Ausgabe 
30.12.1905 Erstes Blatt
 
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Nr. 306.

Erstes Blatt.

Sufertionspreis: Die einfpaltige Betitzeile für ganz Ober­ben, bie Streise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonft 15 Bfg. Reklamen bie Betitzelle 30 resp. 40 Big.

Bebaltion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 88. Fernsprechanschluh Kr. 362.

Samstag, den 30. Dezember 1905

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Bfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberbeffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weglar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberheen.

An der Jahreswende

stehend, laden wir unsere Leserinnen und Leser auch für das neue Jahr zu einem Abonnement auf unsere Beitung ein. Die stets ansteigende Abonnentenzahl sagt uns, daß unser Blatt in immer weiteren Kreisen ein festes Lese­Publikum findet und wir zuversichtlich den eingeschlagenen Pfad weiter verfolgen dürfen. So werden wir auch 1906 mit fefter Hand aus dem Vollen greifen und in lebendiger, frischer Sprache den Kern überall herausschälen.

Größte Reichha.tigkeit bei gedrängtester Anordnung!

das ist unsere Losang. Reichhaltig, um dem Leser den Ueberblick zu bieten, den jeder moderne Mensch über die Weltereignisse haben muß turz und knapp, um nicht durch Langatmigfeit zu ermüden!

Besondere Aufmerksamkeit werden wir unserem hessischen Baterlande und unserer engeren Heimat, unserem schönen Oberhessen zuwenden, denn auch in ihnen werden sich im tommenden Jahre Vorgänge von weittragendster Bedeutung vollziehen, das zeigt schon ein Blick auf die Thronrede. An niemanden werden die geplanten großen Gefeße spurlos vorübergehen; es erwächst daher jedem die Pflicht, über die gefeßgebenden Körperschaften fortwährend informiert zu sein. Diese Informationen wird unser gar in ausgiebiger Weise vermitteln.

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redet aber getan? In der Frage liegt iein Vorwurt. Das Parlament soll reden, denn danach heißt es. Die Frage erinnert nur daran, daß Worte Flügel haben und feine feste Stätte. Sie tun ihre Wirkung und verflingen. Dabei ist dem Reichstag beschieden gewesen, in dem zu Rüste gehenden Jahr Beschlüsse zu fassen, die für geraume Zeit Geltung behalten und auf das tägliche Leben Einflaz üben werden. Die Handelsverträge mit acht europäische Staaten geben vom 1. Februar 1906 ab dem Güteraustauch eine ver= änderte Grundlage. Die Zölle für die Einfuhr nach Deutsch land sind wesentlich erhöht worden, und ähnliches halen die anderen Staaten für ihre Einfuhr getan. Es war harte Arbeit, zu einer harte Verständigung zu gelangen, Arbeit in jedem einzelnen Falle. Die Handelsverträge bingen manche Unbequemlichkeit, aber bor allem bringen sie Stetigkeit, und das ist die wesentlichste Voraus­setzung des Gedeihens für Handel und Industrie. Diese Stetigteit für eine lange Reihe von Jahren geschaffen zu haben, bleibt das Verdienst des Reichstags, den man sonst oft gescholten hat. Der Vorwurf der Trägheit und Lässigkeit ist am lautesten gegen ihn erhoben worden. Dabei hat er selbst sich beflagt, daß er im Frühjahr zu zeitig geschlossen worden und ihm dadurch die Arbeitsmöglichkeit abgeschnitten worden sei. Der Vorwurf ist nur halb gerechtfertigt. Dev Reichstagsbesuch ist in der Tat überaus spärlich, aber die Entlohnung der Reichsboten ist noch viel spärlicher, fie fehlt ganz. Auch Kargheit hat man dem Reichstag nachgesagt. Er ist es nicht immer gewesen. Von den Erfordernissen für die Betämpfung der Aufstände in unseren afrikanischen Kolonien hat er nichts abgedungen, mit ernster Bereitwillig­keit hat er die notwendigen Opfer gebracht. Es muß aner­fannt werden, daß die Kolonialfeindschaft verstummt ist an­unseren Truppen beldenhaft Beführt borben is. Bei bez zabreswende legen wenigstens das nahe Ende des Aufstandes in Deutsch- Süo­westafrika wie in Deutsch- Ostafrika. Daß die Kolonialpolitil in Zukunft bei uns breiteren Raum einnehmen sou, findet äußeren Ausdruck in der Einrichtung eines selbständigen Kolonialamtes.

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Wo sich Unzuträglichkeiten einstellen, werden wir stets der freien Rede das Wort gestatten, uns aber von der gehässigen Tonart, die so oft dem Leser die Lektüre ver­bittert, fernhalten. Um den Lesern eine öffentliche Aus­sprache zu ermöglichen, stellen wir ihnen unseren Sprechsaal" während des ablaufenden Jahres manche Störung ge= zur Verfügung.

Der unterhaltende Teil wird in seiner bewährten und anerkannten Weise fortgeführt werden. Nach wie vor werden packende Romane, Novellen, Stizzen, Aufsäße, sowie Erzählungen und allerlei Kurzweil die Unterhaltungs­Beilage füllen, sodaß unsere Zeitung dadurch zu einem guten, gediegenen Familienblatt wird. Der vor einigen Tagen begonnene Roman Shidsalstampf" von Hermann Heinrich gehört zu dem Spannendsten der modernen Roman­Literatur.

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Dank der vorzüglichen Verbindungen unseres Berliner Bureaus sind wir in der Lage, unseren Lesern stets auf das schnellste und zuverlässigste über die Vorgänge in der großen Welt berichten zu können; besonders wichtige Ereignisse werden wir durch Extra- Blätter bekannt geben.

Wir bitten unsere Leser, soweit dies noch nicht geschehen, das Abonnement sofort zu erneuern, damit feine unliebsamen Allen uns Unterbrechungen im Zeitungsbezuge eintreten. bislang Ferngestandenen bietet sich aber jetzt die günstigste Gelegenheit, ein Probe- Abonnement auf unsere Beitung einzugehen.

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eingesehen de

1905.

amt Gießen,

Mannheim

e Fachschule.

Hochachtungsvoll

Redaktion und Expedition.

1905.

( Politische Jahresübersicht.)

Fast jeder Tag im lieben langen Jahr bringt seine Auf­regung, irgend ein Ereignis, das als bedeutungsvoll angesehen wird und dessen Entwicklung man mit Spannung verfolgt. Viele Monate hindurch tagen die gesetzgebenden Körper. schaften des Reiches wie der Bundesstaaten, und ihre Ver: handlungen gelten für wichtig. Aber der Tag verschling den Tag, das Interesse von gestern ist heute schon vergessen, und nur wenig, recht wenig bleibt im Gedächtnis haften, erhält fich dauernde Beachtung. Wir können eben erstaunliche Mengen an Neuigkeiten restlos konsumieren. Dessen wird man mit besonderer Deutlichkeit inne, wenn man am Jahres­schluß gleichsam Geschichtsinventur aufnimmt. Man stößt dabei auf eine Menge durchlaufender Posten," von denen außer in der Registratur feine Spur mehr geblieben. Sie haben Eifer, zuweilen leidenschaftlichen Eifer geweckt, als sie neu waren, und dann wurden sie in Gleichgiltigkeit begraben. Die Hoffnungen. mit denen man sie begrüßte, haben andere und wieder andere Anlehnung gefunden, doch die Verbindung war und blieb äußerlicher Art, sodaß die Trennung sich schmerzlos vollzog.

Was hat der Reich 3 tag im vergangenen Jahre voll. bracht? Er hat geredet, viel und wohl auch flug ges

In dem Erwerbsleben der Nation hat es geben. Bergarbeiter und Textilarbeiter haben in großen Streifs den Versuch gemacht, sich bessere Lohnb bin mgen zu erringen, und in anderen Produktionszweigen sind ähn= liche Anstrengungen auf das gleiche Ziel gerichtet gewesen. Nicht überall war der Ausgang der nämliche. Mehr als einmal sah der Staat sich zu vermittelndem Eingreifen ver­anlaßt. Eine Novelle zum Berggesez war das Ergebnis dieser Vermittelung, die einstweilen wenigstens beruhigend gewirkt hat. Als ein Gewinn ist es zu betrachten, daß bei aller Beteiligten, Arbeitgebern wie Arbeitern die Neigung gewachsen ist, alle ihre Streitigkeiten einem Schiedsverfahren zu unterwerfen.

Die auswärtige Politik des Reiches war immer und unausgesetzt auf die Erhaltung des Friedens gerichtet. Tas galt für so feststehend und der Erfolg für so unbedingt gesichert, daß man ungemein überrascht war, als in Ver­bindung mit der Mittelmeerreise des Kaisers und dem Besuch des Kaisers in Tanger offenbar wurde, wie arg der Frieden Europas bedroht gewesen war. Die Gefahr war überwunden, als man von ihr erfuhr. Deutschlands Friedensliebe ist unbegrenzt. Deutschland hat aber auch die Pflicht, seine Stellung zu wahren, seiner Ehre nicht zu nahe treten zu lassen; und gerade um des Friedens willen mußten die verbrecherisch- törichten Kreise derer stören, die sich einge= bildet hatten, sie dürften und könnten Deutschland und seine legitimen Interessen ignorieren. Herr Delcassé, der fran­zösische Minister des Auswärtigen mußte über Bord, damit der Marokkostreit in eine friedliche Bahn gelenkt werden fonnte. Den Erfolg belohnte der Kaiser durch Verleihung des Fürstentitels an den Reichskanzler.

Im Zusammenhang mit der Marokko- Angelegenheit trat zu Tage, was demnach in der den Reichstage begrüßenden Thronrede offen bekannt wurde: daß unsere Beziehungen zu England bei aller formalen forret eit zu vin, chen übrig ließen. Mit überraschender Soneüigtett ist es gelungen, hierin glücklichen Wandel herbeizuführen. Diesmal war es die Volks stimmung, die den Staatsmännern die Richtung vorschrieb und sie zu freundschaftlicher Annäherung zwang. Sie folgten übrigens äußerst willig dem 3wang. Das wäre in London wohl auch dann geschehen, wenn dort nicht ein Ministerwechsel vorausgegangen wäre. Das Toryministerium, das die Re gierung niederlegen mußte, weil das Parlament sich ihm zu bersagen anfing, war feineswegs deutschfeindlich. Freilich ist das jezige liberale Ministerium Campbell- Bannermann eine merkliche Nüance deutschfreundlicher. Allzugroßen Wert dar man darauf nicht legen, denn naturgemäß wird in London keine deutsche, sondern nur englische Politik gemacht. Worauf es antomint, ist: daß die Staatsmänner auf beiden Seiten das deutsche und das englische Interesse in derselben Richtung seyen.

Der englische Ministerwechsel war der vorläufige Abschluß innerer Kämpfe, die in England das ganze Jahr ausgefüllt haben. Balfour- Chamberlain drängten zum Schuß­zollsystem. Die englische Bevölkerung glaubt nicht an die Vorzüge dieses Systems und hat sich von dessen Verteidigern

abgewendet. Damit ist nach langer Pause den Whiggs die Herrschaft wieder zugefallen.

In Frankreichs Geschichte wird das Jahr 1905 nicht burch die Marokkofrage- wie lange noch, und niemand kennt fie mehr! bedeutsam sein, sondern durch das Gesetz, das bie Trennung von Staat und Kirche ausspricht. Das Gesetz Ist das Ergebnis einer mehr als hundertjährigen gesellschaft­lichen und politischen Entwicklung, die Frankreich durchgemacht hat und die nicht immer in gerader Linie sich bewegte. Nach ber lästerlich- lächerlichen Abseßung Gottes" durch die erste Republit, nich der Inthronisation der Göttin der Vernunft" hat es manche Umkehr und Abkehr gegehen.

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Für Oesterreich- Ungarn ist das Jahr 1905 ein Jahr wüsten Gezänks in beiden Reichshälfen gewesen. Um Nichtigkeiten hat man sich bis zur Erschöpfung gestritten, und die Parteien haben sich aneinander gerieben, bis sie alle- schäbig wurden.

Norwegen hat sich von der Union mit Schweden losgerissen und sich in einem Dänenprinzen, der jezt Haakon heißt, einen eigenen König gewählt. Nur furze Zeit, und die Norweger werden Mühe haben, sich zu besinnen, weshalb fie eigentlich so eifrig beflissen gewesen, sich von König Oskar bon Schweden zu trennen.

Das wechselreichste Schicksal hat Rußland erfahren. In dem zweiten Feldzug gegen Japan sah es seine Truppen abermals zurückgeschlagen, seine Flotte vernichtet, sodaß die guten Ratschläge zum Frieden nicht länger zurückgewiesen werden fonnten. Bei den Friedensverhandlungen in Ports-­mouth ersocht Rußland dagegen einen großen Sieg. Durch die Friedensbedingungen, die es erlangte, machte es ſeine borigen Niederlagen beinahe wieder wett. Doch dem Lande war noch kein Frieden beschieden. Die ausbrechende Revolution rzwang das Zugeständnis einer Repräsentativ- Verfassung. Das Bersprechen hat die Gemüter nicht beruhigt. In den Hauptstädien und in vielen Provinzen lodern die Feuer des Aufruhrs. Wenn sie am Jahresende etwas niedriger brennen, so weiß doch niemand zu sagen, ob das die Einleitung zum Erlöschen ist, oder ob es auf die Zuführung frischer Brand­nahrung deutet.

In Asien hat der Krieg eine starke Verschiebung der Verhältnisse gebracht. Japan ist in die Reihe der Großmächte getreten. Es ist der Verbündete Englands geworden und die Schußmacht für Englands indische Besizungen. Es war viel­leicht von dem vorigen englischen Ministerium, dieses Abkommen zu treffen. Sehr stolz war es nicht, und vielleicht hat die Wahrnehmung dieses Mangels an Stolz mehr noch als die Abneigung gegen den Schußzoll zur Zeitigung des jüngsten englischen Ministerwechsels beigetragen.

Dies der flüchtige Rundgang durch die politischen Ereig nisse des verflossenen Jahres. Und nun:

Fort mit 1905! Es lebe 1906!

Die ruffifche Revolution.

Ob in Moskau die Ruhe nur ein Waffenstilstand ist oder das Ende der blutigen Kämpfe bedeutet, muß sich noch zeigen. Inzwischen wird von neuen Kämpfen in den Provinzen gemeldet, wo der bewaffnete Aufstand wieder im Zunehmen begriffen erscheint.

Offenbar sind die Moskauer Vorgänge vorbildlich für die Revolutionäre geworden.

Barrikaden überall.

Ueberall im Zarenreiche, bis in den Süden und nach Often hin, erheben sich die Barrikaden, das Zeichen des blutigen Bürgerkrieges. In Petersburg sind darüber folgende Nachrichten eingetroffen:

In Rostam am Don proklamierten die Aufständischen die südrussische Republik. Sie fämpften mit verzweifeltem Mute hinter den Barrikaden und fonnten nur mit Mühe durch das Eingreifen der Artillerie besiegt werden. Heftige Kämpfe find ferner in den Straßen von Lodz geführt worden. Auch im Ural ist es zu einer ernsten aufständischen Be­wegung gefommen, die von den Geschüßfabriken son Sla­toust ihren Ausgang nahm, wo die Arbeiter die Republik proflamierten. Ebenso mußten in Nischni- Nowgorod die Barrikaden mit Kanonen zusammengeschossen werden.

Wie es an anderen Orten aussieht, ist bei der Unter­brechung der Verbindungen nicht zu ersehen.

Petersburg ruhig!

Noch geht es in der Hauptstadt verhältnismäßig ruhig zu, und der Stadthauptmann Dedjulin glaubt sich für die Aufrechterhaltung der Ordnung verbürgen zu können. Ueber seine Mitteilungen wird aus Petersburg berichtet:

Nach den Versicherungen des Stadthauptmanns find die Truppen in bester Stimmung. Die Errichtung von Barrikaden sei in den breiten und geraden Straßen unmöglich. Das Gerücht, daß die Aufständischen Maschinen­gewehre dänischer Herkunft im Besitz hätten, erklärt Dedjulin für unbegründet. Auf der Alexandrowschen Fabrik sei der Versuch eines bewaffneten Ausstandes zwar gemacht worden, habe aber für die Urheber ein sehr trauriges Ende genommen.

Eine größere Anzahl Fabriken sind von den Besizern geschlossen worden. Die Einbuße an Lohn betrug für die Ausständigen in einer Woche 528 000 Rubel.