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Nr. 203.

Jnsertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­heffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg. Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernſprechauschluß Nr. 362.

Mittwod, den 30. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: : abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertelfährl. Mr. 1.50. Gratis beilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erfd eint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Ein Riefen- Truft.

Das prenßische Berggesez hat in der verflossenen Session bes Abgeordnetenhauses und Herrenhauses eine Abänderung erfahren. Auf Anregung des Abgeordneten Gamp sind beide Häuser des Landtags mit der Regierung überein­gekommen, eine Art Sperre des Mutungsrechts für mehrere Jahre einzuführen. Bisher war geltendes Recht, daß jeder, der unter einem Stück Landes Kohlen vermutete und durch Bohrungen in seiner Vermutung bestärkt wurde, einen voll kommenen Anspruch auf Bergwerksbetrieb unter dem be­treffenden Stück Landes erhalten mußte. Das war vielleicht fein ganz gutes Gesetz, weil es zum privaten Besitz machte, was eigentlich Gemeingut war und dem Staat gehörte. Aber das Gesetz hatte auch seine Vorzüge, indem es den Spüreifer aufstachelte und die Erschließung von Bergwerken durch Private förderte. So manches Bergwerk, das jetzt den Reichtum des Landes außerordentlich mehrt, Tausenden und Zehntausenden Arbeit und Unterhalt gibt, wäre noch nicht erschlossen, wenn nicht jenes Gesetz die Anregung ge­geben hätte. Im Lauf der Zeit freilich war der Ansporn überflüssig geworden; man hätte ihn am Ende schon vor Jahrzehnten entbehren und das Anrecht auf die unter­irdischen Schäße dem Staat überweisen können. Gut, daß es jest wenigstens geschehen ist. Es wäre vielleicht noch nicht dahin gekommen, wenn nicht die Internationale Bohrgesellschaft zu Erkelenz, die das Bohren wach Kohlen mit ausgezeichneten Maschinen besorgte und reichste Mittel, wie sie kein Privater dazu aufwendet, zur Verfügung hatte, eben durch diese Vorzüge ein tatsächliches Monopol und somit gewissermaßen Anspruch gewonnen hätte auf die Mutung aller im Lande etwa noch vorhandenen Kohlenfelder. Sie hatte bereits 100 Normalfelder in ihren Besitz gebracht, und weitere 150 Normalfelder waren ihr nach Lage der Gesetzgebung nicht streitig zu machen. Auf diesen 250 Normalfeldern ist Platz für 25 Bergwerke größter Ausdehnung.

In diesen Tagen nun hat das viel genannte Kohlen­sundikat, d. i. die Vereinigung der Kohlengruben­besizer, der Internationalen Bohrgesellschaft deren ganzen Mutungsbesit um den Preis von 35 Millionen Mark abge­fauft. Das Syndikat hat dadurch einen überaus stattlichen Machtzuwachs erhalten und sich gleichzeitig dagegen gesichert, daß ihm aus den erwähnten 250 Normalfeldern der Bohr­gesellschaft eine Konkurrenz erwuchs. Es verlautet, daß der Staat sich an diesem Erwerb mit 10 Proz. beteiligen will, doch ist Bestimmtes darüber noch nicht verlautbart. Immer­hin barf als sicher angenommen werden, daß die staatliche Bergwerfsverwaltung zu dem Kohlensyndikat in ein freund­liches Verhältnis treten und den ihr angebotenen maßgeb­lichen Einfluß auf die Entschließung des Syndikats akzep= tieren will. Es handelt sich dabei um Entscheidungen über die Festsezung des Kohlenpreises, um die Regulierung der Produktion, unter Umständen auch über die Jetsetzung der Löhne und sonstigen Arbeitsbedingungen. Von dem Syn­difat gingen ebenso die Abmachungen über die Betriebsein­stellung in unrentablen Zechen( Stilllegen von Zechen) aus. Der Versuch, diese Materie gefeßlich zu regeln und den Staat zum Herrn der Entscheidung zu machen, ob eine Zeche weiterbetrieben werden muß oder stilgelegt werden darf, ist in der vergangenen Session des preußischen Landtags ge­scheitert.

Man ersieht aus diesen Anführungen, daß der Macht­bereich des Kohlensyndikates recht groß ist. Es muß übri= gens ausdrücklich hervorgehoben werden, daß nach eingehen­den Untersuchungen, an denen auch Gegner des Syndikates fich beteiligten, das wirken des Syndikats sich als tadellos und einwandfrei, vielfach als überaus lobens- und anerken­nenswert erwiesen hat. Ob dieser Vorzug dem Syndikar immer erhalten bleiben wird, steht dahin.

Das Kohlensyndikat stellt nach seiner neuerlichen Erwei­terung einen gewaltiger Tast dar, der sich neben die größ­ten amerikanischen Trusts stellen kann und wahrscheinlich eine viel solidere Grundlage hat, als die meisten von diesen Und noch ist der Kohlentrust an der Grenze seiner Ausdeh­nungsfähigkeit noch lange nicht angelangt. Rohle und Eisen find aufeinander angewiesen, ihre Produktion bedingt bei­nahe einander. Das nächste Gebiet, in das der Trust be­herrschend hinübergreifen wird, ist das des Transportwesens, der Reederei.

Der Entwickelungsgang ist vorgezeichnet und wird sich schwerlich aufhalten lassen, jedenfalls jetzt nicht. Auch sind unverkennbar große Vorteile damit verbunden. Die un­rentable Produktion wird ausgeschaltet, die Ueberproduktion vermieden, die daraus entspringende besondere Krisengefahr wird verhütet. So lange fluge und gewissenhafte Männer an der Spitze stehen, die Leitung führen und überwachen, so lange sind gute Ergebnisse zu erwarten. Man hat auch zu­nächst keinen Anlaß zu der Besora is, daß es an solchen flugen und gewissenhaften Männern sehlen wird. Eine Ge­währ freilich gibt es dafü nicht. Eine gvisse Erschlaffung tritt bei dem Aufhören der Konkurrenz beinahe naturnot­wendig ein. Es kann lange Zeit dauern, ehe das gespürt wird. Um so größer ist dann der Schaden. Der Schlendrian ist immer der Begleiter des Monopols. Hat er sich einge­

nistet, so wird das Monopol wieder zerfallen, der Truft sich auflösen. Dann werden die Krisen nachgeholt, die durch die Kraft der Trusts aufgehalten worden sind. Einstweilen aber sind wir noch nicht so weit, einstweilen haben die Trust­Herren die Oberhand

Der britische flottenbefuch.

( Eig. Bericht.)

Swinemünde, 29. August.

Die dunklen Kolosse draußen vor dem Hafeneingang bilden seit gestern das Ziel Tausender von Besuchern. Dampf­barkassen und andere Fahrzeuge fliegen unaufhörlich zwischen dem Lande und den Anferplätzen hin und her. Neben den englischen Offizieren haben auch diejenigen der deutschen Flotte Landurlaub erhalten, und ein reichbewegtes Leben entfaltet sich nicht allein in Swinemünde, sondern auch in den benachbarten Badeorten Ahlbeck und Heringsdorf. Ueberall erschallt festliche Musik, Tanzlustbarkeiten und Fest­essen werden veranstaltet und allenthalben sieht man briti­sche und deutsche Seeleute in kameradschaftlichem Verkehr. Den Mittelpunkt der Empfangsfestlichkeiten für die höheren Offiziere des englischen Geschwaders gab das gestern im Kurhause veranstaltete Festessen ab. Die Tafel hatte 92 Gedecke. Großadmiral von Köster brachte das Hoch auf Kaiser Wilhelm, Bürgermeister Gräßel den Toast auf König Eduard VII. aus. In englischer Sprache wies der Vor­steher der Stadtverordneten von Swinemünde, Herr Schie­mann, auf die ausgezeichneten Beziehungen hin, die seit Jahrhunderten namentlich zwischen den Städten Swine­münde und Stettin und dem britischen Reiche beständen. Von hohem Interesse war die Erwiderung des englischen Admirals Wilson, in der er die Gastgeber und die deutsche Flotte feierte. Der Admiral dankte für den herzlichen Empfang, ganz besonders aber dem Kaiser, der seine Flotte zur Begrüßung entsandt habe. Der Verkehr zwischen den Angehörigen der beiden Marinen sei wie fein anderes Mittel geeignet, die Beziehungen zwischen den zwei großen Nationen zu fördern.

Nach Tisch blieb man in zwangloser Weise zusammen, vielfach wurde der Meinung Ausdruck gegeben, eine wirk­fiche gegenseitige Abneigung bestehe weder in England noch in Deutschland, die aufreizenden Aeußerungen mancher Leute dies- und jenseits des Kanals hätten keinen Rückhalt im Volk.

Nachmittags drei Uhr war auch den Mannschaften der englischen Schiffe Landurlaub gegeben worden, worauf in zahlreichen Booten die Mannschaften, zumeist am Bollwerk, an Land gingen, wo sie bis zum Abend verweilten, überall von der Bevölkerung auf das beste aufgenommen. An ver­schiedenen Stellen wurden später noch Zusammenfünfte von Angehörigen beider Marinen bei festlichem Trunk und Wort abgehalten.

Heute mittag fand an Bord des deutschen Flaggschiffes ..Kaiser Wilhelm II." beim Großadmiral von Köster Diner statt. Geladen waren Admiral Wilson, Vizeadmiral Moore und Kontreadmiral Poore sowie die Kommandanten der englischen Schiffe, die Spizen der Zivil- und Militärbehör­den der Stadt Sminemünde, ferner der englische Konsul von Stettin und der englische Vizekonsul von Swinemünde. Dic englischen Matrosen erhielten um 2 Uhr Landurlaub.

Sowohl das deutsche wie das englische Geschwader liegen fortwährend unter Dampf. Die deutschen Schiffe sollen in der kommenden Nacht abgehen, um weitere Uebungen in der Ostsee vorzunehmen. Es ist zweifelhaft geworden, ob die englische Flotte nach Danzig geht, und zwar mit Rück­sicht auf die in den lezten Tagen bekannt gewordenen ver­einzelten Cholerafälle im Weichselgebiet.

Stapellauf der ,, Hugufte Viktoria".

( Eigener Bericht.)

Stettin, 29. August. Auf der Werft des Vulkan" hat heute der Stapellauf des neuen Schnelldampfers stattgefunden, der dort für die Hamburg- Amerifa- Linie gebaut ist.

Der Kaiser und die Kaiserin waren vormittags bald nach 10% Uhr mit großem Gejolge auf dem Bahnhofe einge­troffen. Der Kaiser, der Generalsuniform mit dem Mar­schallstabe trug, führte seine Gemahlin an Bord des bereit liegenden Stationsschiffes Carmen", und alsbald setzte sich dieses nach der Vulkan- Werft" in Bewegung. An den Ufelen und auf zahlreichen, zum Teil reich geschmückten Dampfern hatten sich starke Menschenmengen angesammelt, die dem Kaiserpaar während der Fahrt begeisterte Huldi­gungen darbrachten.

Auf dem Festplatz wurden der Kaiser und die Kaiserin bon den Spitzen der Behörden, sowie dem Aufsichtsrat und der Direktion der Hamburg- Amerika- Linie und des Vul­fan" empfangen, auch Bürgermeister Burchard- Hamburg war anwesend. Die Arbeiter der Werft hatten auf und neben dem riesigen Schiffsrumpf des neuen Doppelschrauben­Schnelldampfers Aufstellung genommen.

Nachdem der Kaiser die vom Grenadier- Regiment Nr. 2 gestellte Ehrenfompagnie abgeschritten hatte, begab er sich mit der Kaiserin und dem Gefolge auf die Taufkanzel.

Bürgermeister Burchard- Hamburg hielt die Taufrede, in der er dem Kaiser für das Interesse darkte, das er der Hamburg­Amerika- Linie und deren Zeitung ftets entgegengebracht habe, und auf die alten Beziehungen hinwies, in denen auch die Gesellschaft und die Hansastadt mit der Kaiserin, der Tochter der meerumschlungenen Heimat, siebt. Dann zer­schellte die Kaiserin mit fester Hand eine Flasche Schaum­wein am Bug des Schiffes mit den Worten: Ich taufe dich Auguste Viktoria". Sierauf begab sich das Kaiser­paar zur Ablauffanzel, und alsbald glitt imter dem Hurra der Anwesenden das mächtige Fahrzeug majestätisch in sein Element hinab. Der Stapellauf ging glatt und glänzend bon Statten, worauf ein vom Bürgermeister Burchard aus­gebrachtes Hoch auf den Kaiser und die Kaiserin die Feier­lichkeit schloß. Der Kaiser zog den Generaldirektor Ballin und den Kommerzienrat Schlutow ins Gespräch, von denen dem ersteren die Brillonten zum Kronen- Orden 2. Klasse, dem letzteren der Stern zum Roten Adlerorden 2. Klasse mit Eichenlaub und Krone verliehen wurde. Dann fuhr das Kaiserpaar auf der" Carmen" nach der Stadt zurück.

Von der Anlegestelle des Dampfers bis zum General­Kommando bildeten die Truppen der Garnison und das Kürassier- Regiment Königin Spalier. Vor dem General­Kommando nahm der Kaiser den Vorbeimarsch der Truppen ab, und sodann fand ein Frühstück bei dem kommandieren­den General von Langenbeck statt.

Die Auguste Viktoria" ist das größte if der Welt. Es hat einen Raumgehalt von 25 000 und bekommt eine Besaßung v 650 Mann. De Dampfer kann 1000 Kajüt und 2500 Zwischen ds- Bajjagiere aufnehmen.

1st

Politische Rundschau.

Deutsches Reich.

Reichsschatsekretär Freiherr v. Stengel fehrt im nächsten Monat vom Urlaub zurück und wird dann die letzte Hand an den Entwurf einer Reichsfinanzreform legen. Daj es sich bei dieser Reform zugleich um eine Vermehrung der Reichseinnahmen handelt, ist bekannt. Unter Umständen wird es sich um die Begleitung sogar in noch weit dring. licherer Weise handeln, als um die Hauptvorlage, wie unser Berliner CB- Mitarbeiter schreibt. Auf die Reichsfinanz­reform wartet man nun schon über dreißig Jahre, ja so lange als dos Reich besteht, da die Finanzeinrichtungen des Reichs von Anbeginn nur provisorische Einrichtungen ge­wesen sind, zum ehebaldigsten Abbruch bestimmt. Man ist also hierin ans Warten gewöhnt und wird einen Aufschub um ein weiteres Jahr oder um mehrere Jahre nicht gerade tragisch nehmen. Es wäre aber ein arger Irrtum, wollte man glauben, man braudyte bloß die Reichsfinanzreform abzulehnen, um damit auch der Steuererhöhungen oder der neuen Steuern ledig zu sein. Nein, die Steuererhöhungen find unumgänglich, denn die daraus zu erwartenden Er. träge sind bereits ausgegeben und dauernd angewiesen. Jahr um Jahr werden nicht bloß feine alten Schulden be zahlt, sondern neue gemacht. Wohlgemerkt: nicht neue Schulden für Eisenbahnen und ähnliche werbende, Zins und Amortisation tragende und Ueberschüsse versprechende An­lagen, sondern Schulden für laufende, immer wiederkeh­rende Ausgaben! Dergleichen kann man ein Jahr mit an­sehen, einige wenige Jahre zur Not dulden, aber als dauernde Einrichtung ist es unerträglich und verderblich. Auch darf der Streit darüber, welche Steuer am Ende die om wenigsten unerfreuliche sein würde, nicht dazu führen, daß man die Entscheidung wieder und immer wieder auf­schiebt. Das ginge nur an, wenn man zugleich die Ausgabe verschieben könnte. Da dies aber nicht der Fall ist, die Ausgaben vom Reichstag seit Jahr und Tag bewilligt sind, auch weiter bewilligt werden müssen, da es sich um notwen­dige Aufwendungen handelte, so würde eine Fortsetzung des hinzögernden Verhaltens faum ratsam sein.

*

Die auf auf einer Studienreise nach Kamerun Lefind­lichen Reichstagsabgeordneten nehmen in Lome an der Er­öffnung der neuen Bahn nach Nuepe teil. Sie sandten bei diesem Anlaß ein Telegramm an Kaiser Wilhelm.

frankreich.

** Zu dem französisch- marokkanischen Streitfall hat jetzt die marokkanische Regierung dem französischen Gesandten in Tanger eine Note übergeben, in welcher sie den Stand­punkt vertritt, daß der Sultan von Maroffo berechtigt sei, algerische Moslims, die in Marokko geboren sind oder län­gere Zeit dort leben, als seine Untertanen zu betrachten. Es soll das erstemal sein, daß die Sultonsre.gierung anläẞ­lich der Verhaftung des Kapitäns Bu Mzian einen solchen Standpunkt einnimmt. In französischen Regierungs.reisen soll erwogen werden, ob es sich unter den gegenwärtigen Umständen nicht empfehle, die Marokko- Konferenz so bald wie möglich einzuberufen, so daß die nach deni deutsch- französischen Schriftwechsel noch zu erledigende Mei­nungsverschiedenheit ohne weitere Verhandlung der Ma­rokko- Konferenz selbst zur Entscheidung vorgelegt werden fönnte. In allen Hauptpunkten seien ja Deutschland und Frankreich vollkommen einig, so daß von dieser Seite dem