feinde gemacht. Zur Entschädigung wird man Ihnen eine Aufsichtsratsstelle bei einer Gesellschaft für Kamerun verschaffen!" Geheimrat Hellwig sei diesem Rate gefolgt und bekomme jezt 10 000 Mark Pension, die das Deutsche Reich bezahlen müsse. Hier entstand
-
großer Lärm,
der sich noch mehr steigerte, als der Redner fortfuhr: ,, Geheimrat Hellwig ist vor kurzem zu einem Abgeordneten gekommen, nicht zu mir, auch nicht zu einem Mitgliede meiner Partei, und hat ihm gefagt: ich bin gesund, ich bin start, ich fann arbeiten und ich will arbeiten. Ich bin ein Opfer des Abgeordneten Graf Arnim, Dr. Arendt und von Kardorff. Diese Herren," rief der Redner aus, haben ihre Stellung als Abgeordnete gemißbraucht!
Von der Rechten ertönten hier lebhafte Zwischenrufe, die Sozialdemokraten dagegen gaben ihrer Aufregung Ausdruck und scharten sich um die Rednertribüne. Der den Vorsitz führende Erste Vizepräsident Graf Stolberg konnte sich nur mit Mühe durch fortwährendes Läuten mit der Glocke Gehör verschaffen. ,, Sie dürfen von einem Abgeordneten nicht sagen, er habe seine Stellung gemißbraucht", erklärte Graf Stolberg. Wahr ist es aber", riefen die Sozialdemokraten dem Präsidenten zu und Abgeordneter Bebel erklärte: ,, Ob der Ausdruck parlamentarisch ist oder nicht, ich gebrauche ihn, denn was ich sage ist wahr!"
Es regnet Ordnungsrufe.
Graf Stolberg rief nun den Redner zur Ordnung. Aus der Mitte der die Rednertribüne umlagernden sozial demokratischen Abgeordneten fiel darauf der Ruf: ,, Verbrecher!" Ich rufe den Abgeordneten, der dies gesagt hat, zur Ordnung", sprach Graf Stolberg. Ich habe es gesagt", bemerkte der sozialdemokratische Abgeordnete Zubeil. Dann rufe ich Sie nochmals zur Ordnung", fuhr Graf Stolberg unter großer Heiterfeit fort. Abgeordneter Bebel schloß alsdann seine Rede mit der Bemerfung: Man sieht in diesem Falle wieder einmal, wer eigentlich im Deutschen Reiche regiert. Nun, wir werden den Herren schon dienen I"
Ein leines Intermezzo.
Während die Sozialdemokraten ihrem Führer Beifall fpendeten, verlangte Abg. Dr. Arendt vom Präsidenten Grafen Ballestrem, der inzwischen den Vorsitz übernommen hatte, daß mit Rücksicht auf die heftigen, gegen ihn gerichteten persönlichen Angriffe ihm sofort das Wort zur Erwiderung erteilt werde. Das lehnte aber der Präfident ab, da er keine Ausnahme machen dürfe.
Der nächste Redner, Abg. Ablaß von der freisinnigen Volkspartei, ging ausführlich auf die Untersuchung gegen einige Beamte des Kolonialamts sowie auf verschiedene Fälle von Ausschreitungen in den Kolonien ein. Bevor sich alsdann das Haus vertagte, gab es noch verschiedene persönliche Bemerkungen.
Schluß der Aufregung.
Dabei teilte Staatssekretär Frhr. von Tschirschfy mit, daß das Gnadengesuch für Peters von einer Anzahl von Mitgliedern verschiedener Parteien des Reichstages und des preußischen Abgeordnetenhauses unterschrieben gewesen sei und daß der Kaiser dem Gesuch nur betreffs des Titels, nicht auch betreffs der Pension stattgegeben habe. Abgeordneter Dr. Arendt erklärte, daß er allerdings die Ansicht vertreten habe, daß Geheimrat Hellwig nach seinem Vorgehen wider Peters nicht auf seinem Posten verbleiben fönne, daß er aber damit nur etwas getan habe, was verschiedene andere Abgeordnete auch tun. Abgeordneter Bebel hielt demgegenüber seine Aeußerung aufrecht. Nach einigen weiteren Bemerkungen schloß die Sikuna.
" Hauptmann" Voigt vor Gericht.
-Das gerichtliche Nachspiel der Eroberung von Köpenick.
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Der Schustergeselle und Zuchthäusler Friedrich Wilhelm Voigt hat am 26. Oktober d. J. nicht allein Deutschland, sondern die ganze Welt in Erstaunen und Heiterkeit versetzt, als er in der Uniform eines Hauptmanns und mit einem Aufgebot echter Gardisten die Stadt Köpenick einnahm, Bürgermeister und Stadtrendanten als Gefangene nach Berlin schickte und die Stadtkasse plünderte. Die unerhörte Tat steht einzig da, kein Wunder, wenn der begonnene Prozeß geradezu eine Sensation außergewöhnlichen Schlages bedeutet.
Vor Beginn der Verhandlung.
Vor dem Berliner Gerichtsgebäude und darin ein riefiges Gedränge. Wer mit dem Besitz einer Einlaßtarte prunken kann, wird maßlos beneidet. Nur wenige sind aus erwählt fenen großen Tag von Moabit mitzumachen, d. H. der Verhandlung beizuwohnen. Am Pressetisch wimmelt 3 von Vertretern der großen in- und ausländischen Zeitungen, im Zuschauerraum hat sich die beste Gesellschaft Rendezvous gegeben, wirkliche Damen, fernechte Kavaliere. Maximilian Harden und andere literarische Größen sind anwesend, die Blüte der Juristerei Berlins hat ebenfalls im Zuschauerraum Platz genommen. Voigt darf auf dieses Publifum stolz sein, und er ist es auch; vorahnend, daß er vor einem Parterre bon Berühmtheiten sprechen wird, hat er sich in full dress geworfen.
Der Aufruf der Zeugen.
Pünktlich um 1/210 Uhr vormittags eröffnete der Vorfizende Landgerichts- Direktor Dieß die Verhandlung. Sofort nach Eröffnung der Sitzung wurde der Angeklagte Voigt aus dem Untersuchungsgefängnis vorgeführt. Zu seiner Bewachung wurde in Ansehung seiner Hinfälligkeit nur ein Beamter verwandt. Voigt sieht bedeutend besser aus, als ihn die in den Zeitungen erschienenen Bilder darstellten. Er trägt einen guten schwarzen Jafettanzug, Stehkragen und bunten Schlips. Boigt ist mittelgroß, er hält den weit vorspringenden Kopf etwas gebeugt. Sein Haar ist fast weiß und von der Stirn bis zum Wirbel ganz ausgegangen. Auch der Schnurrbart ist fast weiß. Voigt begrüßte den Gerichtshof mit einer höflichen Verbeugung und setzte sich dann. Es folgte der Aufruf der Zeugen. Als die sieben Grenadiere mit dem Gewehr in der Hand und dem Tornister auf dem Rücken in den Saal einmarschierten, brach eine wahre Lachsalve los, die der Vorsitzende energisch rügte. Die braven Marssöhne schienen diese Kundgebung des Publitums erwartet zu haben, denn sie nahmen sie mit ziemlichem Gleichmut auf. Bei ihrem Aufruf schlagen sie Mann für Mann stramm die Hacken zusammen und riefen mit Stentorstimme: Hier! was wieder Heiterfeit erregte. Auch der Aufmacsch der Köpenicker Beamten, voran der Bürgermeister, wurde mit gebührender Heiterkeit aufgenommen, obwohl der Vorsitzende wiederholt zur Ruhe mahnte. Unter den weiteren Zeugen bemerkte man den großherzoglichen Hofschuhmachermeister aus Wismar, bei dem Voigt bis zu seiner Ausweisung aus Mecklenburg in Arbeit stand, ferner den Zuchthaus direktor aus Rawitsch, dann einen Komplizen Voigts von einem früheren Einbruch her und einen Zeugen aus Tilfit, der ebenfalls Boigt heißt, aber mit dem Angeklagten nicht verwandt ist. Der Vorsitzende bittet alle Zeugen dringend, hier vor Gericht nur die reine Wahrheit zu sagen. Sie sollten sich nicht durch früher gehörtes oder gelesenes in ihren Aussagen beeinflussen lassen. In diesem Saale hat die Sensation feinen Blaz! Gleich nach Beginn der verantwortlichen Vernehmung erhebt der Verteidiger Rechtsanwalt Bahn den
Einwand der Unzuständigkeit
gegen das Gericht, da er der Meinung ist, die Sache gehöre vor das Schwurgericht. Der von dem Angeklagten gefälschten Urkunde haftet der Charakter einer öffentlichen Urkunde an, so daß sich die Straftammer damit nicht befassen fönne. Nach furzer Beratung wird der Antrag der Verteidigung a b gelehnt. Hierauf begann
die Vernehmung des Angeklagten, die Voigt in äußerst geschickter Weise zu einem eindruds. und wirkungsvollen Plaidoyer zu gestalten wußte. Er sprach mit ruhiger, etwas dumpfer Stimme in start ostpreußischem Atzent. Schon nach wenigen Minuten, als er seine Schicksale im Zuchthause und später schilberte, wußte er das ganze Publikum durch seine flare, geschickte Darstellungsweise und anschauliche Erzählung seiner immerhin nicht uninteressanten Vergangenheit zu fesseln. Er bewegte leicht bald die rechte, bald die linke Hand und scheint an dem pastoralen Gebahren einen großen Gefallen zu finden. Auf alle Fälle war es erstaunlich, wie dieser ein halbes Menschenalter hinter Zuchthausmauern internierte Mann den Sizungssaal nahezu drei Stunden hindurch mit seinen Erzählungen, die er in gutem, fließendem Deutsch vortrug, in atemloser Spannung zu erhalten wußte. Selbst der Vorsigende hielt mit seinem Mitgefühl für das Mißgeschick Voigts bei seinen Bemühungen um Wiedererlangung einer anständigen Existenz nicht zurück.
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