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Insertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­hessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Redaktion u. Haupterpedition: Gießen, Selters weg 83. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Dienstag, den 29. August 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 30 Via. in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen viertel jährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblaicu( wöchentlich). Tas Klait erid eint an allen Werttagen nachmittags.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen, des Großh. Polizeiamtes Gießen und anderer Behörden von Oberhessen. Betreff: Backsteinblattern( Rotlauffeuche) in Ober- Ofleiden.

Bekanntmachung.

Nachdem in einem Gehöft zu Ober Ofleiden unter den Schweinen die Badsteinblattern( Rotfauffeuche) amtlich fest­gestellt worden sind, haben wir über dieses Gehöfte die Speere verhängt.

Alsfeld, den 26. August 1905.

Großherzogliches Kreisamt Alsfeld. Dr. Melior.

Was koftet die Sozialpolitik?

Gute Leute und schlechte Musikanten sprechen wohl heute roch davon, was alles der Militärmoloch" verschlingt, und reden sich wie anderen ein, das Geld, das für die Rüstung des Landes aufgewendet wird, sei unnüz ausgegeben. Je besser diese Rüstung ist, desto fester reden sie sich das ein, denn um so sicherer sind wir gegen Angriffe, um so seltener wagt ein Staat, eine triegerische Miene gegen uns auf­zusetzen. Wenn freilich der seltene Fall eintritt, wird alles still vom Militärmoloch"; man freut sich im Gegenteil, day; in bezug auf Wehr und Waffen alles in rechter Ordnung ist, und tut sich sogar etwas darauf zu gute, obwohl man gegen jede Militärforderung eifrig gewühlt hat. Das ist nun einmal so Brauch und Herkommen in den Bezirks- und ähn­lichen Vereinen. Ein rechter Mann, der etwas auf sich hält und zu erkennen geben will, daß er von Staats- und wirt­schaftlichen Angelegenheiten etwas versteht, muß in gewissen Zwischenräumen vom Militärmoloch" und den ihm ge­brachten Opfern reden. Feinere Köpfe, die auch schon mit einigen Budgetziffern Bekanntschaft gemacht haben- sie derf recht oberflächlich sein rechnen die Milliarden nach, die das Heer verlangt, wobei sie natürlich jede Ausgabe in ihrem vollen Betrag als Belastung ansetzen und unbeachtet lassen, daß ein Teil jeder Ausgabe als Verdienstquote an Industrie und Handel und Arbeiterschaft zurückkehrt. Sie rechnen weiter, daß diese Milliarden sich völlig sparen ließen, und daß mit Hilfe solcher Ersparnis das Reich in die Lage kommen würde, sich mit geringeren Zöllen und Steuern zu begnügen und größere Aufwendungen für Kulturaufgaben" zu machen. Was unter Kulturaufgaben" zu verstehen ist, wird in der Regel nicht näher ausgeführt. Für Schulen jeden Ranges, auch für die Künste ließe sich wohl noch manches tun, aber Milliarden sind dazu eben nicht nötig. Die Ausgaben für sozialpolitische Zwecke wird man wohl unter die Ausgaben für Stulturzwecke rechnen dürfen; wir wüßten wenigstens nicht, wie sie anders zu klassifizieren wären. Sehen wir nun der Abwechselung halber einmal nach, was der Sozialmoloch" verschlingt, und ob sich seine Anforderungen nicht auch nach Milliarden beziffern! Wir wählen den Ausdruck nicht aus feindseliger oder auch nur abgeneigter Gesinnung, sondern einzig zur Beschämung und zugleich zur Belehrung derer, die vom Militärmoloch" zu reden die Gewohnheit übernommen haben, manchmal ohne sich dabei gerade etwas Schlimmes zu denken. Hat man doch in früheren Zeiten die noch viel üblere Gewohnheit gehabt, von einer ,, bertierten Soldateska" zu sprechen, ohne zu bedenken, daß es im Lande der allgemeinen Wehrpflicht die eigenen Brüder und Söhne waren, die man mit diesem Kosenamen auszeichnete.

Im Deutschen Reich sind für die Arbeiterversicherung in den Jahren 1885 bis 1903, also in 19 Jahren, 4461,8 Mil­lionen Mark ausgegeben worden, wovon 4041,2 Millionen Mark als Entschädigungsbeträge direkt an die Arbeiter und ihre Angehörigen gingen. Die im Jahre 1903 allein aus­gezahlten Entschädigungen beliefen sich auf 453,6 Millionen Mark, d. i. auf 1,2 Millionen Mark täglich. Freilich haben einen Teil dieser Summen die Arbeiter selbst aufgebracht, der größere Teil aber ist von den Arbeitgebern beigesteuert worden. In dem obengenannten neunzehnjährigen Zeit­raum von 1885 bis 1903 sind insgesamt Versicherungsein­nahmen in Höhe von 5955,1 Millionen Mark aufgekommen; hierzu haben die Arbeiter 2472,9, die Arbeitgeber 2667,2 Millionen Mark beigetragen. Das Reich hat für die Inva­lidenversicherung in derselben Zeit einen direkten Zuschuß bon 294 Millionen Mark gegeben. Für das Jahr 1904 mar ini Etat ein Zuschuß von 45,3 Millionen Mark vorgesehen. Bis zum heutigen Tag sind somit für den gedachten Zweck aus Reichsmitteln über 350 Millionen Mark gezahlt wor­den. Für das nächste Jahr wird die Forderung die Summe bon 50 Millionen Mark übersteigen. Noch etwas über zehn Jahre, und die erste Milliarde Reichszuschuß zur Invaliden­bersicherung allein ist voll! Mit diesem Zuschuß sind die Leistungen des Reichs noch nicht erschöpft. Denn das Reich ist auch selbst Arbeitgeber, und nicht in geringem Umfang, und außerdem unterhält es das Reichsversicherungsamt, dessen Kosten nicht gering sind.

Es wird nichts schaden, wenn man sich diese Zahlen gegenwärtig und sie denen vorhält, die vom Militärmoloch" reden und dabei glauben machen wollen, die Erhaltung der Wehrkraft sei es, die das Land ausschließlich und übermäßig belaste, während für die Sozialpolitik nichts geschehe. Se geschieht sehr viel für die Sozialpolitik, von Reichswegen wie bon den Arbeitgebern. Wer das nicht sieht, ist freiwillig blind, und wer das nicht dankbar anerkennt, der ist ber­todten Gemütes und ein Undankbarer.

Noch immer kein frieden.

Die letzten Zusammenkünfte der Delegierten in Ports. mouth sind nach außen hin ebenso resultatlos verlaufen wie die bisherigen Verhandlungen. Die Protokolle wurden unterzeichnet, aber auf beiden Seiten fühlte man sich man. gels neuer und endgültiger Instruktionen von den heimischen Regierungen außer stande, zu einem definitiven Abschluß zu kommen. Die Konferenz tritt erst heute, Dienstag, nachmittag um 4 Uhr zusammen. Es geschieht dies auf die Bitte Taka hiras, welcher erklärte, keine Nachrichten von Tokio erhalten zu haben. Es liegen Anzeichen dafür vor, daß Japan einen neuen Vorschlag machen wird, der die Konferenz für wenigstens einige Tage länger zusammenhalten wird.

Komödienspiel?

Der Kaiser von Rußland soll es nach einer halbamtlichen Meldung bestimmt abgelehnt haben, den Vorschlägen des Präsidenten Roosevelt beizutreten. Roosevelt selbst soll in einem privaten Gespräch geäußert haben, er halte die japa­nischen Forderungen für berechtigt, die Situation erscheine ihm aber hoffnungslos. Mit dieser Entwickelung der Dinge könnte es sich kaum noch um eine Fortsetzung der Verhand­lungen, sondern um den möglichst baldigen Abbruch und die Abreise der Unterhändler handeln. Während so von der einen Seite die Zukunft ganz schwarz geschildert wird, wer­den andernteils sehr freundliche Bilder gemalt. Privatnach­richten aus Petersburger und Moskauer Finanzkreisen be­haupten, der Frieden sei so gut wie abgeschlossen. Alle Mel­dungen, daß in Peterhof beschlossen sei, keinen Rubel Kriegs­entschädigung und kein Fingerbreit Landes abzutreten, seien Erfindungen. Witte niache übermenschliche Anstrengungen, um zu einem Arrangement in der Sachalinfrage zu kommen. Der Friede sei beschlossene Sache und die Unterzeichnung eines Waffenstillstandes stehe unmittelbar bevor. In Frankreich will man den Präsidenten Loubet veranlassen, sich den Bemühungen Roosevelts anzuschließen. Was Frank­reich bisher in der Angelegenheit getan, sei nicht genügend. Die Stellung Deutschlands.

Von gewisser Seite ist das Gerücht ausgestreut worden, Kaiser Wilhelm habe auf den Zaren Nikolaus und auf die russische Regierung dahin einzuwirken gesucht und auch wirk­lich dahin eingewirkt, daß Rußland feinen Frieden mit Japan schließe, daß es den Krieg im fernen Osten Astens mit allen verfügbaren Kräften fortsetze, und die Bedingun­gen, die Japan jetzt stelle, als demütigend und der Ehre Rußlands abträglich zurückweise. Dieser Ausstreuung ist von unterrichteter Seite mit allem Nachdruck entgegengehal­ten worden, daß Kaiser Wilhelm solchen Einfluß auszuüben nie versucht und ihn auch nie ausgeübt habe. Kaiser Wil. helm wünsche die Wiederherstellung des Friedens, unter­stütze ebenso wie die übrigen neutralen Mächte die hierauf gerichteten dankenswerten Bemühungen des Präsidenten Roosevelt, enthalte sich aber nach der russischen wie nach der japanischen Seite jeder vositiven Ratccteilung.

Reichskanzler Bülow hat nun auch in positiver amtlicher Form dem Berliner Korrespondenten der Associa­tes Preß erklärt, daß der deutsche Kaiser und die deutsche Regierung seit dem Beginn der Aktion des Präsidenten Roosevelt nicht aufgehört haben, für die Sache des Friedens einzutreten, wo sich die Gelegenheit darbot. Ebenso wie Amerika sei Deutschland an der Beendigung des Krieges interessiert. Der deutsche Kaiser wie das deutsche Volk wünschten von Herzen den Friedensschluß. Mit dieser Erklärung des Reichskanzlers dürfte nun wohl ein für alle­mal allen böswilligen und leichtfertigen Gerüchten der Boden entzogen sein.

Interviews mit Witte und Takahira.

Der russische Minister Witte bestätigte in einer Unter­redung, der japanische Vertreter Takahira habe um Ver­tagung der Konferenz gebeten, weil feine neuen Instrukt tionen von Tofio eingetroffen wären. Witte habe bereit­willig zugestimmt. Takahira sagte bei einem Interview, da Präsident Roosevelt den Zusammentritt der Friedens. fonferenz veranlaßt habe, fühlten sie sich aus Achtung vor Roosevelt verpflichtet, in der Frage des Abschlusses der Arbeiten nicht vorschnell zu sein. Takahira fügte hinzu, die Lage sei nicht hoffnungslos, aber doch beinahe hoffnungs. los. Die Delegierten haben sich dahin geeinigt, daß keine Sigung stattfinden solle, bis Japan Antwort auf die Er. klärung, die als Rußlands Ultimatum betrachtet werden fann, eingegangen sei. Die Konferenz wird also möglicher. weise nicht ver Mittwoch oder Donnerstag wieder zusammen:

tucten.

Die Engländer vor Swinemünde.

( Eig. Bericht.)

Swinemünde, 28. August. Einen Tag früher, wie erwartet, ist die englische Ostsee. flotte vor Swinemünde eingetroffen. Es regnete ziemlid start, als gestern nachmittag 5 Uhr die nahenden Panzer schiffe signalisiert wurden. Sie näherten sich so schnell, daž ihr Salutschießen erst nach einiger Zeit durch die Hafen. batterien erwidert werden konnte. Man hatte die Ankunft

erst für Montag erwartet. Die Fahrzeuge, zehn Linien­schiffe und eine Anzahl Torpedobootzerstörer, anferten als bald in genauer Doppeltiellinie vor der Hafeneinfahrt auf der Reede. Aus Pommersch- Stargard trafen zwei friegs­starte Kompagnien Infanterie zur Aufrechterhaltung der Ordnung ein, ebenso wurden 50 Gendarmen nach hier bc­ordert.

Bald nach dem Festmachen der englischen Schlachtschiffe gingen eine unabsehbare Menge von Booten und Barkassen in See. Alle Welt wollte die schwimmenden Festungen in der Nähe ansehen. Am Landungsfai drängten sich große Menschenmassen, in erster Linie Sommerfrischler, welche die Gäste mit Hurras begrüßten und unaufhörlich mit den Taschentüchern nach den grauen Kolossen hinüberwinkten. Während dessen fanden die üblichen offiziellen Besuche statt. Der englische Vizekonsul Rose ging alsbald an Bord des Flaggschiffes des kommandierenden Admirals Wilson. Heute früh sieben Uhr liefen fünf englische Torpedobootszerstörer in den inneren Hafen ein, wo das Publikum schon in großen Scharen harrte. Mit Extrazügen und Schiffen trafen Tausende von Neugierigen ein. Sie ließen sich kaum Zeit, etwas Toilette zu machen, um dann die harrenden Dampfer zum Besuch der englischen Linienschiffe zu besteigen.

Große Ueberraschung rief es hervor, als plötzlich hinter den Engländern die mächtigen Ranchwolfen einer neuen Armada jid) zeigten, die sich schnell dem Lande näherte. Bald er fuhr man daß der deutsche Kaiser der deutschen Schlachtflotte den Befehl gegeben hatte, sich zur Begrüßung des englischen Kanalgeschwaders nach Swinemünde zu begeben. Gegen 8 Uhr trafen das erste und zweite Geschwader ein, vom Graßadmiral von Köster auf seinem Flaggschiff Kaiser Wilhelm II." angeführt. Die deutschen Schiffe machten sich in zwei Linien in die Nähe der englischen Flotte fest. Großadmiral von Köster stattete alsbald dem Admiral Sir A. Wilson an Bord seines Flagg­schiffes einen Besuch ab, den der englische Admirat an Bord des deutschen Flaggschiffes Kaiser Wilhelm II." sofort er­widerte. Um 10 Uhr begab sich Admiral Sir A. Wilson in Begleitung des Flagpieutnants an Land und stattete mit dem englischen Konsul Varnel- Stettin und dem englischen Vizekonsul Rose- Swinemünde dem Landrat von Boetticher, dem Bürgermeister von Graetzel und dem Kommandanten der Festung, Oberst Höfer, Besuche ab.

Den zahlreichen Besuchern der britischen Schiffe traten Offiziere und Mannschaften mit äußerster Höflichkeit ent gegen. Mannschaften sind bis jetzt nur noch wenige an Rand gekommen, doch wurden sie mit den allerfreundlichsten Gesichtern empfangen und begrüßt. Es geht das Gerücht um, der Kaiser werde nach dem Stapellauf der Kaiserin Auguste Viktoria" nach hier kommen. Die deutsche Schlacht. flotte wird voraussichtlich morgen wieder abdampfen. Heute nachmittag findet das große Festmahl im Kurhause statt, zu dem von beiden Flotten die Admirale und die höheren Offi­ziere erscheinen.

Politifche Rundschau.

Deutfches Reich.

Die Antwort, die Reichskanzler Fürst Bülow dem fran­zösischen Ministerpräsidenten Rouvier in betreff der Ma­rokko- Angelegenheit hat zugehen lassen, ist in Paris mit Be­friedigung aufgenommen worden. Das Entgegenkommen des Fürsten Bülow in manchen tatsächlichen und für Frank­reich wertvollen Punkten hat am Quai d'Orsay auf das an­genehmste berührt, alle gehegten Erwartungen übertroffen und somit eine freudige Enttäuschung hervorgerufen. Da­rauf war die Bülowsche Artmortnote auch berechtigt. Was noch zur abschließenden Verständigung übrig bleibt, ist ver­gleichsweise untergeordnet und eigentlich nur Beiwerk. Alle Hauptfragen sind aus dem Kreis der Meinungsverschieden­heiten endgültig herausgehoben. Soweit Deutschland und Frankreich beteiligt sind, darf die Frage des Zusammen­tretens der Maroffo- Konferenz als abreton angesehen wer den. Irgend ein Hindernis für die Berufung dieser Konfe­renz ist nicht mehr vorhanden. Die Einladungen werden boraussichtlich noch im Lauf des Monats September an alle beteiligten Mächte ergehen, die auch alle schon ihr Einver­ständnis mit der Einladung zu erkennen gegeben haben.

Im Weichselgebiet sind vereinzelte eingeschleppte Cholerafälle vorgekommen. In Schulitz bei Bromberg ist ein Flößer unter choleraverdächtigen Krankheitserscheinun gen gestorben. In Deutsch- Forden sind zwei und bei Grau­denz drei auswärtige Flößer unter choleraverdächtigen Er­scheinungen erkrankt. Die Behörden haben sofort Schritte getan, um eine Ausbreitung der Seuche zu verhindern. Alle erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen sind getroffen, insbe sondere ist Vorsorge getroffen, daß alle aus Rußland auf der Weichsel eintreffenden Flößer an der Grenze genau auj ihre Gesundheit untersucht werden.

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In dem Aufstandsgebiet von Ostafrika ist ein wesent­licher Erfolg durch die Schußtruppen erzielt worden. Ober­leutnant Paasche stieß am igiflusse auf eine feindliche Streitmacht von etwa 1000 ann, die zur Hälfte mit Ge­wehren bewaffnet waren. Der Feind wurde mit einem Ver­