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Nr. 73.

Bufertionspreis: Die einspaltige Betttzelle für ganz Ober­Beffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Bfg. Reklamen ble Petitzelle 30 resp. 40 Bfg.

Redaktion u. Sauptexpedition: teßen, Selters weg 83. Fernsprechanschluk Nr. 862.

Montag, den 27. März 1905.

Gießener

14. Jahrgang

Abonnementspreis: abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Poft bezogen vierteljährl. Mr. 1.50. Gratisbeilagen: Oberheffische Familienzeitung( täglich) und die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Nenelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Beifung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetzlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberheffen.

Der einjährigfreiwillige Militärdienst.

Im Reichstag ist die Anregung gegeben worden, die zwei­jährige Dienstzeit allgemein einzuführen, unter Ausschaltung jeder Ausnahme. Nicht bloß die Ausnahme der dreijährigen Dienstzeit bei der Kavallerie sollte abgeschafft werden, son­dern auch die Ausnahme des Einjährig freiwilligendienstes für die gebildete Jugend.

Einstweilen hat diese Anregung keine Aussicht auf Ver­wirklichung. Weder will die Kriegsverwaltung auf den drei­jährigen Dienst bei der Reiterei verzichten, noch denken die bürgerlichen Parteien daran, das Institut der Einjährig­freiwilligen aufzuheben. Die Feindschaft gegen dieses In­stitut ist bei uns noch sehr jungen Datums. Sie ist aus dem Besten importiert, aus Frankreich, wo die Sozialdemokratie im Verein wenigstens mit einem Teil der Demokratie gegen das ,, Privilegium" des Einjährig freiwilligendienstes wettert. Wenn man etwas als Privilegium bezeichnet, so ist es in mancher Leute Augen von vornherein verurteilt, sogar wenn es sich um ein Bildungsprivilegium handelt, sogar wenn das angebliche Privilegium gar kein Privilegium, sondern eine boll aufgewogene Gegenleistung ist. Schon der Name Privi­legiium ist ein Verbrechen, stellt eine unsühnbare Rechtsver­letning dar.

Shakespeare läßt in seinem Julius Cäsar" den Dichter Cimna einer Menge wütenden Volkes begegnen, die ihren Born an den Verschworenen auslassen will. Die Menge fragt den Dichter nach seinem Namen und bedroht ihn mit dem Love, da sie ihn für den Verschworenen Cinna hält. Dieser macht auf die Verwechselung aufmerksam und schreit: Ich bin nicht Cinna der Verschworene, ich bin Cinna der Poet!" Darauf einer aus der Menge: Es tut nichts: sein Name ist Cimma; reißt ihm den Namen aus dem Herzen und laßt ihn lau fen!" Genau so geht's mit dem Privilegium" des Einjährigeninstituts. Man muß ihm den Namen aus dem Herzen reißen, damit die wütenden Privilegiemhasser es laufen lassen.

Was in den Augen dieser prinzipiellen Privilegienfeinde das: Einjährigeninstitut noch einigermaßen entschuldigt, ist der Umstand, daß die Berufssoldaten ihm nicht sonderlich wohlgesinnt sind. Der Berufssoldat liebt die Einjährigen tur seine Bekanntschaft nicht besonders, die ihm viel Arbeit machen soll doch der De bon ihm!" Einjährige in der halben Zeit ausgebildet werden und manchmal durchaus nicht doppelt so anstellig sind, wie die anderen.

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Man kann ein Gegner der Privilegien sein, ohne doch für Gleichmacherei zu schwärmen. Die Gleichmacherei ist wider die Natur, die Unterschiede geschaffen hat und zu schaffen fort fährt. Die Gleichmacherei hat nichts mit der Rechts­gleichheit gemein, leugnet sie vielmehr, ignoriert sie zum mindesten in der Praxis. Rechtsgleichheit verlangt, daß das besondere Recht durch eine besondere Pflicht aufgewogen

werde.

Wer einen das Durchschnittsmaß übersteigenden Bil­dungsgrad gewinnt, kann das nur unter Opfern an Zeit und Geld tun, und das Ergebnis dieses Opfers kommt dem gemeinen Wesen mit zugute, as unter dem Mangel an Ge­bildeten empfindlich leiden würde. Wer dem gemeinen Wesen solches Opfer gebracht, der hat einen Billigkeits­anspruch darauf, daß ihm ein Teil an anderen Opfern nach­gesehen werde.

Als das Institut der Einjährigfreiwilligen geschaffen wurde, hat man durchaus nicht im Sinne gehabt, ein Privi­legium zu gewähren, d. h. einen Vorzug ohne Gegenleistung. Die Gegenleistung bestand abgesehen von der Pflicht der eigenen Kostenbestreitung, von dem Verzicht auf Löhnung, Kleidung, Wohnung und Unterhalt in der Erwerbung der höheren Bildung, die der Staat für seine Zwecke nötig hatte, für den Beamtennachwuchs, für die Ergänzung des Offizier­forps im Kriegsfall. Dieses Verhältnis besteht noch heute fort und erscheint dadurch nicht beseitigt, daß hier und da ein Einjährig freiwilliger durch Unanstelligkeit dem Rekruten­Unteroffizier und dem Rekrutenleutnant zur Plage wird.

Das Institut der Einjährigfreiwilligen ist von allen Staaten mit der allgemeinen Wehrpflicht nach dem preußisch­deutschen Muster übernommen worden. Daß die französi­schen Gleichmacher es abschaffen wollen, ist nicht entfernt ein Grund dafür, daß auch wir es abschaffen. Es wäre wohl das erste Mal, daß wir in einer großen Organisationsfrage militärischer Art fremde Beispiele nachahmten. Die Folgen könnten recht bedenklich werden.

Glücklicherweise ist das Institut der Einjährigfreiwilligen bei uns nicht ernstlich gefährdet, weder durch die etwaigen berechtigten, noch durch die unberechtigten Ausstellungen. Das Recht des einjährig freiwilligen Dienstes, jedem zu­gängig, der die Vorbedingungen erfüllt, muß teuer erworben werden durch Gegenleistungen an Zeit, Arbeit und Geld; es ist deshalb kein Privilegium. Die Einrichtung ist nicht ab­solut einwandfrei so wenig wie irgend eine andere aber sie hat sich gut bewährt, und nichts steht der Erwartung entgegen, daß sie sich auch ferner gut bewähren wird.

Der Krieg in Oftafien.

Die Kriegsberichterstatter deuten auf neue Operationen hin, die von japanischer Seite geplant werden. Tatsächlich stehen japanische Truppen zu beiden Seiten der russischen Stellungen, und Marschall Oyama bereitet

weit ausholende Umgehungsversuche

bor. Es handelt sich vor allem um die Eisenbahnlinien, deren Schutz eine Lebensfrage für die russische Armee bildet. Den Japanern muß alles daran gelegen sein, einerseits die russische Mandschurei- Armee von Charbin abzuschneiden, und andererseits die Verbindung zwischen Charbin und Wla­diwostok zu unterbrechen.

Offenbar wird die nächste Phase des Kampfes um den Besitz von Wladiwostok

gehen. Diese Erkenntnis ist auch wohl die Veranlassung da­zu gewesen, daß Admiral Roschdjestwensky seinen Kurs wie­der geändert hat und mit dem baltischen Geschwader nun doch die Fahrt nach den ostasiatischen Gewässern angetreten hat. Auch auf japanischer Seite unterschätzt man die Gefahr, die von dieser Seite droht, keineswegs. Denn wenn es Roschdjestwensky gelingt, mit dem größten Teile seiner Flotte Wladiwostok zu erreichen, werden die Japaner dort ein schweres Stück Arbeit finden. Meldungen über schwere Kämpfe auf See deuten darauf hin, daß die japanischen Geschwader dem heransegelnden Feinde den Weg verlegen wollen. Schon spricht man davon, daß

zwei russische Panzer beschädigt

seien. Der Ssiossoi Weliki" und der Navarin" sollen von japanischen Torpedos angefallen und schwer getroffen sein. Ganz unmöglich ist es nicht, daß diese Nachricht sich bewahr­heitet, denn schon vor einigen Tagen waren japanische Tor­pedoboote gesichtet, die von dem bei Singapore liegenden Geschwader entsandt waren.

Die Politik.

Die von gewisser Seite in Umlauf gesetzten Gerüchte über Bedrohungen des Schutzgebiets Kamerun haben sich als völlig unbegründet bewiesen. Amtliche Nachrichten vom 24. März sagen, daß man wohl mit der Möglichkeit eines Buli- Angriffs rechne und deshalb Kribi verstärkt habe, vor­läufig aber alles ruhig sei. Im Südosten des Schutzgebiets hat man wegen der im November vorigen Jahres erfolgten Ermordung des Kaufmanns Kundenreich um Verstärkung gebeten. Dieser Mord ist durch Bestrafung der beteiligten Eingeborenen bereits gefühnt.

Russland.

+ Aus Petersburg wird uns geschrieben: Es gibt keine Revolution und es gibt keine japanischen Siege. General Trepow behauptet es, und der Diftator von Petersburg muß es doch wissen. Wenn man nur wüßte, was er mit seiner Ableugnung des Offenkundigen sagen will! Vielleicht, daß man den Revolutionären nicht nachgeben und den Krieg fort­setzen werde, bis die Japaner nicht mehr siegen. Doch beides hängt nicht von ihm ab, und mit bloßen Worten ist es nicht zu machen. Bei allem amtlichen Säbelrasseln ist vom Frie­densschlusse mehr denn je die Rede. Frankreich soll den Vermittler machen. Auch erzählt man sich geheimnisvoll von ganz neuen Kriegsplänen: Die russische Regierung wolle Ostasien und den japanischen Krieg aufgeben, dagegen in Europa irgend eine Intrigue anstiften oder Streit beginnen, etwa im Balkan, und dort mit seinen Truppen eingreifen, um zu beweisen, daß man auch jetzt noch mit Rußland rechnen

oder Brabanter erhalten habe".

Der Eselsmüller und die Falschmünzer. die Poſt fuhr vor und er- nun er eilte nach Müuster Hülfeleistung empfangen, auch ob ich Geld in Scheinen

17)

Von Gustav Rohleder, Grünberg i. H.

Alle Rechte vorbehalten.

( Nachdruck verboten.) Entweder war dies unschuldige Gesicht Wahrheit, oder er war schon in seiner Jugend ein rafinierter Spizbube. Nein, er fonnte das letztere nicht glauben. Aber sofort bollte er bei seinem vorgesetzten Kreisrichter die Mel­bung machen, bet Meister Schlierbach in Münster und beit dem Eselsmüller Schritte zur Entdeckung der Falsch­münzer vorzunehmen.

18.

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Er hat mich mit einem Ge­smädden fanit neber nach seinem Landhause ..Sennor

zu seiner lieben Braut.

Als Mäzel nach einigen Tagen später dort an­fam, fand er alles in Aufregung. Polizeibeamten Seine Braut mit nahmen ihn sogleich in Empfang. thren Eltern waren schon in das Untersuchungsgefängnis abgeführt. Er konnte, als man ihm dieses sagte, es nicht fassen. Was hatten denn die ihm so lieben Leute getan? Lachend sagte ihm ein Polizeimann, sie hätten die Krone von Brabant nachgemacht. Mäzel begriff dieses alles nicht. Er wurde auch verhaftet, gestand aber schon im ersten Verhör alles, was er in Bezug der Falschmünzeret wußte. Der Untersuchungsrichter erklärte sofort, daß er einen Verführten vor sich habe, welcher unbewußt gefrevelt hatte. Schlierbach dagegen und die Seinigen leugneten, trotz der gefundenen Be­wetse. Ste blieben in Haft, bis die Behörde die weit berzweigte Bande gefunden haben würde. Daß der Eselsmüller die Seele der ganzen Bande set, wurde all­gemein geglaubt, aber die Beweise fehlten.

Eigenbrod ging zum Kreisrichter Knoblauch, nach­dem er sich von dem jungen Mägel verabschiedet hatte. Ersterem erzählte er feine Entdeckung und auch seine Mutmaßungen. Mägel fuhr mit seiner Mutter und Kameraden bis Sassenburg. Dort gab es ein Auf­sehen, als der junge, stolze Herr erschien. Dewes, sein alter Meister, fam aus den Bücklingen nicht heraus, besonders als er sah, daß sein ehemaliger dummer Junge" jedem seiner zehn Kinder einen Brabanter henkte. Jetzt sah er ihn an als einen halben Herrgott, demn die Not war groß bei ihm. Früher als Mägel jeim Lehrjunge war, ging es schlecht, jezt aber noch biel elender. Die Kinder wollten essen, aber woher nehmen? Manchmal dachte er daran nach Amerika zu gehen, dort sollte es viel besser sein. Aber das Reise­geld. Nun Mägel hatte den zehn Kindern zehn Bra­bamter geschenkt. Gott sei Dank, jetzt fonnten fie fich ein halbes Jahr dafür satt essen. Als aber Mäzel tým unid seiner Frau jedem noch fünf Stücke gab, da um­armte er denselben und fing an zu weinen vor Freude. Dann ging Mäzel mit seiner Mutter in Sassenburgs größtes Gasthaus Zum Böttcher". Hier wollte er zeigen, daß er es könne. Seine Mutter entließ er nach derm Effen reich beschenkt. Es tat ihm leid, den Esels­müller nicht besuchen zu können, doch es ging nicht,

Der Eselsmüller hatte seit mehreren Tagen den Pfarrer nicht mehr gesehen. Er saß eines abends allein in seiner Mahlstube, als ein leises Pochen an der Türe ihm die Ankunft eines nächtlichen Besuches meldete. Er öffnete und vor ihm stand der ehemalige Weiden­dieb Balzer aus Saffenburg. Was bringt Ihr noch so spät?" frug der Eselsmüller." Nichts gutes", er­widerte Balzer. Der Pfarrer von R... hausen, Guer Freund, ist durchgegangen, man sagt, sein Onkel habe von seinem Tun Wind bekommen und deshalb im Ge­heimen ihn über Holland nach Australten geschafft. Seit zwei Tagen muß er schon auf Wasser sein."

Ist das die Neuigkeit alle?" erwiderte zitternd der Eselsmüller.

Ich konnte mit ruhigem Gewissen antworten: Nicht einen Pfennig habe ich an barem Geld vom Eselsmüller", so sprach er Eselsmüller erhalten. weiter, es droht Guch Gefahr, habt Ihr etwas gut zu machen, daß Ihr Unrecht getan habt, so machts noch schnell gut, ich warne Euch. Ihr habt an mir große Barmherzigkeit getan, als ich fast verzweifeln wollte, unser Herrgott vergelte es Euch. Könnt Ihr begangenes Unrecht nicht mehr gut machen, dann seit wenigstens gewarnt. Gute Nacht, Eselsmüller, Gott schüße Euch".

Nein", erwiederte Balzer. Heute war der alte Gendarm Eigenbrod und der junge Rothlauf von Con­dorf bei mir und frugen mich, was ich von Euch an

Halt, Balzer", rief der Eselsmüller, bis dahin war ich sprachlos, jetzt will ich reden. Balzer, Hand her, gelobt zu schweigen. Ihr seid ein armer Mann, Euch gebe ich erst reichlich für Eure Kinder, dann mag es mit mir gehen wie es will. Ich seh' es geht doch zum Ende. Aber Balzer, erst sollen die Herren vom Gericht den Eselsmüller in seinen Tücken kennen lernen. Rüsseler soll aufs neue irrsinnig geworden sein. Kernein, der alte ist tot. Der verdorbene Pfarrer, wie Ihr sagt, fort. Weishaupt durch den Schrecken beim Auffliegen seines Kohles kindisch geworden. Was soll mir das Alle die anderen Kreaturen verachte Leben noch. ich nur." Ihr, Balzer, nehmt diese kleine Kassete mit ächtem französischen Gelde für Eure Kinder mit. Verwahrt es gut. Einst bringt es Ihnen Segen, mir aber nur gut. Fluch."

Als Balzer zögerte, sprach er, nehmt es getroſt, es ist kein Falschmünzerlohn, sondern ehrlich gesammeltes Geld. Nun geht Balzer, morgen früh sende ich Euch Mehl und Geschältes. Habt Dank für Eure Warnung. Geht jetzt ruhig heim, ich will Euch nicht länger auf­halten, ich muß auch jetzt allein mit mir sein."

( Fortsetzung folgt.)