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ertionspreis: Die einspaltige Petitzeile für ganz Ober­Men, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg. Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

3u baltion u. Haupterpedition: Gießen, Seltersweg 83. Fernsprechanschluk Nr. 362.

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Dienstag, den 27. Juni 1905.

Gießener

14. Jahrgang.

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Neueste Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Wetterwolken.

Kommt es zu einem deutsch- französischen Kriege?- ( Ein Interview.)

Gerüchte über einen drohenden bewaffneten Zusammen­zwischen Frankreich und Deutschland setten in den letzten Een die Gemüter in Erregung, selbst die Börsen in Berlin Paris blieben nicht unberührt von dem unliebsamen fluß des angeblich bevorstehenden Unheils. Natürlich pften die Kriegsgerüchte an die französisch- deutschen Ver­dlungen in der Marokkofrage an. Unser Berliner CB.­itarbeiter hatte Gelegenheit, mit einem aktiven Staats­nn über die schwebenden Angelegenheiten zu sprechen und rmittelt uns als Resultat der Unterredung die folgenden sführungen des Diplomaten:

Ob es zu einem Kriege mit Frankreich kommt? Die Frage nicht unberechtigt, aber nicht an der rechten Stelle ange­dht, wenn fie an uns gerichtet wird. Fragen Sie Frank­ch, ob es einen Krieg will, Sie würden übrigens jetzt eine lich verneinende Antwort bekommen. Vor wenigen Wo­

, als noch Herr Delcassé die schöne französische Welt re­te, hätte die Antwort, wenn sie sich nicht von der Wahr­entfernen wollte, anders lauten müssen. Nicht als Herr Delcassé die Herbeiführung eines Krieges als elbstzweck beabsichtigte. Er war vielmehr nur bereit, es f einen Krieg ankommen zu lassen, und er tat das Mög­de, um den Frieden unmöglich zu machen. Glücklicherweise nd seinen Landsleuten noch rechtzeitig die Augen aufge= angen, so daß fie ihn wegjagten, ehe er das volle Unheil gestiftet, das nicht zu vermeiden er gesonnen war. Auch aben sie sich redlich und klug bemüht, die törichten Schritte elcassés, die den Ursprung des Zviespalts gebildet, wieder idgängig zu machen. Daß Herr Rouvier sich bei alledem emüht, den Rückzug möglichst schmerzlos und mit tunlichsi ringen Verlusten durchzuführen, wird ihm niemand verar­en. Von hier aus wird auch nichts geschehen, ihm seine Posi­m zu erschweren. Im Gegenteil. Aber reiner Tisch muß macht werden; nicht um einer Eitelkeit willen, die wir gar it besigen, sondern um zu verhüten, daß in dem nicht mit reichendem Nachdruck belehrten Frankreich die dem Fric­Europas bedrohliche Verkennung der Machtverhältnisse bald wieder erneuere.

Wir sind weit davon entfernt, Frankreich in irgend einem racht als quantite négligeable anzusehen, seine mili­iche Kraft gering einzuschäzen. Wir können sogar seinem gsminister vollen Glauben schenken, der dieser Tage erst icherte, die französische Armee sei mit Wassen und allem igen Bedarf vortrefflich ausgestattet, und ihr Offizier­s stünde keinem anderen in der Welt nach. Von unserer mee und unserem Offiziertorps brauchen wir das nicht zu sagen, denn alle Belt meiß es ohnehin, und außerdem auf unserer Seite eine sehr starke numerische Ueberlegen­i. Dabei ist noch nicht in Rehnung gestellt, daß der Drei­und unerschüttert besteht. während Frankreichs Bundes­nossenschaften zuin mindesten als außer Aktivität befindlich betrachten sind. Wir baben also, soweit menschliches Ur­geht, feinen Strieg zu fürchten. Daß wir ihn noch we­maet wünschen, fann für andere feinen Rechtsanspruch ab­geben, uns schlecht zu behandeln. Von solcher selbstmörderi­en Einbildung ist Frankreich fern, seitdem Herr Delcassé anfchädlich gemacht worden ist, und wir hoffen, daß solche Enbildung nicht wiederkehren wird. Wir haben aber nicht leiseste Veranlassung, der überwundenen und abgetanen bildung eine Konzession zu machen und für ihr Auf­en eine Prämie zu zahlen.

In der Maroffofrage fann es sich für uns natürlich nicht um handeln, dem Beherrscher dieses Landes eine beson­Bedeutung und ein besonderes Anschen zu verschaffen. forgen lediglich für das eigene Ansehen, und nur der Zu­ist es, der die Wahrung dieses Ansehens äußerlich mit Maroffofrage verknüpft hat. Von irgend einem Paf­eren und Nachlassen darf hier natürlich nicht die Rede sein. og Herr Rouvier noch so geschickt eine speziell französische nteressensphäre in Marokko konstruieren er wird über e Anerkennung nicht hinwegkommen, daß Frankreichs Ab­ahungen mit anderen Staaten null und nichtig sind, sobald eutschlands Rechte davon berührt werden und seine Zu­mmung nicht eingeholt und erteilt worden ist. Die Lei­ng der deutschen Politik hat ein ungewöhnliches Maß von iedensliebe an den Tag gelegt. Man darf erwarten, daß borbildlich wirken wird. Doch an Frankreich ist es, dem rbild zu folgen. Je schneller Frankreich das tut, desto fer für Frankreich. Von uns aus wird es einstweilen t gedrängt werden. Es soll ausreichende Zeit haben, ne Chancen sich zu überlegen, damit es seine Entschließun­die ganz gewiß friedliche sein werden in Aufrichtig­tfasse und in Aufrichtigkeit den tatsächlichen Machtverhält­fen sich anbequeme. Um Liebe werben wir nicht mehr." eles Wort, das Fürst Bismarck am 6. Februar 1888 in er denkwürdigen Reichstagsrede gesprochen hat, ist auch

e in unverminderter, ja in erweiterter Geltung.

Der Krieg in Oftalien.

Den Vorgängen auf dem Kriegsschauplatz im fernen Oster Asiens wird man nach wie vor größte Aufmerksamkeit schen­fen müssen, weit größere, als den auf Herstellung des Frie­dens gerichteten Bemühungen. Denn mehr und mehr be­stätigt es sich, daß die Auffassung richtig mar:

Rußland will keinen Frieden.

Man muß zu der Ansicht kommen: Zar Nikolaus habe nur aus Höflichkeit für den Präsidenten Roosevelt dessen Drängen auf Anbahnung von Friedensverhandlungen nicht von vornherein abgewiesen. In der Tat hat Bar Nikolaus sich lediglich bereit erklärt, japanische Friedensvorschläge an­zuhören. Im besten Fall wird es noch zwei Monate dauern, ehe die Bevollmächtigten der beiden kriegführenden Staaten in Washington zusammenkommen. Kann man doch jetzt schon, ehe noch ein erster positiver Schritt geschehen, Verschlep­pungsversuche wahrnehmen. Rußland will seine Bevollmäch­tigten nicht eher ernennen, als bis ihm die Namen der ja­panischen Bevollmächtigten mitgeteilt sind, was bisher nicht geschehen. Von einem Waffenstillstand aber kann nicht die Rede sein, bis die Bevollmächtigten zusammengekommen find, Vorschläge und Gegenvorschläge ausgetauscht und über die Grundlage der Friedensbedingungen eine vorläufige Ver­ständigung erzielt haben. Bis zu diesem Zeitpunkt, dessen Eintreten einstweilen gar nicht abzusehen, nur schäßungsweise zu vermuten ist, dauern die Kriegsoperationen fort, deren Ergebnis natürlich wieder auf die Forderungen der Bevoll­mächtigten zurückwirkt und die Vorverhandlungen erschwert, ihre Grundlagen verschiebt. Unter solchen Umständen ist es faum zu verwundern, daß die Meinung Anhänger gewinnt, Zar Nikolaus wolle den Frieden überhaupt nicht, sondern beharre darauf, den Krieg bis zum Sieg oder bis zur Er­schöpfung Japans fortzusehen. Die geringste Forderung Japans werde doch in einer Kriegsentschädigung bestehen, und die hierzu erforderliche große Summe sei besser zur Fort­führung des Krieges verwendet. Sicher ist, daß es in der Umgebung und unter den Ratgebern des Zaren Personen gibt, die eine solche Politik empfehlen. Freilich sind das die­felben Ratgeber, deren Empfehlungen bis jetzt nichts als Unglück und Schande über Rußland gebracht haben.

bor.

Vom Kriegsschauplaze liegen nur dürftige Nachrichten

Die Japaner sehen den Vormarsch fort und die Verteidigung der Russen ist nur eine äußerst schwache. Es scheint, daß die Russen die Absicht haben, die erste Linie ihrer Verteidigungswerke zu verlassen, um ihre ganze Kraft dazu zu verwenden, die Linie Chunchun- Kirin zu halten.

Eine lange Depesche des Generals Lenewitsch spricht nur von Vorposten- und Erkundigungsgefechten, die er als ziem lich unbedeutend hinstellt und bei denen bald die Russen, bald Aus die Japaner die Ueberhand behalten haben sollen. Tokio berichtet man allerdings, daß

eine russische Niederlage

den Japanern ziemliche Vorteile verschafft habe. Die Russen wurden danach von einer Anhöhe bei Nanschanchenzu vertrie­ben. Eine russische Abteilung, welche mehrere Anhöhen be­setzt hatte, wurde ebenfalls angegriffen. Gleichzeitig machten die japanischen Truppen eine Umgebungsbewegung bon Nordosten aus, schnitten den Russen den Rückzug ab und brachten ihnen große Verluste bei. Der Feind hißte in seiner Verwirrung die Flagge mit dem roten Kreuz, doch hör­ten die Japaner nicht auf zu feuern. Die Russen flohen in Verwirrung nach Norden.

Das mangelnde Glück im Felde haben die Russen von Anfang des Krieges an durch Angriffe auf neutrale Schiffe zu ersehen versucht. So wird es jetzt bekannt, daß abermals ein neutrales Schiff versenkt

wurde und zwar schon vor längerer Zeit. Der englische Dampfer Jkhona", der am 18. Mai mit einer Ladung Reis und Post von Rangoon nach Yokohama abgegangen, dort aber nicht eingetroffen ist, ist einem russischen Kreuzer zum Opfer gefallen. Der in Singapore eingetroffene holländische Dampfer Pertak" überbrachte dorthin die Meldung, daß die khona" am 5. Juni 150 Meilen nördlich von Hong­kong von dem russischen Kreuzer Teret" zum Sinfen ge­bracht wurde. Die Besayung nahm die Terek" zunächst an Bord und übertrug sie am 19. auf den ihm begegnenden " Pertak", der sie nach Singapore mitnahm.

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Die Politik..

Die Reichstagssession ist erst seit drei Wochen geschlossen, und schon ist von der neuen Reichstagssession die Rede, die bereits im Oktober beginnen soll. Die frühe Berufung hat den Zweck, das gleichzeitige Tagen mit den preußischen Kamunern tumlichst zu vermeiden und die Kraft des Reichs­tags auf die Erledigung zunächst zweier Aufgaben zu kon­zentrieren: der Reichsfinanzreform und der Flottenvorlage. Die Aussichten der Reichsfinanzreform sind allerdings recht wenig günstig. Sie ist noch nicht ausgearbeitet, man kennt ihre Einzelheiten nicht, aber man bringt ihr unbekannter­weise die lebhafteste Abneigung entgegen. Reichsschatz­sekretär Freiherr v. Stengel wird ungewöhnliche Geschicklich­

keit und besonderes Glück nötig haben, um überhaupt etwas zustande zu bringen. Denn abgesehen davon, daß eine Finanzreform ohne Steuervermehrung undenkbar ist und daß Steuerprojekte niemals populär sind, haben manche von den Mehrheitsparteien selbst mehr, als gut ist, sich gegen getvisse Steuerpläne festgelegt. Es wäre um so mehr zu bedauern, wenn die Reichsfinanzreform zum Scheitern käme, meil Reichsschatzsekretär v. Stengel in diesem Fall von seinem Amt zurückzutreten entschlossen sein soll. Ein günstigerer Stern winkt der Flottenvorlage, die jedenfalls ohne Auf­schub unter Dach gebracht werden wird. Dafür haben die Zivillords der englischen Admiralität und englische Admi­rale a. D. gesorgt.

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* Der Gewerkverein christlicher Bergarbeiter hat in seiner X. Generalversammlung in Oberhausen beschlossen, die reichsgesetzliche Regelung des Bergarbeiterschutzes zu ver­langen. Einstweilen werden die Beteiligten alle wohl erst abwarten müssen, wie sich das preußische Bergarbeiterschutz­gesez bewährt, das binnen Wochenfrist etwa im Herrenhaus zur Verabschiedung gelangt.

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Im preußischen Abgeordnetenhaus soll am kommenden Samstag die Eisenbahntarifreform zum Gegenstand einer Interpellation gemacht werden. Als die Interpellation vor­bereitet wurde, war die Mitteilung des Herrn Eisenbahn­ministers von Budde noch nicht bekannt, daß er nicht daran denke, die Ferienzugs- und sonstigen Spezialvergünstigungen abzuschaffen. So wird wohl nur die Erörterung über die Schnellzugszuschläge übrig bleiben.

England.

** Wie erinnerlich, ist zur Untersuchung der ungehener­lichen Unregelmäßigkeiten in Transvaal, die nach dem Burenkriege von englischen Offizieren begangen sein sollen, eine Kommission eingesezt worden. Zu Mitgliedern dieser Kommission sind ernannt: Richter Farwell, Sir George Goldie, Sir George White, Sir Francis Mowatt und Sa­nnuel Morley.

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Skandinavien.

* Im Anschluß an die Trennung der schwedisch- norwegi­schen Union ist eine Maßregel der schwedischen Regierung bemerkenswert. Im Staatsrat wurde beschlossen, daß die wehrpflichtigen Matrosen, welche in diesen Tagen abgemustert werden sollten, bis auf weiteres im Dienst verbleiben sollen.

Griechenland.

** Das neue Ministerium hat sich jetzt in folgender Zu sammenfegung gebildet. Ralli Präsidium, Finanzen und interimistisch Auswärtiges, Mavro- Michalos Krieg und in­terimistisch Inneres, Budoris Marine, Christopulos Justiz Kalliphornos Unterricht und Kultus. Die neuen Minister haben den Eid bereits geleistet.

Amerika

** Gegen die chinesische Einwanderung in die Vereinigten Staaten von Nordamerika wird seit längerer Zeit eine leb­hafte Agitation betrieben. Die Chinesen beklagen sich über die ihnen bei der Einwanderung zuteil werdende Behand= lung und drohen, die amerikanischen Waren zu boykottieren, wenn nicht Abhilfe geschaffen werde. Präsident Roosevelt hat daher die Behörden unter Androhung sofortiger Ent­lassung angewiesen, chinesische Kaufleute und Reisende eben­so höflich zu behandeln, wie Angehörige anderer Nationen. Man ist der Ansicht, daß das Vorgehen der Regierung die Schwierigkeiten im Handelsverkehr zwischen Amerika und China beseitigen werde.

Soziales Leben.

[] Einschränkung der Wanderbettelei. In Preußen ist man mit Vorarbeiten beschäftigt, die energische Maßnahmen gegen die Bettelei der Wanderburschen in die Wege leiten sollen. Besonders gilt es, eine Neuregelung der Verpfle gungsstationen herbeizuführen, so daß in Zukunft die Wohl­taten dieser Anstalten weniger den Arbeitsscheuen, als den Arbeitswilligen zu gute kommen. Die Scheidung beider Kategorien soll durch strenge Wanderbedingungen erleichtert werden. Das Netz der Station soll so festgelegt werden, daß es wenige große Wanderstraßen gibt, mittelst deren die Hauptarbeitsplätze verbunden werden. Auf diesen Straßen dürfen sich mittellose Wanderburschen nicht bewegen. Damit erlangen dann die Arbeitswilligen den Vorteil, daß sie eher Gelegenheit finden, in Arbeit zu kommen, und auch die Hand­werksmeister laufen weniger Gefahr, von zweifelhaften Ele­menten geschädigt zu werden.

[] 150 000 Mark zur Unterstützung von Arbeitern und Angestellten. Aus dem Nachlasse des unlängst in Chemnitz verstorbenen Großindustriellen Kommerzienrats Hermann Haubold errichteten dessen Hinterbliebenen eine Stiftung in Höhe von 150 000 Mark, deren Zinsen zur Unterstützung von Beamten und Arbeitern der Firma Firma C. G. Hau­bold verwendet werden sollen.